Die Himmelsscheibe von Nebra ist eine kreisförmige Bronzeplatte von zirka 32 Zentimetern Durchmesser mit Applikationen aus Gold, die mit einem Alter von 3700 bis 4100 Jahren als die älteste bisher bekannte konkrete Himmelsdarstellung gilt. Das Artefakt der Aunjetitzer Kultur aus der frühen Bronzezeit Mitteleuropas zeigt astronomische Phänomene und religiöse Symbole.
Längere Zeit nach der Entstehung eingearbeitete Gold-Tauschierungen und die vermutlich bewusste Vergrabung vor etwa 3600 Jahren lassen den Schluss auf einen längeren, möglicherweise religiösen Gebrauch zu. Seit Juni 2013 gehört die Himmelsscheibe von Nebra zum UNESCO-Weltdokumentenerbe in Deutschland.
Gefunden wurde sie am 4. Juli 1999 von Raubgräbern auf dem Mittelberg in der damaligen Gemeinde Ziegelroda nahe der Stadt Nebra in Sachsen-Anhalt.Florian Sanktjohanser: Gut, dass die Rauber solche Trottel waren. Zeit online, 1. Februar 2020 (aus: Merian Heft Nr. 09/2018). Seit 2002 gehört sie zum Bestand des Landesmuseums für Vorgeschichte Sachsen-Anhalt in Halle. Den Ort, an dem die Himmelsscheibe 3600 Jahre im Boden lag, überwölbt das „Himmelsauge“, eine Scheibe aus poliertem Edelstahl.
Fundort
Der Fundort liegt auf dem Gipfel des 252 Meter hohen Mittelbergs in der Gemarkung Ziegelroda, etwa 4 Kilometer westlich der Stadt Nebra, inmitten des Ziegelrodaer Forstes. Die Fundstelle befindet sich auf (WGS 84). Ob es sich um einen Hort oder um ein Grab handelt, ist bisher ungeklärt. Der Ort auf dem damals vermutlich unbewaldeten Berg dürfte schon in der Jungsteinzeit genutzt worden sein, möglicherweise als Observatorium. Auf dem Bergplateau wurde in einer späteren Epoche eine ringförmige Wallanlage angelegt.
Etwa 20 Kilometer entfernt von der Fundstelle befindet sich die ebenfalls runde, etwa auf das 5. Jahrtausend v. Chr. datierte Kreisgrabenanlage von Goseck, die astronomische Kenntnisse schon aus weit älterer Zeit als zur Entstehung der Himmelsscheibe von Nebra belegt.Rupert Gebhard, Rüdiger Krause: Kritische Anmerkungen zum Fundkomplex der sog. Himmelsscheibe von Nebra. Archäologische Informationen 43, 3. September 2020, [Early View, das heißt mit vorläufiger Seitenzählung] ( auf liesbethbisterbosch.org)
Entdeckungs- und Forschungsgeschichte Die Himmelsscheibe von Nebra wurde hauptsächlich untersucht vom Archäologen Harald Meller (Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Halle), dem Astronomen Wolfhard Schlosser (Hauptobservator am Astronomischen Institut der Ruhr-Universität Bochum), dem Archäochemiker Ernst Pernicka (Archäo-Metallurge der Technischen Universität Bergakademie Freiberg in Sachsen, Institut für Archäometrie), von Mitarbeitern des Landeskriminalamts Sachsen-Anhalt, von Christian-Heinrich Wunderlich (Herstellungstechnik, Herstellungsabfolge vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie in Halle), am Teilchenbeschleuniger der Berliner Elektronenspeicherring-Gesellschaft für Synchrotronstrahlung von Mitarbeitern der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) in Berlin und der Archäologin und Spezialistin für Religionen der Bronzezeit Miranda J. Aldhouse-Green (University of Wales).
Bergung durch illegale Sondengänger Die Himmelsscheibe wurde am 4. Juli 1999 von Henry Westphal und Mario Renner entdeckt. Die als Raubgräber illegal agierenden Sondengänger arbeiteten dabei mit einem Metalldetektor. Sie hielten ihren Fund zunächst für den Mittelteil eines Schildes.Raubzüge der Sondengänger nehmen zu. In: Mitteldeutsche Zeitung, 4. April 2003, abgerufen am 16. August 2021.
Einen Tag nach der Ausgrabung der Gegenstände erhielten Westphal und Renner 31.000 DM von einem Kölner Händler für den gesamten Hortfund, zu dem auch zwei Bronzeschwerter, zwei Beile, ein Meißel und Bruchstücke spiralförmiger Armreife gehörten. Über Mittelsmänner wurde der Fund 1999 in Berlin, später auch in München für eine Million DM angeboten, doch es sprach sich herum, dass er rechtmäßig dem Land Sachsen-Anhalt gehörte. In Sachsen-Anhalt gilt ein Schatzregal, wonach Bodenfunde mit der Entdeckung Eigentum des Landes werden (§ 12 Abs. 1 Denkmalschutzgesetz SA). Damit war er für den seriösen Kunsthandel wertlos. Bis 2001 wechselte er mehrmals den Besitzer, zuletzt für über 200.000 DM an ein Hehlerpaar, die Museumspädagogin Hildegard Burri-Bayer und den Lehrer Reinhold Stieber.
Sicherstellung Auf Initiative des Kultus- und des Innenministeriums sowie des Landesamtes für Archäologie von Sachsen-Anhalt wurde Kontakt zu den Hehlern, die die Scheibe für 700.000 DM auf dem Schwarzmarkt angeboten hatten, aufgenommen. Der Landesarchäologe Harald Meller traf sich am 23. Februar 2002 als vermeintlicher Kaufinteressent mit ihnen in einem Hotel in Basel. Dort stellte die Schweizer Polizei die Himmelsscheibe sicher. Die Hehler wurden verhaftet. Auch die Begleitfunde wurden gesichert.
Die Raubgräber wurden ebenfalls gefasst. Sie machten Angaben zum Fundort, die durch kriminaltechnische Untersuchungen bestätigt wurden.
Der Wert der Himmelsscheibe ist unschätzbar; ihr Versicherungswert lag 2006 bei 100 Millionen Euro.
Strafprozesse Westphal und Renner wurden am 10. September 2003 vom Amtsgericht Naumburg (Saale) wegen Hehlerei zu vier bzw. neun Monaten Haft verurteilt, beide auf Bewährung.
Burri-Bayer und Stieber wurden am 19. September 2003 am gleichen Amtsgericht von einem Schöffengericht zu zwölf bzw. sechs Monaten Haft verurteilt, ebenfalls wegen Hehlerei und beide auf Bewährung. Als Bewährungsauflage hatte Burri-Bayer 5000 Euro zu zahlen und Stieber 150 Stunden gemeinnützige Arbeit zu leisten. Beide legten Berufung ein; sie wurde im September 2005 von einer kleinen Strafkammer am Landgericht Halle verworfen. Das Revisionsverfahren bestätigte 2007 die Urteile; sie waren damit rechtskräftig., 29. Januar 2007, abgerufen am 18. Juli 2018.
Zusammengehörigkeit der Fundstücke mini|Zwei Randleistenbeile mit einem Meißel, zwei Bronzeschwerter und Bruchstücke zweier spiralförmiger Armreife aus dem Beifund der Himmelsscheibe in der Dauerausstellung des Landesmuseums für Vorgeschichte Sachsen-Anhalt in Halle. Um die Aussagen der Raubgräber zu überprüfen, dass alle gefundenen Gegenstände aus demselben Depotfund und von der angegebenen Stelle am Mittelberg stammten, beauftragte das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie in Halle das Landeskriminalamt Brandenburg im Jahr 2003 mit der Erstellung eines Gutachtens. Bei dieser Untersuchung wurde eine Bodenprobe vom vermuteten Fundort mit Erdanhaftungen an der Himmelsscheibe verglichen. Etwas später erfolgten außerdem Vergleiche mit Erdanhaftungen an einem der Schwerter und einem der Beile. Zudem wurde ein Abgleich mit Bodenproben von anderen Orten durchgeführt, die ähnlich dem Mittelberg durch oberflächlich anstehenden Buntsandstein charakterisiert sind. Es wurden dabei weitgehende bis vollständige Übereinstimmungen zwischen der Bodenprobe und den Anhaftungen an der Himmelsscheibe sowie dem Schwert festgestellt. Beide ließen sich daher mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit dem Fundplatz am Mittelberg zuordnen. Bei den Anhaftungen am Beil stellte Jörg Adam hingegen einige Abweichungen in der Zusammensetzung fest, hielt eine Herkunft vom Mittelberg aber dennoch für möglich.Jörg Adam: Kriminaltechnische Untersuchung der Erdanhaftungen an der Himmelsscheibe. In: Harald Meller, François Bertemes (Hrsg.): Der Aufbruch zu neuen Horizonten. Neue Sichtweisen zur europäischen Frühbronzezeit. Abschlusstagung der Forschergruppe FOR550 vom 26. bis 29. November 2010 in Halle (Saale) (= Tagungen des Landesmuseums für Vorgeschichte Halle. Band 19). Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Halle (Saale) 2020, ISBN 978-3-948618-03-2, S. 87, 91 (PDF; 4,1 MB).
Die Ähnlichkeit des verarbeiteten Materials aller Fundstücke gilt als ein weiterer Beleg für die Zusammengehörigkeit der Bronzestücke. Das für alle Bronzeteile verwendete Kupfer weist in allen Nebra-Funden ähnliche Konzentrationen von Spurenelementen auf, lediglich der Gehalt an verschiedenen Blei-Isotopen variiert relativ stark. Dies stellt jedoch keine Aussagebeeinträchtigung dar.
In Kapitel 2 des Analysebandes der Archäologischen Staatssammlung München über Funde bei BernstorfRupert Gebhard, Rüdiger Krause: Bernstorf, Archäologisch-naturwissenschaftliche Analysen der Gold- und Bernsteinfunde vom Bernstorfer Berg bei Kranzberg, Oberbayern (= Abhandlungen und Bestandskataloge der Archäologischen Staatssammlung. Band 3/Frankfurter Archäologische Schriften. Band 31). Archäologische Staatssammlung München, München 2016, Kapitel 2. wird die Authentizität des Depotfundes geprüft und im Ergebnis infrage gestellt.
Echtheit und Alter der Scheibe Die Himmelsscheibe wurde zunächst mit Hilfe der Stilmerkmale der Beifunde datiert. Die Bronzeschwerter, zwei Beile, ein Meißel und Bruchstücke spiralförmiger Armreife können auf um 1600 v. Chr. datiert werden.Datierung. Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt / Landesmuseum für Vorgeschichte. Abgerufen am 15. Mai 2021. Da die Bronzeschwerter ungenutzt waren, kann vermutet werden, dass die Himmelsscheibe um diese Zeit mit den anderen Fundstücken vergraben wurde.
Die Radiokohlenstoffdatierung (14C-Methode) schied zur Altersbestimmung der Scheibe aus Bronze aus, da dieser Werkstoff keinen Kohlenstoff enthält, der für die 14C-Datierung notwendig wäre. Die Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung bestrahlte am Teilchenbeschleuniger BESSY die Goldauflagen mit hochintensiven Röntgenstrahlen. Es wurde festgestellt, dass die Goldauflagen keine einheitliche Zusammensetzung aufweisen. Die Himmelsscheibe entstand vermutlich in mehreren zeitlich getrennten Phasen.
Diese Ergebnisse stimmen mit einem weiteren Befund überein. Christian-Heinrich Wunderlich vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie in Halle extrahierte etwa 0,6 Milligramm Kohlenstoff aus einem Stückchen Birkenrinde, das man an einem der Schwerter gefunden hatte. Dessen Radiokohlenstoffdatierung ergab, dass das Holzstück aus der Zeit um 1600 bis 1560 v. Chr. stammt.
Im September 2020 publizierten die beiden Forscher Rupert Gebhard und Rüdiger Krause eine Neueinschätzung,Rupert Gebhard, Rüdiger Krause: In: Archäologische Informationen. Band 43, 2020, S. 5. wonach die Scheibe nicht aus der frühen Bronzezeit, sondern erst aus der Eisenzeit (ca. 800 bis 50 v. Chr.) stammen soll. Nach ihrer Analyse des Fundkontextes sahen sie keine überzeugenden Hinweise darauf, dass die zusammen mit der Scheibe gefundenen und unstreitig bronzezeitlichen Artefakte ein mit der Scheibe zusammengehöriges Ensemble bilden würden. Gebhard und Krause wiesen auch auf Ähnlichkeiten der Himmelsscheibe zu Bildmotiven der Eisenzeit hin. Ihre Hauptkritik richtete sich gegen den Landesarchäologen von Sachsen-Anhalt, Harald Meller, der die Beweisdefizite bisher durch geschickte Rhetorik überspielt habe.Neue Wende im Fachstreit um die Himmelsscheibe von Nebra. In: Der Standard, 13. November 2020, abgerufen am 16. November 2020. Die neue Hypothese rief ein breites Medienecho hervor und wurde vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt umgehend entschieden zurückgewiesen.Himmelsscheibe von Nebra eisenzeitlich? Eine Richtigstellung. In: lda-lsa.de. 3. September 2020, abgerufen am 5. September 2020.
Gebhard und Krause berufen sich unter anderem auf die von Jörg Adam durchgeführten Untersuchungen von Bodenproben und Erdanhaftungen, die nach ihrer Interpretation gegen die Zusammengehörigkeit der Gegenstände sprechen. Mellers Entgegnung zufolge haben sie die Aussagen Adams teils verkürzt wiedergegeben und entgegenstehende Befunde aus Adams Forschungsbericht unerwähnt gelassen.