mini|Oschersleben (Bode) Luftbild (11. Januar 1944)Die Stadt Oschersleben (Bode) in der Magdeburger Börde war im Zweiten Weltkrieg sechs Mal das Ziel von Bombenangriffen der 8th Air Force der USSAF. Ab Juli 1943 wurden insgesamt 2.156 Sprengbomben und eine sehr große Anzahl Brandbomben auf Oschersleben abgeworfen. Die AGO Flugzeugwerke, aber auch die Stadt selbst erlitten schwere Zerstörungen. 2.156 Einwohner wurden obdachlos, 148 Tote wurden registriert und 373 Menschen verletzt.Rudi Hartwig: Bomben auf Frauen und Kinder. 1985. S. 4–5Luftangriffe auf Region Sachsen-Anhalt

Oschersleben an der Bode war auch zur Zeit des Zweiten Weltkriegs eine landwirtschaftlich geprägte Kreisstadt (20.000 Einwohner) in der Magdeburger Börde. Ab 1934 waren, benachbart zur „Stadt der Flieger“, die AGO Flugzeugwerke GmbH entstanden, die besonders das einsitzige Jagdflugzeug Focke-Wulf Fw 190 in großer Stückzahl in Serie herstellten. mini|Jagdflugzeug Focke-Wulf Fw 190, gebaut bei AGO

Luftschutz und Luftabwehr Bis 1943 waren im AGO-Werk zusätzliche Luftschutzräume und Splitterschutzgräben gebaut worden. In der Stadt wurden die Keller der beiden ortsansässigen Brauereien (Germania-Brauerei und Kühlesche Brauerei) zu Luftschutzbunkern umfunktioniert. Ein neuer Bunker entstand in der Innenstadt, und im Bahnhofsbereich wurden Kegelbunker gebaut. Zur Abwehr möglicher Luftangriffe auf Werk und Stadt stand bis zum ersten durchgeführten Bombardement im Juli 1943 nur die „Industrie-Schutz-Staffel“ (ISSt) der AGO mit vier Jagdflugzeugen zur Verfügung. Nach dem ersten Angriff im Sommer 1943 wurde die 1. und 2. Schwere Flak-Abteilung 537 bei Oschersleben stationiert.

Die einzelnen Luftangriffe Am 6. September 1940 fielen in der Nacht um 1:10 Uhr acht Brandbomben der RAF in die Halberstädter und die Schützen-Straße von Oschersleben. Am 16. Oktober 1940, nachts 0:40 Uhr, warf ein RAF-Bomber sechs schwere Spreng- und Brandbomben östlich von Oschersleben in die Feldmark.

Die 8th Air Force der USAAF griff von Juli 1943 und bis Juni 1944 insgesamt sechsmal das Flugzeugwerk, aber auch die Stadt an. Die Angriffe erfolgten immer am Tage, ab 1944 unter Geleitschutz von Langstrecken-Jagdflugzeugen. 28. Juli 1943: US-Angriff auf die AGO-Werke im Rahmen der Blitz Week, die gegen die deutsche Luftrüstung gerichtet war. 43 Bomber vom Typ Boeing B-17 „Flying Fortress“ starteten in England mit dem Ziel Oschersleben. Die Begleitjäger konnten wegen ihrer damals noch beschränkten Reichweite die Bomber nicht bis Mitteldeutschland schützen. Schon beim Einflug in das Reichsgebiet gab es schwere Luftkämpfe mit deutschen Jagdgeschwadern, die den Pulk auflösten und denen insgesamt 15 Bomber zum Opfer fielen. 28 Boeing B-17 nahmen endgültig Kurs auf Oschersleben.René Scheer: AGO-Flugzeugwerke. Ziethen, Oschersleben 2014. S. 173 f Von 11:05 bis 11:56 Uhr warfen sie bei guter Sicht 67,9 Tonnen Bombenlast auf die Fertigungsanlagen der AGO und die Stadt: 159 Sprengbomben und über 3.000 Brandbomben. Das Werk erhielt 60 schwere Treffer, es wüteten 25 Brände. Die Belegschaft floh zum Teil in die Umgebung. Drei Werkhallen, 10 Gebäude (darunter Verwaltung, Archiv die Hollerith-Abteilung), ein Luftschutzraum und ein Splitterschutzgraben wurden schwer getroffen, und 40 fabrikneue Focke-Wulf-Jagdflugzeuge am Boden zerstört. Das Werk war aber nicht vernichtet und stand somit weiter auf der Zielliste der USAAF. Die Produktion soll wenig beeinträchtigt worden sein.Olaf Groehler: Bombenkrieg gegen Deutschland. 1990. S. 128 Auch in der Innenstadt von Oschersleben gab es schwere Schäden: 14 Häuser wurden zerstört und 22 stark beschädigt. Es gab 46 Tote (davon 27 Ausländer), von denen drei nicht identifiziert werden konnten, und 235 Verletzte. Die AGO lagerte zerstörte Bereiche aus, so die Mechanische Werkstatt vorübergehend in die Schokoladenfabrik. Einige Bomber hatten Oschersleben nicht gefunden und warfen 100 Bomben auf den kleinen Ort Dalldorf, den sie zu 70 % zerstörten und in dem ein Kind und fünf Erwachsene ums Leben kamen. mini|Amerikanische Boeing B-17 „Flying Fortress“ über Oschersleben mini|Amerikanische Consolidated B-24 „Liberator“ in Formation mini|Bombenangriff vom 20. Februar 1944 mini|AGO-Flugzeugwerke nach Luftangriff vom 11. April 1944

11. Januar 1944: Der Angriff der 1st Bombardment Division der 8th Air Force erfolgte wegen schlechter Witterungsverhältnisse, einer deswegen ausgelösten Rückruf-Aktion und starker deutscher Luftabwehr „zersplittert“. 139 Boeing B-17 sollten Oschersleben mit 455 Tonnen Bombenlast angreifenRoger A. Freeman: Mighty Eighth Air Force. 1981. S. 165: mit 710 Sprengbomben (bis 800 kg Masse) und 380 Flüssigkeits-Brandbomben. Auch wenn 36 der Bomber abgeschossen wurden, traf das Bombardement ab 11.42 Uhr trotzdem das Flugzeugwerk und die Stadt „in voller Härte“. In den AGO-Werken wurden 50 % der Gebäude vernichtet und 14 % schwer beschädigt. Besonders war die Endmontage der Flugzeuge betroffen. 210 der Sprengbomben und 300 der Brandbomben trafen das Stadtgebiet: hier wurden 36 Gebäude vernichtet, 58 schwer und 232 leicht beschädigt. Zahlreiche Brände loderten, riesige Rauchpilze schossen in die Höhe. Der Strom fiel durch Treffer auf die Überlandleitung aus. Auch der Bode-Damm wurde bombardiert, was zur Überschwemmung weiter Gebiete führte. 59 Bewohner kamen bei dem Angriff ums Leben (33 erwachsene Zivilpersonen, 17 Kinder, 4 Kriegsgefangene, 2 Ausländer, ein Soldat). Die Bergung der verschütteten Toten nahm fünf Tage in AnspruchRené Scheer: AGO-Flugzeugwerke. Ziethen, Oschersleben, 2014. S. 181Karl Kellner: Bomben und Granaten auf Oschersleben. 1957. S. 24 34 (36) US-Flugzeuge gingen verloren, 83 weitere wurden beschädigt. Daran hatte auch die bei Oschersleben stationierte Schwere Flak-Abteilung 537 einen großen Anteil. Die AGO verlagerte nun verstärkt Teile ihrer Anlagen in andere Orte und Unter Tage, so in frühere Kali- und Steinsalzschachtanlagen der Siebenberg GmbH in dem 8 km entfernten Hadmersleben. Letztlich sollte nur noch die Endmontage im Stammwerk Oschersleben bleiben. Nach dem Angriff konnten – trotz der Zerstörungen – im Januar noch 67 Focke-Wulf-Flugzeuge von der AGO ausgeliefert werden, die gleiche Zahl im Februar.

20. Februar 1944: In der Big Week vom 20. bis 25. Februar flogen alliierte Bomber, begleitet von amerikanischen Langstrecken-Jagdflugzeugen der Typen Mustang und Thunderbolt, massive Angriffe auf Produktionsstätten der deutschen Flugzeugindustrie. Oschersleben war eines der Ziele der 8th Air Force. Die Börde lag schneebedeckt und gut erkennbar in der Wintersonne. 57 (44) Boeing B-17 „Flying Fortress“ und ihre BegleitjägerRoger A. Freeman: Mighty Eighth Air Force. 1981. S. 183 griffen die Stadt von 13:32 bis 13:45 Uhr an, graue Rauchzeichen markierten die Ziele. 79,5 Tonnen Bombenlast wurden abgeworfen: 360 (310) „High Explosive“ Sprengbomben und 12.000 AN-M50-Stabbrandbomben. Es entstanden 363 Brandherde, die Stadt wurde zum „Glutofen“. Über Oschersleben stieg eine riesige Staub- und Qualmwolke auf. Feuerwehren aus nah und fern und Wehrmachtssoldaten bargen und versorgten Opfer. Während der Löscharbeiten explodierten fünf Sprengbomben mit Langzeitzündern und zerstörten ein Feuerwehrfahrzeug und drei Krankenwagen. Der Sachschaden war erheblich: vier „große Gebäude“ wurden total zerstört, 120 Wohnhäuser total zerstört, 147 schwer beschädigt, 74 erheblich und 98 leicht beschädigt. Das Kreiskrankenhaus (alle Krankenhäuser und Lazarette waren mit großen Roten Kreuzen auf den Dächern gekennzeichnet) wurde total zerstört, wie auch vier Schulen und zwei Kirchen, das Evangelische Waisenhaus und die Maschinenfabrik Odesse. Es gab 37 Tote, drei Vermisste, 108 Verletzte und 2.100 Obdachlose. 450 Einwohner wurden wegen der Gefahr durch Bomben mit Langzeitzündern evakuiert. Der Angriff galt zwar dem AGO-Flugzeugwerk, getroffen wurde aber hauptsächlich die Zivilbevölkerung. Es war der schwerste Angriff auf OscherslebenLuftangriffe auf Oschersleben

22. Februar 1944: geplanter, aber wegen widrigen Wetters ausgefallener erneuter US-Angriff auf Oschersleben. Die 91. Bombergruppe der 8th Air Force, die Oschersleben bombardieren sollte, befand sich zum Zeitpunkt des Rückrufs von der „Mission“ mit 32 B-17 „Flying Fortress“ zufällig über der Ortschaft Bünde (nördlich von Bielefeld) und entledigte sich dort ihrer 140 Spreng- und 160 Brandbomben. Fünf dieser Bomber wurden abgeschossenRené Scheer: AGO-Flugzeugwerke. Ziethen, Oschersleben 2014. S. 187

11. April 1944: Zum Einsatz in Deutschland starteten 828 schwere US-Bomber und 819 Begleitjäger. Noch vor den Zielgebieten wurden 23 Maschinen durch Jagdflugzeuge der Luftwaffe abgeschossen. Von der gesamten Streitmacht griffen 121 B-24 „Liberator“ Oschersleben als Primärziel an. Sie warfen von 11.12 bis 11.22 Uhr 495 High Explosive SprengbombenRoger A. Freeman: Mighty Eighth Air Force. 1981. S. 217 und 2.295 Phosphor-Brandbomben vom Typ AN-M47René Scheer: AGO Flugzeugwerke. Ziethen, Oschersleben 2014. S. 209. 54 Bomben trafen AGO-Gelände und richteten dort schwere Schäden an, das Werk wurde „nahezu vollständig zerstört“. Deutsche und ausländische Arbeitskräfte verließen sich nicht auf die Schutzräume und Splittergräben, sondern flüchteten – auch organisiert „hinausgeführt“ – in großer Zahl aus dem Werksbereich, nachdem der Alarm ertönte. Die Stadt erhielt ebenfalls eine große Zahl von Treffern, davon 90 auf Wohnhäuser. Eine neue Düngemittelfabrik wurde schwer beschädigt, die Gasfernleitung zerbarst, die getroffene Bahnverbindung Oschersleben–Magdeburg fiel für zwei Tage aus. Sechs Menschen kamen bei dem Angriff ums Leben.National Archives: Aufklärungsbild nach dem Angriff

12. April 1944: Fehlgeschlagene Angriffsplanung. Die 2nd Bombardment Division der 8th Air Force sollte mit 184 B-24 „Liberator“ und starkem Begleitschutz Oschersleben und Zwickau bombardieren. Wegen schlechten Wetters wurden die Flugzeuge bei Erreichen der Reichsgrenze zurückgerufen. Die Luftwaffe konnte fünf zurückkehrende Bomber abschießen, 25 beschädigen und auch fünf US-Begleitjäger zum Absturz bringenRené Scheer: AGO-Flugzeugwerke. Ziethen, Oschersleben 2014. S. 210

30. Mai 1944: An diesem Tag sollte die abgebrochene und verlustreiche „Mission“ der USAAF vom 12. April nachgeholt werden. Von 919 eingesetzten schweren Bombern, in Begleitung von 672 Jagdflugzeugen, nahmen 51 Boeing B-17 Kurs auf Oschersleben als Primärziel. Von 11.05 bis 11.10 Uhr warfen sie 118 Tonnen Bombenlast (350 Bomben). Sie zerstörten Werkhallen von AGO, darunter die Endmontage von Fw 190, trafen aber auch 70 Wohnhäuser. 56 Menschen wurden obdachlos, Tote waren nicht zu beklagen. Durch viele Bombentrichter erlitten bestellte Äcker und Wiesen erhebliche Schäden. Trotz der erheblichen Zerstörungen konnte infolge der Dezentralisierung der Produktion, einschließlich der Unter Tage-Verlagerung nach Hadmersleben, die Montage von Fw 190 A-8 schnell wieder aufgenommen werden. Vom 1. Mai bis 30. Mai hatte die AGO wieder 170 dieser Jagdflugzeuge hergestellt.Roger A. Freeman: Mighty Eighth Air Force. 1981. S. 254René Scheer: AGO-Flugzeugwerke. Ziethen, Oschersleben 2014. S. 213