mini|Titelbild der Ausgabe von 1869 (Grafik von Hippolyte Boulenger) Die Legende und die heldenhaften, fröhlichen und ruhmreichen Abenteuer von Ulenspiegel und Lamme Goedzak im flandrischen Lande und anderswo ist der Titel eines Romans des französischsprachigen, belgischen Autors Charles De Coster. Die Handlung spielt zur Zeit des Unabhängigkeitskrieges niederländischer Provinzen gegen die spanisch-habsburgische Herrschaft im 16. Jh. Basierend auf dem Volksbuch aus dem Jahr 1515 erweitert de Coster die niederdeutsche Figur Till Eulenspiegel vom burlesken Spaßvogel und Narren zu einem Freiheitskämpfer. Das französische Original „La légende et les aventures héroiques joyeuses et glorieuses d’Ulenspiegel et de Lamme Goedzak au pays des Flandres et ailleurs“ wurde 1867 publiziert, La légende d'Ulenspiegel, auf dbnl.org die erste deutsche Übersetzung von Friedrich von Oppeln-Bronikowski 1909.
Überblick De Coster hat im ersten Buch viele der Ulenspiegel-Geschichten aus dem Volksbuch „Ein kurtzweilig lesen von Dyl Vlenspiegel gebore vß dem land zu Brunßwick : wie er sein Leben vollbracht hatt“96 Geschichten, Straßburg, 1515 in seinen Roman aufgenommen, verändert an die Handlung angepasst und durch eigene Erfindungen erweitert. Außerdem hat er um den Protagonisten herum eine Gruppe von Hauptpersonen aufgebaut: Die im Volksbuch nur erwähnten Eltern Claes und Soetkin, die Hebamme Katheline und ihre Tochter Nele sowie den immer hungrigen und durstigen Lamme Goedzak, der vom zweiten Buch an Ulenspiegel auf seinen Reisen durch die Niederlande begleitet. Bezeichnend für de Costers Veredelung des Helden zum Kämpfer gegen die politische und religiöse Unterdrückung des Volkes ist, dass Ulenspiegel auf seinen Wanderungen einen Beutel mit der Asche seines Vaters, der wegen Häresie auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde, als Erinnerung und Mahnung um den Hals trägt.
Inhalt mini|Die Eule Bubulus Bubb (Grafik von Leon Becker) Der Eule Vorwort Die Eule Bubulus Bubb beklagt sich über ihre Vernachlässigung in de Costers Werk sowie ihr schlechtes Image bei den Künstlern, Verlegern und „Dichtermännern“. Der Vogel Minervas auf Ulenspiegels Schulter verkörpere die Weisheit und stelle das Gegengewicht zum im Spiegel symbolisierten Possenspiel dar. Oft werde die Eule als dämonischer und todbringender Nachtvogel dargestellt. Dabei treffe dies besser auf die Menschen zu: „Wovon lebt Eure Politik, seit ihr die Welt regiert? Vom Abstechen und Gemorde.“ Anschließend kritisiert Bubulus den Autor wegen seiner einseitigen Parteinahme für die Geusen und die schlechte Beurteilung der Spanier: „Du Dichter, du Krakeeler, du haust besinnungslos um Dich auf alle los, die Du Henker Deines Vaterlandes nennst.“ Die Welt sei komplizierter als die Hauptfiguren des Romans, alles Dummköpfe und Narren. Viel mehr imponieren der Eule die Mönche und Volksverbrenner, die Inquisitionsspionin Gilline, der Werwolf-Fischhändler, der den Teufel spielende Edelmann. Diese entsprächen mehr ihrem intriganten, hinterlistigen, Verleumdungen spritzenden Charakter. Auch hätte Bubulus als taktierende bourgeoise Eule den Dichter zur Vorsicht ermahnt: Es wäre besser gewesen, Karl und Philipp in ihrer Gruft ruhen zu lassen, denn eine „wachsame Zensur“ werde nach Anspielungen auf die gegenwärtigen Machthaber suchen. Er hätte sich nicht auf das Wagnis einlassen sollen, die Betrüger der Welt zu provozieren und es durch seinen derben Stil mit den durch elegant polierte, „comme il faut“ geschriebene, sprachlich ausgelaugte Liebeshistörchen verwöhnten Leserinnen zu verderben.
Erstes Buch mini|Claes und Thyl (Grafik von Alfred Hubert) Thyl Ulenspiegel wird in Damme, Flandern, als Sohn des Holzkohlebrenners Claes und seiner Frau Soetkin geboren und am selben Tag wie Philipp von Spanien getauft (1527). Mit ihren seherischen Fähigkeiten weissagt die Hebamme Katheline die Lebenswege der beiden Jungen: Philipp werde als König ein Henker werden, Ulenspiegel dagegen unsterblich durch die Welt ziehen. Als Kind zeigt Thyl bereits das für ihn typische freche Verhalten gegen die Erwachsenen und spielt ihnen Streiche, z. B. indem er einer Gruppe Pilgern beim Ritt auf dem Esel seinen bloßen HinternVolksbuch von „Dyl Vlenspiegel“, 2. Historie zeigt oder unter dem Vorwand, dem Publikum eine Seiltanznummer3. und 4. Historie vorzuführen, die Schuhe der Zuschauer vom Seil in die Menge wirft und eine Prügelei auslöst. Von seinen Eltern wird er mehrmals bei verschiedenen Handwerkern in die Lehre gegeben, aber nach kurzer Zeit wieder entlassen, weil er sich dumm stellt, die Aufträge wörtlich nimmt und bewusst den Kontext oder Fachwörter missversteht. Viel lieber tritt er auf Jahrmärkten auf (I, 20, 39), narrt die Bienenstockdiebe9. Historie und korrupte katholische Priester oder verbringt die Zeit mit Nele. Sie lieben sich, aber Nele ist traurig über seine Leichtlebigkeit und Sprunghaftigkeit (I, 31, 61, 65). Sie ist die von seinen Eltern als ihr Kind ausgegebene Tochter der unverheirateten Nachbarin Katheline, die bei der Taufe Thyls angeheitert zusammen mit dem Säugling in den Fluss gefallen ist1. Historie und später als Teufelsbraut angeklagt, gefoltert und eingekerkert wird. Nach ihrer Freilassung kehrt sie körperlich behindert und geistig verwirrt in ihr Haus zurück und bildet sich ein, nachts von einem Dämon, ihrem geliebten „Hanske“, besucht zu werden (im 4. Buch erklärt Nele den Zusammenhang). mini|Thyl und Nele (Grafik von Paul Lauters)
Unterdessen leidet Flandern unter zunehmender Unterdrückung. Kaiser Karl V. ordnet an, die protestantische „Häresie“ auszurotten. Neben Hexenprozessen erleben Thyl und sein Vater auch die Geschäfte katholischer Geistlicher z. B. mit Wallfahrern oder Ablassbriefen, die Claes zu einem Papstkritiker und Anhänger der Reformierten werden lassen. Weil Ulenspiegel öffentlich gesagt hat, dass Totenmessen niemandem nützen, außer dem von den Angehörigen bezahlten Klerus, wird er zu drei Jahren Exil verurteilt und muss nach Rom pilgern, um vom Papst eine Begnadigung zu erbitten. Daraufhin wandert er durch die Niederlande und das Deutsche Reich nach Rom. Überall macht er mit den Menschen seine Späße. In Hamburg verkauft er Kaufleuten aus Pferdeäpfeln gefertigte „Pilgerbeeren“ mit angeblicher Wunderwirkung,35. Historie in Bamberg isst er in einem Gasthof in missverständlicher Auslegung „um Geld“, d. h. er will noch vom Wirt die Zeche bezahlt haben.33. Historie Einem Bäcker siebt er, nach dessen spaßiger Anweisung, das Mehl auf den vom Mondschein beleuchteten Boden.34. Historie Seine Liebe zu Nele hindert ihn nicht daran, auf der Reise mit Frauen anzubändeln. Dadurch ergaunert er sich oft freie Unterkunft und Verpflegung. So schmeichelt er in Rom der Wirtin mit ihrer Schönheit und wettet mit ihr um hundert Gulden, dass der Papst mit ihm spreche. Dies gelingt ihm durch einen Trick. Weil er in der Messe dem am Altar stehenden Papst den Rücken zuwendet, wird er von diesem festgenommen und verhört. Thyl redet sich geschickt heraus und erhält auch die Lossprechung. Die Urkunde kostet viele Dukaten, doch bleibt von dem Wettgewinn das meiste für die Rückreise übrig. Diese verläuft auf die gleiche Weise wie die Anreise. In Darmstadt soll er den Landgrafen und einige Hofleute porträtieren. Nach einem Monat guter Bewirtung hängt er im Schloss eine weiße Leinwand auf und testet die Gäste: Nur die von echtem Adel vermögen das Bild zu sehen. Allen gelingt es scheinbar, und sie würdigen das unsichtbare Gemälde.27. Historie In Nürnberg vertreibt er die Kranken durch die Drohung, einer von ihnen sollte zu einer Wundermedizin verkocht werden, angeblich geheilt aus dem Spital und erhält als erfolgreicher Arzt eine Belohnung.17. Historie In Wien nimmt er wieder einmal den Auftrag eines Wagners wörtlich und trägt den Blasebalg hinter dem Meister her auf den Hof.39. Historie Nach derselben Methode schneidet er bei einem Schuhmacher das Leder zu Stücken in Hufform für Tiere.43. Historie Einer Wirtin täuscht er die Auferweckung ihres vermeintlich toten Hundes vor, erhält dafür Geld und isst umsonst.82. Historie mini|Neles und Thyls erotischer Traum in der Hochzeitsnacht (Grafik von Camile van Camp) Nach der Rückkehr von seiner Reise nach Damme findet Thyl seine Eltern in einer verzweifelten Lage. Sein Vater Claes ist wegen seiner protestantischen Sympathien verhaftet worden, nachdem ihn der habgierige Fischhändler Jost Grypstuiver denunziert hat, mit einem Protestanten gesprochen und diesen beherbergt zu haben. Für diese Anzeige und die Aussage vor dem Gericht steht ihm als Belohnung ein Teil des Eigentums seines Opfers zu. Im Inquisitionsprozess (I, 68-75) wird Claes schuldig gesprochen. Er könnte durch einen Widerruf des Protestantismus einen schnellen Tod am Galgen sterben. Doch er bleibt standhaft und wird auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Der Verkauf des Hausrats stellt den Fischhändler nicht zufrieden. Da der von Thyl rechtzeitig im Garten vergrabene Münzschatz nicht im Haus gefunden worden ist, fordert er das Verhör Ulenspiegels und seine Mutter Soetkin unter Folter (I, 76-78). Trotz schrecklicher Qualen verraten sie nichts und werden freigesprochen. Irgendjemand erfährt das Versteck und gräbt das Geld nachts aus (im 3. und 4. Buch wird der Fall aufgeklärt). Bald darauf stirbt Soetkin aus Kummer. Thyl sammelt die Herz-Asche seines Vaters und trägt sie in einem Beutel an seiner Brust.
Bevor er sich von Nele verabschiedet und Damme verlässt, um sich gegen die spanische Unterdrückung zu wehren, stößt er den Fischhändler in einen Kanal, doch dieser überlebt. Die drogenkundige Katheline mischt Thyl und Nele für ihre Hochzeitsnacht einen Zaubertrank zusammen, der erotische Halluzinationen auslöst. Sie fliegen durch surreale Landschaften und begegnen nackten Blumenmädchen, Märchen- und Sagengestalten. Luzifer, König des Frühlings verbindet sich mit einem himmlischen Frauenwesen und gibt Thyl den Auftrag: „Finde die Sieben und den Wundergurt“ (I, 85). Im zweiten Buch beginnt er mit der Suchwanderung, im letzten wird das Rätsel gelöst.
In die Ulenspiegel-Geschichte wird immer wieder der historische Hintergrund, die Spannung zwischen der Zentralregierung und der Provinz Flandern und die Versuche Karls V. und seines Sohnes Philipp II., die Forderungen nach Religionsfreiheit und politischer Unabhängigkeit durch Inquisition und militärischer Gewalt zu unterdrücken, eingeblendet und mit Erfindungen des Autors vermischt: teils durch eine Karl V./Philipp II.-Handlung, die mit der Thyls kontrastiert, teils durch Einbeziehung in die Thyl-Geschichte, die dadurch zeitlich datierbar ist: Die aufwändige Taufe Philipps II. (1527), die bösartigen sadistischen Streiche des introvertierten neunjährigen Philipp in Valladolid (I,18), die Einsamkeit des Infanten und sein Rückzug in dunkle Räume, seine sadistischen Tierquälereien (I,18, 22), die gestörte und verdrängte Sexualität des Fünfzehnjährigen gegenüber Frauen (I, 25) und sein mangelndes Mitgefühl seiner ersten Frau Maria von Portugal gegenüber: Zur gleichen Zeit, als sie nach der schweren Geburt ihres Sohnes Carlos im Sterben liegt (1545), schaut er sich mit seinem Hofstaat die Verbrennung eines von einem Mönch des Ikonoklasmus beschuldigten flämischen Bildhauers auf dem Scheiterhaufen an (I,30). mini|Im Roman lässt Karl in Gent einen Aufständischen an den Klöppel der Glocke Roelandt hängen (Grafik von Felicien Rops)