Dorilla in Tempe ist eine Pastoral-Oper (Originalbezeichnung: „melodramma eroico pastorale“) in drei Akten von Antonio Vivaldi (Musik) mit einem Libretto von Antonio Maria Lucchini. Sie wurde am 9. November 1726 im Teatro Sant’Angelo in Venedig uraufgeführt. Die Partituren der Originalfassung von 1726 (RV 709a) und einer Prager Fassung von 1732 (RV 709b) sind verschollen. In neuerer Zeit wird daher eine Pasticcio-Fassung mit einigen Arien anderer Komponisten aus dem Jahr 1734 (RV 709c) gespielt, deren Partitur in einer nochmals überarbeiteten Fassung (RV 709d) erhalten ist.

Handlung

Die folgende Inhaltsangabe entspricht der Fassung von 1734 RV 709c. Zusätzlich sind die Titel der Austauscharien aus RV 709d angegeben.

Die Oper spielt in Tempe, einem lieblichen Ort in Thessalien.

Vorwort des Librettos, Prag 1732

Kurzfassung

Erster Akt. Dorilla, die Tochter König Admetos, liebt unstandesgemäß den Hirten Elmiro. Die beiden halten ihre Beziehung geheim. Als der Drache Pitone das Reich bedroht, verkündet das Orakel, dass Dorilla geopfert werden müsse, um den Zorn des Himmels zu beschwichtigen. Admeto hat keine Einwände, und auch Dorilla erklärt sich dazu bereit. Die Hirtin Eudamia, die in Elmiro verliebt ist, versucht vergeblich, ihn zu trösten. Eudamia wird ihrerseits vom Schäfer Filindo geliebt und nutzt dessen Gefühle für ihre Zwecke aus. Unmittelbar vor der Opferung an der Meeresküste tötet der vermeintliche Hirte Nomio (in Wirklichkeit der Gott Apollo) den Drachen und rettet Dorilla.

Zweiter Akt. Nomio erbittet von Admeto als Lohn für seine Heldentat die Hand Dorillas. Admeto stimmt zu. Um ihre Rivalin unter Druck zu setzen, offenbart Eudamia mit Filindos Hilfe Dorillas Beziehung zu Elmiro. Nomio, der Eudamias Eifersucht durchschaut, verspricht ihr Erfolg. Während Elmiro nach einem Ausweg sucht, feiern die Einwohner ihre Rettung vor dem Drachen mit einem Festmahl und einem Jagdausflug.

Dritter Akt. Dorilla und Elmiro sind gemeinsam geflohen. Admeto glaubt jedoch, dass seine Tochter entführt wurde. Nomio spürt das Paar auf und bringt die beiden zurück. Admeto verurteilt Elmiro zum Tod, und Dorilla muss weiterhin Nomio heiraten. Sie soll zudem Elmiros Hinrichtung mit ansehen. In ihrer Verzweiflung stürzt sie sich in einen Fluss, wird aber von Nomio gerettet. Der gibt sich nun offen als Apollo zu erkennen und verzichtet auf Dorilla, die Elmiro heiraten darf. Filindo erhält Eudamia zur Frau.

Erster Akt

Liebliche Landschaft mit Hügeln und blühenden Wiesen

Szene 1. Hirten und Nymphen besingen fröhlich den kommenden Frühling (Chor: „Dell’ aura al sussurar“). Unter ihnen befindet sich das Paar Dorilla und Elmiro. Dorilla sorgt sich über ihre gemeinsame Zukunft. Bislang konnten sie ihre unstandesgemäße Beziehung vor ihrem Vater, König Admeto, geheim halten, doch wenn er davon erfährt, wird sein Zorn groß sein. Elmiro versichert ihr, dass er ihr immer treu sein werde (Arie Elmiro: „La speranza lusinghiera“ bzw. „Mi lusinga il dolce affetto“).

Szene 2. König Admeto informiert seine Tochter darüber, dass der Drache Pitone die Stadt und das Königreich bedroht. Dorilla glaubt, dass nur ein Opfer die Götter besänftigen könne, und schlägt vor, das Orakel zu befragen (Arie Dorilla: „Vedrai, che se sdegnata“ bzw. „La speranza ch’in me sento“)

Szene 3. Der Hirte Nomio fragt Admeto, welche Belohnung er demjenigen geben werde, der das Ungeheuer erlegt. Admeto meint, er könne niemanden in solche Gefahr bringen. Er will sich auf das geplante Opfer verlassen und macht sich auf den Weg zum Orakel (Arie Admeto: „Dall’ orrido soggiorno“).

Szene 4. Alleine zurückgeblieben, beklagt Nomio (eigentlich Gott Apollo persönlich) sein Schicksal, als Hirte auf der Erde leben zu müssen, wozu er vom Götterkönig verurteilt wurde. Er denkt an seine früheren Geliebten Dafne und Clizia und fragt sich, wohin ihn seine jetzige Liebe zu Dorilla wohl führen wird (Arie Nomio „Se al mio ben rivolgo il ciglio“).

Ein dem Orakel von Tempe geweihter Platz mit Altar und einer Statue, umgeben von Platanen und Lorbeer

Szene 5. Admeto, Dorilla, Elmiro und die Hirten beschwören das Orakel (Chor: „Gemiti, lagrime d’un Popol misero“). Zur Verwunderung aller verwandeln sich einige der Platanen und Lorbeerbäume in Zypressen, während sich auf den Blättern der anderen Blut zeigt. Oberhalb der Statue erscheint eine Schrift: „Der Zorn wird besänftigt, wenn Dorilla dem Pitone geopfert wird.“ Elmiro will dies nicht zulassen, doch Admeto sieht keinen anderen Ausweg. Er verabschiedet sich von seiner Tochter. Als er die Szene verlässt, bedecken sich die Bäume mit goldenen Blättern, und die Altarflamme entzündet sich.

Szene 6. Dorilla und Elmiro beklagen den Spruch und ihren herzlosen Vater. Dennoch ist Dorilla bereit, das Opfer auf sich zu nehmen.

Szene 7. Die Schäferin Eudamia versucht, den verzweifelten Elmiro zu trösten, indem sie ihm ihre Liebe erklärt. Als er sie zurückweist, droht sie, Admeto von seiner Beziehung mit Dorilla zu erzählen. Elmiro ist alles egal (Arie Elmiro: „Non è ver, ch’il nostro core“ bzw. „Saprò ben con petto forte“).

Szene 8. Eudamia hat selbst einen anderen Verehrer, den Hirten Filindo. Obwohl sie seine Gefühle nicht erwidert, macht sie ihm Hoffnung. Sie beauftragt ihn, Elmiro zu beschatten (Arie Eudamia: „Al mio amore il tuo risponda“).

Szene 9. Filindo erkennt, dass Eudamia ihn nur ausnutzen will (Arie Filindo: „Rete, lacci e strali“).

Meeresküste

Szene 10. Tempeldiener führen Dorilla zum Opferplatz und binden sie an einen Felsen. In der Ferne zeigt sich bereits das Monster.

Szene 11. Nomio tötet den Drachen und befreit Dorilla. Ihr Vater führt sie fort.

Szene 12. Während Nomio der Geretteten nachschaut, schneiden die Hirten dem Drachen den Kopf als Trophäe ab, stecken ihn auf eine Speerspitze und tanzen (Chor: „Lieta, o Tempe, già spirò“ – Solo: „Ogni cuor grato si mostri“ – Chor: „Quel teschio orribile“).

Zweiter Akt

Grotte mit Blick auf das Wasser

Szene 1. Elmiro und Dorilla sind glücklich über ihre Rettung. Dennoch sorgt sich Elmiro über die Zukunft. Er fürchtet, dass der Sieger Nomio um sie werben könnte. Dorilla versichert Elmiro ihre Treue (Arie Dorilla: „Come l’onde in mezzo al mare“).

Szene 2. Elmiro glaubt nicht, dass Dorilla der Macht ihres Vaters widerstehen kann (Arie Elmiro: „Vorrei da lacci sciogliere“).

Szene 3. Admeto bietet Nomio eine Belohnung für seine Tat an. Der bittet um die Hand Dorillas. Admeto ist einverstanden.

Szene 4. Admeto führt Nomio zu seiner Tochter und stellt sie ihm als ihren Bräutigam vor.

Szene 5. Bevor Dorilla antworten kann, erscheint Eudamia und enthüllt mit Hilfe der Zeugenaussage Filindos deren Verhältnis mit Elmiro. Obwohl Dorilla darauf beharrt, dass diese Verbindung völlig unschuldig sei, setzt Admeto ihr ein Ultimatum: Entweder sie heiratet Nomio noch diesen Abend, oder sie ist nicht länger seine Tochter (Arie Admeto: „Se ostinata à me resisti“).

Szene 6. Dorilla möchte von Eudamia wissen, warum sie sie verraten hat. Eudamia versucht zunächst, sich herauszureden. Nomio offenbart jedoch ihre Gefühle für Elmiro. Dorilla erklärt, dass Liebe nicht erzwungen werden könne. Deshalb seien sowohl Eudamias als auch Nomios Versuche sinnlos (Arie Dorilla: „Se amarti non poss’io“).

Szene 7. Nomio versichert Eudamia, dass sich Elmiro nach Dorillas Hochzeit ihr zuwenden werde (Arie Nomio: „Se penar per un bel volto“ bzw. „Bel piacer saria d’un core“).

Szene 8. Filindo wirft Eudamia ihre Hartherzigkeit vor. Sie erklärt, dass er nicht der einzige sei, der unter Liebeskummer leide (Arie Eudomia: „Arsa da rai cocenti“).

Szene 9. Filindo will diese Demütigungen nicht länger ertragen, sondern Eudamia aus seinem Herzen vertreiben (Arie Filindo: „Non vo’ che un infedele“).

Bewaldete Gebirgsgegend

Szene 10. Elmiro sucht verzweifelt nach einer Möglichkeit, Dorilla dennoch für sich zu gewinnen.

Szene 11. Admeto, Nomio, Dorilla, Eudamia und weitere Hirten steigen vom Berggipfel herab (Chor: „Con eco giuliva“). Ein Festmahl zu Ehren Nomios wird vorbereitet (Chor: „Si beva, si danzi, si canti“).

Szene 12. Filindo trifft mit einer Gruppe von Jägern und Waldhütern ein, und alle begeben sich auf die Jagd (Chor: „Alla caccia ogn’uno presti“). Die Jäger tanzen.

Dritter Akt

Ein zu den Admetos Gemächern führender Hof

Szene 1. Filindo berichtet Admeto, dass Elmiro Dorilla entführt habe. Er verspricht, alles zu tun, um dieses Verbrechen zu rächen (Arie Filindo: „Col piacer del tuo comando“).

Szene 2. Nomio teilt Admeto mit, dass er das Paar bereits aufgespürt und zurückgebracht habe. Er bittet den König, die Strafe ausschließlich Elmiro aufzuerlegen, denn Dorilla sei gewaltsam entführt worden.

Szene 3. Die beiden Flüchtigen werden vor den König geführt. Beide versuchen, den jeweils anderen zu schützen und die Schuld auf sich allein zu nehmen. Das erzürnt Nomio so sehr, dass er seine Ansprüche auf Dorilla aufgibt und beide dem Tod überlassen will (Arie Nomio: „Fidi amanti al vostro Amore“).

Szene 4. Dorilla bemüht sich weiterhin, den Zorn ihres Vaters von Elmiro ab- und auf sich zu lenken. Admeto bleibt jedoch hart. Er verurteilt Elmiro zum Tod und befiehlt ihr, Nomio zu heiraten. Dorilla entgegnet, dass sie sich eher selbst das Leben nehmen werde, um gemeinsam mit Elmiro zu sterben (Arie Dorilla: „Il povero mio core“).

Szene 5. Admeto befiehlt, Elmiro bis zu seiner Hinrichtung zu bewachen.

Szene 6. Elmiro hat keine Angst vor dem Tod, sondern nur davor, Dorilla verlassen zu müssen. Er weist Eudamia erneut zurück, was diese zutiefst kränkt (Arie Elmiro oder Eudamia: „Più non vo’ mirar quel volto“).Im Libretto von 1734 (RV 709c) ist diese Arie Elmiro zugewiesen, in der Partitur (RV 709d) Eudamia.

Szene 7. Elmiro beklagt sein Schicksal (Arie Elmiro: „Non à più pace il cor amante“).

Wäldchen mit Fluss

Szene 8. Auch Dorilla ist zutiefst verzweifelt.

Szene 9.Im Libretto fälschlicherweise als Szene 11 bezeichnet. Admeto bringt den gefesselten Elmiro zu seiner Tochter, damit sie seine Hinrichtung mit ansehen soll. Das kann Dorilla nicht ertragen, und sie stürzt sich in den Fluss.

Szene 10. Admeto und Elmiro sehen hilflos mit an, wie Dorilla zu ertrinken droht.

Szene 11. Da erscheint Nomio mit der geretteten Dorilla in den Armen (Chor: „Ceda il duolo in riso, in giubilo“). Er gibt sich endlich als Apollo zu erkennen und sieht jetzt ein, dass er von der Liebe getäuscht wurde. Auf seinen göttlichen Befehl muss Elmiro freigelassen werden und darf Dorilla heiraten. Eudamia muss den treuen Filindo ehelichen. Alle feiern das glückliche Ende (Chor: „Il cielo ancora“).

Musik

Die erhaltene Partitur RV 709d benötigt zwei Blockflöten, zwei Trompeten, zwei Hörner, Streicher und Basso continuo. Sie enthält als Pasticcio eine Vielzahl von Arien anderer Komponisten, die bislang nicht in allen Fällen ermittelt werden konnten. Die identifizierten Stücke stammen von Johann Adolph Hasse, Geminiano Giacomelli, Leonardo Leo und Domenico Sarro.

Anders als sonst bei Vivaldi üblich, bezieht sich die Sinfonia hier eindeutig auf die Oper selbst. In der Partitur steht sie nicht vor der Titelseite, sondern dahinter. Der letzte Satz ist eine C-Dur-Fassung des Eröffnungssatzes von Vivaldis Violinkonzert „Der Frühling“, RV 269, aus den Vier Jahreszeiten und erscheint erneut im einleitenden Chor der Oper, einem Lobpreis auf den Frühling. Dem pastoralen Charakter der Oper entsprechen die ungewöhnlich umfangreichen Chor- und Ballett-Einlagen.

Die Oper enthält die folgenden Musiknummern:

RV 709a (Libretto), Venedig 1726

Erster Akt Szene 1. Chor: „Dell’aura al susurar“ = RV 909d I:1 Duett: „Senti quell’Usignuolo“ = RV 909d I:1 Chor: „E in noi la Primavera“ = RV 909d I:1 Duett: „Ride in Colle, e ride il Prato“ = RV 909d I:1 Chor: „Questa à le bella Stagion novella“ = RV 909d I:1 Arie (Elmiro): „Gran piacer d’amante core“ Szene 3. Arie (Dorilla): „Nel tuo gelo (zelo) ogn’or riposa“ Szene 4. Arie (Admeto): „Troppo cieco è chi presume“