Issé ist eine Pastoral-Oper (Originalbezeichnung: „Pastorale heroïque“) in einem Prolog und drei (später fünf) Akten von André Cardinal Destouches (Musik) mit einem Libretto von Antoine Houdar de la Motte. Nach einer konzertanten Aufführung am 7. Oktober 1697 in Fontainebleau erlebte sie ihre szenische Uraufführung am 17. Dezember desselben Jahres im Schloss Trianon und gelangte am 30. Dezember an die Pariser Oper. Am 14. Oktober 1708 hatte dort eine fünfaktige Zweitfassung Premiere.

Handlung der fünfaktigen Zweitfassung

Prolog

Der Garten der Hesperiden; Bäume mit goldenen Äpfeln; im Hintergrund ein feuerspeiender Drache

Szene 1. Die Hesperiden preisen ihr ruhiges und sicheres Leben in ihrem Garten. Der Drachen beschützt sie und ihre Schätze vor dem Zugriff der Menschen. Auch Amor hat hier keinen Zutritt.

Szene 2. Plötzlich dringt Hercule in den Garten ein und tötet den Drachen. Er ist jedoch nicht gekommen, um die Hesperiden zu versklaven oder zu berauben, sondern um die Früchte des Gartens der ganzen Welt zugänglich zu machen und den Menschen dadurch Frieden zu bringen.

Szene 3. Hercules Vater Jupiter erscheint, fordert seinen Sohn auf, seine verdiente Ruhe zu genießen, und lädt die Völker der Menschen in den Garten ein.

Szene 4. Die Völker strömen herein und feiern. Jupiter ruft Apollon und die anderen Götter hinzu, um dem Ereignis beizuwohnen.

Erster Akt

Ein Dorf

Szene 1. Apollon ist enttäuscht von der Liebe, nachdem er von Daphne abgewiesen wurde.

Szene 2. Er teilt seinem Freund Pan mit, dass sein Interesse jetzt der Nymphe Issé gilt. Da er diese ohne göttliche Hilfsmittel für sich gewinnen will, hat er sich als Schäfer Philémon verkleidet. Die beiden verstecken sich, als sie Issé bemerken.

Szene 3. Issé fühlt sich hilflos gegenüber den für sie neuen Gefühlen der Liebe, die sie vor der Außenwelt geheim zu halten versucht.

Szene 4. Issés Schwester Doris rät ihr, sich an der Liebe zu genießen. Sie freut sich darüber, dass es dem Schäfer Hilas endlich gelungen ist, Issés Leidenschaft zu wecken. Diese fürchtet sich jedoch vor dem Verlust ihrer Seelenruhe.

Szene 5. Hilas erscheint mit einer Gruppe von Nereiden und den von Amor angeführten Nymphen Dianas, um ihnen seine Geliebte Issé vorzustellen. Er und sein Gefolge fordern die Nymphe nachdrücklich auf, seinem Werben nachzugeben und seine Liebe auszukosten. Issé zögert.

Zweiter Akt

mini|links|Franz Ertinger: Bild aus dem Libretto, Paris 1703

Der Palast Issés und seine Gärten

Szene 1. Issé versucht weiterhin, die Liebe von sich fernzuhalten. Als Doris sie auf den sich nahenden Philémon hinweist, würde sie am liebsten eine Begegnung vermeiden.

Szene 2. Apollo/Philémon wirbt heftig um Issé und fragt sie nach ihren Gefühlen für Hilas. Issé leugnet, dessen Liebe zu erwidern, und hat daraufhin Mühe, Apollon abzuwehren.

Szene 3. Unterdessen bemüht sich Pan um Doris. Auch sie ist zurückhaltend. Pan erklärt ihr, dass die Liebe für ihn nur ein Spiel sei. Dies sei einem schwer zu löschenden Liebesfeuer vorzuziehen.

Szene 4. Schäferinnen und Schäfer preisen die leichte Liebe ohne Schmerzen.

Dritter Akt

Der Wald von Dodone

Szene 1.Die Szene III:1 fehlt in der CD-Aufnahme von 2018. Apollon und Pan überlegen, wie Issé umgestimmt werden kann. Sie beschließen, den göttlichen Willen durch das Orakel zu offenbaren.

Szene 2. Hilas lässt seinem Schmerz in der Wildnis des Waldes freien Lauf.

Szene 3. Die Ankunft von Issé und Doris verstärkt sein Leiden noch, zumal sie ihn weiterhin zurückweist, Amor allein die Schuld an seinen Gefühlen gibt und jede Verantwortung dafür ablehnt.

Szene 4. Pan macht Doris erneut den Hof. Zunächst lehnt sie diesen erklärtermaßen treulosen Liebhaber ab, doch schließlich kann er sie zu einer kleinen Romanze überreden.

Szene 5. Die Priester von Dodone befragen das Orakel nach dem Liebesschicksal Issés. Es verkündet, dass sich Issé von den stärksten Gefühlen entflammen lassen soll und Apollon ihre Liebe begehrt. Issé ist entsetzt.

Szene 6. Eine Nymphe rät Issé, den Wünschen Apollons nachzugeben und seine Liebe zu genießen.

Vierter Akt

Eine Grotte

Szene 1. In einer einsamen Höhle bejammert Issé ihr Schicksal. Sie hätte lieber den Zorn des Gottes ertragen als seine Liebe. Ein Echo und süße Melodien verwirren sie.

Szene 2. Le Sommeil, der Schlaf, erscheint in Begleitung von Träumen, Zephyren und Nymphen und lässt Issé einschlummern. In ihren Träumen soll sie Apollon in all seinem Glanz sehen.

Szene 3. Auch Hilas hat es in die Einsamkeit der Höhle getrieben. Als er die schlafende Issé entdeckt, betrachtet er sie eine Weile stumm. Sie erwacht jedoch und denkt über ihren Traum nach, in dem sie mit dem Gott Apollon eine Liebesbeziehung eingegangen war, obwohl ihre Gefühle doch eigentlich Philémon gelten. Hilas sieht ein, dass er es mit einem göttlichen Rivalen nicht aufnehmen kann, und zieht sich zurück.

Szene 4. Pan teilt Issé mit, dass Philémon befürchte, sie werde ihn wegen des Orakels verlassen. Sie eilt los, um ihren Geliebten vom Gegenteil zu überzeugen.

Fünfter Akt

mini|Gabriel de Saint-Aubin: Apollon und Issé

Einsame Gegend

Szene 1. Doris beneidet die Vögel um ihre Fähigkeit zur Liebe ohne Eifersucht.

Szene 2. Sie glaubt, Pan habe sich bereits von ihr ab- und einem anderen Liebesobjekt zugewandt. Beide erkennen, dass sie in der Liebe unterschiedliche Ziele haben, und wollen sich andere Partner suchen.

Szene 3. Philémon gibt vor, auf Apollon eifersüchtig zu sein. Issé versichert ihm jedoch, dass sie nur ihn liebe. Um ihn zu überzeugen, ruft sie Apollon herbei. Dies bereut sie sofort, da sie befürchtet, dass der Gott ihrem Geliebten strafen könnte.

Die Szene verwandelt sich in einen prächtigen Palast

Issé fleht Philémon an, vor dem Zorn Apollons zu fliehen. Der beruhigt sie aber und gibt sich ihr schließlich zu erkennen. Beide bekennen ihre gegenseitige Liebe.

Szene 4. Menschen aus aller Welt bejubeln das Paar und wünschen ihm lebenslanges Glück.

Gestaltung

Der Prolog hat durch den „Kriegslärm“ („Bruit de guerre“) und den Chor „Battez tambours“ einen kriegerischen Charakter. Er ist laut Vorbemerkung im Libretto allegorisch als direkte Huldigung an König Ludwig XIV. zu verstehen: Der Garten der Hesperiden stelle den Überfluss dar. Der Drachen, der den Eingang dazu verteidigt, sei ein Symbol für den Krieg, der den Handel zum Stillstand bringe und das Volk davon fernhalte. Hercule mache durch seinen Sieg über den Drachen den Garten für jedermann zugänglich. Er sei ein exaktes Bild des Königs, der so oft gesiegt habe, um den Krieg beenden zu können und seinen Völkern und Nachbarn den ersehnten Reichtum zu bringen.Vorwort des Librettos.

Der erste Akt dagegen wirkt pastoral. Hier gibt es eine Schäfermusik mit Oboen.

Der tragisch-dramatische Charakter des dritten und vierten Akts wird durch große Intervalle und Chromatik verstärkt. Ein Beispiel hierfür ist Hilas’ Arie „Sombre déserts“. Ein langsamer Marsch leitet die darauf folgende Orakelszene ein. Feierlich sind auch die Arie des Oberpriesters „Arbres sacrés“ und das ihm gewidmete Prélude. In der Zweitfassung der Oper wird der Orakelspruch „Issé doit s’enflammer“ von Orchester-Tremoli begleitet.

Chromatik prägt auch Issés Arie „Funeste amour“ zu Beginn des vierten Akts, die von zwei konzertierenden Blockflöten begleitet wird. Im Mittelteil kommt noch eine „flûte allemande“ hinzu. Diese Instrumente werden in unterschiedlichen Kombinationen eingesetzt, um Issés Stimmungswechsel abzubilden. Der folgende Chor der Schlafgeister „Belle Issé“ ist ein dreistimmiger A-cappella-Satz.

Doris’ Vogelarie „Chantez oiseaux“ im fünften Akt ist ein Dialog der Stimme mit den Flöten und der Violine. Im folgenden Duett von Doris und Pan verlaufen die beiden Gesangsstimmen unabhängig voneinander, um die Uneinigkeit der beiden hervorzuheben.

Orchester

Die Orchesterbesetzung der Oper enthält die folgenden Instrumente:

Holzbläser: zwei Piccoloflöten, zwei Flöten, zwei Oboen, zwei Fagotte Blechbläser: zwei Trompeten Pauken, Trommel Streicher Basso continuo

Musiknummern

Im Klavierauszug von Hector Salomon (Paris 1880) sind die folgenden Musiknummern angegeben:

Ouverture

Prolog Solo und Chor (Hesperiden): „Nous jouissons ici“ Chor: „Que de nos plus doux chants“ Air pour les Hespérides (Ballett) Bruit de Guerre Chor (Hesperiden): „Dieux! Quel succès!“ Arie (Hercule): „Craignez-vous que mon bras“ Air pour la descente de Jupiter Arie (Jupiter): „Que ton bras se repose“ Chor: „Allons, allons, accourons tous“ Premier air pour les peuples (Ballett) Premier et deuxième menuet Arie (erste Hesperide): „Que ces lieux sont d’heureux asiles!“ Deuxième air pour les peuples (Ballett) Prélude und Arie (erste Hesperide): „Beaux lieux!“ Air de Trompettes Chor: „Charmants hautbois, douces musettes“ Arie (Jupiter): „Alcide, ce grand jour“ Entr’acte

Erster Akt Arie (Philémon): „Quand on a souffert“ Duett (Philémon, Pan): „A qui vous plaiguez-vous“ Arie (Issé): „Heureuse paix“ Duett (Doris, Issé): „J’aime à vous voir“ Arie (Doris): „Quand un doux penchant“ Marche Arie (Hilas): „Nymphes, jugez ici“ Chor: „Aimez, aimez“ Deuxième Air (Ballett) Chor (Schäfer): „Les doux plaisirs“ Passe-pied (Ballett) Rezitativ (Hilas, Issé): „Sans succès, belle Issé“ Chor: „Aimez, aimez“ Entr’acte

Zweiter Akt Arie und Rezitativ (Issé, Doris, Philémon): „Amour, laisse mon cœur“ Duett (Pan, Doris): „Ne songez point à rn’éviter“ Marche Chor: „Changeons toujours dans nos amours“ Premier Air (Ballett) Schäfer: „Formez les plus doux nœuds“ Chor: „Formez les plus doux nœuds“ Deuxième Air (Ballett) Gigue (Ballett) Arie (Doris): „Des oiseaux de ces lieux charmants“ Premier Rigaudon Deuxième Rigaudon

Dritter Akt Duett (Philémon, Pan): „La Nymphe esl sensible à mes vœux“ Arie (Pan):Die Arie „Sombres déserts“ ist im Libretto und in der Partitur von 1724 Hilas zugewiesen. „Sombres déserts“ Rezitativ (Hilas, Issé): „Cruelle, vous souffrez ici“ Duett (Pan, Doris): „Doris. je vous cherche en tous lieux“ Marche Arie (Oberpriester): „Ministres révérés“ Chor: „Commençons nos mystères“ Arie (Oberpriester): „Arbres sacrés“ Prélude pour le Grand Prêtre Arie (Oberpriester): „Mais déjà dans chaque branche“ Chor: „Chantons, chantons Issé“ Premier Air pour les Faunes (Ballett) Arie (eine Dryade): „Ici les tendres oiseaux“ Premier Passepied (Ballett) Deuxième Passepied (Ballett) Entr’acte. Air de Trompettes

Vierter Akt Arie (Issé): „Funeste amour“ Chor und Issé: „Belle Issé“ Sarabande Issé: „C’en est fait“ Arie (le Sommeil): „Songes, pour Apollon“ Arie (Hilas): „Que vois-je! c’est Issé.“ Duett (Issé, Hilas): „Qu’ai-je pensé?“ Rezitativ (Pan. Issé): „Philémon, belle Issé“ Entr’acte

mini|François Boucher: Apollon offenbart Issé seine Göttlichkeit

Fünfter Akt Arie (Doris): „Chantez oiseaux“ Duett (Pan, Doris): „Quel sujet a conduit Doris“ Arie (Pan): „Heureuse mille fois“ Duett (Issé, Philémon): „Non. je ne puis me rassurer“ (Apollon, Issé, les Heures) Marche des Nations Chor: „Que tes plaisirs sont doux!“ Air pour les Européens (Ballett) Menuet Couplet (eine Europäerin): „Ah! que d’attraits“ Chor: „Ah! que d’attraits“ Air des Américains (Ballett) Couplet (ein Amerikaner): „Peut-on jamais braver l’amour“ Air pour les Égyptiens (Ballett) Air des Chinois (Ballett) Chor: „Que tes plaisirs sont doux!“

Werkgeschichte

mini|Titelblatt des Librettos, Paris 1703

mini|Titelblatt des Klavierauszugs von Hector Salomon, Paris 1880