Die COVID-19 Case-Cluster-Study (Covid-19-Fallcluster-Studie) – in den Medien häufig als Heinsberg-Studie bezeichnet – ist eine Studie über Ausbreitung und Verlauf der durch das SARS-CoV-2 ausgelösten COVID-19-Pandemie in Gangelt. Sie wurde von der Landesregierung von Nordrhein-Westfalen zusammen mit dem Kreis Heinsberg und dem Institut für Virologie an der Universität Bonn initiiert und vom Direktor des Instituts Hendrik Streeck geleitet. Die Landesregierung finanzierte die Studie mit.

In der Öffentlichkeit wurde sie vom 6. bis zum 12. April 2020 von der Berliner PR-Agentur StoryMachine bei Facebook und Twitter als Heinsbergprotokoll und Heinsberg-Protokoll vermarktet.

Im November 2020 wurde im Zuge der Studie in Nature Communications ein Artikel unter dem Titel Infection fatality rate of SARS-CoV2 in a super-spreading event in Germany veröffentlicht.Streeck, H., Schulte, B., Kümmerer, B.M. et al.: Infection fatality rate of SARS-CoV2 in a super-spreading event in Germany in Nat Commun 11, 5829 (2020)

Hintergrund Im Kreis Heinsberg wurde – vermutlich infolge einer Karnevalssitzung in Gangelt, an der ein infiziertes Ehepaar teilnahm – die erste größere Ausbreitung der COVID-19-Pandemie in Deutschland verursacht. Die Pandemie trat im Kreis Heinsberg seit dem 27. Februar 2020 mit im deutschlandweiten Vergleich hohen Fallzahlen (Infektionen und Todesfälle) als Teil der COVID-19-Pandemie in Erscheinung, wobei Superspreading-Ereignisse eine Rolle spielten. Heinsberg gilt in Deutschland als „Erstregion“ und „Epizentrum“ der Pandemie.

Studie Ziele Die Studie sollte Letalität, Dunkelziffern und Immunität bezüglich SARS-CoV-2 untersuchen und Handlungsempfehlungen geben.

Vorgehen Die Studie begann am 30. März 2020 und war auf eine Dauer von vier Wochen ausgelegt. Etwa 600 Haushalte wurden per Serienbrief zur Teilnahme gebeten. Insgesamt nahmen bis zum 8. April 2020 etwa 1000 Einwohner aus etwa 400 Haushalten teil.

Es wurden Fragebögen ausgefüllt, Rachenabstriche genommen und Blut auf das Vorliegen von Antikörpern getestet. Dabei wurde ein ELISA-Antikörpertest der Firma Euroimmun verwendet.

Zwischenergebnisse Erste Ergebnisse der Studie wurden am 9. April 2020 über Facebook und Twitter veröffentlicht. In diese erste Auswertung gingen die Daten zu 509 Personen ein. Es sei eine bestehende Immunität von etwa 14 % der Teilnehmer festgestellt worden, etwa 2 % der Personen hätten eine aktuelle SARS-CoV-2-Infektion aufgewiesen, die Infektionsrate habe etwa 15 % betragen und die „Letalität (case fatality rate) bezogen auf die Gesamtzahl der Infizierten in der Gemeinde Gangelt“ betrage mit den vorläufigen Daten aus dieser Studie ca. 0,37 %. Dieser Wert wird mit dem von der Johns Hopkins University ermittelten naiven Bestätigter Fall-Verstorbenen-Anteil () verglichen, welcher zu der Zeit 1,98 % betragen hätte und damit auf gut 5-fachem Niveau liege. Dieser Unterschied resultiert daher, dass die Heinsberg-Studie darauf abzielt, durch die Auswahl der Infizierten als Stichprobe einen Infizierten-Verstorbenen-Anteil abzubilden, also eine Sterblichkeit bezogen auf die Anzahl insgesamt infizierter Menschen, während die Johns Hopkins University eine Quote der bestätigten Toten bezogen auf die bestätigten Fälle berechnet, mit unklaren Testerhebungen und hohen Dunkelziffern. Die in der Vorabveröffentlichung genannte Letalität der Johns Hopkins University wird in der Fachliteratur als naiver Fall-Verstorbenen-Anteil () bezeichnet, da sie die systemischen Verzerrungen in einer laufenden Seuche nicht berücksichtigt; die Zahlen der unterschiedlichen Schätzungen der Letalität, naiver Fall-Verstorbenen-Anteil (), Fall-Verstorbenen-Anteil () und Infizierten-Verstorbenen-Anteil () (Tote pro Infizierten) unterscheiden sich prinzipiell und können daher nicht gleichgesetzt werden, werden aber häufig verwechselt.

Die Daten – so Streeck – zeigten, dass die meisten Infektionen nicht in Restaurants oder Supermärkten stattgefunden hätten, sondern an Stätten mit „viel Gesang und Tanz“.

In einer Pressekonferenz am 9. April 2020 mit dem Ministerpräsidenten von NRW, Armin Laschet, empfahl Streeck der Politik, in die Phase 2 der Einschätzung der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene einzutreten, das heißt mit der Rücknahme der Beschränkungen für die Bevölkerung zu beginnen.

Ergebnisse Am 4. Mai 2020 stellten Hendrik Streeck, Gunther Hartmann und Ko-Autoren in einer Vorveröffentlichung, Universität Bonn 4. Mai 2020. Mit Link auf den Preprint Hendrik Streeck u. a., Infection fatality rate of SARS-CoV-2 infection in a German community with a super-spreading event. weitere Ergebnisse vor. Von 919 Personen aus 405 zufällig ausgewählten Haushalten in Gangelt waren 138 positiv auf Antikörper getestet worden (15,02 %). Statistisch korrigierte IgG-Werte ergaben eine Infektionsrate von 15,5 %. Sieben Menschen waren an COVID-19 gestorben, was hochgerechnet einen Infizierten-Verstorbenen-Anteil (IFR), der im Gegensatz zum Fall-Verstorbenen-Anteil (CFR) auch asymptomatische Fälle umfasst, von 0,36 % ergibt (Konfidenzintervall 0,29 % bis 0,45 %). Ausgehend von den IFR-Werten in Gangelt und der Anzahl von offiziell 6575 COVID-19-Toten in Deutschland (Angaben des Robert Koch-Instituts vom 2. Mai 2020) ergibt sich nach den Autoren eine geschätzte Anzahl von 1,8 Millionen Infizierten in Deutschland. Wie die Autoren selbst einschränken, hätte sich bei Erweiterung des Erhebungszeitraums über den 6. April hinaus aber eine IFR von 0,41 % ergeben, da bis zum 20. April eine weitere Person an COVID-19 verstarb. Außerdem bemerkten die Autoren hinsichtlich der Übertragbarkeit der IFR-Daten, dass der Zusammenhang mit dem Karnevalsgeschehen auch die IFR beeinflusst haben könnte, da sowohl das Infektionsrisiko als auch die Anzahl der Symptome bei Personen höher war, die auf einer Karnevalsveranstaltung waren. Eine mögliche Erklärung ist eine höhere Viruslast durch lauteres Sprechen und Singen auf den Sitzungen.

22 % der Infizierten gaben an, überhaupt keine Symptome gehabt zu haben. Das Infektionsrisiko hing in Haushalten von ein bis vier Personen nicht von der Anzahl der Personen ab. Die Studie fand wider Erwarten auch einen relativ mäßigen Anstieg des sekundären Infektionsrisikos mit der Anzahl der Personen im Haushalt: vom grundlegenden Infektionsrisiko von 15,5 % stieg es bei zwei Personen im Haushalt für die zweite Person auf 43,6 %, bei drei Personen im Haushalt für die zweite und dritte Person jeweils auf 35,7 % und bei vier Personen im Haushalt für die zweite, dritte und vierte Person jeweils auf 18,3 %. Die Ursache ist unbekannt, liegt den Autoren nach aber möglicherweise daran, dass die anderen Haushaltsmitglieder eine gewisse Immunität erworben haben, die sich nicht in den ELISA-Tests widerspiegelt. In Haushalten mit mindestens einem infizierten „Kind unter 18 Jahren“ war die Ansteckungswahrscheinlichkeit der anderen Personen im Haushalt bei Drei-Personen-Haushalten 66,6 % und bei Vier-Personen-Haushalten 33,3 %.

Finanzierung Die Landesregierung von NRW finanzierte die Studie mit 65.315 Euro. Die Öffentlichkeitsarbeit wurde separat von mindestens drei Unternehmen der Privatwirtschaft mit mehr als 60.000 Euro finanziert, mehr als die Hälfte davon durch StoryMachine selbst. Hendrik Streeck erwartete Gesamtkosten der Studie von etwa 250.000 Euro, die überwiegend aus Mitteln der beteiligten Institute der Universität beglichen würden, die 65.315 Euro des Landes NRW deckten nicht einmal den Materialbedarf.

Öffentlichkeitsarbeit mini|Logo der Studie bei Facebook und Twitter Die Studie wurde von der PR-Agentur StoryMachine vom 6. bis zum 12. April 2020 mit zehn Mitarbeitern begleitet. Bei Facebook und Twitter wurden, ungewöhnlich für eine wissenschaftliche Studie, zahlreiche Beiträge gepostet. Philipp Jessen, ehemaliger Stern.de-Chef und Geschäftsführer der Agentur, die sonst wenig öffentlich in Erscheinung tritt, sagte dazu, Ziel sei es, „dieser wissenschaftlichen Arbeit größtmögliche Öffentlichkeit und Sichtbarkeit zu ermöglichen.“

Die Öffentlichkeitsarbeit von StoryMachine – gegründet von Kai Diekmann, Jessen und Michael Mronz – wird nicht vom Land NRW finanziert. Die Agentur erhält laut Mronz weder Gelder aus Steuermitteln noch von der Uniklinik Bonn. Stattdessen erhält StoryMachine laut Jessen 30.000 Euro von zwei Unternehmen – Deutsche Glasfaser und Gries Deco Holding – für das Projekt und trage den Rest selbst. Mronz ist mit Streeck „schon lange privat“ bekannt. Die SPD-Politikerin Sarah Philipp kritisierte diese Konstellation als „unlauteren Wettbewerbsvorteil“, weil Streeck den Auftrag an Mronz vergeben habe. Der Wissenschaftsjournalist Joachim Müller-Jung kommentierte, Streeck habe einer fachlich völlig unversierten Marketingagentur „Propaganda-Prokura“ gegeben. Der Deutsche Rat für Public Relations untersucht die Rolle der Agentur auf mögliche Verstöße gegen das Transparenzgebot.

Dagegen wurde bekannt, dass StoryMachine bei potentiellen Mitfinanzierern des Projekts damit warb, dass die Zielstellung der Studienbegleitung die Schaffung eines Narrativs zur Lockerung der Sanktionen sei. So erklärte u. a. Annette Leßmöllmann, es sei der Eindruck entstanden, die Ergebnisse seien schon vorher bekannt gewesen und es sei darauf hingearbeitet worden, um der Öffentlichkeit folgende Botschaft zu vermitteln: „Die Lockerung des Lockdowns ist eine gute Sache, und wir werden euch Fakten liefern“. Das sei ein Versprechen, das „von der Wissenschaft eigentlich nicht gemacht werden“ könne. Heinsberg-Protokoll. Was wusste Laschet?. In: Tagesschau.de, 11. Mai 2020. Abgerufen am 11. Mai 2020. Dem Magazin Kontraste zufolge machte Ministerpräsident Armin Laschet zudem mehrfach falsche Angaben zu der studienbegleitenden PR-Arbeit. So habe Laschet Mitte April mehrfach Unkenntnis über die begleitende PR-Arbeit geäußert und noch am 19. April gesagt, er wisse nicht, „[w]elche PR-Agentur da wie was macht, ob das begleitet wird, ob man Herrn Streeck dabei hilft, die Presseanfragen aus aller Welt koordiniert zu beantworten“. Die Landesregierung habe nichts von einer PR-Begleitung der Studie gewusst. Tatsächlich sei Laschet aber bereits Anfang April über die PR-Aktivitäten von Storymachine zur Studie informiert worden.

Zur Kritik an der Begleitung der Studie durch StoryMachine sagte Streeck: „Die Unterstützung haben wir vom ersten Moment an klar und transparent deutlich gemacht. [...] Im Sinne der maximalen Transparenz gegenüber der Öffentlichkeit habe ich dieses Angebot gerne angenommen, und mit der Leitung des Universitätsklinikums abgestimmt.“

Rezeption Zwischenergebnisse Nach der Bekanntgabe der Zwischenergebnisse wurden u. a. Methode und Aussagekraft der Studie sowie die Rollen von Ministerpräsident Laschet und StoryMachine kritisiert.

Wissenschaftler Christian Drosten, Lehrstuhlinhaber und Institutsdirektor an der Charité in Berlin, kritisierte die Studie und die Empfehlungen Streecks. Falls ein ungeeigneter Antikörpertest verwendet worden sei, ergäbe sich technisch bedingt eine hohe Rate falsch-positiver Ergebnisse. Zudem, so Drosten weiter, könne er aus der gehaltenen Präsentation aufgrund der mangelnden Erklärungen nichts ableiten. Streeck erwiderte: „Das muss natürlich schlussendlich die Politik entscheiden. Wir liefern Daten und Fakten.“ Streeck ist Mitglied einer Expertengruppe in Nordrhein-Westfalen, die als Beratung der Politik Empfehlungen zur Lockerung der Beschränkungen vorlegte.