Die Freiherr-vom-Stein-Kaserne ist eine ehemalige Kaserne der Bundeswehr in Diez-Ost. Die 29,8 Hektar große Truppenunterkunft entstand 1956 auf dem Gelände des ehemaligen Stammlagers (Stalag) XII A, eines durch die Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg errichteten Kriegsgefangenenlagers. 1960 wurden die Baracken des Lagers durch Neubauten vollständig ersetzt. Hauptsächlich waren in der Kaserne Nachschub-Verbände und Logistiktruppenteile mit 982 Dienstposten stationiert. Die Kaserne wurde Mitte 2015 durch die Bundeswehr aufgegeben. Bevor eine zivile Konversion des Geländes geplant und umgesetzt werden konnte, erfolgte ab September 2015 die Umnutzung als Aufnahmeeinrichtung für Asylbegehrende (AfA), in der über 700 Asylsuchende und Flüchtlinge untergebracht wurden. Seit September 2017 ist in der Kaserne das Bundespolizeiaus- und -fortbildungszentrum Diez untergebracht, das dauerhaft am Standort verbleiben soll.
Vorgeschichte, Bau und Stationierungsgeschichte Im Zusammenhang mit dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen am 1. September 1939 wurde ab August 1939 auf dem späteren Kasernengelände ein Kriegsgefangenen-Durchgangslager („Dulag“) eingerichtet, das hauptsächlich aus Holzbaracken bestand. Ab Januar 1940 wurde es in ein Kriegsgefangenen-Stammlager („Stalag“) der Wehrmacht umgewandelt und erhielt die Bezeichnung XII A. Es war ausgelegt für die gleichzeitige Internierung von bis zu 43.000 Kriegsgefangenen. Aufgenommen wurden hauptsächlich Belgier, Franzosen, Briten, Polen, Russen, US-Amerikaner und Italiener. Fast 100.000 Soldaten und politische Häftlinge wurden zwischen 1939 und 1945 im Gefangenenlager registriert. Sie waren unter unmenschlichen Bedingungen untergebracht und zur Zwangsarbeit verpflichtet.Rolf-Peter Kahl: Ohne Vergangenheit keine Zukunft, in: Nassauische/Frankfurter Neue Presse vom 30. März 2015 Die Zahl der Opfer ist bis heute unbekannt. 500 sowjetische Kriegsgefangene sind vom Stalag XII A in das Konzentrationslager Buchenwald überführt und dort hingerichtet worden. Am 23. Dezember 1944 wurde das Kriegsgefangenenlager versehentlich von alliierten Luftstreitkräften bombardiert, deren Ziel der Limburger Bahnhof gewesen war. 80 Gefangene starben, über 100 Häftlinge wurden verletzt.Adolf Morlang (Ltg.): Gedenkstätten zu den Verbrechen des Nationalsozialismus im Rhein-Lahn-Kreis, in: Beiträge zur jüdischen Geschichte und zur Gedenkstättenarbeit in Rheinland-Pfalz, Heft Nr. 9, 1/95, S. 28 (31) Am 27. März 1945 wurde das Lager schließlich durch US-amerikanische Truppen befreit.Rolf-Peter Kahl: Ohne Vergangenheit keine Zukunft, in: Nassauische/Frankfurter Neue Presse vom 30. März 2015Zum Gedenken an das Kriegsende, in: Frankfurter/Nassauische Neue Presse vom 6. März 2015
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurden im Lager, das nunmehr als Prisoner of War Temporary Enclosure A19 benannt war, durch US-Truppen erneut Kriegsgefangene ab Ende März 1945 untergebracht. 30.000 bis 35.000 Soldaten der Wehrmacht waren hier interniert. Die Bedingungen im Lager wurden schrittweise verbessert, etwa durch den Einbau sanitärer Anlagen und durch Errichtung eines Lazaretts, das im Juni 1945 von Heidesheim nach Diez gebracht wurde. Das Kriegsgefangenenlager wurde am 10. Juli 1945 von den amerikanischen Truppen an die französische Besatzungsmacht mit ca. 22.000 noch verbliebenen Kriegsgefangenen übergeben. Das Lager wurde in der darauffolgenden Zeit geräumt, indem die Gefangenen entlassen, in andere Lager oder nach Frankreich zu Reparationsarbeiten gebracht wurden.Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz, Referat Gedenkarbeit: Kriegsgefangenschaft in den Rheinwiesenlagern 1945 bis 1948. Das Lager Dietz (PWTE A19), Osthofen 2015
Von 1946 bis 1948 internierte die französische Armee im Lager ehemalige NS-Funktionäre und andere Zivilpersonen, bei denen der Verdacht bestand, Straftaten in der NS-Zeit begangen zu haben. Später wurde ein Camp für Displaced Persons eingerichtet, in dem insbesondere Holocaustüberlebende sowie ausländische Zwangsarbeiter auf ihrem Weg in ihre Heimat eine Zwischenunterkunft erhielten. Von 1952 bis 1956 waren schließlich französische Truppen sowie Vorläufereinheiten der späteren Bundeswehr untergebracht. Am 3. November 1956 übernahm die Bundeswehr offiziell das Lager als Kaserne.
Die Nutzung des Standortes begann mit einer Reihe von Aufstellungen neuer Verbände, die jeweils kurz darauf an ihre vorgesehenen Standorte verlegt wurden. 1956 zog der Stab des Feldzeugregiments 501 in die Barackenanlage ein, wurde jedoch noch im selben Jahr nach Ludwigsburg verlegt. Die Einheit wurde 1959 in Instandsetzungsregiment 2 umbenannt, zog 1960 nach Ulm und erfuhr 1972 die Umgliederung zum Instandsetzungskommando 2 des II. Korps. 1993 wurde das Kommando zum Instandsetzungsregiment 21 und kam nach Dornstadt. 1996 erfolgte die Fusionierung mit dem Nachschub-/Transportregiment 22 zum Logistikregiment 22. 2002 wurde das Logistikregiment 22 zum Logistikregiment 47 umbenannt. 2015 kam schließlich die Auflösung.Verteidigungskreiskommando 412/Hauptmann Michael Knaack: Dein Standort Diez/Lahn. 2. Auflage, Koblenz/Bonn 1982, S. 17
Ebenfalls 1956 bezog die Quartiermeisterkompanie 2 die Kaserne, verließ diese jedoch 1957 wieder, um in der Fritsch-Kaserne in Koblenz eine neue Heimat zu erhalten. 1959 wurde die Kompanie aufgelöst.
Im November 1956 zog die Unteroffizierlehrkompanie „Andernach“, die am 1. August 1956 in der Krahnenberg-Kaserne in Andernach aufgestellt worden war, in die Baracken des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers ein. Am 26. Februar 1957 verlegte diese Einheit in das Lager Rheinbach, wo sie schließlich am 31. März 1957 in 1. Wachkompanie des Wachbataillon BMVg umbenannt wird.
Anfang März 1957 erfolgten die Aufstellungen der mittleren Feldzeuginstandsetzungskompanie 539 und der mittleren Feldzeuginstandsetzungskompanie 540 in der Kaserne in Diez-Ost. Bereits am 14. März 1957 erfolgt die Verlegung der mittleren Feldzeuginstandsetzungskompanie 539 in die Spilburg-Kaserne Wetzlar. Die mittlere Feldzeuginstandsetzungskompanie 540 kam noch 1957 in die Fritsch-Kaserne nach Koblenz.
Am 16. Mai 1957 schlug in der Kaserne die Geburtsstunde des Feldzeugregiments 504. Im Januar 1958 verlegte diese Einheit in die Rhein-Kaserne nach Koblenz, wo im April 1959 ihre Umbenennung in Instandsetzungsregiment 3 des III. Korps erfolgte. 1967 erhielt diese Einheit die Bezeichnung als Korpsinstandsetzungskommandeur 3. 1972 folgte die Umstrukturierung in das Instandsetzungskommando 3 des III. Korps. 1993 wurde das Instandsetzungskommando 3 schließlich aufgelöst.
Ebenfalls 1957 wurde die Feldzeugdepotkompanie 606 in der Kaserne aufgestellt. 1958 wurde diese Einheit in die Rhein-Kaserne nach Koblenz verlegt. Dort wurde sie am 1. Dezember 1958 in Ersatzteilkompanie 453 umbenannt. Am 1. Oktober 1966 erfolgte eine weitere Umbenennung in 5./mittleres Instandsetzungsbataillon 450, schließlich am 1. Oktober 1972 in 5./Instandsetzungsbataillon 450, bevor die Kompanie am 1. Oktober 1975 im Instandsetzungsbataillon 5 aufging.
Das Quartiermeisterregiment 903 wurde 1957 in der Kaserne aufgestellt. Ihm unterstanden u. a. das Quartiermeisternachschubbataillon 907 und das in Zweibrücken stationierte Quatiermeistertransportbataillon 914. Am 16. März 1959 erfolgte die Umgliederung zum Transportregiment 3 des III. Korps. Das Regiment wurde am 1. Januar 1962 zum Korpsnachschubkommandeur 3 umbenannt. 1972 erfolgte dann eine weitere Umgliederung zum Nachschubkommando 3. 1993 wurde der Verband nach Koblenz in die Rhein-Kaserne verlegt und zum 31. Oktober 1995 aufgelöst.
Am 1. April 1959 kam aus Zweibrücken die 1957 aufgestellte schwere Betriebsstofftransportkompanie 317 in die Kaserne nach Diez. Sie wurde dem Materialbataillon 310 unterstellt und am 1. Mai 1963 schließlich aufgelöst.
1959/1960 erfolgte der Neubau der Kaserne. Die Holzbaracken wurden durch moderne Unterkunfts-, Stabs- und Versorgungsgebäude ersetzt. Die Kaserne erhielt 1960 den Namen „Freiherr-vom-Stein-Kaserne“.Deutscher Bundeswehrverband e.V., Landesverband West, Kameradschaft ERH Diez – Limburg: Zeittafel der Bundeswehr in Diez, Abruf am 13. April 2020
Ab 1. Juli 1956 wurde in Andernach das Quartiermeisternachschubbataillon 907 mit Stabszug 907, Quartiermeisternachschubkompanie 929, Quartiermeisternachschubkompanie 934 und Quartiermeisterinstandsetzungskompanie 939 aufgestellt. Am 1. Februar 1957 erhielt das Bataillon seine Führung. Am 27. Februar 1958 wurde das Bataillon in Quartiermeisterbataillon 907 umbenannt und mit der Quartiermeisternachschubkompanie 929 und der Quartiermeisterinstandsetzungskompanie 939 nach Diez verlegt, wobei der Stab in das Schloss Oranienstein einzog, die beiden Kompanien ihr Quartier in der Stadt-Kaserne, der späteren Wilhelm-von-Nassau-Kaserne Diez nahmen. In Andernach verblieb nur noch die Quartiermeisternachschubkompanie 934. Am 1. April 1959 wurde das Bataillon abermals umbenannt in Materialbataillon 310. Am 1. Juli 1960 konnten die Einheiten des Bataillons in die neue Freiherr-vom-Stein-Kaserne in Diez einziehen, darunter auch der Stab des Materialbataillon 310.
1960 wurde in der Freiherr-vom-Stein-Kaserne die (Pionier-)Ausbildungskompanie 14/III aufgestellt. Noch im selben Jahr erfolgte ihre Verlegung nach Zweibrücken, 1962 weiter nach Daaden-Emmerzhausen. Zum 1. Januar 1966 wurde die Ausbildungskompanie 14/III aufgelöst.
Während die Radiokompanie 993 am 4. November 1959 in Rengsdorf im Westerwald aufgestellt und 1961 nach Diez verlegt worden war, entstanden ihre Schwesterkompanien 990 und 991 erst 1961 in der Freiherr-vom-Stein-Kaserne. Aus den Kompanien wurde 1962 das Rundfunkbataillon 990 gebildet, das am 1. November 1962 schließlich nach Andernach zum Betrieb des Bundeswehr-Radiosenders „Radio Andernach“ verlegt wurde. In der dortigen Krahnenberg-Kaserne erlebte das Bataillon zahlreiche Umbenennungen: ab Mai 1963 hieß es Rundfunkbataillon 701, ab April 1965 PSK-Senderbataillon 701, ab April 1971 PSV-Senderbataillon 1, ab 1974 PSV-Sendebataillon 1, ab 1975 PSV-Bataillon 1, ab 1. April 1981 PSV-Bataillon 850 (teilaktiv), ab Oktober 1990 Fernmeldebataillon 950 Operative Information, ab 1998 Bataillon Operative Information 950. Am 1. Juli 2002 wurde es zunächst nach Mayen verlegt, bevor es im selben Jahr nach Koblenz kam. Am 31. Januar 2014 erfolgte schließlich die Auflösung des Bataillons.
Am 1. April 1962 wurde aus dem Materialbataillon 310 das Nachschubbataillon 310. 1967 erfolgte die Teilung des Bataillons in Nachschubbataillon 310 und Nachschubbataillon 320. Dabei wurde die Nachschubkompanie 321 in das Nachschubbataillon 320 eingegliedert. Beide Bataillone waren weiterhin in der Kaserne stationiert.
1967 wurde die 5. Kompanie des in Buch bei Kastellaun neu aufgestellten Betriebsstofftransportbataillon 390 in der Freiherr-vom-Stein-Kaserne untergebracht.
Das 1967 aus Teilen des Nachschubbataillons 310 hervorgegangene und in der Kaserne stationierte Nachschubbataillon 320 wurde 1971 wieder aufgelöst. Es ging im Wesentlichen im Nachschubausbildungszentrum 300 auf, das von 1972 bis 1990 im Schloss Oranienstein eingerichtet war.
1971 wurde im Mobilmachungsstützpunkt der Kaserne das Material des 1970 in der Fritsch-Kaserne Koblenz aufgestellten Nachschubbataillon 350 (Geräteeinheit) untergebracht. Auch dieses Bataillon wurde 1972 zur Aufstellung des Nachschubausbildungszentrum 300 herangezogen und aufgelöst.
Die 1970 in der ehemaligen Gendarmeriekaserne in Bad Ems aufgestellte, teilaktive Frontnachrichtenlehrkompanie 300 wurde 1971 in die Freiherr-vom-Stein-Kaserne verlegt. 1979 erfolgte die Umbenennung zur teilaktiven Frontnachrichtenkompanie 300, 1980 bereits wieder die Bezeichnung als Frontnachrichtenlehrkompanie 300 (teilaktiv). Diese Einheit blieb bis 2002 bestehen und wurde sodann in das Feldnachrichtenzentrum der Bundeswehr mit Sitz in der Freiherr-vom-Stein-Kaserne eingegliedert.