mini|Rudolfo-Stey-Seiltanztruppe, 1963 Der Zirkus Stey ist ein Schweizer Zirkus. Die Familie Stey ist eine der ältesten Artistendynastien der Welt; 1437 wurde sie erstmals erwähnt.

Geschichte

Herkunft und Familienüberlieferung Die Geschichte der Familie Stey beginnt nach Eigendarstellung mit einem englischen Müllersohn, der ins Elsass eingewandert sein und dort das Gauklertum und die Artistik kennengelernt haben soll. (Archivlink, PDF) Nach einer anderen Variante der von der Familie überlieferten Geschichte soll der Sohn einer elsässischen Adelsfamilie aus Liebe zu einer Gauklerin Schloss und Adelstitel aufgegeben und sich dem Zirkusleben zugewandt haben. Spätestens ab 1958 warb die Familie mit der bis ins Jahr 1437 zurückreichende Geschichte. Auf Nachfrage nach den Quellen führte der Zirkus im Jahre 1958 aus, ein Herr sei mit einem dicken Buch aus München zu Zirkusdirektor Isidor Stey gekommen, worin die über 500-jährige Familiengeschichte verzeichnet gewesen sei. Wie viele fahrende Schaustellerfamilien waren Angehörige der Familie Stey im 19. und frühen 20. Jahrhundert namentlich in Deutschland von behördlicher Verfolgung betroffen.

Anfänge in der Schweiz Die Schweizer Linie der Familie Stey geht auf Heinrich Stey († 1933) zurück, der aus dem Elsass in die Gemeinde Lachen am oberen Zürichsee in der Schweiz einwanderte. Heinrich Stey begann um die Jahrhundertwende mit der offenen, ungedeckten Arena Stey durch die Schweiz zu touren. Heinrich Stey begann um die Jahrhundertwende, mit der offenen, ungedeckten Arena Stey durch die Schweiz zu touren. Ein Inserat von 1912 kündigte die «weltberühmten Turmseilkünstler Familie Stey» als «König der Seilkünstler» an; zum Höhepunkt der Vorstellung befuhr ein Artist ein 18 Meter hohes Hochseil mit einem Velo. Werbewirksam versprach die Familie 1000 Franken demjenigen, der behaupten könne, solche Leistungen je zuvor gesehen zu haben. Zeitenweise nannte sich diese Arena auch «Stey-Knie». Auf diese Institution geht auch Carl Zuckmayers Seiltänzerstück «Katharina Knie» zurück, das der Dichter nach einer Kindheitserinnerung an ihre Vorstellungen verfasste. Aus der Ehe mit Mathilde Ley gingen acht Kinder hervor: Einige der Söhne wanderten in die USA aus und wurden dort mit Motorrad-Stunts und mit Hochmast- und Hochseilnummern bekannt.

Vom Zirkus Stey zur Gegenwart 1949 legte Sohn Isidor Stey den Grundstein für den Schweizer Traditionszirkus Stey. Mit dem Kauf des ersten Zweimastzeltes wurde aus der offenen Arena der Zirkus Stey, mit dem die Familie fortan die Schweiz bereiste. Isidor galt als einer der letzten alten Seiltänzer, die ihre Kunst auf dem hohen Turmseil zeigten, hing aber zeitlebens an der offenen Arena.

Isidors Tochter Mathilde leitete ab 1962 das Unternehmen mit ihrem Mann Willi Speichinger, der in der Manege als Clown „Cilo“ auftrat. Als sich 1962 die Kinder Isidor Steys trennten, übernahmen die beiden den Zirkus Stey; im selben Jahr wurde das erste Viermastzelt angeschafft. Willy Speichinger hatte ursprünglich eine Lehre als Bauschreiner absolviert, ehe er 1944 Mathilde heiratete und in den Zirkus eintrat. Nach dem Tod von Mathilde Speichinger-Stey übergab Willi Speichinger die Leitung an die Söhne Rolf und Bruno. Letzterer schied 1993 aus dem Unternehmen aus.

Lange Zeit prägte Rolf Stey, der von den Medien zuweilen als „lebende Zirkuslegende“ bezeichnet wird, das Gesicht des Unternehmens: Als „Two Tornados“ traten Rolf und seine Frau Irene weltweit mit einer Messerwerfnummer auf. Für die Tournee verpflichtet er Artisten des mongolischen, russischen, chinesischen und kubanischen Nationalzirkus. Rolf änderte seinen Namen von Speichinger auf Stey, da dieser Name nach dem Tod seiner Mutter 1983 nicht mehr im Zirkus vertreten war. Ab 2002 führte er den von ihm gegründeten Verband Schweizer Zirkusunternehmen.

Nachdem der Zirkus Ende der 2000er-Jahre einzelne Saisons ausgesetzt hatte, ging die Leitung 2011 an Rolfs Sohn Martin über, unter dem wieder jedes Jahr eine Sommertournee durchgeführt wurde.

Das Winterquartier befand sich vieler Jahre im Leutschenbach-Quartier in Zürich, wo die Artistenfamilie in ihren Wohnwagen überwinterte. 1974 bezog die Familie das ehemalige Zollhaus bei Bonau im Kanton Thurgau als festes Quartier.

Programm und Tournee Der Zirkus Stey bietet ein traditionelles, internationales Zirkusprogramm mit Akrobatik, Clownerie, Zauberei und Tierdressuren. Der Zirkus bereist mit etwa 40 Personen, über 30 Tieren und mehr als 70 Fahrzeugen die ganze Deutschschweiz. Der Zirkus Stey wird als mittelgrosser, regional verankerter Zirkus beschrieben, der auch in kleineren Orten gastiert. Er ist der einzige Zirkus, der das Appenzellerland bereist. Der Zirkus tritt bis heute mit einem Live-Orchester auf, was ihn von vielen modernen Zirkussen unterscheidet. Von März bis Oktober ist Zirkus Stey auf Tournee. Im Dezember präsentiert er jeweils einen Weihnachtszirkus in einem Einkaufszentrum in der Nähe von Luzern. Seit Dezember 2021 veranstaltet der Zirkus Stey zudem den Frauenfelder Weihnachtszirkus; zu den Besuchern der Ausgabe 2022 gehörten auch regionale Persönlichkeiten aus Politik und Unterhaltung.

Wirtschaftliche Herausforderungen Während die Familie Stey den Zirkusbetrieb bis rund um die Jahrtausendwende noch als sehr rentabel bezeichnete, wies sie ab Ende der 2010er-Jahre wiederholt auf die schwierige wirtschaftliche Situation aufgrund geänderter Freizeitgewohnheiten hin. Ab 2020 unterstützte der Kantons Thurgau den Zirkus zweimal aus dem Lotteriefonds, da der Zirkus «wenig bis kein Potenzial zur Eigenfinanzierung» habe, gleichzeitig aber ein «einzigartiges Kulturgut der Akrobatik und Clownerie» bewahre und entsprechend wichtige kulturelle Leistungen erbringe. Am 1. Juli 2026 wurde über die Betreibergesellschaft der Konkurs eröffnet und die laufende Sommertournee abgebrochen. Als Ursache nannte die Familie einen früheren Finanzverantwortlichen, der Rechnungen nicht bezahlt habe. Die Familie kündigte an, verschiedene Aktivitäten über eine neu bestehende und eine neu zu gegründende Gesellschaft weiterzuführen, darunter namentlich den Frauenfelder Weihnachtszirkus; zum Schicksal des Sommerbetriebs äusserte sie sich jedoch nicht konkret.

Familiäre Beziehungen Die Familie Stey ist mit zahlreichen bekannten Artisten- und Zirkusdynastien verwandt, so unter anderem mit den Familien Knie, Weisheit und Traber. Der Schweizer Familienzweig weist vor allem enge verwandtschaftliche Beziehungen mit der Zirkus- und Artistenfamilie Gasser auf. Helene Stey, die Tochter von Isidor Stey, heiratete Ludwig Gasser und gründete mit diesem den Zirkus Royal. Deren Sohn Konrad (Conny) Gasser, gründete 1983 den Freizeitpark Conny-Land. Der Sohn von Isidor Stey, Bruno Stey, heiratete Gertrud (Trudy) Zanolla, die einer alten Schweizer Schaustellerfamilie entstammt, wodurch die Familie auch im Schaustellermillieu verankert ist.

Trivia 1976 führte der Zirkus Stey einen Eisbären namens «Baby» mit. Ein Foto der Dompteurin Maxy Niedermayer mit dem Tier auf einem Spaziergang durch Rothenburg erschien in der New York Times. Seit dieser Tournee trat beim Zirkus Stey kein Eisbär mehr auf.

Weblinks Website Zirkus Stey

Einzelnachweise

Stey Kategorie:Unternehmen (Kanton Thurgau) Kategorie:Ersterwähnung 1437 Kategorie:Wigoltingen