Seit 1147 ist jüdisches Dasein auf dem Gebiet der heutigen Steiermark überliefert. Diese Juden spielten vor allem als Händler eine wichtige Rolle für das Wachstum und die Entwicklung der steirischen Städte. Abgesehen von der jüdischen Gemeinde in Graz, welche heutzutage die größte Ansammlung von Juden in der Steiermark ausmacht, gab es noch zahlreiche, wenn auch kleinere, Gemeinden, wie etwa in Judenburg und Bruck an der Mur. Zudem gab es Juden in Fürstenfeld, Hartberg, Murau, Bad Radkersburg, Bad Schwanberg und Voitsberg. Betrachtet man das historische Herzogtum Steiermark, bestanden zudem jüdische Gemeinden in Marburg, Pettau, Cilli, Friedau und Neunkirchen – Orte, die nicht mehr im heutigen Bundesland liegen. Die Juden leisteten einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zur kulturellen und wirtschaftlichen Entwicklung in der Steiermark, bis sie 1497 vertrieben wurden und schließlich in der Schoah ein aufblühendes Gemeindeleben zerstört wurde. Heutzutage ist ein sanftes Wiederaufleben der Gemeinde zu sehen.

Mittelalter, von der Ansiedlung bis zur Vertreibung Erste Erwähnungen der Juden Die erste urkundliche Erwähnung stammt aus dem Jahr 1147, man spricht von einer „villa ad judeos“, ein Judendorf bei Straßengel, im Norden von Graz. Es entstand, als jüdische Kaufleute und Händler sich wegen der günstigen Lage zu Handelsrouten dort niederließen und somit ein Dorf bildeten.

Gemeinden und ihre Geschichte Anfänge der Gemeinde in Graz 1261 wird die Grazer Judengasse genannt. Die erste Erwähnung eines Juden in Graz stammt aus einer Urkunde des Jahres 1302. Ein Dekan bestätigte die Schuld des Bischofs von Seckau bei einem Grazer Juden, für die der Bischof gebürgt hatte.

Graz blieb meist die bedeutendste jüdische Gemeinde in der Steiermark. So kam es zu einem Zuzug von Juden aus einem Judendorf nach Graz im Jahre 1160. Anschließend entstand südlich des heutigen Hauptplatzes ein jüdisches Wohnviertel. Auch eine Synagoge wurde zwischen den heutigen Häusern Herrengasse 26 (Thonethof) und Frauengasse 3 (Gasthof „Zur schiefen Laterne“) gebaut und stand bis zum 15. Jahrhundert dort, heute liegt die Stadtpfarrkirche auf der ehemaligen Synagoge. Der älteste jüdische Grabstein aus dem Jahr 1304 bezeugt, dass Graz eine funktionierende Gemeinde mit einem eigenen Friedhof besaß. Der Friedhof wurde auch von Juden aus den umliegenden Städten benützt und lag nach jüdischem Brauch außerhalb der Wohngegend und der Stadtmauer, entweder im Gebiet des Jakominiplatzes oder des Joanneumrings.

Im 14. Jahrhundert war das Geldgeschäft für die Juden wie auch für die Grazer eine wichtige Einnahmequelle, denn es wurden Kreditgeschäfte der Grazer Adligen (unter anderem der Familie Stubenberg) mit der Unterstützung und der Hilfe der Juden in Graz und den umliegenden Gegenden durchgeführt. Es wird zum Beispiel von einer Verpfändung der Villacher Maut für 1040 Mark Silber zwischen dem Bischof von Bamberg Wulfing von Stubenberg und Grazer und Judenburger Juden berichtet. Trotzdem blieb das Geschäft auf regionaler Ebene konzentriert, nur wenige schafften es ins überregionale Geschäft zu kommen. Einer von ihnen war der Geschäftsmann Eisak, welcher auch in Wiener Neustadt ein Haus besaß und einen Sohn namens Herschl hatte.

Die Gemeinde in Judenburg mini|hochkant|Wappen der Stadt Judenburg. Zu sehen ist ein Jude mit einem Judenhut.

Obgleich sie kleiner war, besaß die Judenburger Judengemeinde auch eine Synagoge, unweit der Liechtenstein-/Kirchgasse und einen eigenen Friedhof, der südlich der Stadt nahe dem Schloss Weyer lag. Auch Judenburg wurde wahrscheinlich von jüdischen Kaufleuten gegründet, da sie dort einen Handelsposten gründeten. Der früheste Beleg für Juden in Judenburg ist ein Eintrag aus einem Formularbuch aus dem Jahr 1290. Der erste namentlich bekannte Jude, Süßman, erscheint in einer Urkunde von 1305, indem er die Schulden vom Stift Seckau nichtig machte. Interessanterweise wird in der Urkunde von einem Richter namens „Ortlein Cholb“ berichtet – ob er Stadtrichter oder doch ein Judenrichter (ausgewählte Person aus der Gemeinde, die sich um juristische Angelegenheiten kümmerte) war, ist unbekannt. 1306 treten als Gläubiger von Wulfing von Stubenberg, dem Bischof von Bamberg, ein Jude namens Süßlein (vielleicht derselbe Süßman) und sein Bruder Avigdor auf.Aus Judenburg kamen bedeutende Geschäftsleute, sie vergaben wichtige Summen von Darlehen und wurden häufig von Adligen aufgesucht. Zu den wichtigsten gehörte Häslein von Friesach, der von 1351 bis 1359 in Judenburg tätig war. Mit seiner wichtigen Geschäftstätigkeit bekam er von der Familie Liechtensteinern ein Privileg für sich und seine Familie, nachdem er in das von den Liechtensteinern im Besitz stehende Murau zog. Er durfte sich niederlassen, seine Religion ausüben und stand unter dem Schutz des Adelsgeschlechts. Doch Häslein kam zurück nach Judenburg und erhielt 1357 ein Sonderprivileg vom steirischen Landeshauptmann. Er durfte sich in jeder beliebigen landesfürstlichen Stadt niederlassen und sonst deckte sich das Privilegium inhaltlich mit dem der Liechtensteiner. Solche Privilegien zeugen von der Wichtigkeit dieser Juden für die Herrscher. Doch seine Lage änderte sich, als Herzog Rudolf IV. 1359 die meisten Schulden nichtig machen ließ und Häslein wirtschaftlich schwächte. Der Herzog tat dies, da das Privileg nicht mehr gültig war, Häslein aber trotzdem ohne Erlaubnis nach Friesach umsiedelte.

Ein weiterer wichtiger Geschäftsmann war ein gewisser Höschel, der in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts aktiv war. Er besaß eine Liegenschaft in Wien und hatte einen Sohn, Nachman, der später noch weiter an wirtschaftlicher Wichtigkeit gewann.

Die Gemeinde in Murau Auch Murau besaß während der wirtschaftlichen Blüte eine Gemeinde, vor allem wegen der guten Handelswegen. Die Stadt war sehr erfolgreich mit Vieh- und Salzhandel sowie Schafzucht für Filz. Oft nahmen Adelige bei Juden Kredite auf. Das Judenviertel befand sich wohl in der Südwestecke des Raffaltplatzes, wo heute die Gebäude der Brauerei liegen. Wohl schon 1432 verließen die Juden Murau, mehr als 60 Jahre vor der Vertreibung aller Juden in der Steiermark durch Maximilian I. Ob es eine Synagoge oder gar einen Friedhof gab, ist unbekannt.

Die Gemeinde in Hartberg Seit 1411 gab es in Hartberg nachweislich Juden. Die Gemeinde war groß genug um eine Synagoge zu besitzen, aber relativ zu anderen Gemeinden zu klein für einen Judenrichter oder einen Friedhof. So wenden sich „Josepf der Jud“ und „Pernhart der Pewerl“ in ihrer Angelegenheit an den Judenrichter „Erhart den Trapp“ in Graz und ein unbekannter Hartberger Jude begleitete den Leichnam eines anderen Juden, wahrscheinlich auch aus Hartberg, zum Friedhof nach Graz. Genauigkeiten über die Synagoge sind umstritten, die einzigen Quellen über Details sind Legenden und Geschichten der lokalen Bevölkerung. Diese besagen, dass der „Judentempel“ eine auffällige, turmartige Kapelle besaß. Nach Forschungsarbeiten ließ sich die Lage des Gebäudes ins alte Innenviertel der Stadt zurückverfolgen, es wurde jedoch im Jahre 1871 demoliert. Der Chronist Johannes Simmler liefert eine Beschreibung der Synagoge:

„Auf einer massiven Wölbung, die noch erhalten ist, ruhte der viereckige Oberbau, in den vom rundbogigen Portal eine Stiege mit 14 hohen Steinstufen geradeaus hinaufführte. Der Fußboden bestand aus Steinpflaster. Die Nord- und Ostwand besaßen in Brusthöhe sechs kleine Nischen, an Ausdehnung verschieden und teils viereckig, teils mit gerundetem Abschlusse. Neben der Stiegenmündung befand sich eine große Nische, die Raum für einen Tisch bot. Dieselben Wände hatten viereckige, vergitterte Fenster, gegen Norden zwei, gegen Osten eines und über jedem schwebte ein hölzerner vergoldeter Engel. In acht schweren Rippen stieg das Gewölbe empor bis zum Schlußstein, an dem vier Farben (hochrot, rosa, gelb, blau) und ausgemeißelte fremdartige Formen, welche die einen für hebräische, die andern für griechische Buchstaben hielten, kenntlich waren.“

Wahrscheinlich wurde das Gebäude, nachdem die Juden auszogen, wie es oft üblich war, anderen Funktionen zugeteilt und so vom Aussehen her etwas verändert, während die Merkmale, die zur Identifikation der Synagoge führen, überstehen und so erhalten bleiben. Das Ende der Gemeinde war spätestens das Jahr 1497, das Jahr der Vertreibung.

Juden in Voitsberg Im westlich von Graz gelegenen Voitsberg lebten nachweislich ab 1358 jüdische Familien, deren Zahl in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts etwa 20 erreichte. Die einzig bekannten Einnahmequellen dieser Familien waren zumeist der Geldhandel mit den Bewohnern und Bauern der umliegenden Region. 1497 waren auch sie vom Vertreibungsbefehl für alle Juden der Steiermark betroffen.

Die Gemeinde in Neunkirchen Obwohl sie im heutigen Niederösterreich liegt, war die Stadt Neunkirchen im Mittelalter ein Teil der Steiermark. Wann genau die ersten jüdischen Familien nach Neunkirchen kamen, ist unbekannt, wahrscheinlich waren es wieder Händler, die sich durch den Fernverkehrsweg über den Semmering in Neunkirchen niederließen. Der erste Nachweis von Juden in Neunkirchen ist im Dienstbuch des Klosters Formbach enthalten. Die Nennung datiert von 1343 und erwähnt vier jüdische Familien, sie hießen Azrahel, Efferlin, Judlin und Merchel.

In der 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts wurde dann in Neunkirchen eine Synagoge errichtet. Die Gemeinde schien andauernd von 1380 bis 1482 zu existieren, da während dieser Zeit Überlieferungen von Judenrichter belegt sind. Aus einer Schenkung Maximilian I. an die Hieronymusbruderschaft im Jahre 1504, lassen sich die Synagoge und das Judenviertel lokalisieren. Denn der Landesfürst erlaubte der Bruderschaft, eine Kirche anstelle der Synagoge, zu errichten, dort entstand die Simoni-Kirche.

In diesem Bereich, um der Synagoge, werden auch verschiedene jüdische Gemeindehäuser genannt. Zur genaueren Eingrenzung des Judenviertels wird eine Urkunde aus dem Jahre 1493 verwendet. Demnach befand sich die Judengasse bei der Marktmühle, also die heutigen Mühlgasse. 1481 kam es zu einem Zuzug jüdischer Familien aus Marburg und Radkersburg.

Die Neunkirchner Synagoge war wie eine typische Synagoge des Mittelalters gebaut. Man musste ein paar Stufen hinabsteigen um in das Gotteshaus zu gelangen, welches aus Stein gebaut war. Sie orientierte sich nach Südosten, dies entspricht einer Ausrichtung nach Jerusalem. Sie verfügte wohl eine Bima und einen Toraschrein. Es gab auch eine Mikwe, ein Ritualbad. Wahrscheinlich wurde der in weniger als fünf Metern Entfernung an der Synagoge vorbeifließende Südarm der Schwarza für das Ritualbad verwendet.

1496 mussten die Neunkirchner Juden die Stadt verlassen. Alle Neunkirchner Juden dürften spätestens um 1500 die Stadt verlassen haben, denn im Jahre 1504 beklagt sich Abt Rumpler von Formbach, dass seine Einnahmen, als die Juden noch in Neunkirchen waren, höher waren.

Die Gemeinde in Marburg