mini|hochkant=1.66|Augustiner-Eremiten-Kloster und Annenkirche 2020 Die Kirche St. Annen ist die alte Bergmannskirche der Neustadt Eisleben und befindet sich auf einer Anhöhe der Lutherstadt Eisleben im Landkreis Mansfeld-Südharz. Kurz nach ihrer Gründung im Jahr 1513 wurde die Annenkirche die erste evangelische Pfarrkirche im Mansfelder Land. Seit 2019 gehört St. Annen mit den Kirchengemeinden ANP Eisleben, Bischofrode, Helfta und Volkstedt zum Pfarrbereich Eisleben I (KGV Lutherstadt Eisleben)., Evangelischer Kirchenkreis Eisleben-Sömmerda, abgerufen am 9. Juli 2020. Zu ihren bedeutendsten Kunstschätzen zählen der spätgotische Flügelaltar, die Sandsteinbrüstung des Chorgestühls aus der Renaissance, die als Steinbilderbibel bezeichnet wird, und die aus derselben Stilepoche stammende reich verzierte Kanzel.
Geschichte mini|Blick vom Ostchor ins Kirchenschiff mini|Kassettendecke von 1608 (Detail) Anfang des 16. Jahrhunderts erlebte der Mansfelder Bergbau eine Blütezeit. Insbesondere der „Eißlbische Berg“ war so ergiebig, dass sich Graf Albrecht IV. veranlasst sah, Bergleute aus anderen Gebieten sesshaft zu machen. Um ihnen eine Heimstatt zu geben, gründete er 1511 die Neustadt Eisleben. Seine Stadt wuchs zu einer ausgesprochenen Bergarbeiterstadt heran und hatte um 1550 schon über 300 Häuser mit ca. 1500 Einwohnern. Graf Albrecht ließ ihnen ab 1513 eine eigene Kirche erbauen. Zunächst wurde der spätgotische Ostchor mit Sakristei und so genannter Fürstenempore fertiggestellt und am 13. Januar 1516 von Albrecht von Brandenburg, Erzbischof zu Magdeburg, geweiht. Zeitgleich mit dem Bau der Kirche ließ Graf Albrecht auch das Augustinereremiten-Kloster errichten, dessen Bausubstanz bis heute erhalten geblieben ist.
Martin Luther war ab 1515 Distriktsvikar der sächsischen Reformkongregation der Augustinereremiten. Er hatte 11 Klöster im mitteldeutschen Raum zu beaufsichtigen, darunter auch das Kloster St. Annen in Eisleben, das er 1515 und 1516 besuchte. 1520 nahm er dort am Generalkonvent der Augustiner teil. Unter seinem Einfluss wurde die Annenkirche die erste evangelische Pfarrkirche in der Grafschaft Mansfeld.Luther in Eisleben, abgerufen am 20. April 2020 Von hier ging ab 1518 unter Caspar GüttelCyriakus Spangenberg (Hrsg. Rudolf Leers): Mansfeldische Chronica. Vierter Teil, in: Mansfelder Blätter (31/32), Eisleben 1918, S. 345–348. die Reformation in Eisleben aus. Der Klosterbetrieb selbst wurde im Zuge der Reformation 1522/23 wieder aufgelöst. Sie hatte das Kloster überflüssig gemacht und 1523 verließen die meisten Mönche das erst 1515 gestiftete Kloster. Das Kirchengebäude blieb fast 70 Jahre unvollendet.
Durch den Einfluss der Gräfin Margareta von Mansfeld-Hinterort (1534–1596) wurde an der Kirche in den Jahren von 1585 bis 1608 weitergebaut. An den spätgotischen Chor wurde ein Langhaus mit Flachdecke im Stil der Nachgotik angebaut. 1586 erhielt der Ostchor ein Netzgewölbe, am 20. November fand eine vorläufige Weihe der Kirche statt. Bis 1588 wurde der Westchor errichtet. Im Jahr 1590 war der Nordturm fertig, bekrönt mit einer achteckigen Renaissancehaube. Gräfin Margareta erwarb sich neben den Verdiensten der Fertigstellung der Annenkirche auch hohe Anerkennung bei der Gestaltung der Neustadt. Der Bau einer Schule und des Neustädter Rathauses gehen auf ihre Initiative zurück.
Eine umfangreiche historisierende Instandsetzung der Kirche fand zwischen 1846 und 1856 statt. Sie wollte den gotischen Charakter der Kirche betonen. Der Westgiebel des Langhauses wurde neugotisch verändert. Im Innern wurden die Renaissanceemporen auf der Nord- und Südseite des Langhauses entfernt und im Westen eine neugotische Empore angebracht. Im Jahr 1852 wurde die Renaissancehaube des Turmes durch eine neogotische Turmspitze ersetzt. 1888 gab man den spätgotischen Flügelaltar an ein Museum ab. Ende des 19. Jahrhunderts geriet die Standfestigkeit der Kirche durch Auslaugungen im Untergrund in Gefahr. Um 1893 kam es zu vielen Gebäudeschäden durch Erdsenkungen. In der Nacht zum 13. November registrierte man in Eisleben vier kurz aufeinander folgende Erdstöße, welche erhebliche Sachschäden unter anderem am Neustädter Rathaus verursachten. Auch an der Annenkirche wurden Risse in Chorraum und Kirchenschiff sichtbar. Die Senkungserscheinungen und Gebäudeschäden nahmen weiter zu. 1895 drohte die Sperrung, bis 1902 Maßnahmen zur Behebung der Schäden eingeleitet wurden.Geschichte, abgerufen am 20. April 2020
Bei umfangreichen Sanierungen in den Jahren von 1906 bis 1910 wurden nicht nur die Bauschäden beseitigt, sondern auch die Elemente der Renaissance wieder in den Vordergrund gestellt. Kanzel und Kruzifix wurden restauriert. Die Kassettendecke wurde 1909 erneuert, die Ostchorfenster wurden nach einem Entwurf von Max Kutschmann farbig neu verglast, nachdem die sechs Frührenaissance-Glasfenster von 1514 restauriert und in zwei Fenster der südlichen Langhauswand eingesetzt worden waren. Das Fenster des Stadt- und Kirchengründers Albrecht IV. hatte seinen Platz ursprünglich über dem Altar. 1920 holte man den Flügelaltar in die Kirche zurück.
Weitere Instandsetzungen gab es in den Jahren 1953, 1957, 1966, 1972–1977 und 1982. Zwischen 1988 und 1998 wurde die Kassettendecke restauriert, 1996–2000 der Nordturm. Weitere Sicherungsmaßnahmen fanden zwischen 2002 und 2013 statt. In den Jahren 2005 und 2009 wurden die Baumaßnahmen von St. Annen von der Stiftung KiBa gefördert., St. Annen bei Stiftung KiBa, abgerufen am 25. Juli 2020. Im Jahr 2009 wurde die Dachsanierung abgeschlossen., Evangelischer Kirchenkreis Eisleben-Sömmerda, abgerufen am 9. Juli 2020.Irene Roch-Lemmer: Lutherstadt Eisleben St. Annen., S. 2–8.Irene Roch-Lemmer, Hauke Meinhold: Die Steinbilderbibel der St. Annenkirche zu Eisleben., S. 13.
Architektur mini|Der Westchor St. Annen ist eine Saalkirche mit einem Ost- und einem Westchor und einem fünfgeschossigen Turm mit spitzbogigen Maßwerkfenstern, der an die Nordwand des Langhauses an der Grenze zum Chor angebaut ist. Der eingezogene zweiachsige Ostchor ist dreiseitig, der kleinere Westchor polygonal geschlossen. Beide Chöre, wie auch das Langhaus, werden von Strebepfeilern gestützt und besitzen dreiteilige Maßwerkfenster. An der Südwand des Ostchores ist ein zweigeschossiger Bau errichtet, der im Erdgeschoss die kreuzrippengewölbte Sakristei beherbergt und im Obergeschoss die mit einem Netzgewölbe versehene Fürstenempore. Letztere wird von Süden durch ein großes vierteiliges Maßwerkfenster belichtet, das mit Glasmalereien von Rudolf und Otto Linnemann aus dem Jahr 1909 geschmückt ist. Dargestellt sind Martin Luther und Martin Rinckart als Kirchenlieddichter. Vom Chor ist die Empore mit einer Brüstung aus spätgotischen Maßwerkfeldern abgegrenzt.Irene Roch-Lemmer: Lutherstadt Eisleben St. Annen., S. 12. Der Turm reicht etwas ins Langhaus hinein und ist mit ihm durch einen breiten Spitzbogen verbunden. Das kreuzgratgewölbte Erdgeschoss dient als Grablege der Grafen von Mansfeld. Neben dem Turm ist an die Langhausnordwand eine Eingangshalle angebaut, durch die die Kirche betreten werden kann. Ihm gegenüber schließt an die Südwand das Gebäude des Augustinerklosters St. Anna an, durch das der Zugang zur Fürstenempore möglich ist. Die Kirche ist seit der Mitte des 19. Jahrhunderts mit einem flachen Satteldach gedeckt, das an den beiden Chorschlüssen durch kleine Pyramidendächer ergänzt wird.Irene Roch-Lemmer: Lutherstadt Eisleben St. Annen., S. 8/9.
Ausstattung Die Kirchenausstattung enthält Elemente der Spätgotik, Nachgotik und der Renaissance.
Ostchor mini|Ostchor mit Steinbilderbibel Während der Chorraum in seiner äußeren Gestalt noch zur Gotik gehört, zeigt sein Netzgewölbe bereits in eindrucksvoller Weise den stilistischen Übergang von der Spätgotik zur Renaissance. Der Chor ist vom Langhaus durch einen spitzbogigen Triumphbogen getrennt. In der Mittelachse des Chores steht in Triumphbogennähe das sechseckige hölzerne Taufbecken von 1622, das auf Statuen der Apostel Petrus, Johannes und Jakobus ruht, und mit Schriftkartuschen und Ornamenten verziert ist.
An der Chornordwand ist neben dem Triumphbogen ein Obelisk von 1606 aufgestellt, der mit Vollwappenreliefs geschmückt ist, die den Stammbaum der Grafen von Mansfeld-Hinterort aus der Zeit von 1229 bis 1567 darstellen. Seine Fortsetzung findet der Stammbaum in einem Fries mit 32 Wappenschilden, der sich unterhalb des Gewölbeansatzes auf Renaissancegesimsen um den Chor herumzieht und von den sechs Fenstern in ebenso viele Abschnitte unterteilt wird. Unter jedem Friesabschnitt hängt ein großer runder Totenschild für einen Mansfelder Grafen, der im 16. oder 17. Jahrhundert in der Kirche bestattet wurde.Irene Roch-Lemmer: Lutherstadt Eisleben St. Annen., S. 18.
Chorgestühl
Einzigartig in Mitteldeutschland ist die mit Reliefs versehene Sandsteinbrüstung des Chorgestühls, die sogenannte Steinbilderbibel, die 1585 vom Bildhauer Hans Thon Uttendrup aus Münster im Auftrag von Gräfin Margareta von Mansfeld-Hinterort geschaffen wurde. Sie besteht aus drei Blöcken mit je fünf Feldern, drei Blöcken mit je vier und einem Block mit zwei Feldern. Von diesen 29 Relieffeldern zeigen 23 Motive aus dem Alten Testament. Stilistische Unterschiede lassen vermuten, dass die restlichen 6 Reliefs nicht von Uttendrup gefertigt wurden.
Die hochrechteckigen, ursprünglich farbig gefassten Reliefs sind 50 × 95 cm groß. Unterhalb von ihnen wurden Rollwerkkartuschen mit aufgemalten lateinischen Inschriften bei den 23 Motiven aus dem Alten Testament, und eingemeißelten deutschen Inschriften bei den übrigen 6 Motiven angebracht. Die farbige Fassung der Bildwerke und die gemalten Inschriften, die Interpretationen der dargestellten Bibelstellen enthielten, wurden bei der Instandsetzung der Kirche zwischen 1846 und 1856 abgelaugt. Die originale Rückwand des Chorgestühls wurde 1910 durch eine neue ersetzt.
Die Reihenfolge der Darstellungen beginnt vorne an der Chornordwand mit dem Block mit zwei Feldern und verläuft im Uhrzeigersinn bis zum Sakristeieingang an der Südwand. Das erste Relief zeigt den mit dem Tod konfrontierten Menschen (Adam), das zweite die Auferstehung Christi. Die letzten vier an der Südwand sind den vier Evangelisten gewidmet, die mit ihren Symbolen abgebildet sind. Zwischen diesen Blöcken sind alttestamentliche Szenen eingefügt, die alle einen typologischen Bezug zu Christus haben.Irene Roch-Lemmer, Hauke Meinhold: Die Steinbilderbibel der St. Annenkirche zu Eisleben., S. 11. Als Vorlage für sie benutzte Uttendrup Holzschnitte aus dem Buch von Virgil Solis: Biblische Figuren deß Alten Testaments / gantz künstlich gerissen. Franckfurt am Mayn 1562., Holzschnitte von Virgil Solis, abgerufen am 9. Juli 2020.Irene Roch-Lemmer, Hauke Meinhold: Die Steinbilderbibel der St. Annenkirche zu Eisleben., S. 10.