Das Märchen vom Zaren Saltan, von seinem Sohn, dem ruhmreichen und mächtigen Recken Fürst Gwidon Saltanowitsch, und von der wunderschönen Schwanen-Zarewna ist eine Oper in vier Akten mit Prolog in sieben Bildern von Nikolai Rimski-Korsakow (Musik) mit einem Libretto von Wladimir Belski nach einem Märchen von Alexander Puschkin. Die Uraufführung fand am im Solodownikow-Theater in Moskau durch das Ensemble der Russischen Privatoper von Sawwa Mamontow statt. Große Bekanntheit erreichte der Hummelflug aus dem dritten Akt.

Handlung

Prolog

Dörfliche Stube, Winterabend

In Gegenwart der alten Babaricha spinnen die drei Schwestern Powaricha, Tkatschicha und Militrissa Garn. Die beiden älteren sind faul und eingebildet. Sie hetzen Militrissa von einer Hausarbeit zur nächsten, während sie davon träumen, vom Zaren zur Braut erwählt zu werden. Babaricha unterstützt sie dabei. In diesem Moment schaut der Zar unbemerkt zur Tür herein und belauscht ihr Gespräch: Powaricha fantasiert davon, als Zarin ein Bankett für die ganze Welt zuzubereiten. Tkatschicha würde einen wunderschönen Stoff weben. Militrissa dagegen meint, sie könne nichts dergleichen, sondern würde dem Zaren einen heldenhaften Sohn schenken. Der Zar tritt ein, erklärt Militrissa zu seiner Braut und stellt ihre beiden Schwestern als Köchin und Weberin ein. Er verlässt mit Militrissa das Haus. Die enttäuschten Schwestern wollen sich für diese Erniedrigung rächen, und Babaricha schlägt einen perfiden Plan vor: Da der Zar viel Zeit im Krieg verbringt, wird er nicht anwesend sein, wenn sein Kind zur Welt kommt. Sie werden daher den Boten abfangen und die Nachricht von der Geburt des Thronerben so verfälschen, dass er glaubt, Militrissa habe ein Monster geboren: „Weder Mensch noch Thier zu nennen, Noch als Vogel zu erkennen.“Zitat nach der deutschen Librettofassung von August Bernhard, S. 10. Original: „Не то сына, не то дочь, Не мышонка, не лягушку, А неведому зверюшку“ – wörtlich etwa: ‚weder Sohn noch Tochter, weder Maus noch Frosch, sondern eine unbekannte kleine Kreatur‘. Alle lachen.

Ein Orchesterzwischenspiel stellt Saltans Auszug in den Krieg dar. Es beginnt mit einem karikierten Marsch und verwandelt sich in ein bildhafte Schlachtmusik.

Erster Akt

Zarenhof in Tmutarakan, Meeresufer, auf einer Seite die offene Vorhalle von Saltans Schloss, auf der anderen die Stadt

Zarin Militrissa hat inzwischen ihren Sohn Gwidon geboren und wartet sehnsüchtig auf die Antwort ihres Mannes auf ihre Nachricht. Während sie in Gegenwart der alten Babaricha und des Hofnarren stickt, singen die Ammen dem Zarewitsch ein Wiegenlied. Babaricha singt das Lied mit ins Negative verkehrtem Text mit. Der Narr versucht vergeblich, Militrissa mit seinen Scherzen abzulenken. Ihre Schwester Powaricha bringt Kuchen. Mehrfach vom Narren unterbrochen trägt ein alter Mann ein Märchen vor, in dem ein Bär allen Vögeln den Krieg erklärt, weil seine alten Schuhe von Gänsen zerrissen wurden. Tkatschicha präsentiert ihrer Schwester einen Teppich, der sie aber nicht interessiert. Mittlerweile ist der Zarewitsch zum Knaben herangewachsen und läuft seinen sieben Ammen davon. Der alte Mann und das Volk freuen sich über seine Ähnlichkeit mit seinem Großvater und huldigen ihm. Da erscheint endlich der Bote des Zaren. Entsetzt hören alle den Befehl des Zaren, die Zarin und ihren Spross unverzüglich in einem Fass ins Meer zu werfen. Militrissa, das Volk und die Bojaren können das nicht glauben, doch Babaricha und die beiden Schwestern warnen vor dem Zorn des Zaren, sollte seine Anordnung missachtet werden. Militrissa fügt sich schließlich. Das Volk begleitet sie mitfühlend, während der Befehl ausgeführt wird. Militrissa ruft die Meereswelle um Rettung an. Die Schwestern und Babaricha lachen höhnisch.

Ein Orchesterzwischenspiel beschreibt die Reise des Fasses durch das Meer, bis es an die Küste einer öden Insel gespült wird. Der jetzt zum Helden herangewachsene Gwidon öffnet den Deckel und hilft seiner Mutter heraus.

Zweiter Akt

Die Insel Bujan, Meeresufer, auf einer Seite im Hintergrund eine Landzunge, auf der andern eine Anhöhe mit einer Eiche

Militrissa betrachtet traurig die karge Landschaft der Insel. Gwidon dagegen ist optimistisch. Er bewundert Blumen und bunte Schmetterlinge und formt aus einem Eichenzweig und seinem Halsband einen Bogen, um auf die Jagd zu gehen. Da erblickt er über dem Meer einen von einem riesigen Geier verfolgten Schwan und erlegt den Geier mit seinem Bogen. Hinter der Bühne erklingen klagende Stimmen von Geistern und einem Zauberer, doch im Mondschein steigt der gerettete Schwan aus dem Meer und erklärt Gwidon, dass er eigentlich eine verzauberte Königstochter sei. Er verspricht, ihm als Dank für die Rettung vor dem Zauberer in Zukunft mit Rat und Tat beizustehen, und verschwindet wieder im Meer. Vor der Nachtruhe erzählt Militrissa ihrem Sohn die Geschichte seiner Geburt und ihrer ungerechten Verbannung durch den Zaren. Als sie am nächsten Morgen erwachen, erblicken sie im Nebel die Konturen der verwunschenen Stadt Ledenez, deren Bann durch den Tod des Zauberers gebrochen wurde. Die Einwohner strömen unter Glockengeläut heraus, bedanken sich bei Gwidon und ernennen ihn zu ihrem Herrscher. Ermutigt von seiner Mutter nimmt Gwidon die Fürstenkrone an und wird unter Kanonendonner und feierlichen Lobgesängen in die Stadt geführt.

Dritter Akt

Erstes Bild. Bewaldetes Meeresufer auf der Insel Bujan

Gwidon betrachtet wehmütig ein Handelsschiff, das auf dem Weg in das Reich Saltans an der Insel vorbei segelt. In Gedanken bittet er die Reisenden, seinem Vater Grüße zu überbringen. Da erscheint der Schwan und fordert ihn auf, ihm sein Leid zu klagen. Gwidon teilt ihm mit, dass er endlich seinen Vater kennenlernen wolle. Sein magisches Eichhörnchen und seine dreiunddreißig Ritter langweilen ihn nur noch. Der Schwan verwandelt ihn daraufhin in eine Hummel, die zum Schiff fliegt und mit den Matrosen nach Tmutarakan reist.

Zweites Bild. Zarenhof in Tmutarakan, wie im ersten Akt

Die Schiffer landen am Zarenhof und werden von Babaricha und dem Zaren zum Festmahl geladen. Die Hummel folgt ihnen unbemerkt. Babaricha und die beiden Schwestern der Zarin sorgen für die Bewirtung, während die Reisenden von ihren Erlebnissen in fremden Ländern erzählen. Auch von Gwidons Insel und seiner über Nacht aufgestiegenen prächtigen Stadt wissen sie zu berichten. Da Saltan neugierig geworden ist und diese Insel selbst besuchen möchte, fordert Babaricha die Schwestern auf, dem etwas entgegenzusetzen. Die Bäckerin beginnt mit einer eigenen Erzählung, wird aber von der Hummel in die Augenbrauen gestochen. Die Schiffer berichten nun von Gwidons zahmem Eichhörnchen, das Nüsse mit goldenen Schalen und Smaragden als Kern knackt. Diese Geschichte versucht die Weberin mit einer anderen zu übertrumpfen. Auch sie wird gestochen. Als Nächstes erzählen die Schiffer von den dreiunddreißig Helden, die jeden Tag unter der Führung Tschernomors aus dem Meer steigen. Babaricha versucht, die Wirkung mit einer anderen Erzählung auszustechen – und wird von der wütenden Hummel ins Auge gestochen. Die drei Frauen und die Schiffer machen vergeblich Jagd auf die Hummel. Saltan verbietet allen Hummeln den Zugang zu seinem Hof und verurteilt die Wachen zum Tod am Galgen.

Vierter Akt

Meeresufer der Insel Bujan wie im ersten Bild des dritten Akts. Nacht

Beim Anblick des Meeres sehnt sich Gwidon nach einer Geliebten. Er ruft den Schwan herbei, damit der ihm eine passende Frau besorgt. Man spreche in der Welt von einer „Königsmaid, deren Schönheit Augenweid’. Tags die Sonne sie verscheuchet, Nachts die Erde sie erleuchtet, Vollmond unterm Zopfe schimmert, An der Stirn ein Sternchen flimmert“. Der Schwan versichert ihm, dass es dieses Mädchen tatsächlich gebe. Gwidon solle aber gründlich darüber nachdenken, bevor er ihr die Treue schwört. Als Gwidon seine Entscheidung glaubhaft bestätigt, verwandelt sich der Vogel selbst in die Prinzessin – unter dem Zopf einen Mond, an der Stirn einen Stern. Plötzlich ist es heller Tag. Die Schwanenprinzessin ist bereit, Gwidon zu heiraten. Ein Mädchenchor hinter der Bühne besingt die so frühzeitig aufgegangene Sonne. Militrissa erscheint mit ihren Dienerinnen zum morgendlichen Seebad. Gwidon und die Schwanenprinzessin bitten sie um ihren Segen. Gwidon hofft, dass sein Vater rechtzeitig zur Hochzeit eintreffen wird.

mini|links|Michail Wrubel: Die 33 Ritter (1901)

Eine Orchestereinleitung zum nächsten Bild beschreibt die drei Wunder der Insel: das Eichhörnchen mit den goldenen Nüssen, die dreiunddreißig Ritter und die Schwanenprinzessin.

Die Inselstadt Ledenez, das Innere des Kreml mit den fürstlichen Gemächern, Aussicht auf die Stadt und das von Schiffen befahrene Meer

Gwidon und Militrissa beobachten durch ein Fernglas die Ankunft von Saltans Flotte. Nach deren Eintreffen werden der Zar, der alte Mann, der Narr und weiteres Gefolge von den Stadtbewohnern ehrenvoll empfangen. Auf Gwidons Frage nach seinem Wohlbefinden erzählt Saltan ihm traurig von seiner nur zwanzig Tage währenden Ehe und seiner Reue, seine Frau während der Zeit seines Kriegszugs nicht besser beschützt zu haben. Babaricha und die beiden Schwestern werfen ihm seine Weinerlichkeit vor. Darauf zeigt Gwidon ihm das magische Eichhörnchen, die dreiunddreißig Ritter und die Schwanenprinzessin. Saltan bittet letztere um ein weiteres Wunder: Sie soll seine verlorene Königin zu ihm bringen. Das kann sie leicht erfüllen, denn schon nähert sich Militrissa. Die beiden versöhnen sich schnell, und Saltan lernt in Gwidon seinen Sohn kennen. Babaricha sieht ein, dass ihre Zeit vorbei ist, und zieht sich unauffällig zurück. Die beiden Schwestern geben ihr die Schuld an ihren eigenen Untaten. Obwohl Gwidon dies nicht glaubt, vergibt er ihnen großmütig. Er weiß, dass es ohne ihre Ränke nie zu dieser Hochzeit gekommen wäre. Alle preisen die Schwanenprinzessin und begeben sich zum großen Hochzeitsschmaus. Der alte Mann freut sich darauf, nach seiner Rückkehr von dieser Feier zu erzählen.

Gestaltung

Libretto

Wladimir Belski schuf insgesamt drei Libretti auf „Skaska“-Vorlagen (russische Märchen) für Rimski-Korsakow. Das Märchen vom Zaren Saltan ist das erste dieser Reihe. Es basiert auf einer Vorlage von Alexander Puschkin, die Belski um eigene Verse erweiterte. Seine Arbeit zeichnet sich durch große literarische Qualitäten aus und meistert mit dem archaischen und dem bäuerlich-poetischen zwei komplizierte und wenig typische russische Idiome.

Die auf Wunsch Rimski-Korsakows integrierte Erzählung des alten Mannes (Erzählung vom Krieg des Bären gegen die Vögel) ist die Bearbeitung einer Volksmärchen-Parodie von Puschkin. Sie ersetzte Puschkins ursprünglich vorgesehenes Märchen vom Popen und seinem Knecht Balda.

Musik

Das Märchen vom Zaren Salten kennzeichnet den Beginn einer neuen Schaffensperiode Rimski-Korsakows. Es handelt sich um die erste der großen Märchenopern seines Spätwerks. Diese Opern zeichnen sich wie ihre jeweiligen Vorlagen durch einen rhapsodisch erzählenden Stil aus. Auf Dramatik oder psychologische Deutungen wird verzichtet. Die Melodien sind meist schlicht. Die Gesangspartien sind über größere Strecken rezitativisch. Sie orientieren sich eng am Text, gewinnen aber durch abwechslungsreiche Instrumentierung an Lebendigkeit. Auch die formal in sich abgeschlosseneren Stücke beziehen sich direkt auf die Handlung und leiten in die freieren Teile über.