Okot p’Bitek (* 7. Juni 1931 in Gulu; † 20. Juli 1982 in Kampala) war ein ugandischer Dichter, Lehrer und Ethnologe. Sein bedeutendstes Werk ist Lawinos Lied.

Leben Kindheit und Schule Okot p’Bitek wurde am 7. Juni 1931 geboren. Sein christlicher Name war Jekeri, eine Verballhornung des Prophetennamens Ezechiel. Okot p’Biteks Mutter war eine bekannte Tänzerin und Liedermacherin, die man auch Lawino nannte, sein Vater war ein anerkannter Erzähler und Tänzer.Lara Rosenoff Gauvin: In and Out of Culture: Okot p’Bitek’s Work and Social Repair in Post-Conflict Acoliland. In: Oral Tradition, Vol. 28, No. 1 (2013), S. 35–54. Die Eltern schickten Okot p’Bitek auf die Gulu Grundschule, dann auf die Gulu High School.

Danach besuchte Okot p’Bitek das 1906 gegründete King’s College, Budo in Kampala. Das College, eigentlich für die Söhne und Töchter des Baganda-Adels bestimmt, hatte zwei Zweige: im einen wurde auf Kiganda, im anderen auf Englisch unterrichtet. Unabhängig von seinem musikalischen Interesse, entdeckte Okot p’Bitek, dass das College auch eine Chorleiterin hatte, die obendrein noch Poesie liebte. Über kurz oder lang unterhielt sie Okot p’Bitek durch private Lesungen aus Henry Wadsworth Longfellows „The Song of Hiawatha“ (Das Lied von Hiawatha). Seine Teilnahme an der College-Aufführung von Mozarts „Zauberflöte“ beeinflusste ihn so stark, dass er sogleich eine Oper mit dem Namen „Achan“ komponierte, die ebenfalls an seinem College aufgeführt wurde. „Achan“ ist die Geschichte eines jungen Mannes, der in die Stadt geht, um sich den Brautpreis zu verdienen. Weiteres ist über diese verlorene Komposition nicht bekannt.

Okot p’Bitek gründete mit Mitschülern einen Chor, die „Budo Nachtigallen“. Er komponierte für diesen Chor einige Lieder. Einige davon wurden in Uganda ziemlich bekannt, zum Beispiel „Rip Kipe“ und „Can-na“. Beide Lieder handeln von einem Mädchen, das ihren Freund verlässt, weil er arm ist. In einem der Lieder taucht Okot p’Biteks Familienphilosophie auf: Ento anyaka, kare na pudi (Wisse, mein Freund, meine Zeit ist noch nicht gekommen. Beurteile mich nicht nach meiner Vergangenheit.). Für seine literarischen und musikalischen Aktivitäten gewann Okot p’Bitek am College einen Buchpreis, den Roman von Alan Paton „Cry, The Beloved Country“.

Lehrerseminar Von 1951 bis 1952 besuchte Okot p’Bitek das Lehrerseminar (Teachers Training College – TTC) in Mbarara, West-Uganda. Die Makerere-Universität in Kampala konnte er nicht besuchen, da seine Eltern nicht über das nötige Geld verfügten. In diese Zeit fallen zwei wichtige Ereignisse in Okot p’Biteks Leben: Er wurde zum einen in die ugandische Fußball-Nationalelf berufen, für die er mehrere Jahre lang spielte, und zum anderen vollendete er seinen ersten und einzigen Roman in Acholi „Lak Tar Miyo Kinyero wi Lobo“ (Mein Mund lacht, aber mein Herz blutet). Okot p’Biteks frühestes literarisches Werk in Manuskriptform ist das Gedicht „Der verlorene Speer“, das die Luo-Geschichte vom Speer, der Perle und der Bohne erzählt. Das Manuskript ging verloren, so dass das Gedicht nie veröffentlicht wurde.

1953 erschien sein Roman „Lak Tar …“. In diesem Roman behandelt Okot p’Bitek die Frage nach dem Brautpreis in der Acholi-Gesellschaft, die das Geld eingeführt hatte. Er erzählt die Geschichte von Okeca Ladwong, einem Jungen, dessen Vater früh stirbt. Erwachsen geworden verliebt sich dieser Junge in das Mädchen Cecilia Laliya, das ihn gern heiraten möchte. Aber er kann den sehr hohen Brautpreis nicht bezahlen. Sein Stiefvater und die Brüder seines Vaters weigern sich, ihn zu unterstützen, so dass ihm nichts anderes übrig bleibt, als nach Kampala zu ziehen und dort sein Glück zu versuchen. Es gelingt ihm nicht, Arbeit zu finden. So zieht er weiter auf die Zuckerplantagen von Jinja. Im Verlauf von zwei Jahren geht alles Mögliche schief, so dass er den Brautpreis nicht zusammen bekommt. Trotzdem beschließt er, nach Hause zurückzukehren. Unterwegs wird er ausgeraubt und muss daher den letzten Teil seiner Reise zu Fuß laufen. Unter jedem dritten Baum bleibt er im Schatten liegen und denkt über sein Leben nach. Schließlich kommt er zu Hause an, elend und mittellos. Dieses Werk erschien erst 1989 unter dem Titel „White Teeth“ bei Heinemann/Nairobi auf Englisch. In dieser Erzählung sind viele Motive angelegt, die Okot p’Bitek später in „Lawino“ wieder aufnimmt und weiterentwickelt.

Lehrer 1954 wurde Okot p’Bitek Lehrer an der neu gegründeten Sir Samuel Baker Schule in Gulu, an der zu jener Zeit nur drei Schwarze als Lehrer unterrichteten. Neben seinem Lehrtätigkeit in den Fächern Englisch und Religion leitete er das Kulturprogramm der Schule, das Sport, Pfadfinderwesen, Chor und Theater einschloss. Im gleichen Zeitraum begannen viele Ugander, sich politisch zu betätigen. Okot p’Bitek war ein Gründungsmitglied der Partei Uganda National Congress und wurde als Kandidat für den Acholi District Council aufgestellt.

Neben Schule, Politik und Kulturarbeit war Okot p’Bitek ein begeisterter Fußballspieler. Durch den Fußball reiste er weit und oft im Land umher. 1956 reiste er mit der Nationalelf nach Großbritannien und spielte in London. Am Ende der Fußballtour entschloss er sich, in England zu bleiben, um ein Universitätsstudium in Bristol aufzunehmen.

Studium in Bristol Okot p’Bitek schrieb sich zu einem postgraduierten Diplomkurs am erziehungswissenschaftlichen Institut der Universität Bristol ein. An dieser Universität traf er auf zwei Professoren, die seinen wachen Geist erkannten und förderten: den Quäker und Pazifisten M. Wilson sowie den Philosophen und katholischen Theologen S. John. Okot p’Bitek begann zu dieser Zeit damit, dem Christentum gegenüber eine kritische Haltung einzunehmen. Schließlich verließ er die Kirche und legte seinen christlichen Namen Jekeri ab.

Nach seinem Studium in Bristol ging Okot p’Bitek nach Wales, um ein Jurastudium aufzunehmen. Ein Kolonialverwaltungsbeamter in Gulu namens Barber habe ihn, so erzählte es Okot p’Bitek selbst, einstmals verhöhnt, er als Afrikaner würde niemals Jura bewältigen. Okot p’Bitek schloss sein Jurastudium erfolgreich ab und telegrafierte Barber umgehend das Ergebnis.

Rechtsanwalt Okot p’Bitek wurde in England als Anwalt zugelassen. Zur gleichen Zeit verbrachte er drei Monate am Internationalen Gerichtshof in Den Haag, um sich in Völkerrecht fortzubilden. Aber langsam verschwand die Begeisterung, mit der Okot p’Bitek den Beruf des Juristen begonnen hatte, und er trat nie als solcher vor ein Gericht.

Zu dieser Zeit schrieb Okot p’Bitek ein politisches Pamphlet: „Wege zur Freiheit Ugandas“. An die Stelle seines Enthusiasmus für das Recht trat eine neue – und alte – Leidenschaft für die Kultur seines Acholi Volkes und ganz Afrikas. Eines Tages diskutierte in Den Haag ein Professor für Rechtsgeschichte das Phänomen des Gottesurteils, eine alte Methode, um Schuld oder Unschuld eines Angeklagten herauszufinden, indem der Betreffende Feuer, Wasser oder einer anderen Gefahr ausgesetzt wurde. Das Ergebnis galt als göttlicher Fingerzeig. Okot p’Bitek erinnerte dies an eine ähnliche Methode in seiner Heimat. Der Professor empfahl Okot p’Bitek daraufhin, sich in Oxford für Sozialanthropologie einzuschreiben, um sein Wissen über dieses Thema zu vertiefen.

Studium in Oxford Okot p’Bitek folgte diesem Rat und erlebte in den drei Jahren seines Aufenthaltes in Wales nicht nur eine Universität, sondern ein Volk voller Leidenschaft für seine walisische Musik und Lieder. Beim Hören dieser Lieder stiegen ugandische Kirchenlieder aus Okot p’Biteks Erinnerung auf. Am meisten jedoch war er vom „Eisteddford“, dem jährlichen Festival der Barden beeindruckt. Dichter, Musiker und andere Künstler aus ganz Wales versammelten sich, um das Leben mit Musik, Dichtkunst und Liedern zu feiern. Okot p’Bitek besuchte auch das jährliche Internationale Festival von Edinburgh, bei dem Künstler aus der ganzen Welt zusammenkamen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Okot p’Biteks Idee, später in Uganda und Kenia auch solche Festivals zu organisieren, in den Erfahrungen von Wales und Schottland ihren Ursprung hat.

Ab 1960 studierte Okot p’Bitek am St Peter’s College der Universität Oxford. Dieses College hatte eine problematische Beziehung zu Uganda, weil es 1885 die Missionsreise von Bischof James Hannington nach Uganda finanziert hatte. Hannington war damals auf Befehl des Bagandakönigs Kabaka Mwanga II. ermordet worden. Okot p’Bitek wurde als schwarzer Student als Exot wahrgenommen. Okot p’Bitek schreibt über seine Erfahrung in dieser Zeit: „Wenn jemand von uns die Universität mit Stolz und Neugier betrat, dann waren die ersten Monate schnell von Schock, Wut und Verwirrung, ja, mit dem Gefühl am völlig falschen Platz zu sein, erfüllt.“

Sozialanthropologie Das Institut für Sozialanthropologie wurde vom Sozialanthropologen Edward E. Evans-Pritchard geleitet, der selbst Feldforschung in Ostafrika betrieben hatte. Einer der Dozenten war Godfrey Lienhardt, der die Dinka des Südsudan erforscht hatte, und ein weiterer war John M. Beattie, der durch seine Arbeiten über die Banyoros bekannt geworden war. All diese Wissenschaftler hatten umfangreich publiziert und Okot p’Bitek – nun immerhin mit den englischen Lehrer- und Juradiplomen ausgestattet – war gespannt darauf, unter ihrer Anleitung studieren zu können.

Doch er wurde herbe enttäuscht. Gerade aus dieser Zeit stammen viele seiner Ansichten und Haltungen, die er später klar und deutlich in seinen „Gesängen“ und wissenschaftlichen Arbeiten ausdrückt. So schreibt er im Vorwort zu „Afrikanische Religionen in der westlichen Wissenschaft“ über den Konflikt mit seinen Lehrern: „Schon in der allerersten Vorlesung nannte der Dozent alle Afrikaner oder nicht-westlichen Menschen Barbaren, Wilde, primitive Stämme usw. Ich widersprach erfolglos.“ Okot p’Bitek war es offensichtlich nicht klar gewesen, dass die Institute der Sozialanthropologie, sowohl in den britischen Universitäten als auch den der anderen Kolonialmächte, vor allem die Funktion hatten, zukünftige Kolonialverwaltungsbeamte auszubilden. Diese Aufgabe war einem vorurteilsfreien Herangehen an den wissenschaftlichen Gegenstand zumindest nicht förderlich. Basis des wissenschaftlichen Verständnisses der Kolonialherren war die tiefe Überzeugung von der Überlegenheit der westlich-urbanen Kultur sowie die Unterlegenheit der Kolonisierten. In seinen Veröffentlichungen nahm Okot p’Bitek einen äußert kritischen Standpunkt gegenüber der Sozialanthropologie als Wissenschaft ein. Er warf ihr vor, dass sie nicht nur den Kolonialismus unterstütze, sondern – schlimmer – erst seine Rechtfertigung liefere. In Oxford verlangte Okot p’Bitek von seinen Professoren das – zumindest zu jener Zeit – Unmögliche: er wollte, dass die Sozialanthropologie den Standpunkt des Afrikaners einnähme. Eine Position, wie sie Leo Frobenius oder Janheinz Jahn vertreten haben. Aber das war nicht die Funktion dieser Institute.

In dem Maße, wie Okot p’Bitek sich von westlichen Traditionen und Ansichten entfernte, wuchs sein Hang, afrikanische Formen für seine Dichtkunst zu finden. Er war unzufrieden mit dem theoretischen Wissen, mit dem er überhäuft wurde. Trotzdem studierte er weiter, weil er hoffte, dass er durch ein Feldstudium der afrikanischen Lieder, Geschichten, Sprichwörter und Tänze erfahren würde, was sein Volk als das wahre Leben ansah. Seine anthropologischen Kenntnisse waren es schließlich, die ihn mehr und mehr zum Studium seiner eigenen Leute veranlassten: Zentral-Luo, Acholi, Jo-Palwo und manchmal auch Jo-Lang'o. 1960 kehrte Okot p’Bitek dem Christentum durch seinen Kirchenaustritt den Rücken.