mini|Der Biedenköpfer Ortsteil Ludwigshütte im Jahr 2015 Die Ludwigshütte bei Biedenkopf war eine der bedeutendsten Eisenhütten in der nordwestlichen Lahn-Dill-Region und lag bei nach ihr benannten Industriesiedlung Ludwigshütte in der mittelhessischen Stadt Biedenkopf.Eine kurze Darstellung zur wechselvollen Betriebsgeschichte der Ludwigshütte findet sich bei Langebrink 2004 und Ferger 2018, S. 109–117. Ihr Ursprung reicht bis in die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts zurück. In den einschlägigen Akten des 16. bis 18. Jahrhunderts firmierte sie unter der Bezeichnung Hütte zu Biedenkopf. Ihren späteren Namen „Ludwigshütte“ erhielt sie erst in den 1770er JahrenSchache 1938, S. 241. und spätestens seit den Briefwechseln von Philipp Engel Klippstein „Geschichte und Beschreibung der Ludwigshütte und der dazu gehörigen Stabhämmer“ von 1781 hat sich der Name „Ludwigshütte“ eingebürgert.Klippstein 1781.

Die Ursprünge der Ludwigshütte bei Biedenkopf Die Gründung der Ludwigshütte bei Biedenkopf lässt sich quellenmäßig nicht genau datieren, da eine Verleihungsurkunde und andere zeitgenössische Aktenstücke nicht mehr vorhanden sind. Die erste schriftliche Erwähnung liegt vom 14. Dezember 1569 vor, als die fürstliche Kanzlei des Landgrafschaft Hessen-Marburg die Betreiber der Waldschmiede zu Biedenkopf aufforderte, die bereits seit einem Jahr abgelaufene Konzession für die Hütte zu erneuern. Die zwischen den Betreibern und der Kanzlei geführten Schriftwechsel lassen erkennen, dass die Verleihung der Hütte schon 1562 bestätigt wurde und diese Verlängerung schon mehrfach geschehen war.Schache 1938, S. 239. Die Bergrechnungen für das Amt Dillenburg weisen Eisensteinlieferungen u. a. auch für das Hüttenwerk in Biedenkopf für die Jahre 1547 bis 1552 aus, sodass die Biedenkopfer Hütte bereits 1547 bestanden haben muss.Beck 1895, S. 738.

Die Hütte bei Biedenkopf ging 1588 in den Besitz des Landgrafen Ludwig IV. zu Hessen-Marburg (1537–1604) über, nach seinem Tod 1604 kurzfristig an den Landgrafen Moritz von Hessen-Kassel (1572–1632) und anschließend bis 1866 an die Landgrafen von Hessen-Darmstadt. Die wechselvolle Betriebsgeschichte der Hütte entweder als landesherrschaftlicher oder aber als verpachteter Betrieb bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts hat G. Schache im zweiten Band der Geschichte der Buderus’schen Eisenwerke quellenmäßig ausführlich dargelegt.Schache 1938, S. 239–274. Siehe hierzu auch Reinhardt 1999, S. 124–128. Die Darstellung von Klippstein zur Ludwigshütte von 1781 liefert einen detaillierten Überblick mit historischen Rückblicken zum damaligen Stand der Ludwigshütte.Klippstein 1782.

Eisensteinfahrten

Zur Aufrechterhaltung des Hüttenbetriebes mussten Einwohner, auch aus entferntliegenden Ortschaften, Eisensteine mit Kuh- und Ochsenfuhrwerken zur Hütte fahren. Als die Hüttner-Hütte (Wommelshausen-Hütte) Anfang des 17. Jahrhunderts geschlossen wurde, mussten die Einwohner von Bottenhorn ab 1668 Erz zur Ludwigshütte bei Biedenkopf bringen. Eine Aufstellung aus dieser Zeit belegt, welche Gemeinde wie viel Eisenerz zur Ludwigshütte zu fahren hatte: Bottenhorn 126 Maß, Günterod 102 Maß, Endbach 100 Maß, Hartenrod 91 Maß, Schlierbach 45 Maß und Wommelshausen 85 Maß.Karl Huth: Die Gemeinde Bad Endbach und ihre 8 Ortsteile im Wandel der Jahrhunderte. Hrsg. Gemeindevorstand der Gemeinde Bad Endbach, Wetzlar 1985, S. 303. Eine Eisensteinfahrt (Hin- und Rückweg, gerechnet ab Bad Endbach) mit einem hölzernen Kastenwagen dauerte länger als einen Tag und eine Nacht. Die Zugtiere, Ochsen und Fahrkühe mussten unterwegs gefüttert, getränkt und es musste Zeit für Ausruhen, Wiederkäuen und Nachtruhe eingeräumt werden. Bereits 1660 wurde Eisenstein aus Wommelshausen zur Bieberhütte bei Rodheim-Bieber gefahren.Ph. E. Klippstein: Mineralogische Briefe. Gießen 1781, S. 57.

Die Ludwigshütte entwickelte sich im 18. Jahrhundert mit ihren beiden angegliederten Stabhämmern zu Ludwigshütte und Hatzfeld zu einer der größten Hüttenwerke in der Lahn-Dill-Region. Sie produzierte am Ende des 18. Jahrhunderts zeitweise mehr Roheisen, als auf ihren beiden Hämmern verarbeitet werden konnte. Das überschüssige Roheisen wurde ins Wittgensteinische und ins Kölnische verkauft.Schache 1938, S. 252. Im Jahre 1789 erweiterte die hessen-darmstädtische Landesherrschaft daher mit dem Erwerb des Battenberger Auhammer die Hütte um einen dritten Hammer, um das bislang exportierte Roheisen selbst im Land zu Fertigprodukten verarbeiten zu können. Deren Verkauf erbrachte einen höheren Erlös als der des ausgeführten Roheisens.Schache 1938, S. 254.

Die Ludwigshütte im frühen 19. Jahrhundert als fiskalisches Unternehmen Die Ludwigshütte befand sich zu Anfang des 19. Jahrhunderts erneut in Verpachtung, und zwar an den Kammerherrn von Breidenstein, der das Werk um den in seinem Besitz befindlichen Breidensteiner Hammer erweiterte. Die Ludwigshütte wechselte bis in die 1830er Jahre zwischen landesherrschaftlichem Eigenbetrieb, wenn die Landesherrschaft nach Ablauf der Pachtzeit keinen neuen Interessenten finden konnte, und erneuter Verpachtung.

Die Verpachtung der fiskalischen Betriebe wurde immer schwieriger und zeitaufwendiger, da sich private Unternehmer kaum noch den restriktiven Bedingungen der Pachtverträge unterwerfen wollten, zumal diese Art der Wirtschaftsordnung noch aus einer Gedankenwelt des 18. Jahrhunderts herrührte und nicht mehr den Vorstellungen eines freien wirtschaftlichen Handelns des frühen 19. Jahrhunderts entsprach.

Die Großherzogliche Hessische Landesregierung bemühte sich daher bereits im September 1823 – gut 1¼ Jahre vor Ablauf des Pachtvertrages Ende des Jahres 1824 – mit entsprechenden Ausschreibungen um einen neuen privaten Betreiber und setzte den Termin für die öffentliche Auktion auf den 10. November 1823 fest.Frankfurter Ober=Post=Amts=Zeitung. No. 266. Dienstag, den 23. September 1823. Beilage zu No. 266 der Frankfurter Ober=Post=Amts=Zeitung. Dienstag, den 23. September 1823, (2037) Verpachtung des Großherzogl. Hessischen Hüttenwerks zur Ludwigshütte bei Biedenkopf. Die gleichen Bekanntmachungen erschienen am 27. September (Beilage zu No. 270 der Frankfurter Ober=Post=Amts=Zeitung. Dienstag, Samstag, den 27. September 1823) und am 4. Oktober 1823 (Beilage zu No. 277 der Frankfurter Ober=Post=Amts=Zeitung. Samstag, den 4. Oktober 1823). Verpachtung der Großhzl. Hess. Eisenhüttenwerks zur Ludwigshütte bey Biedenkopf, in: Allgemeiner Anzeiger der Deutschen. Der öffentlichen Unterhaltung über gemeinnützige Gegenstände aller Welt gewidmet. Zugleich Allgemeines Intelligenz=Blatt zum Behuf der Justiz, der Polizey und der bürgerlichen Gewerbe. Sechsundsechzigster Band, Jahrgang 1823, Zweyter Band, Gotha, Num. 276, Freytag den 10. October 1823, Sp. 3193–3195. Die Bekanntmachung zur Verpachtung der Hütte enthält eine genaue Auflistung der technischen Ausstattung. Allerdings fand sich kein Interessent und die Landesregierung musste die Hütte wieder in eigener Regie betreiben. Auch scheiterte ihr Vorhaben, das Hüttenwerk für 80.000 Gulden zu verkaufen, da sie befürchtete, die Hütte zukünftig mit Verlust betreiben zu müssen. Der jährliche Reinertrag der Ludwigshütte belief sich für die landesherrschaftlichen Kassen nur auf 1.644 Gulden.Verhandlungen in der zweiten Kammer der Landstände des Großherzogthums Hessen im Jahre 1823/24. 5ter Band. Ausserordentliche Beilagen. 1te bis 3te Abtheilung, Darmstadt 1824, Ausserord. Beil. XVIII, S. 11. Erst um 1830 war die Ludwigshütte erneut verpachtet.Verhandlungen der zweiten Kammer der Landstände des Großherzogthums Hessen im Jahre 1835. Protokolle. Zweiter Band. Erster Abtheilung Nr. 33–38 14 ½ Bogen, Darmstadt 1835, Protokoll 26, S. 11.

Die Ludwigshütte war zu Beginn der 1830er Jahre zu einem respektablen Hüttenwerk angewachsen. Sie verfügte über einen älteren, aber mit einem neuen doppelten Zylindergebläse ausgestatteten Hochofen, einen Stabhammer mit zwei durch ein Zylindergebläse ausgestatteten Feuern, den Hatzfelder Stabhammer mit zwei Feuern und den Auhammer mit einem mit zwei Feuern ausgestatteten Stabhammer und einem mit einem Feuer betriebenen Zainhammer. Dazu kamen zahlreiche Betriebsgebäude und Wohnhäuser für die Beschäftigten. Es waren darüber hinaus zahlreiche Eisensteinbergwerke dem Hüttenwerk angegliedert. Die Ludwigshütte produzierte rund 11.000 Zentner Roheisen im Jahr, wovon die Hütte den größeren Teil selbst zu Stabeisen verarbeitete. Ein weiterer Teil ging auf die Hämmer zu Hatzfeld, Battenberg, Breidenstein und das noch überschüssige Roheisen wurde nach auswärts verkauft.

Der Personalstand des gesamten Hüttenwerks war recht umfangreich. Deren Leiter wurde durch einen Buchhalter, vier Büroarbeiter und einem Aufseher sowie einen Faktor zu Battenberg unterstützt. Der Hochofen zählte acht Arbeiter und Tagelöhner, die Formerei umfasste zehn bis 20 Personen je nach Bedarf, die Hammerwerke zählten jeweils sechs Hammerschmiede je Hammer. Die zugehörigen Bergwerke beschäftigten etwa 80 Bergleute. Der unmittelbare Personalbestand der Ludwigshütte umfasste rund 140 Mitarbeiter. Des Weiteren arbeitete noch eine große Anzahl an Tagelöhnern, Fuhrleuten, Köhler und weitere Arbeitskräfte mittelbar für das Hüttenwerk.Allgemeines Organ für Handel und Gewerbe des In- und Auslands und damit verwandte Gegenstände, Vierter Jahrgang, 1838, Köln 1838, S. 562 (Eisenhüttenwesen).

Der Verkauf der Ludwigshütte an Krafft & Wernher 1835 Die Märzrevolution von 1830 führte mit zu einer Wende in der Wirtschaftspolitik des Großherzogtums Hessens hin zu einem freien Unternehmertum, die allerdings auch auf die gesamtwirtschaftliche und finanzielle Situation zurückzuführen war. Der autokratische Regierungsstil des Kurfürsten in Sorge um die Souveränität seines Staates führte in den zollpolitischen Auseinandersetzungen mit seinen Nachbarn zu einer völligen Überschätzung der eigenen wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit. Die zollpolitischen Abwehrmaßnahmen brachten das Großherzogtum Hessen an den Rand einer Finanzkrise, die nur durch den Beitritt zum preußisch dominierten Zollverein 1834 abgewendet werden konnte.

Diese Neuorientierung in der Wirtschaftspolitik zeigte sich im Montanwesen mit dem Bau der Kilianshütte, als Justus Kilian (1792–1859) von der Regierung des Großherzogtums Hessen 1831 die Konzession erhielt, eine Eisenschmelze mit einem Stabhammer zu errichten, die er 1834 in Betrieb nahm.Zur Kilianshütte siehe: Verhandlungen in der fünften Sitzung der vereinigten Ausschüsse am 23. Juli 1838, Eisenhüttenwesen, S. 59–61, in: Verhandlungen des Gewerbevereins für das Großherzogtum Hessen. Darmstadt, II. und III. Quartalsheft, 1838. Die Kilianshütte wurde später Teil des Hessen-Nassauischen Hüttenvereins. Nachdem Kilian Anfang der 1850er Jahre in finanzielle Schwierigkeiten geraten war und die Landesregierung sowie die Ständekammer fiskalische Unterstützungen abgelehnt hatte,Verhandlungen der zweiten Kammer der Landstände des Großherzogthums Hessen im Jahre 1851. Außerordentlicher (vierzehnter) Landtag. Protokolle. Zweiter Band. Nr. 24–39. 50 ½ Bogen, Darmstadt 1851, Protokoll 29, S. 9–27. verkaufte er 1852 notgedrungen die Hütte weit unter Wert an den Grafen Wilhelm von Reichenbach-Lessonitz (1824–1866). Nach dessen Tod 1866 ging das inzwischen in Wilhelmshütte umbenannte Werk an seine Erben, der Gräfin Amélie von Reichenbach-Lessonitz (1838–1912) und der Prinzessin Pauline von Löwenstein-Wertheim-Freudenberg (1858–1925), über, die sie dann 1892 an den Hessischen-Nassauischen Hüttenverein nach langwierigen Übernahmeverhandlungen veräußerten.Fessner 2013, S. 234. Ferger 2018, S. 122–125.