Featurismus (von engl.: feature, Merkmal) bezeichnet ganz allgemein die Integration von zahlreichen naheliegenden Zusatzfunktionen in ein bestehendes technisches Produkt oder eine Software. Speziell bezeichnet der Begriff eine Produktions- und Marketingstrategie, die sich auf einfach zu realisierende, in Umfang und Kosten beschränkte Erweiterung von Produkten bzw. Angeboten durch Zusatzmerkmale und -funktionen konzentriert und dem Kunden damit einen zusätzlichen Kundennutzen bieten soll, im Vergleich zur oft fraglichen Nutzensteigerung aber einen überproportionalen Erlös bei geringen Investitionen erzielen soll.
Featurismus als Marketing- und Wachstumsstrategie Featurismus ist heute eine verbreitete Marketing- und Wachstumsstrategie. Es kann sich jedoch auch um ursprünglich nicht intendierte Aspekte von Designkompromissen im Bereich der Entwicklung von Software (siehe Zawinski’s Law), Computerspielen und Businesselektronik oder auch von Finanzdienstleistungen handeln. Man spricht dann von einem von Release zu Release „schleichende“ Featurismus (creeping featurism), was im Bereich der Informationstechnik immer leistungsfähigere Prozessoren und Speicher voraussetzt. Featurismus kann zu überkomplexen Produkten, unkontrollierter Häufung von Funktionen ohne echten Zusatznutzen, aufgeblähter und langsam laufender Hard- und Software und einer in kurzen Abständen herausgegebenen Flut von Softwareversionen oder Plug-ins führen.
Ursachen featuristischer Produktgestaltung Oft liegen die Ursachen des Featurismus bereits in unbeabsichtigten Fehlern im Entwurfsprozess, z. B. als Folge von Design by committee, bei dem niemand eine klare Vision hat oder gestalterische Führung übernimmt.Design by committee auf webdesign.journal, 12. Mai 2025
In anderen Fällen sind sie marketinggetrieben. Im produzierenden Gewerbe, z. B. in der Autoindustrie, ist Featurismus in Form von teuren Zusatzausstattungen zu billigen Basisvarianten verbreitet. In der Bekleidungsindustrie spricht man von einer erhöhten „Schauqualität“, die durch wenige Zusatzarbeitsgänge und geringen Einsatz von Zusatzmaterial erzielt wird (Steppkanten, Zierapplikationen, doppelte Manschetten, Glanzeffekte durch Chemiekalieninsatz), aber nicht notwendig mit erhöhter Gebrauchsqualität verbunden ist.Nachhaltige Mode: Kleidung kaufen mit gutem Gewissen auf ndr.de, 9. Dezember 2025 Angesichts beschleunigter Produktlebenszyklen muss eine kritische Masse im Markt oft in kürzester Zeit erreicht werden. Hierbei ersetzt Featurismus oft wirkliche Produktinnovation und/oder suggeriert eine höhere Produktqualität. Oft steigert er auch nur das Image von Produkten.
Erleichtert wurde der Featurismus in der Produktion seit den 1980er Jahren durch Automatisierung und modular konstruierte Produkte. Zugleich setzte eine Abkehr von den Massenmärkten ein. Studien zeigen jedoch, dass der Markterfolg nicht vom Featurismus abhängt. Die entgegengesetzte, oft erfolgreiche Strategie, die eine Abkehr vom Featurismus beinhaltet, wird als cheap and easy bezeichnet.
Eine vom Marketing getriebene featuristische Produktgestaltung wird oft kritisiert, da sie von einem unrealistischen Kundenbild und einem weitgehend fiktiven Kundennutzen ausgeht, den der Kunde oft nicht realisieren kann.Manfred Bruhn (Hrsg.): Handbuch Markenführung: Kompendium zum erfolgreichen Markenmanagement. Strategien - Instrumente - Erfahrungen. Springer 2013, S. 1398. Insofern ist sie Ausdruck eines falsch verstandenen Profilierungsstrebens.Lambert T. Koch, Christoph Zacharias: Gründungsmanagement: Mit Aufgaben und Lösungen. de Gruyter, 2010, S. 235. Quasi-Monopolisten wie Microsoft oder Apple fällt es jedoch leicht, immer wieder neue Features in ihre weit verbreiteten Basisprodukte zu integrieren und damit den Absatz zu stimulieren.
Ästhetik Auch in der Architektur wird der Begriff hin und wieder für ein Design verwendet, dass auf stilistische Einzelelemente fixiert ist und das Gesamtbild vernachlässigt.Robin Boyd: The Australian Ugliness. Melbourne 1960.
In der Literaturkritik wird unter Featurismus die Überladung eines Werks mit immer mehr Details oder Stilelementen bezeichnet, so dass der rote Faden verlorengeht.
Weitere Bedeutung Im angloamerikanischen Sprachraum wird mit Featurism die Präferenz weißer Menschen für oder ihre Abneigung gegen bestimmte körperliche Merkmale ethnischer Gruppen bezeichnet, je nachdem, wie weit diese Merkmale eurozentrischen bzw. westlichen Schönheitsidealen nahekommen oder fernstehen (z. B. in Bezug auf Hautfarbe – auch Colourism genannt –, Nasenform oder Haare).Davina Applewhite: auf The Rotunda Online, Longwood University, Virginia
Von internalisiertem Featurismus spricht man, wenn Menschen aus kolonisierten Gesellschaften oder marginalisierten Gemeinschaften (auch Romanfiguren wie in den Romanen von Toni Morrison, z. B. The bluest eye, 1970) darunter leiden, dass ihre Gesichtszüge oder ihre Hautfarbe nicht dem westlichen Schönheitsideal entspricht.Sam Padayachee: Understanding Featurism: A Hidden Form of Discrimination auf unesen.ca, 4. November 2024
Einzelnachweise
Kategorie:Software (Thema) Kategorie:Produktionswirtschaft Kategorie:Marketingstrategie