Eine geschlechtsselektive Abtreibung oder geschlechtsspezifische AbtreibungAnja Knabenhans: Wenn Eltern ihr Kind wegen des Geschlechts abtreiben. In: Neue Zürcher Zeitung. 25. Februar 2018. ist ein Schwangerschaftsabbruch aufgrund des Geschlechts des ungeborenen Kindes. Der Hauptgrund für geschlechtsselektive Abtreibung ist die systematische und tief verwurzelte Bevorzugung von männlichem Nachwuchs. Betroffene Regionen sind hauptsächlich Südasien, Ostasien, Zentralasien.T. Hesketh, Z. W. Xing: Abnormal sex ratios in human populations: Causes and consequences. In: Proceedings of the National Academy of Sciences. Band 103, 2006, S. 13271, doi:10.1073/pnas.0602203103.

Seit es möglich ist, das Geschlecht durch Ultraschalluntersuchungen vor der Geburt zu bestimmen, wird in China, in indischen Bundesstaaten (Punjab, Delhi, Gujarat), Südkorea und im Südkaukasus (Aserbaidschan, Armenien, Georgien) ein sehr starker Überhang an registrierten Geburten von Jungen gegenüber Mädchen festgestellt, der nur durch (meist illegale) gezielte Abtreibung weiblicher Föten erklärbar ist. Dies zeigt sich in abgeschwächter Form sogar an asiatischen Einwanderern in den USA und Großbritannien gegenüber den anderen Bevölkerungsgruppen.James F. X. Egan, Winston A. Campbell, Audrey Chapman, Alireza A. Shamshirsaz, Padmalatha Gurram, Peter A. Benn: Distortions of sex ratios at birth in the United States; evidence for prenatal gender selection. In: Prenatal Diagnostics. Band 31, 2011, S. 560–565. doi:10.1002/pd.2747Sylvie Dubuc, David Coleman: An Increase in the Sex Ratio of Births to India-born Mothers in England and Wales: Evidence for Sex-Selective Abortion. In: Population and Development Review. Band 33, Nr. 2, 2007, S. 383–400.

Die Generalversammlung der Vereinten Nationen erließ 1997 eine Resolution, die „alle Staaten nachdrücklich auf[forderte], Gesetze zu erlassen und durchzusetzen, die Mädchen vor jeglicher Form der Gewalt schützen, namentlich vor der Tötung weiblicher Neugeborener und der vorgeburtlichen Geschlechtsselektion“.Resolution 51/76 der UN-Generalversammlung (UN General Assembly: Resolution on the girl child, A/RES/51/76) vom 20. Februar 1997, (englisch), (deutsch, Vorauskopie). Sehr ähnlich z. B. Resolution 7/29 des UN-Menschenrechtsrats (UN Human Rights Council: Rights of the child, HRC/RES/7/29) vom 28. März 2008, 24b. Das Verbot geschlechtsselektiver Abtreibungen gehört zum Völkergewohnheitsrecht.

Statistik mini|300px|Geschlechterverhältnis bei der Geburt 2012 nach den Daten der Weltbank-Datenbank

Dem World Factbook (2019) zufolge kommen auf 100 Mädchengeburten in China 114 Jungen, in Armenien und Indien 112 und in Hongkong sowie im Vietnam 110.. In: Central Intelligence Agency (Hrsg.): The World Factbook. Im Jahr 2010 sollen in China sogar noch 120, in einigen ländlichen Gebieten (Anhui, Jiangxi, Shaanxi, Hunan and Guangdong) sogar 130 Jungen auf 100 Mädchen geboren worden sein.C. Kang, Y. Wang: Sex ratio at birth. In: Theses Collection of 2001 National Family Planning and Reproductive Health Survey. Beijing: China Population Publishing House. 2003, S. 88–98. Der Datenbank der Weltbank zufolge kamen im Jahr 2010 auf 100 Mädchengeburten in Aserbaidschan 116,1, in China 115,8 und in Armenien 114,3 Jungen.The Wold Bank DataBank, Gender Statistics, Sex ratio at birth. (Unter „Layout“, „Format Numbers“, „Precision“ 0.0000 auswählen!)

Große Aufmerksamkeit erlangte die These von Amartya Sen, der das Problem der missing women („fehlende Frauen“) bereits 1990 thematisierte und von insgesamt 100 Millionen fehlenden Frauen sprach und vor den sozioökonomischen Folgen warnte.Amartya Sen: More than 100 million women are missing. In: New York Review of Books. S. 61–66. Der Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen schätzte 2020, dass 142,6 Millionen Frauen weltweit fehlten.

Es ist davon auszugehen, dass seit etwa 1995 über eine Million Mädchen jährlich wegen ihres Geschlechts abgetrieben werden. Gemäß der Schätzung der UNFPA lag die Zahl der fehlenden Mädchengeburten für den Zeitraum 2015–2020 bei durchschnittlich 1,5 Millionen jährlich, für den Zeitraum 2010–2015 bei 1,69 Millionen jährlich. Dazu kommt eine ähnlich große Zahl an Todesfällen von Mädchen, die auf das Geschlecht zurückgeführt werden (1,71 Millionen jährlich 2015–2020).

Eine 2019 veröffentlichte statistische Analyse, die die Daten bis 2017 auswertete, geht von weltweit 23 Millionen geschlechtsselektiver Schwangerschaftsabbrüche aus, die seit 1970 durchgeführt wurden, wobei 11,9 Millionen auf China und 10,6 Millionen auf Indien entfallen. Insgesamt wurde für 12 Staaten eine statistisch signifikante Abweichung vom natürlichen Geschlechterverhältnis bei der Geburt ermittelt: Albanien, Armenien, Aserbaidschan, Volksrepublik China, Georgien, Hongkong, Indien, Südkorea, Montenegro, Taiwan, Tunesien und Vietnam. Der Demographieforscher Christophe Guilmoto vom Institut für Entwicklung an der Universität Paris-Decartes schätzt, dass durch selektive Abtreibungen und Kindstötungen allein in Asien 117 Millionen Frauen fehlen. Ein UN-Bericht aus dem Jahr 2010 verzeichnet 85 Millionen verhinderte Frauenleben allein in China und Indien.

Neben der Abtreibungspraxis gibt es in den betreffenden Ländern auch eine lange Kultur der Kindstötung bzw. des Infantizids, wovon ebenfalls überwiegend Mädchen betroffen sind. Die UN schätzte:

Natürliche Geschlechterverteilung Die menschliche Geschlechterverteilung bei der Geburt liegt bei etwa 105 Jungen auf 100 Mädchen. Kommen mehr als 108 Jungen auf 100 Mädchen, ist von einer selektiven Abtreibung von Mädchen auszugehen, bei weniger als 102 Jungen von einer Selektion von Jungen.Report of the International Workshop on Skewed Sex Ratios at Birth United Nations FPA (2012). Einige Autoren schließen bereits bei einer Abweichung von 105–107 Jungen auf geschlechtsselektive Abtreibungen. Dagegen werden natürlich bedingte Schwankungen der Geschlechterverteilung angeführt, deren Einfluss bislang nicht hinreichend geklärt ist. Hochrechnungen, die von der Geschlechterverteilung bei der Geburt auf die Zahl abgetriebener Mädchen schließt, sind daher mit einer gewissen Unsicherheit behaftet.

Vorgeburtliche Geschlechtsbestimmung Im Fall von In-vitro-Fertilisation ist geschlechtliche Selektion medizinisch möglich (vgl. Artikel Präimplantationsdiagnostik, Abschnitt Selektion des Geschlechts ohne Krankheitsbezug). Bei natürlich empfangenen Kindern besteht die frühestmögliche pränataldiagnostische Feststellung des Geschlechts des Kindes in der Untersuchung der zellfreien fetalen DNA im mütterlichen Blutkreislauf. Dadurch kann ab der siebten Schwangerschaftswoche durch eine Blutuntersuchung der Mutter mit 98%iger Zuverlässigkeit das Geschlecht des Kindes bestimmt werden.

Durch transvaginale oder transabdominale Sonografie („Ultraschalluntersuchung“) wird das Geschlecht des Kindes normalerweise festgestellt. In der zwölften Schwangerschaftswoche sind die sonographischen Ergebnisse hinsichtlich der Geschlechtsbestimmung zu etwa 75 % korrekt. Nach der 13. Schwangerschaftswoche sind die Resultate annähernd immer korrekt.

Auch durch Chorionzottenbiopsie („Plazenta-Punktion“) und Amniozentese („Fruchtwasser-Punktion“) kann das Geschlecht des Ungeborenen bestimmt werden. Diese Methoden können zwar schon früher angewendet werden als die Sonographie, sind aber invasiv und daher risikoreicher. Da sie außerdem teurer sind, spielen sie im Kontext geschlechtsselektiver Abbrüche keine große Rolle.

Situation in Asien Indien mini|Geschlechterverteilung bei Kindern von 0 bis 1 Jahren in Indien 2011 – nach der Anzahl der Jungen je 100 Mädchen: 101–103   103–107… 125–130 Jungs indienweiter Durchschnitt: 110 Jungen indienweiter ø unter 7 Jahren: 109 Jungen indische Gesamtbevölkerung:  106 männlich mini|Hinweisschild in einem indischen Krankenhaus, dass die vorgeburtliche Geschlechtsbestimmung nicht erlaubt ist

In Indien werden deutlich mehr weibliche Föten abgetrieben als männliche: Laut der Volkszählung 2011 kamen auf 1000 Jungen nur 914 Mädchen (47,75 % = 109 Jungen zu 100 Mädchen) – im Jahr 2001 waren es noch 927 Mädchen (48,11 %, 108:100; jeweils unter 7 Jahren). In der Gesamtbevölkerung kamen im Jahr 2011 auf 1000 männliche 940 weibliche Inder (48,45 %, 106:100) – im Jahr 2001 waren es 933 weibliche (48,27 %, 107:100).Census of India 2011: Sex Ratio of Total population and child population in the age group 0-6 and 7+ years: 2001 and 2011. Delhi 2011 (englisch; ).

1994 hatte das indische Parlament mit dem Pre-Conception and Pre-Natal Diagnostic Techniques (PCPNDT) Act die pränatale Geschlechtserkennung verboten und unter Strafe gestellt.Pre-Conception & Pre-Natal. Diagnostic Techniques Act, 1994 and Rules with Amendments Ministry of Health and Family Welfare, Indien. Deepak Dahiya, der ehemalige Gesundheitsamtsleiter des Bundesstaates Haryana, in welchem besonders viele Mädchen abgetrieben wurden, wirkte sehr für die Umsetzung des Gesetzes. Er brachte 30 Ärzte, die illegal Ultraschalluntersuchungen durchgeführt hatten, in den Jahren von 2001 bis 2005 vor Gericht. Die Mädchengeburten in Haryana zogen aufgrund des harten Durchgreifens an. Seit der Pensionierung von Dahiya im Jahr 2005 nahm der Femizid jedoch wieder zu, da kein politischer Wille zur Durchsetzung des Gesetzes mehr erkennbar ist.

In Indien hat der Mord an Töchtern auch wirtschaftliche Gründe. Schon früher war eine Tochter wegen der bei ihrer Heirat anstehenden hohen „Aussteuer“ eine Last (siehe Mitgiftmorde); heute fallen außerdem noch Schul- und Erziehungskosten an. Anfang der 1990er Jahre machten Abtreibungskliniken Werbung im öffentlichen Raum mit dem Slogan „Pay Rupees 500 now or 50,000 in eighteen years!“, wobei der vergleichsweise geringe Preis für einen Schwangerschaftsabbruch der damals üblichen und weitaus höheren Mitgift für eine Tochter gegenübergestellt wurde.Slogan zitiert in Mala Sen: Death by Fire. Sati, Dowry Death and Female Infanticide in Modern India, London 2001, S. 187; vgl. Die Geschlechtsselektion in Indien kann jedoch nicht ausschließlich auf mangelnde wirtschaftliche Ressourcen zurückgeführt werden. „Vielmehr sei gerade in wohlhabenderen Schichten ein Anstieg der Kindsmorde zu beobachten, der durch den wachsenden Materialismus ausgelöst worden sei. Fortschritt und Modernisierung konnten dem tiefverwurzelten Wunsch nach männlichen Nachfolgern bislang wenig entgegenwirken.“Slogan zitiert in Mala Sen: Death by Fire. Sati, Dowry Death and Female Infanticide in Modern India, London 2001, S. 187; vgl. Dies betrifft bspw. Haryana und Punjab, bei denen es sich jeweils um reiche Staaten mit Bauern und Großgrundbesitzern handelt, vgl. Mala Sen: Death by Fire. Sati, Dowry Death and Female Infanticide in Modern India. London 2001, S. 271.

China mini|Chinesische Aufschrift, dass es verboten ist, weibliche Babys zu diskriminieren, misshandeln oder auszusetzen (Danshan, Sichuan)

Die 1979/1980 eingeführte „Ein-Kind-Politik“ steigerte den Wunsch vieler Eltern nach männlichen Nachkommen erheblich. Wesentlich scheinen dafür kulturelle Gründe, etwa dass Jungen den Familiennamen weitertragen. Gemäß der patriarchalen Tradition gehören in China Frauen der Familie des Ehemanns; einem alten chinesischen Sprichwort zufolge sind Frauen „wie Wasser, das man wegschüttet“. In China ist die Staatliche Kommission für Gesundheitswesen und Familienplanung verantwortlich für die Abtreibungspolitik und ihre Auswirkungen. Ihre Vorsitzende, Li Bin, versprach 2012, im nächsten Fünfjahresplan für ein größeres Geschlechtergleichgewicht zu sorgen. 2016 wurde die erlaubte Kinderzahl auf zwei, 2021 auf drei erhöht.

Pakistan