mini|hochkant|Margaretenkirche von Norden (2020) mini|hochkant|Margaretenkirche von Osten (2007) Die Margaretenkirche ist die evangelische Kirche von Aldingen, einem Stadtteil der Stadt Remseck am Neckar im Landkreis Ludwigsburg in Baden-Württemberg. Die im spätgotischen Stil erbaute Kirche bildete zusammen mit dem abgegangenen Aldinger Schlössle eine gemeinsam ummauerte, innerörtliche Burganlage. Namenspatronin ist die heilige Margareta von Antiochia. Die Herren von Kaltental nutzten die Kirche als Residenzkirche und Grablege. Daher enthält sie mehrere Kunstwerke aus der Zeit der kaltentalischen Herrschaft, darunter vierundzwanzig Grabdenkmäler.

Die Margaretenkirche gehört heute zur Evangelischen Kirchengemeinde Remseck im Kirchenbezirk Ludwigsburg der Evangelischen Landeskirche in Württemberg.

Geschichte

Vorgängerkirche mini|hochkant|Burg Aldingen: Ausschnitt einer Ansicht von Aldingen am Neckar im Forstlagerbuch von Andreas Kieser (1682). Zu erkennen ist die Margaretenkirche mit Turm und links davon das Schlössle sowie die beide Gebäudekomplexe umgebende Mauer Bereits im 8. Jahrhundert soll sich in Aldingen eine Kirche befunden haben. Die im Jahr 1100 erfolgte Schenkung der Kirche an das Kloster Hirsau durch Winther von Oßweil war die erste urkundliche Erwähnung Aldingens. Bei der erwähnten Kirche handelte es sich um einen romanischen Vorgängerbau der heutigen Margaretenkirche. Bei Renovierungsarbeiten im Jahr 1963 wurden Mauerreste dieser Vorgängerkirche freigelegt und fotografiert, jedoch nicht genau vermessen, weshalb ihre genaue Größe und Gestalt nicht bekannt ist. Im Jahr 1278 war die Kirche im Besitz von Graf Ulrich von Asperg, der sie als Teil der Herrschaft Aldingen dem Burggraf Walter von Kaltental als Lehen übergab. Burggraf Johann II. von Kaltental und seine Brüder integrierten um 1318 diese Kirche in eine Burganlage, die von einer Ringmauer und einem Zwinger umgeben war sowie zur Bergseite hin von einem Graben geschützt wurde. Kirchenburg und Herrschaftssitz besaßen dabei getrennte Höfe mit eigenen Toren. Aufgrund eines Brandes im 18. Jahrhundert bestehen von der Anlage heute nur noch die Kirche selbst, Teile der Mauer, das mutmaßlich ebenfalls um 1318 entstandene Pfaffenhaus sowie das im 17. Jahrhundert als Anbau entstandene Alte Schulhaus.

Am 29. November 1380 verkaufte Hans von Kaltental die Kirche an das Stift zu Stuttgart. Diesem wurde sie 1398 durch Papst Bonifatius IX. inkorporiert.

Baugeschichte An Stelle dieser Vorgängerkirche wurde die spätgotische Margaretenkirche im 15. Jahrhundert durch Hans von Ulm weiterhin als Teil der kaltentalischen Burg erbaut. Die neue Kirche wurde im Jahr 1500 fertiggestellt, wie der östliche Schlussstein im Chorgewölbe dokumentiert. Nicht geklärt ist, ob und wieweit dabei Teile der Vorgängerkirche sowie mögliche Neubauten von 1398 – darunter eventuell der Turm im Westen des Gebäudes – mit einbezogen wurden. Allerdings folgt die Anlage Hans von Ulms einem einheitlichen Plan. Obwohl auch diese neue Kirche nach wie vor in das Stuttgarter Stift inkorporiert war, wurde sie von den Herren von Kaltental als Residenzkirche sowie als Grablege genutzt. So zeigt unter anderem der westliche Schlussstein im Chorgewölbe das Wappen der Kaltentaler, wohingegen es keine baulichen Hinweise auf das Stift als eigentlichen Eigentümer gibt.

Der Innenraum wurde im Laufe der kaltentalischen Herrschaft immer wieder ergänzt und auch später mehrfach restauriert und den Bedürfnissen der Zeit angepasst. So wurde 1633 eine über eine Außentreppe erreichbare Empore an der Südseite des Kirchenschiffs integriert. Während des Pfälzischen Erbfolgekrieges wurde die Kirche im Jahr 1693 von französischen Soldaten geplündert, dabei wurden unter anderem die Glocken entwendet. Der noch zu katholischer Zeit entstandene Hochaltar wurde 1787 abgebaut und die darin enthaltenen fünf Heiligenfiguren 1895 an das Landesmuseum Württemberg verkauft. Damit war Platz geschaffen für den Einbau einer Chorempore mit Orgel und im Chor-Parterre eines Gestühls für die größer gewordene Gemeinde. Erst 1947/48 wurden diese Einbauten wieder entfernt und 1963 das Schiff mit neuer Süd- und Westempore versehen.

Die letzte größere Restaurierung fand im Jahr 2012 statt, hierbei erhielt die Kirche unter anderem einen neuen Altar, der durch den Künstler Werner Mally gestaltet wurde.

Aldinger „Biblia latina“ Die Aldinger Biblia latina ist eine in Aldingen entstandene, umfassende, lateinische Bibelhandschrift in der damals verbreiteten Vulgata-Fassung. Sie liefert einen wichtigen Beitrag zur lokalen Kirchengeschichte. Die Handschrift wurde im Wesentlichen zwischen 1452 und 1460 durch Johannes Winckelmess in einer für das späte Mittelalter typischen Bastarda-Schrift verfasst. Winckelmess war zu dieser Zeit Leutpriester (plebanus) an der Margaretenkirche. Der zwischen 1425 und 1430 in Mühlhausen am Neckar geborene Winckelmess übte im Auftrag des Stuttgarter Stiftes vor Ort die vollen Pflichten eines Pfarrers aus. Seine Ausbildung zum Leutpriester beschränkte sich allerdings auf eine Kloster- oder Lateinschule, da dieses Amt damals als „Anlernberuf“ aufgefasst wurde. Winckelmess besaß während seiner Aldinger Zeit auch nur niedere Weihen. Nach einer Station als Pfarrrektor in Waiblingen von 1462 bis 1465, trat er dem Stuttgarter Stift als Kanoniker bei, was er bis 1488 – seinem mutmaßlichen Todesjahr – auch blieb. Erst nach seinem Beitritt zum Stift begann Winckelmess in Freiburg und Heidelberg zu studieren und erhielt 1470 die Priesterweihe. Er hatte im Stift die Ämter als Keller und Kustos inne sowie 1474 als Frühmesser in seinem Heimatort Mühlhausen. Ab 1477 war er württembergischer Rat sowie kaiserlicher Notar.

In der Biblia latina selbst notierte Winckelmess das Geburtsdatum zweier Kinder (Johannes am 22. April 1452 und Thomas am 12. Dezember 1456). Dabei handelte es sich mutmaßlich um Winckelmess' eigene Söhne, die Mutter der Kinder ist nicht bekannt. Die Biblia latina scheint insofern für Winckelmess' privaten Gebrauch erstellt worden sein, worauf auch ein von Winckelmess verfasster Nachtrag von 1460 hindeutet.

Im 16. Jahrhundert wechselte die Handschrift mehrfach als Geschenk oder durch Verkauf den Besitzer. Ab dem 17. Jahrhundert gehörte sie dem Kloster Schöntal. Von dort gelangte sie in Folge der Säkularisierung zu Beginn des 19. Jahrhunderts in die heutige Württembergische Landesbibliothek.

Reformation und paritätische Nutzung mini|hochkant|Margaretenkirche von Süden (2020); im Vordergrund das Pfaffenhaus Nach Einführung der Reformation in Württemberg im Jahr 1534 hätte Herzog Ulrich als Oberherr des Stuttgarter Stifts das Recht gehabt, die Reformation auch für die dem Stift gehörige Margaretenkirche einzuführen und einen Pfarrer seiner Wahl zu benennen. Zugunsten der katholischen Ortsherren Aldingens wurde jedoch darauf verzichtet.

In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts teilten sich die Brüder Reinhard und Heinrich von Kaltental und ihr entfernter Verwandter Philipp Wolf von Kaltental die Ortsherrschaft über Aldingen. Parallel zur Einführung der Reformation arbeiteten die Ortsherren daran ihre Abhängigkeit von Württemberg zu verringern. 1560 unterschrieben sowohl Reinhard als auch Phillip Wolf eine von der Reichsritterschaft erarbeitete Ritterordnung. Nachdem diese 1561 durch Kaiser Ferdinand bestätigt wurde, bedeutete das für die Aldinger Kaltentaler eine größere Unabhängigkeit von Württemberg. Gleichzeitig versuchte man aber auch, es sich mit dem übermächtigen Nachbarn nicht zu verderben, weshalb die Frage der Reformation weitere Brisanz gewann.

Heinrich und Reinhard einigten sich mit der Verwaltung des seit 1550 in Württemberg regierenden Herzogs Christoph auf die Einführung der Reformation in Aldingen. Ihr Vetter Philipp Wolf widersetzte sich dem jedoch. Mutmaßlich folgte er dabei dem Einfluss seiner Tante Emerentia von Kaltental, welche die letzte Priorin des katholischen Frauenklosters Mariental in Steinheim an der Murr war. Die dortigen Nonnen versuchten zu diesem Zeitpunkt ebenfalls gegen den teilweise militärischen Druck aus Württemberg ihrem bisherigen Glauben weiter zu folgen. Man einigte sich in Aldingen 1568 schließlich unter dem stärker werdenden Druck aus Stuttgart auf einen Kompromiss. Das bedeutete für die Dorfbewohner, dass sie freie Wahl bei der Konfession erhielten. In der Aldinger Dorfordnung von 1578 wurde dies ausdrücklich festgeschrieben.

Das ab 1500 urkundliche bezeugte aber wohl deutlich ältere sogenannte Pfaffenhaus war bis zur Reformation die Wohnung des Gemeindepfarrers und später des katholischen Messpriesters. Nachdem der katholische Gottesdienst in der Margaretenkirche eingestellt worden war, beherbergte das Pfaffenhaus im 18. Jahrhundert mehrere jüdische Familien, die hier auch einen Betraum einrichteten. Für die evangelischen Pfarrer wurde 1568 ein Pfarrhaus außerhalb der Anlage errichtet und im 18. Jahrhundert zu einem Pfarrhof erweitert. Bis heute ist hier das Pfarramt der zuständigen Kirchengemeinde untergebracht.

Die Gottesdienste beider Konfessionen wurden seit der Reformation und noch in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges bis etwa 1640 in der Margaretenkirche gefeiert. Dazu gab es neben dem evangelischen Hauptaltar im Chor noch bis um das Jahr 1800 an der südlichen Chorbogenwand einen katholisch genutzten Seitenaltar mit einem Baldachin (Ziborium). Er geht auf eine Stiftung Kaspars von Kaltental aus dem Jahr 1488 zurück und befand sich anders als die Kirche selbst daher im Besitz der Familie von Kaltental. Der katholische Altar wurde später wegen des Platzbedarfs für eine halbe Südempore entfernt. Sein ehemaliges Altarbild ist trotz des katholischen Motivs („Maria Himmelfahrt“) bis heute in der mittlerweile rein evangelischen Kirche als Wandschmuck vorhanden und erinnert an die Zeit als Simultankirche.

Im Verlauf des 17. Jahrhunderts sank die Zahl der Katholiken in Aldingen. Nachdem die katholische Linie der Kaltentaler ausstarb, wurde auch kein katholischer Messpriester mehr eingestellt, es fanden seither keine katholischen Messen mehr in der Margaretenkirche statt. 1859 wurden in Aldingen bei insgesamt 1250 Einwohnern noch zwei nach Ludwigsburg eingepfarrte Katholiken gezählt. Erst ab 1945 zogen wieder vermehrt Katholiken nach Aldingen, die dann nach Gründung einer Aldinger Gemeinde zwischen 1963 und 1966 auch eine eigene Kirche erbauten. Außenbereich mini|hochkant|Westlicher Zugang zum Kirchhof (2020) Die Margaretenkirche liegt in einem von einer Mauer umgebenen Kirchhof, der über drei Tore erreichbar ist. Sie besitzt eine Gesamtlänge von 36 m. Das Kirchenschiff ist dabei wie im Mittelalter üblich in West-Ost-Richtung orientiert. Der für eine Dorfkirche ungewöhnlich große Chor befindet sich entsprechend an der Ostseite. Das Hauptportal mit gotischem Stabwerk und Figurenschmuck ist an der Südseite des Kirchenschiffs. Links des Portals ist Maria mit dem Jesuskind dargestellt. Auf der rechten Seite die heilige Margarete mit dem Drachen und über dem Portal der Gottvater. Bei den Figuren handelt es sich um Kopien. Die Originale aus dem 16. Jahrhundert befinden sich heute im Turm.

Innenbereich Chor Der Chor wurde durch Hans von Ulm gestaltet und im Jahr 1500 fertiggestellt, wie die Inschrift im Schlussstein belegt. Das gotische Maßwerk in den großen Fenstern wurden um 1800 entfernt. Mittlerweile besitzt die Kirche durch die Firma Deiniger in Ulm gestaltete Fenster mit Glasmalereien von 1979. Diese stellen einem Entwurf von Annemarie Hammer-Fleck (1913–2001) folgend die Motive Schöpfung, Leiden und Erlösung dar. Der Chor beherbergt zudem die Orgel von 1973 mit einer Disposition von Volker Lutz. Des Weiteren finden sich hier mehrere Grabdenkmäler der Herren von Kaltental, die originalen Herrschaftsstühle der Ortsherren sowie der moderne Altar von Werner Mally aus dem Jahr 2012.

Kirchenschiff