Sucked trumpet (, „Saugtrompete“, ) ist eine seltene, den Naturtrompeten formähnliche Gruppe von Aerophonen, bei denen der Ton mit den vibrierenden Lippen durch Ansaugen von Luft aus einem Hohlkörper erzeugt wird. Für die sucked trumpets hat sich noch keine deutschsprachige Bezeichnung etabliert und in der 1914 veröffentlichten Hornbostel-Sachs-Systematik ist keine den Blasinstrumenten analoge instrumentenkundliche Klassifikation einer Kategorie der „Sauginstrumente“ (englisch sucked tubes) vorhanden. Das MIMO ordnete in einer Ergänzung von 2017 den sucked trumpets innerhalb der Trompeten-Gruppe (423) eine neue Untergruppe Sucked (tubular) labrosones (423.123.1) zu.

Sucked trumpets können aus Tierhörnern, konisch gewickelten Rindenstreifen, langen, annähernd zylindrischen Holzröhren oder aus Pflanzenröhren bestehen. Sie waren in Sibirien in der Ritualmusik weit verbreitet, wo sie unter anderem mit dem tungusischen Namen byrgy bezeichnet werden. Auf dem amerikanischen Kontinent kamen rituell verwendete sucked trumpets in Kanada, Mexiko (chirimía) und Paraguay vor. Am bekanntesten ist die nolkin in Chile. Eine besondere Gruppe bilden die in jungsteinzeitlichen Grabstätten auf der schwedischen Insel Gotland gefundenen und in Nordamerika in der Gegenwart von Jägern für Lockrufe verwendeten Vogelröhrenknochen, die aus zwei oder drei unterschiedlich großen, teleskopartig zusammengesteckten Knochenteilen bestehen.

Klassifizierung und Bauform mini|hochkant|Gemälde eines ukrainischen Hirten mit der Holztrompete trembita. Die 1914 veröffentlichte Hornbostel-Sachs-Systematik basiert auf den bis dahin bekannten Instrumententypen. Curt Sachs erwähnt zwar in seinem Reallexicon der Musikinstrumente von 1913 unter dem Stichwort „Byrgy“ deren besondere Tonerzeugung „durch Einziehen der Luft“, er geht aber nachfolgend nicht weiter darauf ein.Curt Sachs: Reallexicon der Musikinstrumente, zugleich ein Polyglossar für das gesamte Instrumentengebiet. Julius Bard, Berlin 1913, s. v. „Byrgy“, S. 65 Die Systematik unternimmt für die Kategorie (Eigentliche) Blasinstrumente (Gruppe 42) auf der oberen Ebene eine Einteilung gemäß den akustischen Möglichkeiten der Tonerzeugung. Bei allen Blasinstrumenten setzt ein von außen kommender Luftstrom, der beim Eintritt in einen Hohlkörper periodisch unterbrochen wird, die Luft im Innern in Schwingungen, wodurch ein hörbarer Ton entsteht. Bei der Untergruppe der Trompeten (423) bewirken die vibrierenden Lippen des Spielers die Schwingungen des eingeblasenen Windes und sorgen für einen lauten Ton. Die Lippen des Trompetenspielers sind im Ruhezustand geschlossen und öffnen sich nach dem Prinzip der Polsterpfeife periodisch durch den Blasdruck.

Der Ton der sucked trumpet wird zwar auch mit den Lippen gebildet, diese sind aber in der Ausgangsposition leicht geöffnet und werden durch das Einziehen von Luft durch eine am unteren Ende offene Röhre periodisch geschlossen, sodass der in die Röhre gesaugte Luftstrom periodisch angehalten wird. Wie bei einer Naturtrompete lassen sich bei der ebenso fingerlochlosen sucked trumpet Töne der Naturtonreihe erzeugen.Sucked trumpet. In: Grove Music Online, 26. März 2018 Die Frequenzen der Lippenbewegungen müssen mit den Schwingungsfrequenzen der Luftsäule in der Röhre übereinstimmen, damit klare Töne entstehen.

Da unter Instrumentenkundlern noch keine Einigung erzielt wurde, bildeten die sucked trumpets eine bis zur Ergänzung durch die MIMO nicht in der Hornbostel-Sachs-Systematik klassifizierte Instrumentengruppe. Eine auf die Windrichtung bezogen dritte Gruppe von Aerophonen bilden solche, bei denen in der üblichen Spielweise der Wind in beiden Richtungen am tonerzeugenden Element vorbeistreicht (422.3). Hierzu gehören die Harmonikainstrumente einschließlich der Mundorgeln, bei denen die Durchschlagzunge je nach Windrichtung einen anderen Ton produziert, und die Maultrommeln.

Einen ersten Klassifizierungsversuch für die chilenische nolkin unternahm Ernesto Gonzalez, der in einem Aufsatz 1986Ernesto González (Greenhill): Vigencias de instrumentos musicales Mapuches. In: Revista Musical Chilena, Band 15, Nr. 166, Santiago, 1986, S. 4–52 die Musikinstrumente der Mapuche gemäß der Hornbostel-Sachs-Systematik einteilt und zugleich bei ihrer Herkunft einen vorkolumbianischen Ursprung, einen spanischen Import und einen Einfluss des chilenischen Militärs unterscheidet.Philipp Emmanuel Müller: Die melodischen Strukturen des Ülkantun – Zum Einfluss universeller Klangprinzipien auf das mündlich tradierte Tonsystem der Mapuche-Indianer. Herbert Utz, München 2009, S. 122f González ordnet die nolkin nach ihrer Form den endgeblasenen geraden Naturtrompeten (423.121.1) zu, ohne die unterschiedliche Tonbildung durch Blasen oder Einsaugen von Luft zu berücksichtigen. Die Unterscheidung der Windrichtung ging bei der Übersetzung der Hornbostel-Sachs-Systematik ins Englische verloren. Während die deutsche Originalfassung die Kategorie (Eigentliche) Blasinstrumente (42) enthält, lautet deren englischer Titel wind instruments proper. Dass die Systematik sich ausdrücklich auf Hohlkörper bezieht, in die hineingeblasen wird, geht aus der Definition zu Trompeten (423) hervor: „Der Wind erhält durch Vermittlung der schwingenden Lippen des Bläsers stoßweisen Zutritt zu der in Vibration zu setzenden Luftsäule.“ In der englischen Übersetzung wird das Wort „Bläser“ ebenso uneindeutig als player („Spieler“) wiedergegeben. Die sucked trumpets an den entsprechenden Stellen der Formtypologie durch eine weitere Schlussteilung (etwa „geblasene“ bzw. „gesaugte Längstrompeten“) einzufügen, hätte zur Folge, dass diese Unterscheidung auch bei den übrigen Trompeteninstrumenten ergänzt werden müsste und die Ordnung verkomplizieren würde. Jens Schneider (1993) macht daher den Vorschlag, auf der Ebene von End-blown trumpets (Längstrompeten, 423.121) und Side blown trumpets (Quertrompeten, 423.122) eine neue Kategorie Sucked (tubular) trumpets (423.123) zu ergänzen und diese nach der Form weiter zu untergliedern. Auch hierfür müsste im Deutschen das Wort „Bläser“ durch „Spieler“ ersetzt werden. Ein weiterer Vorschlag zielt darauf ab, bei der Kategorie der Aerophone (4) generell alle Wörter mit der Bedeutung „Blasen/Blasinstrument“ zu entfernen und überall einen Endteiler „geblasen“ (-3), „angesaugt“ (-4) und „geblasen und angesaugt“ (-5) einzuführen.Jens Schneider, 1993, S. 79 Dies würde die umfangreichste Umstrukturierung bedeuten. Keine Änderung an der bisherigen Einteilung bräuchte es, falls die geringe Systematik bei der dafür bequemen Ergänzung von José Pérez de Arce und Francisca Gili (2013) akzeptiert würde. Die beiden erweitern die vorhandene Ebene der Naturtrompeten (423.1, nur Töne der Naturtonreihe) und Chromatische Trompeten (423.2, mit Vorrichtung, um eine chromatische Tonleiter zu produzieren) durch eine Gruppe Trompeta de la aspiracción (423.3, Trompeten, deren Töne durch Ansaugen entstehen). Dadurch und durch einige andere Änderungen soll die „amerikanische Perspektive“ berücksichtigt werden.José Pérez de Arce, Francisca Gili: Clasificación Sachs-Hornbostel de instrumentos musicales: una revisión y aplicación desde la perspectiva americana. In: Revista musical chilena, Band 67, September 2013, S. 42–80, geänderte Hornbostel-Sachs-Systematik im Anhang

Eine ursprünglich ebenfalls außer Acht gelassene Methode der Tonerzeugung bei Aerophonen kennzeichnet die Membranopipes. Für sie führte das Musical Instrument Museums Online (MIMO), ein internationales Komitee, das digitale Informationen über Musikinstrumente in Museen koordinieren und zur Verfügung stellen möchte, 2011 eine weitere Blasinstrumentenkategorie (424) in der Hornbostel-Sachs-Systematik ein.Revision of the Hornbostel-Sachs Classification of Musical Instruments by the MIMO Consortium. MIMO-Ergänzung der Hornbostel-Sachs-Systematik von 2011 In einem Anhang vom November 2017, der einige Ergänzungen und kleinere Korrekturen zu ihrer Klassifikation von 2011 enthält, taucht der Vorschlag von Jens Schneider (1993) wieder auf, um namentlich für die nolkin eine neue Gruppe in der Hornbostel-Sachs-Systematik zu schaffen. Sie wurde Sucked (tubular) labrosones (423.123.1) benannt und in Instrumente ohne Mundstück (423.123.11) und mit Mundstück (423.123.12) unterteilt.ADDENDA and CORRIGENDA for the Revision of the Hornbostel-Sachs Classification of Musical Instruments by the MIMO Consortium, as published on the CIMCIM website. Anhang zur MIMO-Ergänzung der Hornbostel-Sachs-Systematik vom November 2017 Der Begriff labrosones (aus Latein labium, „Lippe“, und sonus, „Klang, Geräusch“, etwa „Lippen-Töner“) geht auf Anthony Baines zurück (erstmals verwendet 1976),Anthony Baines: Brass instruments: Their History and Development. Faber & Faber, London 1976, S. 40 der eine schlüssigere Definition für die Kategorie der brass instruments (entspricht „Blechblasinstrumente“, in der Hornbostel-Sachs-Systematik „Trompeten“) einführen wollte. Labrosones kann sich auf Vibrationen der Lippen in beiden Windrichtungen beziehen.

Die äußere Form ist für die Kategorisierung der Aerophone auf den unteren Ebenen von Bedeutung, denn sucked trumpets können prinzipiell aus derselben Vielfalt von Materialien und Formen wie Naturtrompeten und Naturhörner bestehen, die allein durch die Methode der Tonerzeugung mit den Lippen definiert sind. Zu den primitiven Trompeten gehören neben geraden Röhren aus Pflanzenmaterial, Ton oder Knochen auch gekrümmte Tierhörner und gerundete Gefäße wie Kalebassen und Schneckenhörner. Nicht bei allen Musikinstrumenten mit diesen Trompetenformen kommt es auf die Lippenschwingungen an. In manche Gefäße summt, singt oder spricht der Spieler hinein, um die Resonanzverstärkung oder Klangverzerrung durch das Gefäß auszunutzen. Die erzeugten Tonfrequenzen können manchmal wiederum entsprechende Lippenschwingungen hervorrufen. An einem solchen Übergang hin zur Tonerzeugung bei einer Trompete steht das australische Didgeridoo.Klaus P. Wachsmann: Die primitivem Musikinstrumente. In: Anthony Baines (Hrsg.): Musikinstrumente. Die Geschichte ihrer Entwicklung und ihrer Formen. Prestel, München 1982, S. 13–49, hier S. 45

Ein möglicher Grund, weshalb die sucked trumpets durch Einziehen von Atemluft gespielt werden, sind die auf diese Weise leichter zu erzeugenden hohen Töne. Um bei einer Trompete hohe Töne zu erzielen, müssen die Lippen straff gespannt werden. Beim Blasen werden die Lippen auseinander gedrückt, was das Anspannen anstrengender macht, während das Einziehen von Luft die Lippenspannung befördert. Bei einem dünnen und vorzugsweise angeschrägten Endrohr fällt es außerdem leichter, die Lippen eng beieinander und damit luftdicht zu halten. Außerdem vibriert beim Einsaugen vor allem der weiche, in der Mundhöhle befindliche Bereich der Lippen.Jens Schneider, 1993, S. 74

Verbreitung Naturtrompeten und Hörner werden weltweit überwiegend längs angeblasen, Tierhörner in Afrika wie Elfenbeintrompeten und das südafrikanische phalaphala dagegen meist seitlich. Die ältesten trompetenförmigen Blasinstrumente dienten wohl als Stimmenverzerrer, um in magischen Ritualen die bösen Geister zu vertreiben oder die Stimme eines Geistes nachzuahmen. Den magischen Aspekt behielten sie auch bei den der Sphäre der Hirten zugehörenden Holztrompeten und den parallel im militärischen Umfeld verwendeten Metalltrompeten (etwa der karna) bei.Sibyl Marcuse: A Survey of Musical Instruments. Harper & Row, New York 1975, S. 785