mini|Abgeriegelte Straße während der Massenquarantäne als Maßnahme gegen die COVID-19-Pandemie in Indien (Bhopal, 14. April 2020)

Eine MassenquarantäneSusanne Röhr et al.: Psychosoziale Folgen von Quarantänemaßnahmen bei schwerwiegenden Coronavirus-Ausbrüchen: ein Rapid Review. Psychiatrische Praxis 47.04, 2020. ( mass quarantine) bezeichnet eine temporäre, staatlich angeordnete und durchgesetzte Quarantäne für die breite Bevölkerung mit Einschränkungen des öffentlichen Lebens. Durch die zeitweilige Begrenzung oder vollständige Aufhebung der Bewegungsfreiheit der Bevölkerung soll eine räumliche Distanzierung durchgesetzt werden, um die weitere Ausbreitung einer Infektionskrankheit zu verhindern und damit eine Epidemie oder Pandemie einzudämmen. Der Begriff Massenquarantäne ist nicht scharf definiert, sondern beschreibt zusammenfassend unterschiedliche Maßnahmen zum Zwecke des Infektionsschutzes. Als konkrete Maßnahmen können zum Beispiel die Schließung von Geschäften, öffentlichen Einrichtungen, Versammlungsverbote oder Ausgangssperren erfolgen, gegebenenfalls in Verbindung mit der Ausrufung des Katastrophenfalls beziehungsweise Ausnahmezustands.

Die Massenquarantäne zur Krankheitsbekämpfung wurde im 20. Jahrhundert im Wesentlichen aufgegeben.Richard Schabas: Commentary: Severe acute respiratory syndrome: Did quarantine help? In: Canadian Journal of Infectious Diseases and Medical Microbiology. Band 15, Nr. 4, Juli–August 2004, S. 204 (englisch; PDF: 1,1 MB auf hindawi.com). Seither kam sie selten zum Einsatz, so etwa 1918 bei der Spanischen Grippe, 2002 bei der SARS-Pandemie 2002/2003, bei der Ebolafieber-Epidemie 2014 bis 2016 und 2020/2021 bei der COVID-19-Pandemie nahezu weltweit. Während der COVID-19-Pandemie werden die von der Politik angeordneten Maßnahmen zur Reduzierung der COVID-19-Übertragungen, die auf die Allgemeinbevölkerung angewendet wurden, meist als „Lockdown-Maßnahmen“ bezeichnet. Während die epidemiologische Wirksamkeit der meisten nicht-pharmazeutischen Maßnahmen inzwischen gut belegt ist, bleibt das Kosten-Nutzen-Verhältnis umstritten.Troy Day et al.: When is quarantine a useful control strategy for emerging infectious diseases? In: American Journal of Epidemiology. 2006, S. 480.

Studien belegen, dass die Anordnung eines Lockdowns geeignet ist, um während einer akuten Epidemie-Phase die Gesamt­inzidenz von Infektionen erheblich zu reduzieren. Dadurch kann insbesondere eine drohende Überlastung des Gesundheitssystems abgewendet werden. Andererseits ist er stets mit erheblichen sozialen, wirtschaftlichen, psychologischen und gesundheitlichen Folgen sowie starken Freiheits- bzw. Grundrechtseinschränkungen verbunden und wird daher vielfach als ultima ratio (letztes Mittel) angesehen. Die Weltgesundheitsorganisation sieht Lockdowns kritisch und befürwortet anstelle von Lockdowns als primäre Maßnahme zur Bekämpfung von COVID-19 gezielte Interventionen auf lokaler Ebene, die bei der epidemischen Lage des jeweiligen Gebiets ansetzen (siehe #Aussagen der WHO und anderer Institutionen).Warum Lockdowns kommen und wie lange sie dauern könnten. Der Standard, 30. Oktober 2020, abgerufen am 22. November 2020.

Definition In der Regel wird unter einer Massenquarantäne eine bevölkerungsweite Quarantäne verstanden, die auf „zu Hause bleiben“ oder sich an einen „sichereren Ort im Gebäude begeben“ basiert, um durch die zeitweilige Begrenzung oder vollständige Aufhebung der Bewegungsfreiheit der Bevölkerung räumliche Distanzierung innerhalb und außerhalb eines bestimmten Gebiets durchzusetzen. Damit soll durch Kontaktreduzierung einem anhaltenden Ausbruch einer Epidemie oder Pandemie entgegengewirkt werden.Garima Singh et al.: A study on mental health and well-being of individuals amid COVID-19 pandemic lockdown. 2020, S. 753. Ziel dieser Eindämmungsstrategie ist es zu verhindern, dass durch Gebiete mit hohem Ausbruchsgeschehen das Virus in andere Regionen oder Teile des Landes verbreitet wird.Leonard E. G. Mboera et al.: Mitigating lockdown challenges in response to COVID-19 in Sub-Saharan Africa. International Journal of Infectious Diseases. 2020, S. 1. Die betroffenen Menschen sind verpflichtet, ihre Häuser nur noch dann zu verlassen, wenn es unbedingt notwendig ist. Von Regelungen dieser Art ausgenommen sind im Allgemeinen notwendige Aktivitäten (z. B. Arztbesuche, Pflege einer schutzbedürftigen Person, Kauf von Medikamenten, Nahrungsmitteln und Getränken etc.) sowie Arbeiten in systemrelevanten Berufen (z. B. in der Gesundheitsversorgung, Sozialfürsorge, Polizei und bei den Streitkräften, bei der Brandbekämpfung, Wasser- und Stromversorgung oder in der kritischen Infrastruktur). Alle anderen, nicht systemrelevanten Aktivitäten sollen bei einer Massenquarantäne zeitweilig unterbrochen und/oder von zu Hause aus ausgeführt werden (Teleheimarbeit). Um Maßnahmen einer Massenquarantäne durchzusetzen, werden Polizei, Sicherheitskräfte und unter Umständen das Militär bzw. die Armee eingesetzt. Massenquarantäne ist nicht scharf definiert, sondern beschreibt zusammenfassend unterschiedliche nicht-pharmazeutische Maßnahmen des Infektionsschutzes wie die Schließung von Geschäften, Bildungseinrichtungen und öffentlichen Einrichtungen, Versammlungsverbote, Ausgangssperren oder die Ausrufung des Katastrophenfalls oder Ausnahmezustands.David Ruch: Kampf gegen Coronavirus: Wie extrem kann es noch werden? In: T-online.de, 17. März 2020, abgerufen am 19. April 2020.

Beispiele Spanische Grippe

In den Vereinigten Staaten wurde während der Spanische-Grippe-Epidemie von 1918/1919 eine Massenquarantäne angeordnet. Die Regierung schloss Schulen, Geschäfte, ließ Gottesdienste ausfallen, stellte den Zug- und Schiffsverkehr ein und brachte Menschen in Quarantänelager.Apoorva Mandavilli: SARS epidemic unmasks age-old quarantine conundrum. 2003.

SARS-Pandemie 2002/2003

Während der SARS-Pandemie 2002/2003 wurden in den schwer betroffenen Regionen Bildungseinrichtungen, Restaurants und Kinos geschlossen, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen.

Es ist umstritten, ob Isolation oder die Anordnung einer Massenquarantäne den größeren Einfluss auf die Eindämmung der Ausbreitung von SARS hatten oder ob beide Kontrollmaßnahmen wesentlich waren. Im Fall von SARS war nur ein kleiner Prozentsatz der Individuen unter Quarantäne tatsächlich infiziert.Troy Day et al.: When is quarantine a useful control strategy for emerging infectious diseases? In: American Journal of Epidemiology. 2006, S. 480.

Das Anordnen einer Massenquarantäne für Personen, die möglicherweise mit SARS infiziert waren, wurde im Vergleich zu anderen SARS-Ausbruchsherden in Toronto am aggressivsten durchgesetzt. Letzten Endes waren mehr als 30.000 Menschen unter Massenquarantäne. Spätere empirische Belege bestätigten, dass SARS während seiner Inkubationszeit – worauf die Quarantäne abzielt – nicht infektiös gewesen ist. Von der WHO wird zur SARS-Eindämmung von der Anordnung einer Massenquarantäne nun abgeraten.Katherine Hunting, Brenda L. Gleason: Essential case studies in public health: Putting public health into practice. Jones & Bartlett Publishers, 2011, S. 9.

Ebolafieber-Epidemie in Westafrika

Während des westafrikanischen Ebola-Ausbruchs 2014–2016 wurden ebenfalls Massenquarantänen angeordnet, nachdem sie fast ein Jahrhundert lang nicht angewendet worden waren.Armin Bogdandy, Pedro Villarreal: International law on pandemic response: a first stocktaking in light of the coronavirus crisis. Max-Planck-Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht, Preprint Research Paper 2020-07, 2020, S. 28. In der liberianischen Hauptstadt Monrovia wurde zur Zeit der westafrikanischen Ebolaepidemie 2014 der Slum West Point mit ca. 75.000 Bewohnern abgeriegelt. Die Maßnahme wurde nach zwei Wochen aufgehoben, weil die uninformierten und sich selbst überlassenen Bewohner dagegen rebellierten.Ebola – Liberia beendet Quarantäne in Armenviertel. Zeit Online – Zeitgeschehen, 30. August 2014 (Webarchiv, archiviert am 2. September 2014).Frida Thurm, Dagny Lüdemann: Ebola in Liberia – Die Aussätzigen von Monrovia. Zeit Online – Zeitgeschehen, 22. August 2014 (Webarchiv, archiviert am 23. August 2014).

COVID-19-Pandemie mini|Von links nach rechts und von oben nach unten die Entwicklung der Massenquarantäne-Maßnahmen im Rahmen der COVID-19-Pandemie 2020 in mehreren Ländern: Krankenbetten in einem medizinischen Zentrum in Wuhan (Volksrepublik China), menschenleere Straßen in Lima (Peru) und Madrid (Spanien) und Reinigungsmaßnahmen in Teheran (Iran) und Manila (Philippinen)

Im Zusammenhang mit der COVID-19-Pandemie wurden (Stand 30. März 2020) in über 50 Ländern weltweit landesweite Beschränkungen zur Eindämmung von SARS-CoV-2-Infektionen festgelegt, darunter in Großbritannien, Italien, Spanien, Frankreich, Deutschland, Österreich, Südafrika, Indien, Kolumbien, Neuseeland und mehreren US-Bundesstaaten. Einer Schätzung zufolge waren europaweit über 280 Millionen Menschen in Massenquarantäne, 150 Millionen in den Vereinigten Staaten, fast 1,3 Milliarden in Indien und 50 bis 60 Millionen in China.China setzt auf Massen-Quarantäne gegen Corona-Virus. Deutsche Welle, 12. Februar 2020, abgerufen am 9. April 2020. Mehr als ein Drittel der Menschheit ist aufgrund der COVID-19-Pandemie einschränkenden Maßnahmen unterworfen.

Die Volksrepublik China hat im Rahmen der COVID-19-Pandemie als erstes Land Gebiete unter Massenquarantäne gestellt, zunächst die Stadt Wuhan und anschließend die gesamte Provinz Hubei. Nach 76 Tagen Isolation wurde die Massenquarantäne am 8. April 2020 für Wuhan beendet.China beendet Isolation von Wuhan. KBS World, 8. April 2020, abgerufen am 13. April 2020.

Unterschiedliche Massenquarantäne-Szenarien Zu unterscheiden sind im Allgemeinen die Anordnung einer unmittelbaren Massenquarantäne und ein graduelles Vorgehen. Bei einem graduellen Vorgehen wird auf eine politische Reaktion in Form von Beratung und Sensibilisierung für mögliche Strafen für Verstöße gegen ausgewählte Anweisungen gesetzt. Das schließt nicht aus, dass mit Fortschreiten der Krise eine spätere Massenquarantäne unvermeidbar wird. Die Absicht eines graduellen Vorgehens ist es, möglichst viele Menschen für eine möglichst lange Zeit in Arbeit zu halten, damit die Wirtschaft weiterhin funktioniert.

Eine am 5. April 2020 veröffentlichte Analyse kam unter Zuhilfenahme der Verwendung eines Entscheidungsbaums zu dem Schluss, dass unter den getroffenen Annahmen für die angenommenen Wahrscheinlichkeiten im Entscheidungsbaum lediglich eine Chance von eins zu vier bestehe, dass die negativen wirtschaftlichen und Isolationseffekte bei der Aufrechterhaltung einer graduellen Politik weniger gravierend seien als bei einer Politik der unmittelbaren Massenquarantäne. Ebenso sei die Wahrscheinlichkeit, dass bei einer Politik der graduellen Maßnahmen weniger COVID-19-Fälle auftreten, gleich null. Der Autor kommt zu dem Schluss, dass unter den getroffenen Annahmen eine unmittelbare Massenquarantäne einem graduellen Vorgehen vorzuziehen sei. Entscheidungstheoretische Ansätze hätten möglicherweise dazu geführt, dass viele Länder inzwischen verbindliche Massenquarantänerichtlinien eingeführt haben.Jonathan Karnon: A Simple Decision Analysis of a Mandatory Lockdown Response to the COVID-19 Pandemic. In: Applied Health Economics and Health Policy. 2020, S. 2,

Abriegelung, Lockdown, Shutdown