Unter dem Schlagwort Lesesucht wurde im ausgehenden 18. Jahrhundert im deutschsprachigen Raum eine Debatte um falsche Lektüre und gefährliche Literatur geführt.
Begriff Die Debatte um das richtige oder falsche Lesen ist so alt wie das Lesen selbst, doch sie kulminierte im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts. Der Begriff „Lesesucht“ (auch „Lesewut“ genannt) war jedoch neu. Einen sehr frühen Beleg dieses Wortes fand man in Rudolf Wilhelm Zobels Briefen über die Erziehung der Frauenzimmer im Jahre 1773. Später wurde der Begriff fester Bestandteil aufklärerischer sowie gegenaufklärerischer Schriften. Joachim Heinrich Campe, ein wichtiger Vertreter der Aufklärungsbewegung, führte ihn schließlich im Jahre 1809 in sein Wörterbuch ein:
Lesen im 18. Jahrhundert Bis weit ins 18. Jahrhundert las man vom niederen Adel bis hin zur Mittelschicht vorwiegend Zeitungen, den Kalender und religiöse Literatur. Die Lektüre der religiösen Schriften zeichnete sich aus durch wiederholtes Lesen der gleichen Schriften, oft gebunden an bestimmte Feiertage als Schriftlesung im Rahmen der Liturgie oder zur Meditation. Sie wurden von einer Generation zur nächsten weitergegeben; man hegte für gewöhnlich eine gewisse Ehrfurcht vor den Büchern mit ihren als zeitlos geltenden Aussagen. Lesen war demnach mehr ein religiöses als ein literarisches Ereignis.
Gesellschaftlicher Wandel Während die soziale Stellung des Adels und der Bauern tendenziell unverändert blieb, gab es im Bürgertum einen gravierenden Wandel. Es entstand eine Schicht, die sich vor allem durch Bildung auszeichnete. Bildung war zunächst Voraussetzung zur Erlangung wichtiger Ämter, später bekam sie vor allem als Abgrenzung gegenüber dem Adel und als Möglichkeit des sozialen Aufstiegs eine neue Funktion. Jedoch gab es für die wachsende Gruppe der Intellektuellen des Bildungsbürgertums nicht genügend Beschäftigung. So gab es viel Zeit und Grund, das System in Frage zu stellen. Das gedruckte Wort diente während der Entstehung der neuen Aufklärungsbewegung mehr denn je als Mittel der Kommunikation, der Erweiterung des moralischen und geistigen Horizonts und wurde zum Kulturträger schlechthin. Neben der finanziellen Voraussetzung für den Erwerb von Büchern oder einer Mitgliedschaft in Lesegesellschaften war auch die für das neue Bürgertum typische Arbeitsteilung von Mann und Frau eine wichtige Bedingung für die Herausbildung eines neuen Lesepublikums. Die Frau, deren Tätigkeitsbereich sich hauptsächlich auf häusliche Pflichten beschränkte, entwickelte sich verstärkt zur Konsumentin, dazu zählte auch das Lesen. Mädchen und Frauen, die in ihrer Entfaltung sehr eingeschränkt waren, konnten literarisch, in den Romanen Phantasien erleben, die ihnen im realen Leben verwehrt blieben. So kam es, dass die Belletristik einen enormen Aufschwung erlebte. Für die Männer entstand durch die berufliche Situation der außerhäuslichen Tätigkeit allmählich eine Trennung von Arbeit und Freizeit, in welcher sie sich vermehrt der Lektüre von Sachliteratur – wie politischen Schriften oder der Zeitung – widmeten.
Exemplarisches Lesen Das exemplarische Lesen, bei welchem Moral und Lehre einen hohen Stellenwert einnahmen, war ein typisches Merkmal für die Lektüre bis ins 18. Jahrhundert hinein. Im Zuge der Aufklärung und der Entdeckung der Kindheit als eigenständig definierten Lebensbereichs bekam die Pädagogik einen neuen Stellenwert und führte zu neuer Kinder- und Jugendliteratur, die moralische Erziehung betreiben sollte. Dies nannte man Exempel-Literatur, da es sich oft um Geschichten handelte, die, in Spannung verpackt, ein Verhalten erzählten, aus welchem die Kinder lernen beziehungsweise sich ein Beispiel nehmen sollten. Aus diesem Grund galt der Roman zu Beginn des 18. Jahrhunderts nach aufklärerischen Idealen als völlig legitim. Man sprach dem Buch ein hohes Maß an Wirkung auf den Leser zu und empfand es als wichtigen Bestandteil der Erziehung.
Allmählich änderte sich jedoch nicht nur das Lesepublikum, es änderten sich auch die Inhalte der Literatur. Ein Meilenstein in diesem Zusammenhang war der im Jahre 1774 erschienene Briefroman Die Leiden des jungen Werthers von Johann Wolfgang von Goethe. Diese Lektüre verfolgte keinerlei didaktische Absichten. Doch in der Gesellschaft herrschte, wie Goethe selbst formulierte, noch Tatsächlich identifizierten sich aber viele junge Leser mit dem Romanhelden (man sprach zeitgenössisch von einem „Werther-Fieber“), und dem Roman wurde vorgeworfen, eine Selbstmordwelle ausgelöst zu haben.
Vom „intensiven“ zum „extensiven“ Lesen Aber nicht nur inhaltlich gab es enorme Veränderungen, es entwickelte sich auch die Art und Weise des Lesens. Eine klassische These von Rolf Engelsing war, dass sich ein Wandel vom bis weit ins 18. Jahrhundert vorherrschenden „intensiven“ zum „extensiven“ Lesen vollzog – eine „Leserevolution“, wie die moderne Forschung es nennt. Diese These wird zwar vielfach zitiert, jedoch auch stark kritisiert. Das „intensive“ Lesen beschreibt das intensive und wiederholte Lesen einer kleinen Auswahl an größtenteils religiösen Büchern, wie es bisher üblich war. An diese Stelle trat nun gegen Ende des 18. Jahrhunderts das „extensive“ Leseverhalten, das sich durch Begierde nach neuer, abwechslungsreicher Lektüre zur Information und vor allem zur privaten Unterhaltung stark vom alten Leseverhalten absetzte.
Der Büchermarkt Das Lesepublikum wurde also vor allem um Frauen erweitert. Das bürgerliche Bewusstsein darüber, dass es sich wirtschaftlich gesehen lohnen würde, auf die aufkommende Nachfrage mit einem entsprechenden Angebot zu reagieren, führte zu einer bemerkenswerten Ausweitung des Buchmarktes. Die signifikanteste Veränderung des Büchermarktes im 18. Jahrhundert waren, Jentzschs Aufzeichnungen nach zu urteilen, der enorme Rückgang des Anteils religiöser Literatur und das große Wachstum der „schönen Künste“ im Allgemeinen und der Belletristik im Besonderen, gemessen an der Gesamtproduktion aller veröffentlichten Titel im deutschsprachigen Raum.
Anzahl neu erschienener Titel pro Jahr und prozentualer Anteil an der Gesamtproduktion (nach Jentzsch):
1740, Anzahl absolut 1740, Anteil an Gesamtproduktion in % 1770, Anzahl absolut 1770, Anteil an Gesamtproduktion in % 1800, Anzahl absolut 1800, Anteil an Gesamtproduktion in % Gesamt-Titelproduktion 755 100,0 % 1144 100,0 % 2569 100,0 % Religiöse Literatur 291 38,5 % 280 24,5 % 348 13,5 % Schöne Künste und Wissenschaft 44 5,8 % 188 16,4 % 551 21,4 %
Uneinigkeit herrschte jedoch über die Anzahl der potentiellen Leser im deutschsprachigen Raum. Rudolf Schenda schätzte die Lesefähigkeit der Bevölkerung im Jahre 1770 auf 15 %, im Jahre 1800 schon auf 25 %, bis sie im Jahre 1900 90 % erreichte. Davon waren es nach Greven jedoch weniger als 100.000 in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, die sich tatsächlich regelmäßig der Lektüre von Belletristik widmeten. Auch wenn man aus heutiger Sicht sagen kann, dass die Entwicklung nicht so gravierend war, wie sie beschrieben wurde, muss man beachten, dass die Zeitgenossen wohl vor allem ihren eigenen Erfahrungsumkreis im Blick hatten: die städtische Bevölkerung, die aber nur 10 % der Gesamtbevölkerung ausmachte.
Die Lesesucht-Debatte
Die Lesesucht oder auch Lesewut, welche sich, glaubt man den Berichten von Zeitgenossen, ab 1780 bei einem großen Teil des Lesepublikums ausgebreitet hatte, stand im Mittelpunkt der Diskussionen der literarischen Öffentlichkeit. Zahlreich waren die Auslassungen darüber in Zeitungen, Pamphleten und Predigten. Die Lesesucht war nicht nur den staatlichen und kirchlichen Autoritäten suspekt, sondern besonders den fortschrittlichen Aufklärern. Während in den 40er und 50er Jahren des 18. Jahrhunderts der Roman an Legitimation gewann, da er im Rahmen der Aufklärung als Mittel angewandt wurde, Moral und nützliche Kenntnisse zu vermitteln, wird im letzten Drittel des Jahrhunderts von gleicher Seite gegen das viele Lesen polemisiert. Argumentiert wurde aus allen möglichen Richtungen: politisch, pädagogisch, diätetisch, physiologisch, psychopathologisch und erfahrungsseelenkundlich. Ganz im Sinne der Kant’schen Philosophie bemängelten die Vertreter der Aufklärung nun, dass die Lektüre bloß dazu missbraucht werden würde, Langeweile zu verhindern. Zudem trage sie zur Erhaltung des Zustands der Unmündigkeit bei.
Die zentrale Kritik liegt laut Campe in der Motivation des Lesens, nämlich aus Campe, der leidenschaftlich gerne Schriften gegen die Vielleserei verfasste, schrieb in einem Aufsatz, dass übermäßiges Lesen Gleichgültigkeit gegenüber allem hervorrufe, was nicht mit dem Lesen zu tun habe: Man vernachlässige Tätigkeiten im Haushalt, die Aufmerksamkeit für die Kinder gehe abhanden und auch körperlich würde man geschwächt sein. Dies stelle dann als Konsequenz eine Gefahr für den häuslichen Frieden dar. Bei Beneken, der sich der Fachbegriffe der Diätetik und medizinischer Begriffe bediente, heißt es, das Gedächtnis gleiche dem Magen. Das übermäßige Lesen könne nicht mehr gut verdaut werden, ein überfülltes Gedächtnis führe zu ebenso vielen Krankheiten wie ein überfüllter Magen. Es gibt jedoch auch Stimmen, die den neuen Begriff etwas relativieren, so schreibt zum Beispiel ein Rezensent der Allgemeinen Bibliothek für das Schul- und Erziehungswesen:
Betroffene Als Risikogruppen galten vor allem Jugendliche und Frauen. Erwachsene Männer waren seltener betroffen, da sie sich vorwiegend der Sachliteratur widmeten und nicht der die Phantasie anregenden Belletristik. Nicht nur zur Erziehung der Kinder, auch zur Erziehung der Frauen wurden im 18. Jahrhundert viele Erziehungsschriften verfasst. Poeckels Aussage, dass Frauen sich zwar bis zu einem gewissen Grad Wissen aneignen sollten, jedoch nicht allzu viel, denn dann könnten sie zu einer , ist repräsentativ für viele weitere Schriften, in denen Lektürereglement eine zentrale Rolle spielte. Mögliche Folgen seien Verwahrlosung des Haushalts, Zerrüttung der Familie oder Vernachlässigung der Kinder.
Auch und vor allem die Jugend betreffend wurde das viele Lesen stark kritisiert. Beneken argumentiert auf psychopathologischer Ebene. Seinen Beobachtungen nach sei die Jugend Weiterhin diagnostiziert er Dies seien die unvermeidlichen Folgen der Lesesucht.
Viele Aussagen in der Lesesuchtdebatte weisen eine Parallelität zu der Debatte um die Selbstbefleckung beziehungsweise die Sexualpathologie des 18. Jahrhunderts auf, in welcher die Onanie häufig als Krankheit definiert wurde, die sogar zum Tod führen konnte. Onanie und Lesesucht gehörten bei dem Pädagogen Christian Gotthilf Salzmann beide zu den Karl G. Bauer stellte in seiner Schrift Über die Mittel dem Geschlechtstrieb eine unschädliche Richtung zu geben (1787) fest, dass die erzeuge. Das Lesen, das einmal als Seltenheit galt, betreibt nun jeder, auch die Schichten, die nicht dazu bestimmt seien, so Bauer. Dadurch verliere man die Kontrolle über seine Geschlechtstriebe. Roetger fügt hinzu, dass es genug Bücher gebe, die man „literarische Bordelle“ nennen könne. Die Konstellation von Natur und Lektüre, wie sie gerade unter den jungen Intellektuellen des Öfteren zustande kam, führe zur Selbstbefleckung. So schreibt auch Karl Phillip Moritz (1756–1793), dass er gerne unter freiem Himmel diverse Dichter lese: .
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