mini|hochkant=1.4|Blick auf die Kirche vom Gleesberg aus Die evangelisch-lutherische Kirche St. Wolfgang in Schneeberg zählt zu den größten Hallenkirchen der Spätgotik im sächsischen Raum. Sie entstand zu Beginn des 16. Jahrhunderts auf Teilen eines kleineren Vorgängerbaus und gilt als früher Typus eines reformatorischen Kirchengebäudes. Wegen ihres dominanten Standorts auf der Kuppe des Schneeberges, der in vergangenen Jahrhunderten für den Erzabbau aus Gruben und Stollen durchörtert worden war, wird sie auch als Bergmannsdom bezeichnet.Flyer des Kirchenbauvereins St. Wolfgang Schneeberg e. V. Blick über Schneeberg vom Turm des Bergmannsdoms. Stand vom April 2011. Die evangelisch-lutherische Kirchgemeinde St. Wolfgang in Schneeberg besitzt neben der hier beschriebenen Kirche die Trinitatiskirche am Fürstenplatz, die 1567–1575 als Hospitalkirche errichtet wurde und heute als Winterkirche genutzt wird. Die Kirchengemeinde Schneeberg ist mit der St. Georg & St. Martin-Gemeinde in Griesbach verbunden.
Baugeschichte Beschluss eines Kirchenneubaus Obwohl 1478 eine kleine Feldsteinkirche auf dem Berg geweiht worden war, plante Kurfürst Friedrich der Weise, der aus dem ernestischen Zweig der Wettiner stammte, wenige Jahre später einen monumentalen Neubau der St.-Wolfgangs-Kirche, der die St.-Annen-Kirche im albertinischen Annaberg übertreffen sollte. Die Pläne für das neue Gotteshaus entwarfen Hans Meltwitz (auch Hans von Torgau) und Fabian Lobwasser (der später unter anderem für den Bau des neuen Schneeberger Rathauses verantwortlich zeichnete). Die Bürger, besonders die Besitzer der Bergwerke, finanzierten den aufwändigen Kirchenneubau dadurch, dass sie ab etwa 1480 von jedem fündigen Kux (einem Bergwerksanteil) einen Groschen an die Kirchengemeinde abführten.
mini|hochkant|Turmzugang: Der Türklopfer stammt von der ersten Feldsteinkirche Der Neubau begann im Jahr 1516. Dafür wurde die kleine Feldsteinkirche abgetragen. Während der Bauzeit wurde 1524 die Reformation im Kurfürstentum Sachsen eingeführt. Die neue Glaubensrichtung wurde durch eine Visitationskommission zur Neuordnung des gesamten Lebens nach den Thesen Martin Luthers durchgesetzt. Auch auf die im Bau befindliche neue Stadtkirche und deren vereinfachte Ausgestaltung wirkte sich die geänderte Kirchenlehre aus. Im Jahr 1540 wurde der Sakralbau evangelisch geweiht.
Bergmannsdom zwischen 1540 und 1944 mini|Das ehemalige Schneeberger Rathaus in den 1830er Jahren mit St. Wolfgang (ohne Dachreiter) im Hintergrund Außer den regelmäßigen Gottesdiensten, Kindstaufen, Hochzeiten und Totenmessen diente die auf den Namen des heiligen Wolfgang von Regensburg geweihte Kirche fortan auch für große Feiern wie den Dankgottesdienst im Jahr 1609 anlässlich der für böhmische Einwanderer beschlossenen Religionsfreiheit oder einen Bittgottesdienst 1654 bei einer vorausgesagten totalen Sonnenfinsternis.Gerig: Schneeberg; S. 27.
Während der Eroberungsfeldzüge des Dreißigjährigen Kriegs unter Wallenstein erfolgten durch die Truppen des Generals Heinrich von Holk († 1633) auch Plünderungen am Inventar der St.-Wolfgangs-Kirche. Dabei wurden insbesondere die Bilder des 1539 aufgestellten Altars aus der Werkstatt der Künstlerfamilie Cranach entwendet und nach Böhmen verbracht. Der Rat der Stadt bemühte sich nach Ende der Besatzung um eine Rückführung der Gemälde, was 1649 gelang und wieder feierlich begangen wurde.
Im Verlauf des 17. und 18. Jahrhunderts erhielt die Kirche eine reiche barocke Innenausstattung. In den 1670er Jahren wurde der Turm auf 72 Meter erhöht. Bei dem großen Stadtbrand von 1719 wurde der Sakralbau schwer beschädigt und auch später brannte es häufig. In den folgenden Jahrzehnten wurde also das Gebäude immer wieder repariert und in Teilen erneuert.
Zerstörungen im April 1945 mini|hochkant|Geretteter und restaurierter Taufstein aus dem 16. Jahrhundert
Zwei US-amerikanische Tiefflugbomber beschossen in der Mittagszeit des 19. April 1945 zunächst das gesamte Schneeberger Stadtgebiet und die auf der Straße befindlichen Bewohner, überwiegend mit Brandmunition. Dabei wurden auch der Dachstuhl der St.-Wolfgangs-Kirche und deren Turm getroffen. Weil nach den früheren Bränden alles Hölzerne in der Kirche mit Feuerschutzmitteln gestrichen worden war, traten erst zwei Stunden nach dem Angriff die ersten Brandnester auf. Die Einwohner unternahmen verzweifelt Löschversuche. Dafür stand aber kein Löschwasser zur Verfügung, weil der Wasserdruck für die Löschtechnik nicht ausreichte. So wurden gemeinsam wenigstens wertvolle Gegenstände wie zahlreiche Bände der Kirchenbibliothek, die bereits abgenommenen Tafeln des Altars, der Taufstein und andere Ausstattungsstücke vor der Vernichtung bewahrt. Die Original-Jahn-Orgel mit ihren 3018 Pfeifen,Gerig: Schneeberg, S. 30. das Gestühl und die kleine Glocke wurden ein Raub der Flammen. Als sich das Feuer erst einmal durch das Gebälk gefressen hatte, wurden auch die Sandsteinsäulen und Gewölbe in Mitleidenschaft gezogen, da sie aus Material mit eingelagerten Kohlenresten (Planitzer Sandstein) bestanden, die dabei ausbrannten. Außerdem entstanden giftige Dämpfe. Nach vielen Stunden stürzten die meisten Gewölbe und nach sechs Wochen auch die Emporen ein. Die Kirche war nur noch eine Ruine mit einem meterhohen Schutthaufen innen und außen.
Wiederaufbau Die in Schneeberg verbliebenen arbeitsfähigen Frauen und Männer, selbst einige ehemalige Kriegsgefangene, machten sich bereits im Sommer 1945 an eine erste Enttrümmerung. So konnte in der Adventszeit 1946 in dem offenen Kirchenbau das erste Friedenskonzert stattfinden.Gerig: Schneeberg; S. 24 (Bild).
Die Kirchenväter, die Stadtverwaltung und viele Freiwillige schlossen sich zu einem „Freundeskreis St. Wolfgang“ zusammen, packten mit an oder spendeten für den Wiederaufbau. Sie alle sorgten dafür, dass ab 1952 eine schrittweise Rekonstruktion möglich wurde. Wenn es irgend machbar war, wurden historische Bauteile oder Baustoffe eingesetzt – häufig jedoch kamen neue und vor allem stabilere Materialien zum Einsatz. Eine besondere Leistung der Denkmalpflege ist die historisch getreue Wiederherstellung der Pfeiler und der Gewölbe, die bei zahlreichen anderen kriegszerstörten Bauwerken in Deutschland unterblieb oder nur in vereinfachter oder veränderter Form erfolgte.
Abschluss der Grundsanierung und Rekonstruktion, weitere Nutzung Nach der Wende fanden die Anstrengungen zur Sicherung und dem Erhalt des Baudenkmals mit der Altarweihe im Jahr 1996 ihr vorläufiges Ende. Alle weiteren Arbeiten zur Ausgestaltung, zur Sanierung der Um- und Neubauten aus den 1970er Jahren oder zur Erneuerung (zum Beispiel der Kirchenbeleuchtung) können unabhängig voneinander langfristig verwirklicht werden.
Das Gotteshaus dient wieder voll der Kirchgemeinde, seine Orgel wird außerdem gern für größere Konzerte genutzt.
Architektur Die Kirche ist eine dreischiffige Hallenkirche mit einer Länge von 61 und einer Breite von 28 Metern mit sechs Jochen in Bruchstein mit Gliederungen aus Sandstein. Im Innern ist eine gleichförmige und umlaufende Empore auf Segmentbögen erbaut. Der polygonale Chorabschluss ist stärker abgeflacht als in der Gotik üblich. Der Altarbereich ist dadurch nicht vom Hauptschiff abgesetzt und stellt damit die Frühform der lutherischen Predigtkirche dar. Die Kirche ist entsprechend der Lage auf dem Berg nicht streng in Ost-West-Richtung ausgerichtet, sondern leicht nach Norden gedreht, so dass die Altarapsis den nordöstlichen Abschluss des Gebäudes bildet. Auf dem Satteldach sitzt über dem Altarbereich ein Dachreiter. Auf der Nordwestseite ragt aus dem Baukörper ein seitlicher Anbau heraus.
Der Kirchturm ist auf der Südwestseite des Gebäudes asymmetrisch zur Bauachse der Kirche als gesonderter Baukörper angefügt. Er hat einen quadratischen Grundriss und ist aus Feld- und Ziegelsteinen aufgemauert. Der Turm wird durch eine barocke, schiefergedeckte Haube mit Laterne abgeschlossen, die nach einem Brand von 1719 in den Jahren 1751–1753 von August Siegert errichtet wurde.
In der kunsthistorischen Literatur wird die Wolfgangskirche in Schneeberg zu einer Gruppe von spätgotischen Hallenkirchen gezählt, zu denen unter anderem der Freiberger Dom, die Marienkirche in Pirna, die St. Annenkirche in Annaberg und weitere Bauten in Böhmen und Sachsen zählen. Sie besitzt wie diese Bauwerke gekehlte Achteckpfeiler und formenreiche Rippengewölbe über teilweise nach innen gezogenen Strebepfeilern, weist aber durch eine betonte Exaktheit in der Grundrissform und durch die stärkere Vereinheitlichung aller Raumteile über die verwandten Bauwerke hinaus.
Eingänge, Fassaden und Kirchenfenster mini|hochkant|Wappen über dem Eingangsportal
Der Haupteingang zur Kirche befindet sich auf der Nordwestseite des Kirchenschiffes in der Kirchgasse, er wird mit einem kleinen Vorbau geschützt. Ein historisches Wappenrelief schmückt das Zentrum seines Bogens. Die Nebeneingänge haben ebenfalls Rundbogenform mit sparsamem Fassadenschmuck und sind relativ klein.
Kompakte eher frühgotisch anmutende Strebepfeiler sorgen für die Stabilität der Kirchenwände. Fast einziger Fassadenschmuck sind die mehretagigen schmalen Rundbogenfenster mit Maßwerk sowie die Simse und Flächenmarkierungen um die jeweils drei Schalllöcher am Turm des Gebäudes. Die Kirchenfenster bestanden in der Originalausführung aus farbigen, in Blei gefassten Glasmosaiken, die sämtlich im April 1945 zerbarsten. Nun sind sie aus Fensterglas gestaltet.
Turm Allgemeines mini|hochkant|Kirchturm
Im Südwesten des Kirchengebäudes steht der 72 Meter hohe Kirchturm. Er verfügt über eine Türmerwohnung, einen Glockenstuhl mit drei Bronzeglocken und einem umlaufenden Aussichtsgeschoss darüber. Die Türmerstube war eine komplette Wohnung für eine Familie, die für das regelmäßige Läuten der Glocken und die Kontrolle auf Stadtbrände zuständig war. Sie wurde bis 1945 bewohnt.
Turmbesteigung Die Aussichtsgalerie auf dem Turm kann seit 2009 von Besuchern gebührenpflichtig über mehr als 200 Stufen erreicht werden. Sie bietet eine Panoramasicht auf die Stadt. In der Türmerstube hat der Kirchenbauverein einen Informationsraum gestaltet, in dem freigelegte Bruchstücke des Gebäudes oder der früheren Ausstattung wie ein handgeschmiedetes Torschloss, ein historischer Gasleuchter oder ein Teilstück eines schmiedeeisernen Geländers präsentiert werden. Durch den Verkauf von Souvenirs und Snacks werden Gelder für weitere Erhaltungsmaßnahmen am Dach, an der Innenbeleuchtung usw. eingenommen.
Turmblasen Als langjährige Tradition hat sich auf dem Turm der St. Wolfgangskirche das Turmblasen etabliert. Es handelt sich um einen Posaunenchor in bergmännischer Traditionskleidung, der an Adventsonntagen alte Bergmannslieder bläst und damit einen Teil der Glückaufabende bildete.Manfred Blechschmidt, Klaus Walther: Berglandmosaik. Ein Buch vom Erzgebirge. Greifenverlag zu Rudolstadt, 1969, S. 197. Nach 1990 wurde das Turmblasen beibehalten, es stellt nun aber einen Teil der neuen Weihnachtsbräuche wie das Anlichteln oder Anschieben der Ortspyramide dar.Veranstaltungsübersicht in der Adventszeit: Anlichteln und Turmblasen, abgerufen am 7. April 2016
Seitenschiffe Diese Teile des Gebäudes dienen seit der vollständigen Restaurierung des Bauwerks als Orte kleiner Ausstellungen. Eine Exposition zeigt in Bildern die jahrhundertealte Geschichte der Kirche, auch Fotos der Zerstörungen am Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Mühsal des Wiederaufbaus wird hier auch erlebbar.
Im Nordostbereich befindet sich seit 2005 eine Ausstellung des Holzbildhauers Hans Brockhage, der aus dem Holz von aus Mooren geborgenen Eichenstämmen und Bronze Skulpturen schuf. Diese wurden anlässlich der 65. Wiederkehr der Zerstörung der St.-Wolfgangs-Kirche geschaffen und tragen den Titel Die langen Schatten des Krieges. Zu sehen ist eine kleine Auswahl der Figuren.
mini|hochkant|St. Wolfgang