Das Karolinenviertel (oft auch kurz „Karoviertel“ genannt) ist ein Quartier im Hamburger Stadtteil St. Pauli und bildet in administrativer Hinsicht den Ortsteil 108 des Bezirks Hamburg-Mitte. Der Ortsteil umfasst neben dem eigentlichen Karolinenviertel östlich der U-Bahn-Linie 3 (zwischen den Haltestellen Feldstraße und Sternschanze) auch westlich davon gelegene Gebiete, die Grenze verläuft etwa nördlich der Lager- und östlich der Sternstraße/Kampstraße. Das Karolinenviertel wird im Norden und Osten vom Messegelände begrenzt, im Süden vom Heiligengeistfeld und im Westen vom Schlachthof, der es vom Schanzenviertel trennt, dem es in mancher Hinsicht ähnelt. Der östliche Teil des Viertels ist gut 0,2 km2 groß, der westliche knapp 0,1 km².
Infrastruktur, Einwohnerentwicklung mini|Karolinenviertel und Umgebung 1880 mini|Marktstraße 126, öfter mal neu gestaltet mini|„Szene-Laden“ mini|Die Marktstraße Das Karolinenviertel war lange ein verarmtes Viertel, dessen Bebauung überwiegend noch aus der Gründerzeit stammt. Seit den 1990er-Jahren gab es Ansätze zur Gentrifizierung, gegen die es aber Widerstand aus Teilen der Bevölkerung bis hin zur Gewaltanwendung gegeben hat. Im Rahmen einer seit vielen Jahren betriebenen behutsamen Stadterneuerung hat sich in dem einstigen „Armeleuteviertel“ mittlerweile eine multikulturelle Mischung aus Zuwanderern, Einheimischen, Mode- und Designgeschäften und „Szene-Läden“ eingerichtet.
Statistik
Das engere Karoviertel ist in der amtlichen Statistik als Statisches Gebiet 4002 erfasst. Hier leben etwa 4.100 Menschen. Im Viertel gab es Ende 2020 insgesamt 281 Wohngebäude und 2.222 Wohnungen. 182 der Wohnungen waren Sozialwohnungen im 1. Förderweg.Drucksache 22/7523 der Hamburgischen Bürgerschaft
Marktstraße Die Marktstraße wird inoffiziell als die „Hauptstraße“ des Quartiers angesehen. Sie erhielt ihren heutigen Namen wahrscheinlich 1841, weil sie zum westlich gelegenen Neuen Pferdemarkt führte. Zwischen ihr und der südlich benachbarten Feldstraße befanden sich annähernd parallel die Straßen „Bei der Ölmühle“ (heute nur „Ölmühle“) und „Mathildenstraße“, sowie die die Marktstraße kreuzende „Glashüttenstraße“.
Durch die Ausdehnung des Schlachthofes änderte sich in den 1890er-Jahren der Straßenverlauf, da ein Teil davon dem Schlachthofgelände zugeschlagen wurde. Die Einmündung wurde vom Neuen Kamp zur Feldstraße hin verlegt, indem man den unbefestigten „Müllergang“ zur Mühle auf dem Heiligengeistfeld als neuen Teil der Marktstraße befestigte, die seitdem von der Feldstraße schräg abbiegend zur Carolinenstraße (damalige Schreibweise) hin verläuft.
Mitte des 19. Jahrhunderts war sie eine eher großzügig angelegte Straße mit breiten Gehwegen und bürgerlichen Vorderhäusern, die zu dieser Zeit die erste Bebauung mit vorstädtischen Gartenhäusern ablösten. Die kleinteilige und verwinkelte Anordnung der Straßen im Umkreis der Marktstraße erinnert bis heute an den schnellen und weitgehend ungeplanten Wiederaufbau der nördlichen „Vorstadt Hamburger Berg“ ab 1815.
Hinter den eher großzügigen Vorderhäusern fanden sich häufig Hinterhäuser und Terrassenzeilen mit sehr beengten Wohnverhältnissen, darunter die sog. Budenreihe in der Marktstraße 7–9. Diese Lebensbedingungen spiegelt eine Beschreibung wider, die Mitte des 19. Jahrhunderts ein recht abschätziges Bild der Marktstraße zeichnet: „Nördlich vom heiligen Geistfelde – (...) auf dem nun die Schlachter einige Hammel grasen lassen – wohnen in der Marktstraße und deren Umgebungen in unansehnlichen Häusern größtenteils Handwerker, Fuhrleute, Fabrikarbeiter und dergleichen.“
Heute ist die Marktstraße über Hamburg hinaus bekannt für ihre zahlreichen Second-Hand-, Bekleidungs-, Design- und Modeläden sowie ein aus einer beliebten Fernsehserie bekannten Tattoostudio, die besonders an Wochenenden vorwiegend ein junges Szene-Publikum anlocken. Viele der jahrzehntelang im Karolinenviertel ansässigen Gewerbebetriebe, besonders aus der Fleischereibranche, sind hingegen längst weggezogen oder mussten ganz schließen.
Hamburg-Messe und städtebauliche Sanierung Die Messehallen östlich der Karolinenstraße wurden – ebenso wie der Park „Planten un Blomen“ – auf den bereits in den 1930er-Jahren weitgehend abgeräumten Flächen der ehemaligen Dammtorfriedhöfe errichtet. Die Standorte der alten Messehallen folgen bis heute dem schachbrettartig an der St. Petersburger Straße (früher: Jungiusstraße) ausgerichteten Wegenetz der Friedhöfe. Sie entsprechen jedoch kaum noch den Anforderungen an eine moderne Messe, so dass alle alten Hallen im Zuge der laufenden Erweiterung des Messegeländes und der Errichtung der „Neuen Messe Hamburg“ abgebrochen und durch neue ersetzt werden.
In der Hamburger Nachkriegsgeschichte gab es darüber hinaus wiederholt Überlegungen, das Viertel komplett zugunsten einer Erweiterung des angrenzenden Geländes der „Hamburg-Messe“ oder der Errichtung einer großen Sport- und Veranstaltungshalle abzureißen. Dieser Mehrzweckhalle (im Quartiers-Jargon: „Mehrzweckfalle“) sollte ein Großteil des östlichen Karoviertels zwischen Glashütten- und Karolinenstraße zum Opfer fallen. Sie knüpfte an Pläne zur Errichtung einer monumentalen Halle auf dem Heiligengeistfeld an, die bereits in den 1920er-Jahren und besonders in der Zeit des NS-Regimes vorangetrieben wurden.
Der monströseste Plan jener Jahre schlug eine „Halle der 100.000“ (für 100.000 Sitz- bzw. 180.000 Stehplätze) vor, die überragt werden sollte von einem 500 m hohen „Reichskraftturm“. Dieses Projekt wurde von 1933 bis 1942 im Zuge der „Führerstadt-Hamburg“-Pläne immer wieder diskutiert und weiterentwickelt, jedoch kriegsbedingt nie in die Tat umgesetzt. Auch nach 1945 waren die Hallenpläne lange Zeit nicht vom Tisch und lebten noch bis in die 1970er-Jahre weiter. Noch zu Beginn der 1980er-Jahre erlebten sie in vieldiskutierten und heftig umstrittenen neuen Vorschlägen für eine Mehrzweckhalle („Sport-Dome“) auf dem Heiligengeistfeld eine Renaissance.
Als Voraussetzung für die Messeerweiterung oder die Errichtung der Kongresshalle erwarb die Freie und Hansestadt Hamburg seit den 1950er-Jahren Grundbesitz und Immobilien im Karolinenviertel. Die Verwaltung zahlreicher Mietshäuser wurde der städtischen Wohnungsgesellschaft „Freie Stadt“ übertragen, die später in der staatlichen Wohnungsgesellschaft SAGA aufging. Der Wohnungsbestand wurde – teilweise jahrzehntelang – nur sehr mäßig instand gehalten und praktisch nicht modernisiert, da nach wie vor der Abbruch drohte. Viele der alteingesessenen Bewohner und auch zahlreiche Gewerbebetriebe zogen aus dem Viertel weg und andere Mieter mit geringeren Ansprüchen an Ausstattung und Instandhaltung der – meist sehr preiswerten – Wohnungen rückten nach.
Dabei handelte es sich um zwei Hauptgruppen: Arbeitsmigranten, überwiegend aus Süd- und Südost-Europa, aus der Türkei und den Mittelmeerländern, und jüngere Leute, meist Studenten und Schüler, die keine teuren Mieten bezahlen wollten oder konnten. Bei beiden Gruppen glaubten Wohnungsverwaltung und Stadtplanung, dass sie nur wenige Jahre im Quartier verweilen und einem Umzug oder einer Umstrukturierung kaum Widerstand entgegensetzen würden.
Die Erfahrungen im Verlauf der sanierungsvorbereitenden Untersuchungen der 1970er-Jahre und der fortschreitenden Modernisierung und Umstrukturierung waren dann jedoch andere, so dass sich die meisten Abbrüche nicht durchsetzen ließen.
Die Erweiterung des Messegeländes erfolgt darum seit 2004 auf den Flächen des aufgegebenen Güter- und Autoverladebahnhofs Hamburg-Sternschanze, des ehemaligen Heizkraftwerks „Karoline“ der HEW (auf der Karte von 1880: Gelände der Zollvereinsniederlage) und eines Teils der Gebäude der Deutschen Telekom und der Funkturmgesellschaft zu Füßen des Heinrich-Hertz-Turms. Diese Erweiterung und ein nahezu vollständiger Umbau des alten Messegeländes östlich der Karolinenstraße setzte sich bis 2008 fort. Die neu gestalteten Messehallen auf beiden Seiten der – zum „Messe-Boulevard“ mutierten – Karolinenstraße stehen mit ihren 14 bis 22 Meter hohen Hallen und haushohen Glasfassaden in sehr deutlichem Kontrast zu den überwiegend gründerzeitlichen Häuserfronten des Quartiers. siehe auch: Hamburg Messe und Congress
Unmittelbar angrenzende Stadtgebiete Der Charakter des Karolinenviertels als fast „dörfliches“ Gebiet in unmittelbarer Nachbarschaft zum „Central Business District“ (CBD) der inneren Stadt beruht nicht zuletzt auf den städtebaulichen Strukturen, die das Wohnquartier von benachbarten Wohngebieten trennt. So verbinden sich der Park von „Planten un Blomen“ (mit den Wallanlagen), das Messegelände und das Heiligengeistfeld zu einer großräumigen Trennzone zwischen Kernstadt und den westlichen Stadterweiterungsgebieten.
Der ehemals einzige direkte Zugang aus der Stadt durch das 1859 errichtete „Holstenthor“ wurde seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts durch die wehrhaften Bauten des sogenannten Justizforums am Sievekingplatz ersetzt. Sie bestehen aus dem Strafjustizgebäude im Stil der deutschen Renaissance (1879–82) mit den nördlich anschließenden Bauten der Untersuchungshaftanstalt Hamburg (Neubau, 1927–29; errichtet nach Plänen Fritz Schumachers), dem Ziviljustizgebäude (1897–1903) und dem Hanseatischen Oberlandesgericht in Hamburg (1907–12) mit dem in die Nachbarschaft versetzten Kaiser-Wilhelm-Denkmal.
Die Trennung wird im Westen und Norden durch die Gebäude und Umfassungsmauern des Fleischgroßmarktes Hamburg (ehemals: Schlachthof Hamburg) und das neu errichtete Parkhaus der Hamburg Messe vervollständigt.
Verkehrsanbindung
Jeweils am Rand des Karolinenviertels liegen die U-Bahnhöfe Messehallen (U2), Feldstraße (U3) sowie der U-/S-Bahnhof Sternschanze (S2/S5/U3). Auf der Feldstraße und der Karolinenstraße verkehren mehrere Buslinien, die das Quartier über die Haltestellen U Feldstraße, Sievekingplatz und Hamburg Messe an das Hamburger Busnetz anschließen.
Der Name des Quartiers Die heute allgemein gebräuchliche Bezeichnung Karolinenviertel wird erst seit einigen Jahrzehnten für den nördlichen Teil St. Paulis verwendet. Namensgebend war die zwischen Quartier und östlich benachbartem Messegelände verlaufende Karolinenstraße, die 1843 als Carolinenstraße gemäß einer alphabetischen Liste weiblicher Vornamen benannt wurde.Helmut Stubbe da Luz: Karolinenviertel. In: Franklin Kopitzsch, Daniel Tilgner (Hg.): Hamburg Lexikon. Hamburg 2010. S. 381.
Noch bis in die 1960er-Jahre hinein waren hingegen die Bezeichnungen „Schlachthofviertel“, „Nord-St. Pauli“ oder noch früher „Vor dem Holstent(h)or“ üblich. Erst mit der neuen Überlebensperspektive für das Quartier durch die – ab Ende der 1960er Jahre allmählich in Gang kommende – Sanierung innerstädtischer Altbaugebiete scheint sich auch diese neue Bezeichnung zur Identifikation des Quartiers sukzessive durchgesetzt zu haben.
Geschichte Wiesen, Brunnen und Gartenvorland Die Bebauung auf dem Gebiet des heutigen Karolinenviertels begann wahrscheinlich zu Beginn des 17. Jahrhunderts, nachdem die neuen Hamburger Wallanlagen gerade fertiggestellt waren. Zum Schutz der Wälle und der vorgelagerten Bebauung wurde 1682 auf dem „Heimichhuder Heidberg“, einer eiszeitlichen Sanddüne im Nordwesten vor den Wallanlagen, die freistehende sternförmige Bastion „Sternschanze“ errichtet.
Frühe Karten und Vermessungspläne des 18. Jahrhunderts zeigen Teiche und Leitungen im Norden des heutigen Karolinenviertels, demzufolge es dort offenbar Quellen und Bachläufe gab, deren Wasser aus dem höher gelegenen Wallvorland bequem in die Stadt geleitet werden konnte. Diese Nutzung bildete einen der ersten „Dienste“ der Vorstadt für die Kernstadt innerhalb der Wälle, in der Folge wurde hier 1907 der Sternschanzen-Wasserturm errichtet. Weitere Dienste folgten, wie z. B. die Müllentsorgung.
Die „Kirchhöfe vor dem Dammthor“