mini|Alexej Jawlensky: Helene im spanischen Kostüm, Öl auf Leinwand, 1904, Museum Wiesbaden Helene Nesnakomoff (, Jelena Michailowna Nesnakomowa; * 18. März 1885 in PratschyLegitimation, Stadtarchiv München, Abb. in: Bernd Fäthke: Marianne Werefkin. München 2001, ISBN 3-7774-9040-7, S. 56, Dok. 6, ist ein mit Helenes Schwester Maria (Dok. 7) vertauschtes Dokument. in Russland oder 14. Mai 1881 in Krasnyi-Bereg, Gouvernment MinskHeiratsurkunde Nr. 607/1922 StA Wiesbaden; als Quelle für ihr Geburtsdatum ist auf der Heiratsurkunde angegeben: Kirchenbuch Nr. 7, I Teil 1881 in Krasnyi-Bereg.; † 17. März 1965 in Locarno) war ein russisch-deutsches Modell. Sie war langjährige Bedienstete von Marianne von Werefkin, Geliebte und Modell von Alexej Jawlensky, ehe sie ihn 1922 mit siebenunddreißig Jahren heiratete. Die drei verband eine Ménage-à-trois, die über Jahrzehnte andauerte. Jawlensky schuf mehrere Porträts von Helene Nesnakomoff.

Leben Herkunft Bezüglich Helene Nesnakomoffs Abstammung gibt es mehrere Versionen. Eine der ersten wurde 1959 publiziert. Sie lautet, Helene stamme „aus ukrainischem Bauerngeschlecht und lebte seit frühester Jugend in nächster Umgebung der Werefkins. […] Ihrem Blute nach war sie ein eng mit ihrer heimatlichen Natur verbundenes Kind.“Clemens Weiler: Alexej Jawlensky. Köln 1959, S. 26. Nach Darstellung der Herausgeberinnen des Jawlensky-Werkverzeichnisses lautete es 1991 hingegen, Helene stamme aus einer Kaufmannsfamilie, die zum Bekanntenkreis der Werefkins gehört habe. In die Obhut der Werefkins soll sie gegeben worden sein, damit sie, gemäß den Gepflogenheiten der damaligen Zeit, auf die feine Gesellschaft vorbereitet werden würde.Maria Jawlensky, Lucia Pieroni-Jawlensky, Angelica Jawlensky (Hrsg.): Alexej von Jawlensky, Catalogue Raisonné of the oil-paintings. Bd. 1. München 1991, S. 12.

Authentische Informationen zu Helene Nesnakomoffs Herkunft, Alter, Tätigkeit und ihrer Familie erhält man durch einen Brief der Werefkin von 1919, der sich im Archiv der Fondazione Marianne WerefkinMarianne Werefkin: Brief aus Ascona an August Schädl in München, 1919. S. 1 13. Archiv Fondazione Marianne Werefkin, Ascona; Kopien auch in den Archiven Städtische Galerie im Lenbachhaus und im Schloßmuseum Murnau. als Briefentwurf erhalten hat. Werefkin richtete den Brief aus Ascona an ihren Vertrauten August SchädelLehrer von Andreas Jawlensky, siehe: Brigitte Roßbeck: Marianne von Werefkin, Die Russin aus dem Kreis des Blauen Reiters. München 2010, ISBN 978-3-88680-913-4, S. 291, Anm. 80. in München, der Zugang zu ihrem Tresor„Bank für Handel und Industrie (Darmstädter Bank). (Filiale München Lenbachplatz).“ Marianne Werefkin: Brief aus Ascona an August Schädl in München, 1919. S. 1; Archiv Fondazione Marianne Werefkin, Ascona; Kopien auch in den Archiven Städtische Galerie im Lenbachhaus und im Schloßmuseum Murnau. hatte. Jahrzehntelang war der Brief im Asconeser Archiv übersehen worden. In ihm schildert Werefkin: „Als Lehrling bei meiner [damaligen] Zofe war ein 9jähriges Mädchen Helene Nesnakomoff. Sie war in’s Haus gekommen nach dem Tode ihres Stiefvaters, des Polizeisoldaten bei uns im Fleck,Namens „Blagodad.“ der die Mutter, welche stark trank, mit drei Kindern als Bettlerin zurückließ. Die eine Tochter, Marie, wurde in ein Mädchenasyl getan. Helene erlaubte mein Vater in’s Haus zu nehmen. Der Sohn blieb bei der Mutter und war ein Dieb […] an dem nichts zu ändern möglich war. Da die Mutter unzuverlässig war, so riet unser Verwalter, dass sie alle ihre Rechte mir abtreten sollte was sie auch tat.“Marianne Werefkin: Brief aus Ascona an August Schädl in München, 1919. S. 6 f. Archiv Fondazione Marianne Werefkin, Ascona. Kopien auch in den Archiven Städtische Galerie im Lenbachhaus und im Schloßmuseum Murnau. „Ins Werefkinsche Haus aufgenommen, wo sie satt und warm leben konnte‘ musste sich das noch kindliche Mädchen sein Essen und seine Unterkunft verdienen.“Brigitte Roßbeck: Marianne von Werefkin, Die Russin aus dem Kreis des Blauen Reiters. München 2010, ISBN 978-3-88680-913-4, S. 53.

Erste Begegnung zwischen Nesnakomoff und Jawlensky Helene Nesnakomoff begegnete Jawlensky erstmals auf dem Werefkin’schen Landgut „Blagodat“,Zu Deutsch: Glückseligkeit das etwa sieben Kilometer nordwestlich der litauischen Stadt Utena liegt. Werefkin schrieb darüber an August Schädl: „So kam der Herbst 1895. – Helene war zehn Jahre alt. – Ich hatte längst eine andere Zofe, einen wundersamen aber lieben Menschen. […] Trotz ihrer Jahre sass sie Modell für Jawlensky und wurde von ihm bis zur Tollheit verliebt gemacht. […] Um sie von ihren Psychosen zu heilen, ging ich mit meinem Vater und der Zofe nach Petersburg. Jawlensky blieb auf unserem Gut die 10 jährige Helene unter seiner Obhut.“Marianne Werefkin: Brief aus Ascona an August Schädl in München, 1919. S. 11 f. Archiv Fondazione Marianne Werefkin, Ascona, Kopien auch in den Archiven Städtische Galerie im Lenbachhaus und im Schloßmuseum Murnau.

Umzug von Russland nach München Als Werefkins Vater 1896 starb, erhielt die Baronin als Tochter eines hohen Würdenträgers, nämlich des Kommandanten der Peter-und-Paul-Festung in Sankt Petersburg, eine großzügig bemessene zaristische Pension von „siebentausend Rubeln per annum“.Brigitte Roßbeck: Marianne von Werefkin, Die Russin aus dem Kreis des Blauen Reiters. München 2010, ISBN 978-3-88680-913-4, S. 53. Umgerechnet entsprach ihre Jahrespension zum damaligen Zeitpunkt rund zweiundzwanzigtausend Mark.Brigitte Roßbeck: Marianne von Werefkin, Die Russin aus dem Kreis des Blauen Reiters. München 2010, ISBN 978-3-88680-913-4, S. 59. Die Summe von 22.000 Mark entspricht ca. 150.000 Euro. Nach dem Verlust ihres Vaters fühlte sich Werefkin nicht mehr gebunden, in Russland zu leben und trug fortan ihren verehrten Vater, „den Verweser Alexanders, im Medaillon um den Hals“.Else Lasker-Schüler: Marianne von Werefkin, Sämtliche Gedichte. München 1966, S. 224. Mit Jawlensky zog sie nach München, „Helene Nesnakomoff war zur persönlichen Bedienung der Werefkin mitgekommen.“Alexej Jawlensky: Lebenserinnerungen. In: Clemens Weiler (Hrsg.): Alexej Jawlensky, Köpfe-Gesichte-Meditationen. Hanau 1970, S. 106.

Zur Entscheidung für München als Wahlheimat dürften pragmatische Erwägungen ausschlaggebend gewesen sein. Auf Grund der ehemaligen hohen Stellung ihres Vaters und ihrer vornehmen Herkunft hatte Werefkin gute Beziehungen einerseits zur russischen Gesandtschaft in der Hauptstadt des Königs von Bayern andererseits auch zur bayerischen Aristokratie.Gustav Pauli: Erinnerungen aus sieben Jahrzehnten. Tübingen 1936, S. 264 f. Das Datum der Ankunft der Werefkin in München war der 27. Oktober 1896.Bernd Fäthke: Marianne Werefkin. München 2001, ISBN 3-7774-9040-7, S. 46, Dok. 3. Gemietet hatte sie eine DoppelwohnungElisabeth Erdmann-Macke: Erinnerungen an August Macke. Frankfurt 1987, S. 238. im Stadtteil Schwabing in der Giselastraße 23, im dritten Stock. Diese war nach neuestem Standard ausgestattet,Nach Berichten von Alexander Werefkin (1904–1982), einem Neffen der Werefkin, war die Wohnung für damalige Verhältnisse sehr modern mit Badezimmer und Wasserklosetts eingerichtet. in der sie standesgemäß sowohl hohe Politiker und Aristokraten, wichtige Museumsleute und Galeristen, als auch die internationale Bohème, empfangen konnte.Gustav Pauli: Erinnerungen aus sieben Jahrzehnten. Tübingen 1936, S. 264.

Sohn Andreas Helene Nesnakomoffs Sohn Andreas Jawlensky wurde nach dem Julianischen Kalender am 18. Januar 1902 auf einem Gut namens Anspaki im Gouvernement Witebsk geboren. Sein Geburtsdatum nennt erstmals eine Randbemerkung auf dem Reisepass der Werefkin.Original im Archiv Schloßmuseum Murnau. Vgl.: Andreas Röder: Der Pass aus dem Zarenreich: Schenkung ans Schloßmuseum. In: Murnauer Tagblatt, 19. März 2010. Dieser Nachtrag wurde während der Rückreise von Russland am 12. Oktober 1902 in Jaroslawl verfasst und gibt das Datum nach dem Gregorianischen Kalender in russischer und französischer SpracheBernd Fäthke: Alexej Jawlensky, Zeichnung-Graphik-Dokumente. Ausst. Kat.: Museum Wiesbaden 1983, S. 53, Dokument 81 an: „André, né le 5. Janvier 1902.“

Als Helene Nesnakomoff 1901 [sechzehnjährig], ein Kind von Alexej Jawlensky erwartete, war eine „Heirat indiskutabel. Diskretion unumgänglich“,Brigitte Roßbeck: Marianne von Werefkin, Die Russin aus dem Kreis des Blauen Reiters. München 2010, ISBN 978-3-88680-913-4, S. 75. denn den tatsächlichen Sachverhalt über die Vaterschaft durfte im München am Anfang des 20. Jahrhunderts nicht bekannt werden, ansonsten hätte sich Jawlensky peinliche Probleme mit der damals geltenden Rechtsordnung eingehandelt, zumal er keine Heiratsabsichten mit der Kindsmutter hatte.Karl Lackner: Strafgesetzbuch mit Erläuterungen. München 1993, S. 900, § 182. Der Straftatbestand § 182 stammt aus dem „Strafgesetzbuch für das Deutsche Reich“ vom 15. Mai 1871, angepasst im Königreich Bayern, das sich dem Deutschen Reich Jahr 1871 angeschlossen hatte. § 182 StGB existierte bis 1994 nahezu unverändert. Ob Jawlensky und Werefkin die Geburt von Andreas in Anspaki miterlebten, ist nicht geklärt. Bekannt ist dagegen, dass Helene Nesnakomoffs ältere Schwester Maria vor Ort war, während Jawlensky und Werefkin sich auf „Russlandtour“ begeben hatten, um sich auf der Krim in dem Luxusbad Alupka mit Dmitri Kardowsky und seiner Frau Olga zu treffen.Brigitte Roßbeck: Marianne von Werefkin, Die Russin aus dem Kreis des Blauen Reiters. München 2010, ISBN 978-3-88680-913-4, S. 76.

Nach etwas mehr als einem Jahr kehrte man am 23. November 1902 nach München zurück. Mitgekommen war auch Maria Nesnakomoff, ausweislich ihrer Legitimations-Urkunde. Aus dieser geht hervor, dass sie als „Zimmermädchen“, Helene als „Köchin“ im Haushalt Werefkin fungierten. Für Helene Nesnakomoff musste eine „Fehlliste“ angelegt werden, da ihre Legitimations-Urkunde von 1896, die die bayerischen Behörden damals angelegt hatten – rätselhafterweise – verloren gegangen war. Unerklärlich ist auch, dass die königlich bayerischen Beamten die Geburtsdaten der Schwestern verwechselten. Als Geburtsjahr der älteren Maria trug die Meldebehörde fälschlicherweise 1885 ein, in die „Fehlliste“ der jüngeren Helene dagegen 1881. Der beabsichtigte „Identitätstausch“Brigitte Roßbeck: Marianne von Werefkin, Die Russin aus dem Kreis des Blauen Reiters. München 2010, ISBN 978-3-88680-913-4, S. 77. war von Werefkin gezielt arrangiert wordenBernd Fäthke: Marianne Werefkin. München 2001, ISBN 3-7774-9040-7, S. 55 ff. und um die Affäre zusätzlich zu vertuschen „wurde Andreas forthin in München als ‚Neffe‘Elisabeth Erdmann-Macke: Erinnerungen an August Macke. Frankfurt 1987, S. 238 ff. von Jawlensky ausgegeben.“Brigitte Roßbeck: Marianne von Werefkin, Die Russin aus dem Kreis des Blauen Reiters. München 2010, ISBN 978-3-88680-913-4, S. 77.

Maria Nesnakomoff Maria Nesnakomoff wurde nach zweijährigem Aufenthalt in der Wohnung in der Giselastraße von Werefkin als Belastung empfunden. Überdrüssig der „schwesterlichen Verbündeten von Helene“ schickte sie diese gegen Ende des Jahres 1904 zurück nach Russland. Als neues Dienstmädchen „trat an ihre Stelle eine unparteiische Münchnerin namens Christel“,Brigitte Roßbeck: Marianne von Werefkin, Die Russin aus dem Kreis des Blauen Reiters. München 2010, ISBN 978-3-88680-913-4, S. 97. die im Werefkin’schen Haushalt noch 1906 nachweisbar ist.Brigitte Roßbeck: Marianne von Werefkin, Die Russin aus dem Kreis des Blauen Reiters. München 2010, ISBN 978-3-88680-913-4, S. 103.

Gemälde „Helene im spanischen Kostüm“