Falschinformationen zur COVID-19-Pandemie und zu SARS-CoV-2, in Teilen als „Corona-Mythen“ oder „Corona-Lügen“ bezeichnet, werden seit dem Ausbruch der Krankheit COVID-19 verbreitet. Sie umfassen Falschmeldungen, Fake News, pseudowissenschaftliche Gesundheitstipps, Desinformation und Verschwörungstheorien zu allen Aspekten der Krankheit. Die angesichts einer neuen, bisher unbekannten Viruserkrankung relative wissenschaftliche Unkenntnis begünstigt die Verbreitung von Falschinformationen.
Ihre Verbreiter berufen sich zum Teil auch auf wissenschaftliche Minderheitenmeinungen. Bisweilen wurden die Falschinformationen aus politischen Motiven verbreitet. Die Herkunft des Virus und sich darauf beziehende Verschwörungstheorien stehen dabei insbesondere bei Antisemiten und Rechtsextremisten, aber auch bei einigen Staatsregierungen und deren Staatsmedien im Mittelpunkt. Teilweise entstammen sie Personenkreisen, die bereits vor der Pandemie der Medizin oder Wissenschaft ablehnend gegenüberstanden, wie Impfgegner oder Esoteriker. Ein kleiner Teil der Ärzte hat Corona verharmlost; einige haben vorsätzlich ungerechtfertigte Maskenatteste ausgestellt.spiegel.de 28. März 2021: Ärzte auf Abwegen. Siehe auch Bodo Schiffmann und Ärztekammer (Deutschland). Gezielt gestreut wurden Falschinformationen auch von der russischen Auslandspropaganda mit dem Ziel der Destabilisierung westlicher demokratischer Gesellschaften.Christian Koller: Von der Impfkuh zum mRNA-Booster: Impfgeschichte als Gesellschaftsgeschichte. In: SozialarchivInfo 1/2022, S. 16–35. Die Propaganda bediente sich dabei der Auslandsprogramme russischer Staatsmedien, Internet-Trolle sowie pro-putinscher Persönlichkeiten wie Hannes Hofbauer, Andrea Komlosy und Rainer Rupp.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO), Regierungen, politische Instanzen, nationale medizinische Institutionen, seriöse Medien, Netzwerkbetreiber, gemeinnützige Vereine und Ärzte treten solchen Falschinformationen mit Aufklärung und Faktenchecks entgegen, unter anderem weil Falschinformationen potentiell lebensgefährliche Folgen haben können. Zum Teil werden auch Strafverfolgungsbehörden aktiv.
Geäußerte Hypothesen werden erst nach erfolgter Falsifizierung zu einer Falschinformation. Falschinformationen sollen nicht mit kritischem Diskurs aufgrund fehlender Konsensbildung (normaler wissenschaftlicher Dissens) und mangelnder Einigkeit in der Wissenschaft verwechselt werden.
Falschinformationen zu Eigenschaften des Virus Lebensdauer und Symptome Am 23. Januar 2020, als Wuhan wegen der Infektionsgefahr unter Massenquarantäne gestellt wurde, behauptete ein Unbekannter in einem über WhatsApp weit verbreiteten YouTube-Video: „Die Corona-Pandemie ist weitaus schlimmer, als man euch glauben machen will.“ Dann gab er an: Die Inkubationszeit des Virus, innerhalb derer keine Symptome auftreten, betrage 14 Tage, so dass eine Infektion spät erkannt werde. Flüssigkeiten verlängerten und verstärkten seine Lebensdauer. Es rufe einen bestimmten Hautausschlag („rote Punkte mit schwarzem Punkt in der Mitte, verhärtet und stark juckend“) hervor. Es könne nur „mit eigener Körperkraft besiegt“ werden. Ärztliche Heilung gebe es nicht. Schon am 12. Januar 2020 hätten Ärzte empfohlen, Wuhan abzuriegeln, „weil die Situation völlig außer Kontrolle“ sei. Menschen würden auf offener Straße „einfach umkippen“. Dazu zeigten Bilder unklarer Herkunft Menschen am Boden liegend, teilweise blutend. Gewöhnliche deutsche Medien würden nicht oder nicht genug darüber berichten und würden „die wirkliche Gefahr“, etwa die Lage in der Provinz Hubei, verschweigen. Man solle Menschenansammlungen meiden. Alle aus Asien einreisenden Menschen könnten Überträger sein. Der Kanal „Odysseus“, auf dem das Video erschien, besitze geheime, exklusive Informationen zu der Gefahr.Alice Echtermann, Till Eckert: Coronavirus: Irreführendes Youtube-Video verbreitet sich über Whatsapp. Correctiv, 28. Januar 2020
Laut WHO kann die Inkubationszeit zwar bis zu 14 Tagen dauern, dauert meist aber fünf Tage. Laut Hartmut Hengel, Präsident der Gesellschaft für Virologie, können Flüssigkeiten die Infektiosität des Virus nicht steigern. Es wird durch Tröpfchen wie auch durch Aerosole übertragen, kann sich aber nicht außerhalb eines Wirts vermehren. Der angebliche Hautausschlag konnte nicht belegt werden und ist für Coronaviren atypisch, ebenso ein Umkippen ohne Vorwarnung. Deutsche Medien berichteten zeitnah über die Quarantäne in Wuhan und die Entwicklung der Infektionszahlen. Dass es keine ärztliche Heilung gab, wurde als „größtenteils richtig“ eingestuft, wobei die Symptome behandelt werden können. Der Faktenchecker Correctiv bewertete das Video als „teilweise falsch“, teils als unbelegt und irreführend. tagesschau.de bezeichnete es wegen des dramatisierenden Tons als „Panikvideo“.Natalia Frumkina: Gerüchte und Fakes: Coronavirus als angebliche Verschwörung. Tagesschau, 28. Januar 2020
Hohe Infektiosität Ende Januar 2020 verbreitete sich ein Video im Netz, dessen englische Untertitel eine Frau mit Gesichtsmaske und Schutzkleidung an unbekanntem Ort als Krankenpflegerin aus Wuhan und Whistleblowerin darstellten. Das Video wurde millionenfach in sozialen Medien aufgerufen.China coronavirus: Misinformation spreads online about origin and scale. BBC, 30. Januar 2020 Sie nannte nur ihren Namen und gab an, in China seien 90.000 Menschen mit dem neuen Virus infiziert. Ohne sofortige Quarantäne könne eine infizierte Person das Virus an mindestens 14 weitere Personen weitergeben. Sie bat die Chinesen, nicht nach draußen zu gehen und niemanden zu besuchen. Sie warnte vor einer zweiten Mutation des Virus und einer noch schnelleren Ausbreitung. Bis zum 26. Januar 2020 hatte die WHO 1985 Infizierte in China registriert. Chinas Regierung hatte mitgeteilt, das Virus sei auch während der Inkubationszeit ansteckend. Experten und Gesundheitsbehörden warnten von da an vor einer raschen Ausbreitung der Epidemie.Bridget Johnson: More U.S. Cases of New Virus as Deadly Outbreak Becomes More Dire in China. Homeland Security Today, 27. Januar 2020.
Faktenchecks verwiesen auf die Basisreproduktionszahl (R0) des Virus, die die WHO Ende Januar 2020 auf durchschnittlich 1,4 bis 2,5 Personen schätzte. Für eine Infektionszahl von 90.000 hätte R0 bei ungefähr 14–15 liegen müssen.Prabhash K. Dutta: Conspiracy theories abound on how Wuhan coronavirus outbreak happened. India Today, 29. Januar 2020. Die Kleidung der Frau entsprach nicht der Berufskleidung in der Provinz Hubei. Da sie eine Reihe unbegründeter Aussagen über das Virus machte, halten Experten sie für eine Chinesin ohne Fachkenntnis. Die intransparente Informationspolitik der Regierung Chinas begünstigte die Verbreitung des Videos.
Grippevergleiche
Unter dem Begriff „Grippe“ werden umgangssprachlich zwei grundlegend unterschiedliche Erkrankungen verstanden. Die oft so bezeichneten „grippalen Infekte“ (Erkältung) werden von Bakterien, aber überwiegend von verschiedensten Viren (auch aus der Familie Coronaviridae) verursacht. Aufgrund der hohen gegenseitigen Anpassung der Menschen und der Krankheitserreger (siehe dazu evolutionäre Anpassung) sind Erkältungserkrankungen weit verbreitet und verlaufen in der Regel harmlos. Die „echte Grippe“ (Influenza) ist dagegen eine durch Viren der Gattungen des Influenzavirus ausgelöste Infektion. Durch Mutationen von Influenzaviren kommt es saisonal zu jeweils unterschiedlich schweren Grippe-Epidemien (Grippewellen). Bei einzelnen Influenza-Erreger-Stämmen kann es auch zu besonders schweren Epidemien oder Pandemien (z. B. Spanische Grippe) kommen, ansonsten wird von der saisonalen Grippe gesprochen.
Michael Spitzbart, Wolfgang Wodarg und Sucharit Bhakdi vertraten im März 2020 die Ansicht, COVID-19 sei nicht schlimmer als frühere Grippewellen. Laut ECDC sterben jährlich in Europa durchschnittlich etwa 0,1 Prozent der an der saisonalen Grippe Erkrankten. Damals war der durchschnittliche Anteil der Todesfälle an allen an COVID-19 Erkrankten (die „Infektionssterblichkeit“) laut dem Robert Koch-Institut (RKI) noch nicht ermittelt, da damals nur getestete Fälle registriert wurden. Von diesen getesteten Fällen starben bis April 2020 je nach Region und Messzeitpunkt 0,8 bis 7,7 Prozent. Correctiv bewertete die Aussagen, die COVID-19 mit einer Grippe gleichsetzen, als teils falsch, teils unbelegt und irreführend. Laut diverser Faktenchecker vernachlässigten solche Aussagen dabei zudem die aktuellen Fallzahlen, die exponentielle Zunahme der Infektionen, die fehlende Immunität der Bevölkerung, den fehlenden Impfstoff und die begrenzten Kapazitäten des Gesundheitssystems, schwerkranke COVID-19-Fälle zu behandeln. Ein Faktencheckteam der Deutschen Presseagentur verwies außerdem auf die RKI-Angaben zu einem Anteil von 20 Prozent schwerer oder lebensgefährlicher Verläufe bei an COVID-19 Erkrankten.Frederik Richter, Bianca Hoffmann: Coronavirus: Warum die Aussagen von Wolfgang Wodarg wenig mit Wissenschaft zu tun haben. Correctiv, 18. März 2020; Selina Bettendorf, Nina Breher, Richard Friebe, Sascha Karberg: Faktencheck: Wolfgang Wodarg verbreitet Thesen, die wichtige Tatsachen ignorieren. Tagesspiegel, 20. März 2020; Julia Merlot: Faktencheck: Die gefährlichen Falschinformationen des Wolfgang Wodarg. Spiegel Online, 20. März 2020.Malte Kreutzfeldt: Transparency-Mitgliedschaft ruht. taz, 25. März 2020.Lea Weinmann: Michael Spitzbart liegt falsch – das Coronavirus ist aktuell nicht mit Grippevirus vergleichbar. Correctiv, 3. April 2020.dpa-Faktencheck: Mediziner Bhakdi unterschätzt Gefährlichkeit des Coronavirus. dpa, 24. März 2020.
Correctiv nannte Spitzbart als Beispiel für Mediziner, die sich als Coronaexperten ausgeben, ihr Fachgebiet verschweigen und fragwürdige Gesundheitstipps geben.Cristina Helberg: Coronavirus: Die Stunde der fragwürdigen Youtube-Doktoren. Correctiv, 9. April 2020. Zwei Redakteure der Süddeutschen Zeitung bezeichneten Wodarg, Bhakdi und andere ähnlich agierende Mediziner als „Corona-Meinungsmacher“, deren Videos „mit Wissenschaft nichts zu tun haben“. Recherchen von Correctiv und etablierten Medien zu ihren Behauptungen hätten übereinstimmend ergeben: „Was Wodarg und Bhakdi sagen, ist nicht völlig falsch, jedoch vermischen sie Fakten mit Spekulation und Desinformation.“ Es handle sich bei ihren Videos um „gefährliche Irreführungen“ in einem „Dschungel der Halbwahrheiten“, denen zahlreiche völlig fachfremde angebliche Experten auf YouTube nacheiferten (siehe auch Clickbaiting) und so Millionen Zuschauer beeinflussten.Simon Hurtz, Hannes Munzinger: Pandemie: Corona-Falschmeldungen erreichen ein Millionenpublikum. SZ, 10. April 2020.
Im April 2020 wurde von offiziellen Seiten in den USA behauptet, die COVID-19-Pandemie sei nur wie die gewöhnliche, saisonale Grippe einzuordnen, obwohl die Krankenhaus-Ressourcen in nie dagewesenem Ausmaß beansprucht wurden. Auch der damalige US-Präsident Trump verharmloste COVID-19 und verbreitete Falschinformationen (Näheres hier und Donald Trumps Präsidentschaft#COVID-19-Pandemie).
Das RKI schrieb am 8. Oktober 2020, COVID-19 verursache eine höhere Letalität als schwere Grippe und beatmungspflichtige COVID-Patienten müssten länger beatmet werden als solche mit Grippe.Epidemiologisches Bulletin: Epidemiologisches Bulletin 41/2020, 8. Oktober 2020, abgerufen am 27. November 2020.
Eingrenzung auf bestimmte Bevölkerungsgruppen In den ersten Monaten des Jahres 2020 kamen Spekulationen auf, Asiaten seien wegen bestimmter Rezeptoren empfänglicher für das Virus. Diese Hypothese wurde widerlegt.