mini|rechts|Blau-Weiss Mitglieder in Österreich Der Jugendbund Blau-Weiß (jüdischer Wanderbund)Die unterschiedliche Schreibweise – Blau-Weiß oder Blau-Weiss – rührt daher, dass sich der Bund selber Blau-Weiß nannte, auf den Titelseiten seiner Publikationen für seinen Namen aber Großbuchstaben verwendete, woraus Blau-Weiss resultierte. Auch bei Publikationen, in denen Titel oder Überschriften in Großbuchstaben geschrieben wurden, führte das zur Schreibweise Blau-Weiss. Diese unterschiedliche Schreibweise wird auch im nachfolgenden Artikel durchgehalten, vor allem bei Zitatangaben. war ein im Deutschen Kaiserreich entstandener jüdischer Jugendverband, der seine Blütezeit in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg erlebte und zu den größten jüdischen Jugendorganisationen seiner Zeit gehörte. In seinen Methoden und Praktiken war der Bund von der deutschen Jugendbewegung beeinflusst und verstand sich als jüdisches Pendant zum Wandervogel. Inhaltlich und theoretisch orientierte sich der Bund an einem zionistischen Programm und propagierte ein Leben in Eretz Israel. War dies aber bis zum Ende des Ersten Weltkriegs ein eher abstraktes Modell bei gleichzeitiger fester Verwurzelung seiner Mitglieder und Führer im bürgerlichen Milieu der Kaiserzeit, so gewann danach die praktische Vorbereitung auf eine Auswanderung nach Palästina zunehmend an Bedeutung. Blau-Weiß als Verband existierte in Deutschland seit 1912 und löste sich im Februar 1927 formell auf; er hatte in seiner Blütezeit über 3000 Mitglieder. Auch in einigen Nachbarländern und in Palästina gab es Blau-Weiß-Bünde und selbständige Landesorganisationen.

Das zionistische Projekt Blau-Weiß Die Gründung des Blau-Weiß wird gelegentlich als die jüdische Antwort auf die zunehmenden antisemitischen Tendenzen in der Wandervogel-Bewegung gesehen, die sich auf dem Freideutschen Jugendtag von 1913 erstmals manifestierten; doch trotz einzelner antisemitischer Vorfälle im Umfeld des Wandervogels scheint der zunehmende Antisemitismus in der Gesellschaft erst nach dem Ersten Weltkrieg ein vorrangiger Grund zum Eintritt in den Verband gewesen zu sein.Siehe hierzu etwa Dolf Michaelis: Mein „Blau-Weiss“-Erlebnis. Der Wandervogel wurde jedenfalls im April 1913 noch als ein „uns nahestehender“ Bund bezeichnet.Joseph Marcus: Wanderpflichten. In: Blau-Weiss-Blätter, Heft 4, Juli 1913, S. 1. und das änderte sich erst, nachdem einem 13-jährigen Mädchen im Herbst 1913 in Zittau die Aufnahme in den örtlichen Wandervogel verwehrt wurde, weil sie Jüdin war. Insbesondere ein Artikel dazu in der „Wandervogel – Führerzeitung“ veranlasste die Führung des Blau-Weiß zu einer heftigen Stellungnahme als Botschaft an die eigene Gefolgschaft.

Die Gründung des Blau-Weiß ist nach Moses Calvary „von Zionisten bei Gelegenheit des Posener Delegiertentages in die Wege geleitet worden und unsere Führer sind alle entweder auch äußerlich Zionisten oder zum mindesten von zionistischen Gedanken erfüllt“.Moses Calvary: Erziehungsprobleme des jüdischen Jungwanderns. Referat, gehalten auf dem Blau-Weiß-Tag in Lockwitz am 12. Juni 1916. In: Blau-Weiss-Blätter. Führerzeitung, Heft 1, Juni 1917, S. 6 (siehe Quellen). Der von Calvary erwähnte Posener Delegiertentag der Zionistischen Vereinigung für Deutschland (ZVfD) von 1912 markiert eine Wende in der zionistischen Bewegung Deutschlands. „Innerhalb der zionistischen Bewegung kam es nach 1911 zu verstärkten Nationalisierungstendenzen, die sich in einem gewachsenen politischen Engagement für die praktische Kolonisation Palästinas zeigten und mit einer Abwendung auch vom kulturellen Leben Deutschlands einhergingen. Der Posener Delegiertentag von 1912 erklärt die persönliche Absicht der Übersiedlung nach Palästina zur Pflicht jedes Zionisten“. Andreas Herzog: Zur Modernitätskritik und universalistischen Aspekten der „Jüdische Renaissance“ in der deutschsprachigen Literatur zwischen Jahrhundertwende und 1918. In: Internet-Zeitschrift für Kulturwissenschaften, Nr. 2, November 1997, Anmerkung 34, was in der sogenannten Posener Erklärung zum Ausdruck gebracht wurde. Folglich steht es für Yvonne Meybohm – und ähnlich auch für Lilo StoneLilo Stone: German Zionists in Palestine before 1933, S. 172. – außer Frage, dass es sich bei dem Verband um eine geplante Gründung der Zionistischen Vereinigung für Deutschland (ZVfD) handelte,Ivonne Meybohm: Erziehung zum Zionismus, S. 36–37. Sie konstatiert allerdings, dass es dazu auch andere wissenschaftliche Einschätzungen gibt. die von oben nach unten erfolgte und nicht aus einer jugendlichen Bewegung heraus. Die Rolle der ZVfD relativiert Hackeschmidt insofern, als er nicht die ZVfD in ihrer Gesamtheit für die Gründung des Blau-Weiß verantwortlich macht, sondern die von ihm so bezeichnete „Blumenfeld-Gruppe“.Jörg Hackeschmidt: Von Kurt Blumenfeld zu Norbert Elias, S. 43. Bei dieser Gruppe handelte es sich um junge jüdische Intellektuelle, die alle in den späten achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts geboren worden waren, die sich selber als post-assimilatorische Zionisten verstanden und dabei waren, Führungspositionen in der ZVfD zu übernehmen. Sie setzten sich auf dem Posener Delegiertentag (26. bis 28. Mai 1912), wo sie die Resolution zur Gründung einer zionistischen Jugendgruppe durchsetzten, erstmals in Szene. Zu ihnen gehörten unter anderen die aus dem Messingwerk-Kreis kommenden Moses Calvary, Felix Rosenblüth (später bekannt als Pinchas Rosen) und sein Bruder Martin, Kurt Blumenfeld und Richard Lichtheim sowie Mitglieder des sogenannten Berliner Hütte-Kreises um Albert Sachs.Jörg Hackeschmidt: Von Kurt Blumenfeld zu Norbert Elias, S. 41.

Kurt Blumenfeld war seit 1909 der erste Berufsfunktionär der ZVfD, Felix Rosenblüth wurde kurz darauf Vorsitzender von deren Jugendkommission. Sie und ihre Mitstreiter, die auch das Führungspersonal des Blau-Weiß stellten, kamen zumeist aus einer Vorgängerorganisation des zionistischen Kartells Jüdischer Verbindungen (KJV)Meybohm erwähnt auch einige Weiß-Blau-Führer, die aus der Verbindung Hasmonea, schreibt dann aber, dass die meisten Führer aus dem Bund Zionistischer Korporationen (BZK) rekrutiert worden seien (Ivonne Meybohm: Erziehung zum Zionismus, S. 72). und sahen im Blau-Weiß einen Partner oder zumindest eine Art Vorschule für die zionistische Studentenorganisation.Dass diese Werbung für die jüdischen Studentenbünde, beziehungsweise die damit einhergehende Praxis, nicht unumstritten war, zeigt eine Antwort von Moses Calvary auf Joseph Marcus in dem zuvor schon erwähnten Beitrag in der 1. Ausgabe der Führerzeitung. Auf Marcus, der sich gegen die Keilarbeit (Werbung) des KJV ausgesprochen hatte, erwiderte Calvary: „Keilarbeit ist gewiß, wie sie heute betrieben wird und betrieben werden muß, […] etwas unschönes. Es ist wirklich nicht sehr erfreulich, wenn auf unsere jungen Blau-Weiß-Primaner ein Haufe von studentischenn Verbindungen losgelassen wird, die ihn keilen wollen. […] Aber wiederum: ich kenne keinen besseren Weg für den Blau-Weiß-Primaner von heute als den des K.J.V. Auch wenn uns die Form des heutigen K.J.V. – Markus spricht verächtlich von Festen und Saufen – nicht gefallen, so wollen wir doch nicht vergessen, daß sogar das Saufen, d. h. der Anschluß an die akademischen Formen, […] auch einmal den Weg aus dem Ghetto zur freudigen Mannhaftigkeit bedeutet haben, so seltsam uns das heute vorkommen mag. Das K.J.V. gibt in seinem Briefe an uns selbst zu, daß neue Zeiten neuer Formen bedürfen, aber heute sei doch das K.J.V., sei es wie es sei, die einzige akademische Vertretung eines älteren selbstbewußten Judentums. Unsere Prmaner wollen von ihren Führern, ihren Freunden erfahren, wohin sie sich zu wenden haben, wenn sie in der Universität jüdische Gemeinschaft pflegen wollen. Da ist das K.J.V. die einzige Stelle, die Menschen unserer Erziehung gebrauchen kann.“ (Moses Calvary: Erziehungsprobleme des jüdischen Jungwanderns. Referat, gehalten auf dem Blau-Weiß-Tag in Lockwitz am 12. Juni 1916. In: Blau-Weiss-Blätter. Führerzeitung, Heft 1, Juni 1917, S. 8–9).

Meybohm bezeichnet die aus dieser Zielsetzung abgeleitete und an Martin Bubers Vorstellung einer Jüdischen RenaissanceKarl-Josef Kuschel im Gespräch mit Andreas Main: Martin Buber – Mystiker und religiöser Sozialist, Deutschlandfunk, 20. Mai 2015. orientierte Aufgabenstellung für Blau-Weiß als „zweckdienliche Indoktrination“, bei der nicht die Selbstfindung der Jugendlichen im Vordergrund gestanden habe, sondern deren Instrumentalisierung für eine bestimmte Spielart des ZionismusIvonne Meybohm: Erziehung zum Zionismus, S. 12. – bei Aufrechterhaltung der Fiktion, der aufzubauende Jugendbund solle ein unpolitischer sein. Nach außen hin wurde „zunächst nicht von zionistischer, sondern von ‚allgemein jüdischer Erziehung‘ gesprochen. Erst die Forderungen von Joseph Marcus und das Referat von Moses Calvary […] haben darüber wohl grössere Klarheit gebracht, ‚dass der Blau-Weiss auch in seiner allgemeinen jüdischen Tätigkeit aufs tiefste verknüpft ist mit der Lebensanschauung des Zionismus‘.“Hans Tramer: Jüdischer Wanderbund Blau-Weiss, S. 24. Tramer bezieht sich hier auf Calvarys Referat Erziehungsprobleme des jüdischen Jugendwanderns auf dem Blau-Weiß-Bundestag am 12. Juni 1916 in Lockwitz, abgedruckt in: Blau-Weiss-Blätter. Führerzeitung, Heft 1, Juni 1917, S. 8–9.

Die Führung des Blau-Weiß setzte von Beginn an auf die Übernahmen der von der deutschen Jugendbewegung praktizierten Formen der Jugendarbeit, weshalb Meybohm meint, dass zwar Unterschiede in den Zielsetzungen von Wandervogel und Blau-Weiß vorgelegen, die beiden Wanderbünde sich in ihrer Form aber sehr geähnelt hätten.Ivonne Meybohm: Erziehung zum Zionismus, S. 45.

Dem Wandern – explizit: dem jüdischen Wandern – kam in diesen Kontext eine wichtige Rolle im jüdisch-zionistischen Selbstfindungsprozess zu und begründete erst einen „inneren Zwang gerade zu einem jüdischen Wanderbund“ – und nicht etwa die Tatsache, „daß vielen von Euch die Teilnahme am Wandervogel erschwert wird“.

Das entspricht exakt dem zionistischen Umschichtungskonzept der Jahre vor 1933, und für seine Befolgung wurden strikte Regeln aufgestellt: „Ein tüchtiger Wanderer muß es in einem Jahr auf 30 Wanderungen bringen. Für die Teilnehmer an 50 Wanderungen werden wir ein neues Abzeichen stiften. Natürlich verliert derjenige ein Anrecht darauf, die Ehrenzeichen unseres Wanderbundes zu tragen, der in seinen Wanderungen durch seine Schuld, aus Faulheit oder Wetterscheu oder weil ihm einmal dies oder jenes nicht gepaßt hat, eine allzu lange Pause eintreten läßt. Denn nur die echte Wanderfreudigkeit soll durch unsere Abzeichen belohnt werden.“Blau-Weiss-Blätter, Heft 1, April 1913, S. 7.

Gershom Scholem, der dem Weiß-Blau kritisch gegenüberstand, aber dennoch gelegentlich an Blau-Weiß-Veranstaltungen teilnahm, so am 5. Dezember 1915 zusammen mit seinem Freund Erich Brauer an einer Chanukkafeier auf den Krähenbergen bei Caputh, vermerkte am 12. Dezember 1915 in seinem Tagebuch: