mini|Links Johann Rudolf Wetter mit seiner Frau, hinten Kinder an der Arbeit, rechts zeigt ein Arbeiter den Direktor der Fabrik eine Druckplatte (1764)
Johann Rudolf Wetter (* ≈ 8. November 1705 in Herisau; † 21. Juni 1777 in Orange; heimatberechtigt in Herisau) war ein Schweizer Textilunternehmer und Industriepionier aus dem Kanton Appenzell Ausserrhoden.
Leben Johann Rudolf Wetter war ein Sohn von Lorenz Wetter und Bruder von Adrian Wetter. 1732 heiratete er Jeanne Fiquet, Tochter des Jean Fiquet von Montpellier. Das Paar hatte nachweislich zwei Kinder.
1719 begann er eine Ausbildung in der Firma Wetter, Binder & Cie. in Marseille, einer Niederlassung des väterlichen Textilhandelshauses. Später wurde er deren Teilhaber und übernahm 1734 die Leitung.
Wetter erweiterte die Handelspalette um Färbemittel, Spirituosen und Korallen. Bei Versuchen mit Taucheranzügen für das Korallenfischen zeigte sich Wetters Faible für technische Innovationen. In den 1740er Jahren wandte er sich der Herstellung von Indiennes zu. Marseille war der einzige Ort in Frankreich, an dem dies trotz des königlichen Verbots von 1686 erlaubt war; die Produkte durften nur in der Stadt selbst und im Ausland verkauft werden. Während vor allem ab 1722 mehrere Kleinbetriebe entstanden, die billige Massenware herstellten, zielte Wetter auf eine gehobene Kundschaft. Mithilfe eines Spezialisten aus England führte er neue Verfahren ein (Textilindustrie) und seine Manufaktur am Ufer der Huveaune im Marseiller Vorort Saint-Marcel wuchs rasch zum Grossbetrieb an. Das Absatzgebiet umfasste den gesamten Mittelmeerraum, Argentinien, Kolumbien und die Karibik. In Westafrika wurden Indiennes und andere Stoffe vielfach gegen Sklavinnen und Sklaven getauscht, die in den europäischen Kolonien auf dem amerikanischen Kontinent und in der Karibik Zwangsarbeit verrichten mussten (Überseehandel; Kolonialismus; Sklaverei). Wetter war zudem an einer Seifensiederei in Marseille, einer Stoffdruckerei in Aubagne sowie den Silberminen von Guadalcanal in Andalusien beteiligt. Seine Tätigkeiten führten jedoch zur Überschuldung, weshalb im Herbst 1755 unter anderem seine Stoffdruckerei in Liquidation ging.
Er übersiedelte nach Paris, kehrte jedoch 1757 nach Südfrankreich zurück, wo er sich in Orange niederliess und mithilfe von Geldgebern aus Paris und Marseille die Stoffdruckerei J R Wetter et sa Compagnie gründete. Unter der technischen Leitung des erfahrenen Stoffdruckers Pierre Pignet aus Genf und nach der Aufhebung des Indienne-Verbots 1759 wuchs die Fabrik zunächst rasch: 1762 arbeiteten dort bereits 398 Personen, 1764 gegen 600. Joseph Gabriel Maria Rossetti hielt 1764–1765 sämtliche Produktionsschritte in fünf wandfüllenden Ölbildern fest. Erwähnenswert ist zudem ein bislang kaum beachtetes Gemälde des Familienwappens, das die Allegorie der Vanitas – die Wappenfigur der Wetter – am Strand mit einem Handelsschiff auf dem Meer im Hintergrund zeigt. Die neue Firma produzierte auch Massenware, die vor allem über Kaufleute aus Montpellier vertrieben wurde. Die Luxusprodukte wurden im Hôtel Jabach in Paris gehandelt und hatten eine derartige Reputation, dass der Begriff toiles d’Orange in Frankreich zum Synonym für Indiennes wurde. Mit Inseraten warnte Wetter in Pariser Zeitungen regelmässig vor Fälschungen.
Johann Rudolf Wetter war Teil der lokalen Unternehmerkultur und zählt zu den Industriepionieren Frankreichs (Industrialisierung). 1766 übergab er die Firmenleitung an seine Söhne Jean-Rodolphe und Laurent Wetter und gründete zwei Seifenfabriken in den österreichischen Niederlanden. Fortan widmete er sich primär Studien in Chemie und Medizin sowie der Musik. Der Erfolg der Textildruckerei liess rasch nach, unter anderem weil in den Hauptmärkten Frankreich und Spanien auch viele andere neue Grossbetriebe entstanden waren. Wetters Söhne vermieteten die Fabrik ab etwa 1775 an Augustin und Jérôme Party aus Marseille, die sie in reduzierter Form bis etwa 1790 weiterführten. Die Rue des Frères Wetter in Orange erinnert auch im 21. Jahrhundert noch an die einstige Bedeutung der Indiennes aus der Stadt.
Literatur Serge Chassagne: Le coton et ses patrons. France, 1760–1840. École des hautes études en sciences sociales, Paris 1991. Peter Witschi: Appenzeller in aller Welt. Schläpfer, Herisau 1994, ISBN 3-85882-091-1, S. 209–211.
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