mini|Zwischen Roman und offener Chronique Scandaleuse: Anne-Marguerite Petit DuNoyer: Die galante Correspondentz, 1–2; Freyburg, H. Clement, 1712
Als galant wird im alltäglichen deutschen Sprachgebrauch das zuvorkommende Verhalten eines Mannes gegenüber einer Frau bezeichnet. In den 1920ern und 1930ern war hiermit noch klarer ein männliches Verhalten bezeichnet, das Frauen für sich einnimmt.So heißt es etwa im Text, den Fritz Rotter dem Schlager Ich küsse Ihre Hand, Madame 1929 im gleichnamigen Film mit Marlene Dietrich zur Musik Ralph Erwins setzte: „Ich küsse ihre Hand, Madame/ und träum es wär’ ihr Mund/ ich bin ja so galant Madame/ doch das hat seinen Grund/ hab ich erst ihr Vertrau’n, Madame/ und ihre Sympathie/ wenn sie erst auf mich bau’n, Madame/ ja dann sie werden schau’n, Madame/ küss ich statt ihrer Hand, Madame/ nur ihren roten Mund.“ Das Galante ist jenseits dieses Sprachgebrauchs ein in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts in Europa aufgekommenes Mode- und Stilideal – eng verknüpft mit einer gleichzeitigen Mode alles Europäischen, die unter dem Dach gemeinsamen Geschmacks an der Vielfalt vor allem französische Kultur internationalisierte. Es gehörte zum Galanten in diesem zweiten Sinn, dass es sich selbst jeder pedantischen Bestimmung entziehen sollte, mit GeschmackDie Betonung des Geschmacks gegenüber den Regeln ist ein essentielles Moment in allen Debatten, die sich im 17. und 18. Jahrhundert den „schönen Künsten“ widmen, Verfechter des Galanten stehen hier als Verteidiger des Geschmacks den Verteidigern der Regelpoetiken gegenüber. In der Forschungsliteratur gibt es zum Aufstieg der Geschmacksdebatte einen eigenen Bereich mit Arbeiten wie: George Dickie, The Century of Taste: The philosophical odyssey of taste in the eighteenth century (Oxford University Press, 1996), Denise Gigante, Taste: a literary history (Yale University Press, 2005), Jeremy Black, A subject for taste: culture in eighteenth-century England (Continuum International Publishing Group, 2007). erkannt wurde, nicht mit Regeln zu fassen war: Das „gewisse Etwas“, das „Je ne sais quoi (weiß nicht was)“, das einen Menschen oder eine Sache anziehend machte, wurde Quintessenz, eine neue Natürlichkeit und Freiheit, insbesondere im Umgang der Geschlechter miteinander. Christian Thomasius spricht in dieser Form der Definitionsverweigerung und des Interesses am zu erzielenden Effekt über das Galante:
Die Gegner des Galanten sprechen früh von moralischer Leichtfertigkeit, Verantwortungslosigkeit wird dem Verhaltensideal noch im 17. Jahrhundert nachgesagt, ohne dass sich dabei eine neue Mode vergleichbar auf einen Begriff bringen lässt. Erst die sensibilité, die Empfindsamkeit, die Mode der sensibility, der tenderness, der Zärtlichkeit schafft Mitte des 18. Jahrhunderts eine Gegenposition.
Zum Galanten gehören neben der Galante Conduite, dem spezifisch galanten Verhalten, ein eigener Stil in den belles lettres (das französische Etikett für den eleganten Markt der Wissengegenstände, das heute noch mit dem deutschen Wort „Belletristik“ fortlebt, wird im frühen 18. Jahrhundert selbst zumeist mit „galante Wissenschaften“ übersetzt), galante Poesie, galante Romane, eine Kunst galanter Konversation und galante Musik. Die Stilsetzungen in den verschiedenen Gebieten wurden zum Teil im Verlauf des 18. und 19. Jahrhunderts modifiziert. Insbesondere die galante Musik erfuhr dabei eine begriffliche Verlagerung. Musik des frühen 18. Jahrhunderts, die in ihrer Zeit für „galant“ erachtet wurde, wird heute zum überwiegenden Teil dem Barock zugeordnet. Die Musikkritik verengte den Begriff auf einen Übergangsstil des mittleren 18. Jahrhunderts, der das Galante neu bewertete.
Etymologie Das Wort galant ist älter als die Mode des Galanten, die unter Anhängern eines verfeinerten Verhaltens im 17. Jahrhundert aufkommt. Galant war ursprünglich Partizip Präsens des mittelfranzösischen Verbs galer und stand dabei für Vergnügungssuche junger Männer. In dieser Bedeutung findet man es noch 1460 etwa bei François Villon. Ende des 16. Jahrhunderts ist das Verb ausgestorben. Allein das Adjektiv „galant“ überlebt. So trägt König Heinrich IV. wegen seiner zahlreichen Liebesaffären den Beinamen le vert galant (der grüne, d. h. gut im Saft stehende Galan). Substantivierungen kommen hinzu: Galanterie für den Umgang mit dem anderen Geschlecht, ab dem späten 17. Jahrhundert in erweiterter Bedeutung für eine kleine Annehmlichkeit, etwa ein kurzes Tanzstück in einer musikalischen Suite sowie spezielle Konsumgüter, Galanteriewaren, sowie Galan, seit dem 19. Jahrhundert eher abschätzig für geheimer Liebhaber.
Politische Rahmenbedingungen mini|Johann Michael Moscherosch, Teil 2 seiner Gesichte (1650) mit dem „Ala mode Kherauß“, typisches Plädoyer des mittleren 17. Jahrhunderts gegen Nachahmung der Franzosen
Französische Moden gewannen seit dem Mittelalter Einfluss in weiten Teilen Europas – in der Minnelyrik wie in der Hofkultur, die Frankreich wiederholt exportierte. Mit dem 17. Jahrhundert zeigten sich eher Tendenzen, nationale Identitäten aufzubauen. Frankreich selbst konkurrierte als Anbieter von Moden mit Italien, Spanien und Portugal. Italien gewann über die katholische Gegenreformation Rang mit einem italienischen Stil der Musik und der Architektur. Spanien bestimmte höfisches Zeremoniell, nachdem die iberische Halbinsel mit der Ausbeutung Lateinamerikas Bedeutung gewonnen hatte. Auf dem Gebiet der belletristischen Produktion gaben die Romane Spaniens und Portugals im 16. Jahrhundert und noch im frühen 17. Jahrhundert den Ton an. In den Niederlanden, England, Schweden, Russland sowie den deutschsprachigen Gebieten, die im Lauf des 17. und 18. Jahrhunderts an Bedeutung gewannen, fiel das offene Bekenntnis zu Frankreichs Moden bis in die Mitte des 17. Jahrhunderts gebrochen aus. England befand sich zwischen 1640 und 1660 im Bürgerkrieg. Der englische Hof ging nach Frankreich ins Exil. Frankreich wurde im Gegenzug in England von den Anhängern der Revolution als Bedrohung wahrgenommen, während Teile der Aristokratie sich einen Theater- und Musikbetrieb europäischen Standards zurückwünschten – Frankreich stand für ihn. Die deutschsprachigen Gebiete waren zwischen 1618 und 1648 vom Dreißigjährigen Krieg betroffen. Deutsche Intellektuelle plädierten bis in die 1670er hinein für eine Besinnung auf angeblich alte deutsche Werte und gegen jeden weiteren Einfluss Europas.Deutlich, doch auch satirisch fällt hier Johann Michael Moscheroschs „Ala mode Kerhrauß“ aus in den Gesichte Philanders von Sittewald, Das ist Straff-Schrifften, 2. Theil (Straßburg: Mülbe, Städel, 1650). Eine nationale Selbstbesinnung wurde von den deutschen Sprachgesellschaften bis in die 1680er gefordert und schuf eine Gegenkultur, in der das Bekenntnis zu Frankreichs Moden attraktiv wurde, aber nicht deutlicher artikuliert werden konnte. Die mitteleuropäischen Kriege berührten Skandinavien und die osteuropäischen Staaten: Schweden direkt als Teilnehmer des Dreißigjährigen Kriegs, das heutige Polen als Teil des baltischen Raums, der in das Kriegsgeschehen hineingezogen wurde. Hier orientierte sich der Adel an internationaler Kultur in einer deutlichen Absetzung von der Volkskultur.
Aufschwung französischer Moden in den 1660ern Zwischen 1660 und 1690 veränderte sich die politische Lage in Europa zugunsten französischen kulturellen Einflusses: Frankreich wurde zur europäischen Großmacht, die in einer Kette internationaler Konflikte Machtansprüche geltend machte und dabei sowohl mit offizieller Propaganda wie mit international vermarkteter Regimekritik französischer Autoren europäische Öffentlichkeit gewann.
1660 endete der englische Bürgerkrieg. Karl II. kehrte nach London zurück. Französische Hofkultur wurde damit in London Mode; die Stadt selbst entwickelte ein kommerzielles Kulturleben mit festem Angebot an Theater- und Musikaufführungen. Karl II. etablierte in Konfrontationen mit der städtischen Moral sich (und seine Maitressen) im öffentlichen Leben in einer Selbstinszenierung, die in den 1670ern die Zeichen galanter Conduite trug.
Mit Frankreichs Angriffen auf die Spanischen Niederlande und die Republik der Vereinigten Niederlande (das heutige Belgien und die heutigen Niederlande) gewann Ludwig XIV. Bedeutung als Aggressor. Ein Streben nach der „Universalmonarchie“ wurde ihm in Europa nachgesagt. Der zentralistische Absolutismus der von ihm ausgehenden Machtdoktrin fand gleichzeitig überall in Europa Anerkennung als zukunftsweisendes Modell staatlicher Organisation.
Die Verschärfung der Pressezensur in Frankreich führte in den 1660ern zu einer Umstrukturierung der französischen Presselandschaft. Regimekritik verlagerte sich auf den internationalen Markt. Niederländische Drucker sowie exilierte Franzosen, die in Amsterdam, Den Haag und Rotterdam Verlage aufmachten, brachten außerhalb Frankreichs heraus, was sich im Land nicht mehr sicher drucken ließ. Sie brachten zudem in Nachdrucken weitgehend alle modischen Titel auf den Markt, die gegenwärtig in Paris, Lyon und den verbleibenden wichtigen Städten des französischen Buchmarkts erschienen, und europäisierten so die französischsprachige Produktion.Siehe hierzu auch Christiane Berkvens-Stevelinck, H. Bots, P. G. Hoftijzer (Hrsg.): Le Magasin de L’univers: The Dutch Republic as the Centre of the European Book Trade: Papers Presented at the International Colloquium, Held at Wassenaar, 5–7 July 1990; Leiden, Boston, MA: Brill, 1992.
mini|Statistik der deutschen Produktion unter dem Verlagspseudonym Pierre Marteau.Zahlen nach Karl Klaus Walther: Die deutschsprachige Verlagsproduktion von Pierre Marteau/ Peter Hammer, Köln (Leipzig, 1983), 2 Auflage im Internet
Das Ergebnis war in den 1660er und 1670ern ein doppelt attraktives kulturelles Angebot von französischsprachiger Regimekritik und französischer Propaganda, das Moden verbreitete und Widerstand gegen sie ausräumte. Frankreich exportierte höfische Kultur (Hof = court, s. a. Courtoisie) sichtbar in der Architektur höfischer Anlagen, für die Versailles das Vorbild gab. Frankreich exportierte gleichzeitig eine Exilpresse, die in ganz Europa als modern, skandalös und unvergleichlich kritisch wahrgenommen wurde.
Im skandalösen Ausschnitt lässt sich diese Buchproduktion in ihren Phasen mit den Titeln nachverfolgen, die ab 1660 dem angeblich von Köln aus agierenden Verleger Pierre Marteau untergeschoben erscheinen. In den Niederlanden zu suchende Verleger etablierten das Pseudonym im politischen Scherz, bevor in den 1680ern auch deutsche Verleger Ware dem angeblich in Köln druckenden Exilverleger und seinen Söhnen zuschreiben. Deutlich weist die deutschsprachige Produktion Marteaus die Rahmendaten 1689 und 1721 aus, die die Kernphase regimekritischer internationaler französischer Publizistik markieren. 1689, 1704 und 1714 sind dabei die Jahre großer Produktion unter dem Eindruck der politischen und militärischen Ereignisse.1689 beschäftigt sich die Skandalpresse mit dem Beginn des Neunjährigen Kriegs und den Gerüchten über die illegitime Geburt Jakobs II., der in der Glorious Revolution das Land verlassen musste. 1704 droht mit der zweiten Schlacht bei Höchstädt zum Entscheidungsjahr des Spanischen Erbfolgekriegs zu werden, 1714 steht die Debatte um die britische Thronfolge im Raum. Die Ereignisse des Großen Nordischen Kriegs und die Anfangs noch wackelige Hannoveraner Regierung halten die europäische Skandalpresse bis zum Frieden von Nystad 1721 in Gang.
Große Allianz und Europamode 1689–1721 mini|André Campra: L’Europe galante. 2. Auflage. (1698)