miniatur|Hūd mit dem Volk der ʿĀd, Miniatur in der Handschrift eines Qisas-al-anbiyāʾ-Werks Die ʿĀd ( in der älteren deutschen Literatur auch ʿÂditen genannt) ist ein im Koran und in den islamischen Prophetenerzählungen erwähntes altes Volk, zu dem der Prophet Hūd geschickt worden sein soll. Nach verschiedenen neueren Forschungen waren die ʿĀd als historische Gruppierung um das erste Jahrhundert nach Christus in der Region des Wādī Ramm in Südjordanien aktiv.

Aussagen im Koran Die ʿĀd werden 24 Mal im Koran erwähnt. Sie werden als ein mächtiger Stamm beschrieben, der nach dem Volk Noahs (Sure 7:69) existierte. Sie waren mächtig und stolz auf ihre Stärke (Sure 41:15) und von sehr hoher Statur (Sure 7:69). Der Prophet Hūd wurde zu ihnen entsandt (Sure 7:65; 11:50), doch seine Verkündigung blieb weitgehend erfolglos (Sure 7:70–71; 11:53–54; 46:22). Weitere Gesandte, die zu ihnen geschickt wurden, wurden ebenfalls zurückgewiesen (Sure 26:123). Die ʿĀd wurden daraufhin durch einen heftigen Wind vernichtet (Sure 41:16; 46:24; 51:41; 54:19; 69:6), was im Koran als „die Strafe eines schrecklichen Tages“ (Sure 26:135) beschrieben wird, der allerdings eine Woche lang tobte (Sure 69:7) und nichts als ihre Wohnstätten unversehrt ließ (Sure 46:25). Nur diejenigen, die an Hūd glaubten, wurden gerettet (Sure 7:72; 11:58; 26:139).Robert Tottoli: “ʿĀd” in: Jane Dammen McAuliffe (Hrsg.): Encyclopaedia of the Qur’an. Band I. Leiden 2001. S. 21–22.

Einige andere Aussagen bleiben unklar: So heißt es, dass Gott den Tod der „ersten ʿĀd“ herbeigeführt habe (Sure 53:50) und die ʿĀd an einem Ort namens al-Ahqāf zum Glauben gerufen wurden (Sure 46:21). Ein weiterer Vers bringt die ʿĀd mit dem geheimnisvollen Iram Dhāt al-ʿImād in Verbindung (Sure 89:6–7). Der Koran berichtet hier davon, Iram sei von Gott zerstört worden, nachdem das Volk begonnen hatte, Götzenbilder anzubeten. In anderen Versen werden die ʿĀd kurz gemeinsam mit Noah und den Thamūd erwähnt.

Erwähnung in der altarabischen Dichtung Mehrere Dichter, die der Dschāhilīya zugeordnet werden, erwähnen die ʿĀd als ein längst vergangenes Volk. Ihr Name erscheint meist neben demjenigen anderer Völker der Vorzeit, wie der Thamūd, der Dschurhum und der Himyar. Der bei Ibn Hischām zitierte ʿAbdallāh ibn az-Zibaʿrā erwähnt sie neben den Dschurhum als frühere Bewohner von Mekka, während nach Qabīsa ibn Dschābir Taymā' aus der Zeit der ʿĀd stammt. Josef Horovitz schloss daraus, dass „der Name der ʿĀd als eines Volkes der Vorzeit bereits in vorislamischer Zeit bekannt war“.Josef Horovitz: Koranische Untersuchungen. Walter De Gruyter, Berlin, Leipzig 1926. S. 125–127. Hier S. 126. Aber die Datierung dieser Oden ist schwierig, und es bleibt unklar, ob es sich bei den vereinzelten Versen, die auf diesen Stamm Bezug nehmen, um spätere, vom Koran beeinflusste Einschübe handelt oder ob sie parallel auf dieselben älteren Überlieferungen zurückgreifen.

Interpretationen in der Koranexegese und in islamischen Prophetenerzählungen Die Geschichte der ʿĀd wird im Koran nur in zerstreuten Andeutungen mitgeteilt,Frants Buhl: „ʿĀd“ in Enzyklopaedie des Islam Brill, Leiden 1913. S. 128–129. Hier S. 128. Digitalisat aber die Koranexegese und islamischen Prophetenerzählungen schufen eine vollständige und schlüssige Erzählung von den Geschicken der ʿĀd und fügten dabei viele bemerkenswerte Einzelheiten hinzu. Je nach unterschiedlichen Deutungen war Iram entweder der Name eines mit den ʿĀd in Verbindung gebrachten Ortes oder der Name des repräsentativsten Unterstammes der ʿĀd. Die ʿĀd sollen ursprünglich einen Verband aus 10 oder dreizehn Unterstämmen gebildet und zu den ersten arabischen Stämmen gezählt haben. Al-Ahqāf, wörtlich „die Sanddünen“, wurde mit einem Ort namens asch-Schihr identifiziert, der zwischen Oman und Hadramaut lag. Ein Mohammed zugeschriebener Ausspruch besagt, dass der Wind, der die ʿĀd vernichtete, ein Westwind war. Die Ād sollen Riesen mit einer Körpergröße zwischen zehn und fünfhundert Ellen gewesen sein. Einmal sollen sie eine Delegation nach Mekka entsandt haben, um um Regen zu bitten. Auch werden Geschichten über den legendären Stammvater ʿĀd und seine mächtigen Söhne Schaddād und Schadīd erzählt. Einigen Berichten zufolge gehörte auch der Weise Luqmān zu den ʿĀd. Den überlebenden ʿĀdditen wird in manchen Erzählungen Mekka als Zufluchtsort zugeschrieben, während andere sie in den mythischen Städten Dschābalqā und Dschābarsā verorten.

Moderne Identifizierungen und Lokalisierungen Die Existenz der ʿĀd und die Lage ihres Siedlungsgebiets waren lange Zeit ungelöste Fragen in der Geschichte des vorislamischen Arabien. Während die Thamūd aus vorislamischen nicht-arabischen Quellen – darunter assyrische, römische und altnordarabische Texte – bekannt sind, gab es lange keine überzeugenden Identifizierungen der ʿĀd in arabischen Quellen, die eindeutig vor den Koran zu datieren sind.Ahmad Al-Jallad: “The Epigraphy of the Tribe of ʿĀd” in Athīrat: Journal of Ancient Arabia 1 (2025), 281–289. Digitalisat Aloys Sprenger identifizierte die ʿĀd mit dem in der Geographie des Claudius Ptolemäus (gest. 170 n. Chr.) erwähnten nordarabischen Stamm der Oaditai,Aloys Sprenger: Alte Geographie Arabiens als Grundlage der Entwicklungsgeschichte des Semitismus. Huber, Bern 1875. S. 199 (Nr. 327). Digitalisat allerdings deutet das initiale Omikron in der griechischen Transkription darauf hin, dass der ihm zugrundeliegende arabische Name eher mit einem Wāw oder einem Laryngal begann.

Die ʿĀd wurden zumeist als eine antike Gruppe Südarabiens betrachtet, die irgendwo im Osten des Jemen ansässig war. Es gibt auch abweichende Ansichten, die die ʿĀd in der Levante in der Nähe von Damaskus oder in Alexandria verorten und dies meist mit einer Lokalisierung von Iram verknüpfen. Angesichts des legendären Charakters dieser Belege, der angenommenen Nicht-Erwähnung von ʿĀd in vorislamischen Quellen sowie der zahlreichen widersprüchlichen Berichte in der literarischen Überlieferung haben einige moderne Gelehrte die Existenz von ʿĀd überhaupt infrage gestellt. Julius Wellhausen ging sogar so weit zu vermuten, dass der Stammesname ʿĀd aus einem Missverständnis des arabischen Ausdrucks mina l-ʿād entstanden sei, welcher eigentlich „aus alter Zeit“ bedeutete (abgeleitet von arab. ʿādī „sehr alt“).Julius Wellhausen: „Rezension zu Diwan des ʿUmeir ibn Schujeim al Quṭāmī, herausgegeben and erläutert von J. Barth“ in Göttinger Gelehrten Anzeigen 164 (1902) 596. Digitalisat

Epigraphische und archäologische Forschungen im Wādī Ramm haben ergeben, dass der antike Name dieses Ortes ʾrm lautete, eine Bezeichnung, die mit dem koranischen Namen Iram gut vereinbar ist. Den Inschriften ist zu entnehmen, dass Iram ein Zentrum der Al-Lāt-Verehrung war. Eine Gleichsetzung des koranischen Iram mit dem Wādī Ram passt auch gut zu der koranischen Beschreibung des Gebiets der ʿĀd als einer Region mit gewundenen Sandstreifen.

In den Jahren 1996–1997 begann die jordanische Antikenverwaltung mit Restaurierungsarbeiten am al-Lāt-Tempel von Iram. Dabei kam ein Stein mit einer Inschrift in hismaitischer Schrift zum Vorschein. Zayadine und Farès-Drappeau legten 1998 eine Edition dieses Textes vor, den sie wie folgt lasen und interpretierten: l ġṯ bn ʾslh bn ṯkm w-bny bt lt ḏ ʾl ʿd = „Bei Ġa(w)ṯ, Sohn des A(w)slah, Sohn des Ṯkm; und er erbaute den Tempel der Allāt des Stammes ʿĀd“.Fawzi Zayadine and Saba Farès-Drappeau: “Two North-Arabian Inscriptions from the Temple of Lat at Wadi Iram” in Annual of the Department of Antiquities of Jordan 42 (1998) 255–57. Digitalisat Al-Jallad hält es ist auch für möglich, dass sich das ḏ in diesem Text auf den Tempel selbst bezieht und der Text an die Beteiligung des Verfassers am Bau eines vom Stamm der ʿĀd in Auftrag gegebenen Tempels erinnert. Da es noch eine zweite hismaitische Inschrift gibt, die den Stamm der ʿĀd erwähnt, hält er es für wahrscheinlich, dass viele weitere hismaitische Inschriften, die keine ausdrückliche Stammeszugehörigkeit nennen, von Männern der ʿĀd verfasst wurden.

Literatur Ahmad Al-Jallad: “The Epigraphy of the Tribe of ʿĀd” in Athīrat: Journal of Ancient Arabia 1 (2025), 281–289. Digitalisat Frants Buhl: „ʿĀd“ in Enzyklopaedie des Islam Brill, Leiden 1913. S. 128–129. Digitalisat Josef Horovitz: Koranische Untersuchungen. Walter De Gruyter, Berlin, Leipzig 1926. S. 125–127. Celal Kırca: „Âd“ in Türkiye Diyanet Vakfı İslâm Ansiklopedisi Istanbul 1988. Bd. I, S. 333–334. Online-Version Andrew Rippin: “ʿĀd” in Encyclopaedia of Islam Three Online. Brill, Leiden 2008. Marinos Sariyannis: “A tale of two cities: Jābarṣā/Jābalqā and their metamorphoses” in Der Islam 101/1 (2024) 162–192 Robert Tottoli: “ʿĀd” in: Jane Dammen McAuliffe (Hrsg.): Encyclopaedia of the Qur’an. Band I. Leiden 2001. S. 21–22.

Belege

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