Die Ringe des Saturn. Eine englische Wallfahrt ist ein Prosawerk des deutsch-britischen Autors W. G. Sebald aus dem Jahr 1995. Thema ist eine 6-tägige Fußwanderung im August 1992 durch einen Landstrich an der Ostküste Englands, der auf verschiedene Weise mit historischen Ereignissen und biografischen Entwicklungen nicht nur in England verbunden ist. Ein Jahr nach der Reise beginnt der Ich-Erzähler, seine Notizen zu vervollständigen und die vor und nach der Reise durchgeführten Recherchen zusammenzuführen. So entsteht ein Reisebericht, der zwar auch touristische, vor allem aber historische und biografische Zusammenhänge verfolgt, die die Marschlandschaft von Suffolk mit „Kalamitäten“ der Weltgeschichte auf fast allen Kontinenten der Erde verknüpfen.
Die Ringe des Saturn verbinden das Sichtbare mit dem nahezu Unsichtbaren, mit den verdrängten, vergessenen und unter der Last der Gegenwart versunkenen Zusammenhängen. Dieses Werk zählt mit Sebalds ein ähnliches Anliegen verfolgendem Roman Austerlitz zu den HauptwerkenUwe Schütte hält die Ringe des Saturn im Vergleich mit Sebalds letztem, Aufsehen erregenden Werk Austerlitz für das gelungenere Werk. (Schütte, Das falsche Buch) des 2001 verstorbenen Autors. In ihnen seien die literarische Figur der Reise und die mit ihr verbundenen Nachforschungen das „generative Prinzip“ geworden.So Susan Sontag über die Werke Sebalds, zitiert nach Jelena Spreicer, Der Raum der Vergangenheit, S. 109, 118.mini|Saturn und seine Ringe gegen die Sonne aufgenommen (Cassini, 2006). Titel mini|Francisco de Goya, Saturn verschlingt einen seiner Söhne (1819–1823) Die auf den ersten Blick rätselhaften Angaben im Titel (Ringe des Saturn...Wallfahrt) lassen sich durch mehrere Texthinweise deuten. Zunächst erläutert ein vorangestelltes Brockhaus-Zitat die astronomischen Ringe des Saturn als Bruchstücke eines früheren und inzwischen zerstörten Mondes, wie auch kleinere Sternbilder im Laufe der Zeit von anderen weitgehend absorbiert worden seien – das Phänomen der Ringe ist als Nachricht einer vollendeten Katastrophe zu lesen. An anderer Stelle assoziiert der Erzähler eines Abends zu den über den Horizont vordringenden Nachtschatten „einen endlosen Kirchhof für eine fallsüchtige Menschheit“, hingestreckt „von der Sense Saturns“, dem Menschen verschlingenden römischen Gott des Ackerbaus, der für den Erzähler den zum Monstrum mutierten Menschen, einen Protagonisten der permanenten Zerstörung, personifiziert. Durch Flucht, eine der „Grundbewegungen des menschlichen Lebens“, sei diesem Monster nur zeitweilig zu entkommen, das mit seinen vielgestaltigen Formen das Zerstörungswerk wie auf einer vorgezeichneten Schicksalsbahn fortsetzt. mini|Vierberge-Lauf in Kärnten, Österreich Wallfahrten bieten dem Pilger in der Regel keine Überraschung des Ziels, sondern eine Festigung seines Glaubens. Der Überzeugung des Erzählers nach ist „die ganze Menschheitszivilisation“ ein „von Stunde zu Stunde intensiver werdende(s) Glosen“, das sich immer wieder in Katastrophen entlädt. Diese Weltsicht bestätigt der Erzähler durch seine Reisebeobachtungen und die Darstellung der mit Suffolk verbundenen Leidenslinien – er findet, was er sucht.Sebald beschreibt die Ruinen von Dunwich als „eine Art Wallfahrtsort für schwermütige Schriftsteller.“ Ihre Weltsicht sei Grund der Reise und die Reise bestätige dann ihre Weltanschauung - Sebald verwendet die Metapher der ´Wallfahrt´ demnach als Echo-Struktur. (Die Ringe des Saturn, 1995, S. 200) Thomas Neuner, Der Leser als Wanderer, beschreibt dieses hermetische Konzept der Erkenntnis: „Alle Reiseerlebnisse des Erzählers entspringen letztendlich seiner Lektüreerfahrung und münden zwangsläufig wieder in dieselbe. So entsteht ein Zirkelschluss ad infinitum.“ Die Metapher der Wallfahrt bezeichnet, vielleicht mit einer Spur Selbstironie,Andrea Köhler, W. G. Sebalds Gesichter, S. 16; Uwe Schütte, Ein Lehrer. In memoriam W. G. Sebald, S. 60 dieses Konzept einer self-fulfilling prophecy.
Themen Wie von einem Reisebericht zu erwarten, werden die Landschaft, Städte und Dörfer, Herrenhäuser und ihre Gartenanlagen beschrieben. Aber der Erzähler verlässt das Schema eines Reiseberichts und durch diesen Wechsel des Schwerpunkts offenbart er sein eigentliches narratives Ziel:Der Reisebericht als Schema oder „Superstruktur“ lässt bestimmte Elemente erwarten, die der Erzähler schließlich nur noch als Ergänzung liefert. Mit der Verschiebung des Fokus verlässt er das übergeordnete Schema eines Reiseberichts. Vergleiche hierzu etwa van Dijk, Textwissenschaft. Ein schon größerer Raum als der Wanderung wird Themen wie dem Heringsfang in der Nordsee oder der Geschichte der Seidenproduktion in China, Frankreich und Deutschland gegeben. Und noch weit darüber hinausgehend werden auch Träume und Halluzinationen sowie Familienschicksale und Einzelbiografien beschrieben – die beiden letzten Themen sogar auf zusammen mehr als einem Drittel des Textes. Biografisch vertieft werden so z. B. die Lebensgeschichten von Thomas Browne, dem 1682 in Norwich verstorbenen Arzt und Philosophen, und die des 1916 hingerichteten Diplomaten und irischen Freiheitskämpfers Roger Casement. Diese Ausführungen werden ergänzt durch biografische Skizzen der Schriftsteller Michael Hamburger, Joseph Conrad, Algernon Swinburne, Edward Fitz-Gerald und François-René de Chateaubriand. Michael Hamburger schrieb seinem Freund Sebald, er habe „eine sehr befriedigenden Form der essayistischen Semi Fiction gefunden, die sowohl der Beobachtung als auch der Fantasie Raum gibt. (…) die schönste Zusammenfassung von Max´ [Sebalds Rufname unter Freunden] Methode, die je jemandem gelang, ihn selbst eingeschlossen.“Carole Angier: W. G. Sebald. Nach der Stille. Biografie, S. 437 f.
links|mini|Küstenlandschaft: Heide von Dunwich Der große Umfang der nicht- bzw. anti-touristischen AusführungenJelena Spreicer, Der Raum der Vergangenheit, S. 114 reduziert die Wanderung des Ich-Erzählers zu einem Anlass oder einer bloßen Anregung,Jelena Spreicer, Der Raum der Vergangenheit, S. 110. Ebenso Martin Siefkes, Die Landschaft der Zeichen, S. 58. Für Dirk Knipphals sind die Teile der Ringe des Saturn sogar so wenig miteinander verbunden wie eine "Essaysammlung". diesen im ostenglischen Suffolk sich kreuzenden Verbindungen nach Polen und Russland, in den Kongo und nach China, nach Süd- und Nordamerika, nach Indien, Irland, Griechenland und in den Balkan nachzugehen. Die Einbettung der Landschaftsbeschreibung in den Raum der Erinnerung und Imagination unterstreicht den fiktiven Charakter dieses Reiseberichts;Jelena Spreicer, Der Raum der Vergangenheit, S. 110. Thomas Neuner, Der Leser als Wanderer, spricht von einem "fiktiven Reisebericht". der Ich-Erzähler selbst erwähnt, Orte seiner Wanderung schon mehrfach aufgesucht zu haben, sodass die Wegepunkte der Wanderung aus vorhergehenden Besuchen hier auch passend eingefügt worden sein könnten. mini|Labyrinth in Glendurgan bei Falmouth, Cornwall Die Erzählung bewältigt die Fülle der Orte und Ereignisse durch eine strenge Ökonomie der Ausführlichkeit, die die zehn Teile in einem ungefähren Gleichgewicht hält, eine in die Tiefe konstruierte, mehrstufige Verschachtelung der Haupt- und Nebenthemen und einen oft hochgradig komplexen Satzbau. Der Weg des Lesers von den äußeren zu den inneren Bausteinen entlang der mäandernden Erzählung wird damit zur allegorischen Praxis einer privaten Archäologie, die Darstellung der Wanderung als Überwindung von Sackgassen und als ein schrittweises EntdeckenThomas Neuner, Der Leser als Wanderer: „Die Schrift ist der Weg der Reise, sie ahmt die Wahrnehmung des Pilgers im Spannungsfeld von Zufall und Plan nach.“ Und: Es existiert „ein Korrespondenzverhältnis zwischen labyrinthischer Wanderung und labyrinthischem Text.“ zur Mimesis der Forschung. Diese wird in jenen Momenten auch bildhaft verdichtet, in denen der Ich-Erzähler stellvertretend für den Leser sich mehrfach mühsam aus Labyrinthen befreit, diesen das Leben durchdringenden Institutionen zur Verwirrung aller Erkenntnis.Sebald, Die Ringe des Saturn, 1995, S. 51 f., 216 f. Thomas Neuner, Der Leser als Wanderer, überschreibt einen Abschnitt „Das Labyrinth der Welt.“ Siehe auch Martin Siefkes, Die Landschaft der Zeichen, S. 72 ff. sowie Jelena Spreicer, Der Raum der Vergangenheit, S. 115 f.
Textur der Motive Der erste und der letzte der zehn Abschnitte geben den Grundton der Erzählung wieder, nämlich sowohl eine vermeintliche Freiheit der Bewegung während der Wanderung als auch ein Grauen über die selbst mit dieser entlegenen Gegend verbundenen Akte der Zerstörung. Den Bogen der Unheilsbekräftigung schlägt der Erzähler von der Erwähnung der Untersuchungen über Beisetzungsrituale im ersten Abschnitt bis zur Beschreibung von schwarzer Trauerkleidung aus einer Norwicher Seidenweberei auf der letzten Seite des Textes. „Sein Buch war ein Toten- und Trauerbuch, sein zentrales Thema die Trauer über den Niedergang von Natur und Geschichte.“Carole Angier: W. G. Sebald. Nach der Stille. Biografie, S. 438, 502 ff., 542 f. Angier nennt seine anhaltende Düsternis für viele Leser kaum auszuhalten: „(…) das ist alles zu viel, zu wenig abwechslungsreich, um genießbar oder gar wahr zu sein.“ (S. 542)
In der Konstruktion der negativen WeltNach Uwe Schütte, Ein Lehrer. In memoriam W. G. Sebald, S. 62, war Sebalds Weltsicht geprägt von einem „negativen Gradienten“. Patrick Bahners sieht eine „negative Geschichtstheologie“ und Thomas Neuner, Der Leser als Wanderer, eine „negative Eschatologie“. werden die Schatten zu Leitmetaphern,Sebald. Die Ringe des Saturn. 1995, S. 28, 33, 98, 101 f.,126, 136, 150, 185, 189, 194, 227, 252, 275 die immer wieder ein Absinken, Verfallen, Verenden und Zerstören ankündigen: „Sicher ist nur, dass die Nacht weitaus länger währt als der Tag“, zitiert der Erzähler aus einer Schrift von Thomas Browne. Die Dunkelheit zieht sich sowohl über die mehrfach als die einzigen positiven Schöpfungen beschriebenen Gärten als auch über die Biotope der Heringe der Nordsee und der Seidenraupen, die immerhin mit der Fähigkeit zum Gestaltwandel und damit zur Neuschöpfung begabt sind, sowie der Ulmen, Eschen und Buchen, die alle ihrer Vernichtung entgegensehen.
Eine Wahlverwandtschaft nicht nur in Bezug auf seine Methoden erkennt er bei dem Arzt und Philosophen Thomas Browne aus dem 17. Jh., aber auch bei seinem Kollegen Michael Hamburger und beim früheren Dorfschullehrer Alec Garrard, der bei seinem Modellnachbau des Jerusalemer Tempels ähnliche Zweifel am Sinn und an der Machbarkeit seines Vorhabens spürt wie der Ich-Erzähler. mini|Sir Thomas Browne Die Kenntnisse der mit dem Marschland von Suffolk verbundenen Geschichten entnimmt der Erzähler zwar auch aus einem ihn auf der Wanderung begleitenden Reiseführer, im Wesentlichen aber aus dem von ihm selbst gefundenen Material und den mit Fantasie gefüllten Lücken.Sebald, Die Ringe des Saturn, 1995, S. 118, 191. Uwe Schütte, Ein Lehrer. In memoriam W. G. Sebald, S. 61, erwähnt, dass Sebald „ein passionierter Leser des Norwicher Provinzblattes (war), weil er dort immer wieder skurrile Vorkommnisse und Geschichten fand (...) Einiges davon ist in Die Ringe des Saturn eingegangen.“ 72 Abbildungen beglaubigen das Arrangement der Erzählung und ihre antiromantische, unheilsgeschichtliche Essenz; indem sie ihre Motive oft nur verschattend und verrätselnd offenbaren, wird der Leser auch hier in die Suchbewegung gestisch hineingezogen.Andrea Köhler schreibt in der NZZ: „W. G. Sebalds Bücher sind Suchbilder.“ So auch Martin Siefkes, Die Landschaft der Zeichen, S. 58 und 74.