Die Kunst des Liebens (Originaltitel: The Art of Loving. An Inquiry into the Nature of Love) ist ein populäres gesellschaftskritisches Werk des Sozialpsychologen Erich Fromm, das erstmals 1956 in New York erschien. Er ist ein internationaler Klassiker der Soziologie. Noch vor dem fast ebenso berühmten späteren Werk Haben oder Sein ist es Fromms bekanntestes und meistgelesenes Werk und war mit 25 Millionen Exemplaren und 33 Übersetzungen ein internationaler Bestseller und Longseller.

Das Wesen der Liebe zu analysieren, heißt für den von der marxistischen Gesellschaftskritik geprägten Autor, ihr allgemeines Fehlen im Kapitalismus aufzuzeigen und an den gesellschaftlichen Bedingungen für die Entfremdung, Verdinglichung und den Warencharakter der Liebe in der Arbeits- und Konsumgesellschaft Kritik zu üben. Das Prinzip der Liebe und das Prinzip des Kapitalismus sind für Fromm unvereinbar, der Kapitalismus in seiner Komplexität lasse jedoch in Ausnahmefällen dem Individuum einen Gestaltungsraum übrig, in dem sich sinnhafte menschliche Beziehungen bilden ließen. Das im 20. Jahrhundert in der westlichen Welt dominierende romantische Verständnis der Liebe motiviere Menschen zu einem marktwirtschaftlichen Verhalten, lasse sie Probleme allein beim Gegenüber sehen oder darin, dem eigenen Empfinden nach nicht oder nicht in ausreichendem Maße geliebt zu werden. Diesem Verständnis setzt er die Verschiebung der Perspektive auf die eigene Fähigkeit zu lieben entgegen, die als Kunst des Liebens dargestellt und entwickelt werden kann.

Publikationsgeschichte Das Werk Fromms erschien 1956 bei Harper and Row, New York, unter dem englischen Titel The Art of Loving. An Inquiry into the Nature of Love. Es war als Band 9 der World Perspectives geplant, der von Ruth Nanda Anshen herausgegeben werden sollte. Zum Herausgeberkomitee der Serie zählten Niels Bohr, Richard Courant, Hu Shih, Ernest Jackh, Robert M. MacIver, Jacques Maritain, J. Robert Oppenheimer, I. I. Rabi, Sarvepalli Radhakrishnan und Alexander Sachs. Die erste deutsche Übersetzung von Günter Eichel erschien 1959 unter dem Titel Die Kunst des Liebens im Ullstein Verlag. Für Band 9 der Werkausgabe erstellten Liselotte und Ernst Mickel eine neue Übersetzung.Nachwort von Rainer Funk. In: Die Kunst des Liebens (The Art of Loving. An Inquiry into the Nature of Love) Erich Fromm (1956a) Als E-Book herausgegeben von Rainer Funk, Übersetzung aus dem Amerikanischen von Liselotte und Ernst Mickel. In der Ausgabe des Manesse-Verlags, S. 178ff

Hauptthesen Dem Werk liegt Fromms Auffassung zugrunde, dass Liebe Wissen und aktives Bemühen erfordere. Liebe ist demnach nicht einfach ein schönes Gefühl, dem man sich hingibt. Für die meisten Menschen liegt das Problem der Liebe darin, geliebt zu werden und nicht in der eigenen Fähigkeit zu lieben. Das Bestreben dieser Menschen, liebenswert zu sein, ist laut Fromm im Wesentlichen eine Mischung aus Streben nach Popularität und Sexappeal.

Des Weiteren betrachteten die meisten Menschen das Problem des Liebens eher als das Problem des geliebten bzw. nicht geliebten Objekts als das ihrer eigenen Fähigkeit oder Unfähigkeit zu lieben. Dies führt Fromm unter anderem auf die Veränderung des Liebesverständnisses der westlichen Welt im 20. Jahrhundert zurück, in dessen Verlauf sich der Begriff der romantischen Liebe von der ideal-erstrebenswerten Wunschvorstellung scheinbar zur marktkonformen Tatsache wandelte. Nunmehr verhielten sich die Menschen in Bezug auf die Liebe marktwirtschaftlich: Das Gefühl des Verliebens entwickle sich in der Regel nur hinsichtlich derjenigen „menschlichen Artikel“, die innerhalb der Tauschmöglichkeiten des Einzelnen liegen (siehe auch Marketing-Charakter). Ein weiteres Problem sieht Fromm darin, dass viele Menschen anfängliches Verlieben („falling in love“) und dauerhaftes Lieben („being in love“) miteinander verwechselten.

Aufbau und Inhalt In der Erich Fromm Gesamtausgabe hat das Werk Fromms nach einem Paracelsuszitat und einem kurzen Vorwort vier Teile:

1 Ist Lieben eine Kunst? 2 Die Theorie der Liebe a) Liebe als Antwort auf das Problem der menschlichen Existenz b) Liebe zwischen Eltern und Kind c) Objekte der Liebe

3 Die Liebe und ihr Verfall in der heutigen westlichen Gesellschaft 4 Die Praxis der Liebe

Es folgen zwei Seiten Literaturverzeichnis und ein Begriffs- und Namenregister.

Das Paracelsuszitat aus dem Labyrinthus medicorum errantium betont die Einheit von Liebe, Wissen und Handeln. Im Vorwort nennt Fromm seine Hauptgedanken: Die ganze Persönlichkeit ist zu entwickeln, um produktiv zu werden. Erfüllung in der Liebe setzt die Liebe zum Nächsten, Demut, Mut, Glaube und Disziplin voraus. Fromm verweist auf seine Werke Die Furcht vor der Freiheit, Psychoanalyse und Ethik und Wege aus einer kranken Gesellschaft.

1 Einführung: Ist Lieben eine Kunst? Fromm erläutert in der Einführung, dass entgegen dem allgemeinen Vorurteil Liebe erlernbar sei. Sie sei eine Kunst, zu der Theorie und Praxis gehörten. Die Kunst bestehe bereits in der Vermeidung von drei weit verbreiteten Fehlern. Die meisten Menschen gingen von der falschen Voraussetzung aus, dass das Problem der Liebe darin bestehe, geliebt zu werden anstelle selbst aktiv zu lieben. Daher konzentriere man sich auf die Mittel zur erfolgreichen Gewinnung der Liebe anderer: Erfolg, Macht und Reichtum seitens der Männer und Attraktivität seitens der Frauen. Diese eher rein äußerlichen persönlichen Eigenschaften sollten den Erfolg der Liebenswürdigkeit garantieren. Liebe sei aber nicht nur den Eigenschaften eines Liebesobjekts geschuldet, sondern stelle vielmehr eine subjektive Fähigkeit des Liebenden dar. Der Fehler, der sich aus der Nichtbeachtung dieses Unterschieds ergibt, sei Überbleibsel des viktorianischen Zeitalters. Der Wert der Liebe war damals weniger das Ergebnis persönlichen Engagements und persönlicher Erfahrung, sondern von außen vertraglich arrangiert durch zweckmäßige Überlegungen des gesellschaftlichen Umfelds. Die Objektwahl bei der Heirat stellte damit ein Mittel zum Zweck dar. Dabei spielten vordergründige materielle Interessen und Überlegungen eine Rolle, die Fromm als Inbegriff geschäftlicher Tauschbeziehungen ansieht. Der zu vermeidende dritte Fehler bestehe in der häufigen Verwechslung von dauerhafter Liebe mit dem Verliebtsein. Die durch die Kunst des Liebens zu fordernde Dauerhaftigkeit der Liebe falle einem eher momentanen Erlebnis des Zusammenbrechens trennender Mauern zum Opfer, das mit sexueller Anziehung und Vereinigung Hand in Hand gehe. Dieser Fehler stellt kein Argument gegen die exklusive erotische Liebe zweier Partner dar, sondern weist auf die übergreifende und umfassende Bedeutung der Liebe hin, die auch die universelle Nächstenliebe umfasst. Neben der Beherrschung der Theorie der Liebeskunst, die er im 2. Kapitel – dem größten Teil des Buches – behandelt, und der Praxis der Liebe, der er das 4. und letzte Kapitel widmet, nennt Fromm noch ein weiteres konstitutives Element der Liebeskunst: Der Liebe müsse der höchste Stellenwert im Leben eingeräumt werden, vor dem Streben nach Erfolg, Prestige, Geld und Macht.

2 Die Theorie Im zweiten Kapitel, „Die Theorie der Liebe“, stellt Fromm zunächst dar, inwiefern Liebe eine Antwort auf das Problem der menschlichen Existenz ist. Wenn ein Mensch sich seiner selbst bewusst werde, sehe er sich folgenden Fragen gegenüber

Wie kann ich der Einsamkeit und Trennung entgehen? Wie kann ich mein Einzelleben transzendieren? Wie kann ich den Zustand der Vereinigung, des Einsseins erreichen?

Falsche Wege zum Ziel seien Rausch und Betäubung, Konformismus (Pseudoeinheit) oder subjektbezogene Kreativität. Die Sehnsucht nach der Verschmelzung mit einem anderen Menschen bezeichnet Fromm als das mächtigste Motiv, die fundamentalste Leidenschaft und die Kraft, die die Menschen in den Formen von Familie, Sippe, Gesellschaft, Nation und Menschheit zusammenhalte.

Scham, Schuld und Angst Eine grundsätzliche Vorstellung Fromms ist, dass das Bewusstsein der Trennung der Menschen untereinander die Quelle der meisten Ängste und Schuldgefühle sei: „Das Bewußtsein der menschlichen Getrenntheit ohne Wiedervereinigung durch Liebe – das ist die Quelle der Scham. Gleichzeitig ist es die Quelle von Schuld und Angst.“ (S. 25).

Fromm weist auf den Widerspruch zwischen dem in der zeitgenössischen Gesellschaft aufgrund dieser Getrenntheit bestehenden Konformitätsbedürfnis und dem gleichzeitig behaupteten Individualitätsstreben der Gesellschaftsmitglieder hin und macht auch darauf aufmerksam, dass Konformität nicht ausreiche, um die Angst vor der Einsamkeit zu beruhigen. Der Mensch „hat aufgehört, er selbst zu sein – denn jenseits jener Vereinigung durch Anpassung findet keine Vereinigung statt.“ (S. 36).

Fromm unterscheidet verschiedene unzulängliche Arten von Vereinigung. Die durch Konformität erreichte Einheit sei eine Pseudo-Einheit, die durch produktive, d. h. schöpferische, kreative Tätigkeit erreichte Einheit sei ideell und nicht zwischenmenschlicher Natur; die orgiastische Vereinigung sei nur vorübergehender Art. Einzige sinngebende und somit erfüllende Antwort auf die Frage nach der menschlichen Existenz ist nach Fromm die Einheit in der Liebe zum Leben, zum anderen und zu Gott.

Unreife Liebe Fromm unterscheidet verschiedene Formen der unreifen Liebe, die er als symbiotische Bindung kennzeichnet: Neben der biologischen Symbiose von Mutter und Fötus unterscheidet er den Masochismus, den er als passive Unterwerfung unter einen Menschen oder eine Sache definiert, die den Charakter eines Götzen hat, und den Sadismus als aktive komplementäre Variante. Nur die Liebe eines reifen Menschen wahrt die eigene Integrität und Individualität. Eine solche echte Liebe kann niemals auf der Leidenschaft als treibender Kraft beruhen, sondern muss auf freiem Willen und Einsicht basieren. Diese Liebe ist außerdem primär gebend, nicht nehmend.

Laut Fromm ist dieses liebende Geben nicht mit Sich-aufgeben gleichzusetzen. Der Marketing-Charakter sei zwar bereit zu geben, jedoch nur im Austausch für etwas anderes, ansonsten fühle er sich betrogen. Für den produktiven (aktiven, kreativen) Charakter sei das Geben jedoch Ausdruck der Gewissheit eines auf beiden Seiten positiven Zuwachses im Sinne des Sprichworts „Geteilte Freude ist doppelte Freude.“ Darüber hinaus enthalte die Liebe des aktiven Charakters auch die fundamentalen Elemente aller Formen der Liebe: Fürsorge, Verantwortung, Achtung vor dem Anderen und Einsicht / Erkenntnis. Fürsorge erläutert Fromm wie folgt: „Man liebt, wofür man sich müht, und man bemüht sich für das, was man liebt.“ Achtung vor dem anderen und Einsicht gehören zusammen und machen fähig, jemanden so zu sehen, wie er in seiner Individualität ist; jemanden so gut zu kennen, dass man weiß, wie er sich fühlt, auch wenn er etwas anderes sagt, und schließlich sogar das Wissen um den Grund seines Gefühls.

Neben dem Bedürfnis nach Vereinigung steht das Verlangen, den anderen zu ergründen. Dies sei mittels der Liebe möglich. Parallel dazu sieht er das Bedürfnis, Gott zu erkennen. Für Fromm steht dabei fest, dass der Mensch das Geheimnis des anderen niemals begreifen, aber durch die Liebe erkennen kann. Ein anderer, falscher Weg zum Geheimnis der Seele eines Menschen ist die Ausübung totaler Macht, die mit Grausamkeit und Zerstörungslust verbunden ist. Auch hier zeigt sich auf negative Weise die Bedeutung, den anderen Menschen zu ergründen, aber nicht, um ihn zu lieben, sondern zu beherrschen oder zu zerstören.

Pathologie Fromm unterscheidet in der Pathologie der Liebe mehrere Unterformen:

neurotische Liebe: Übertragung von Gefühlen auf die geliebte Person, meist mit Erwartungen und Befürchtungen verbunden vergötzende Liebe: extreme Idealisierung einer Person, oft mit Unterwerfung und Hörigkeit verbunden sentimentale Liebe: Erfahrung der Liebe in der Phantasie, Lust am Gefühlszustand der Verliebtheit