mini|Bob Dylan im Jahr 1963, in dem Last Thoughts on Woody Guthrie entstand Last Thoughts on Woody Guthrie ist ein Langgedicht von Bob Dylan aus dem Jahr 1963. Es beschreibt die erfolgreiche Suche des Protagonisten nach einem Ausweg aus Unzufriedenheit und Einsamkeit. Der Schlüssel liege in der Hoffnung. Diese sei in Gott ebenso zu finden wie in Woody Guthrie, und beiden könne man bei Sonnenuntergang im Grand Canyon begegnen. Damit räumt Dylan seinem Idol Guthrie trotz dessen schwerer Erkrankung einen hohen Stellenwert als Quelle der Hoffnung ein. Im Vergleich zu Song To Woody (1961) zeigt er hier aber eine größere künstlerische Unabhängigkeit, sodass der Text als Abschied von Guthrie lesbar wird. Weitere Themen sind die Natur und die Gesellschaft der USA.

Dylan trug den Text während seines ersten großen Konzerts am 12. April 1963 in der New Yorker Town Hall vor. Danach wurde die Aufnahme jahrelang in verschiedenen Raubkopien veröffentlicht, bis sie schließlich 1991 in der ersten Ausgabe von The Bootleg Series Vol. 1–3, Rare & Unreleased, 1961–1991, offiziell erschien. Gedruckt wurde Last Thoughts on Woody Guthrie erstmals 1973 in Writings and Drawings. Eric Clapton bezeichnete das Gedicht als die Zusammenfassung von Bob Dylans Lebenswerk. Der Musikjournalist Jim Beviglia nahm es in sein Buch über Dylans einhundert beste Songs auf.

Aufbau Ausgangssituation In den Versen 1 mit 26 wird die Ausgangssituation geschildert, auf die der Sprecher nicht vorbereitet war (Vers 25 und 26 „I never knew it was gonna be this way / Why didn’t they tell me the day I was born.“, Übersetzung: „Ich hab nie gewusst, dass es so sein würde / Warum hat man mir das nicht gesagt, als ich geboren wurde?“). Sie ist gekennzeichnet durch Unzufriedenheit und Einsamkeit.

Suche nach Alternativen In Vers 28 taucht erstmals das Motiv der Suche auf („And your’re lookin’ for somethin’ you ain’t quite found yet“, Übersetzung: „Und du suchst etwas, das du noch nicht so richtig gefunden hast“). Die Verse 27 mit 84 zeigen die bislang erfolglosen Versuche, die Ausgangssituation zu überwinden. Verse 56 und 57 drücken Selbstzweifel aus („And you say to yourself just what am I doin’ / On this road I’m walkin’, on this trail I’m turnin“, Übersetzung: „Und du sagst zu dir selbst: ‚Was mache ich nur / auf dieser Straße gehe ich, auf diesem Weg wende ich‘“), der Protagonist gibt aber nicht auf.

Weg zum Ziel Darauf folgt in den Versen 85 mit 113 die Beschreibung dessen, was der Protagonist für eine Verbesserung braucht. Dreimal kurz hintereinander wird betont, dass dafür etwas Besonderes nötig sei (Verse 82, 85 und 86 „something special“, Übersetzung: „etwas Besonderes“). Durch eine minimale VeränderungChristopher Ricks: The Force of Poetry. Clarendon Press, Oxford 1984, S. 367.; “(…) genius with words is often a matter, as T. S. Eliot said, of being original with the minimum of alteration, and such is one of the evidences of Dylan’s genius.” (Deutsche Übersetzung: Wie T. S. Eliot sagte, besteht Genialität im Umgang mit Sprache oft darin, durch winzige Abweichungen originell zu sein, und darin zeigt sich Dylans Genialität.) bricht Dylan in den Versen 98 und 99 die abgegriffene Formulierung something you seen before (Übersetzung: „etwas, das du früher schon gesehen hast“) auf: Durch But overlooked a hundred times or more (Übersetzung: „Aber schon hundertmal oder öfter übersehen“) wird klar, dass das eigentliche Sehen des Auswegs noch in der Zukunft liegt. In dem zentralen Vers 109 wird dann das Ziel der Suche genannt: Eine Quelle von Hoffnung.

In einer langen Passage (Verse 114 mit 173) wird anschließend aufgezeigt, wo Hoffnung gerade nicht zu finden sei: nicht im Materiellen, weder im Geld (Vers 116 „on a dollar bill“, Übersetzung: „auf einem Ein-Dollar-Schein“) noch im glamourösen Luxus (Vers 118 „no rich kid’s road map“, Übersetzung: „nicht im Lebensplan (wörtlich: auf der Straßenkarte) eines reichen Kindes“; Vers 125 „No you can’t find it in no night club or no yacht club“, Übersetzung: „Nein, du kannst es in keinem Nachtclub oder Yachtclub finden“) und auch nicht bei Menschen mit hübscher Fassade, aber schlechtem Charakter (Vers 150 „Who’d turn yuh in for a tenth of a penny“, Übersetzung: „Die dich für einen zehntel Penny ausliefern“). Selbstironisch wird erwähnt, dass auch das aktuelle Bob-Dylan-Konzert keine Quelle von Hoffnung sei (Verse 128 und 129 „That no matter how hard you rub / You just ain’t a-gonna find it on yer ticket stub“, Übersetzung: „Dass du es einfach nicht auf deinem abgerissenen Ticket finden wirst, auch wenn du noch so sehr reibst“). All dies sei unecht (Vers 171, als einziger in Versalien geschrieben, „THAT STUFF AIN’T REAL“).

In den Versen 174 mit 180 wird Hoffnung in mehrere Metaphern gefasst (Vers 176: brennende Lampe, Vers 177: sprudelnde Ölquelle, Vers 178: scheinende Kerze). Der Umgang mit Klischees entspricht dabei dem, was Christopher Ricks als typisch für Dylan beschrieben hat: Die Verwendung wirft neues Licht auf ein altes Klischee,Christopher Ricks: The Force of Poetry. Clarendon Press, Oxford 1984, S. 366. auf „eine Formulierung, die schon bessere Tage gesehen hat“.Christopher Ricks: The Force of Poetry. Clarendon Press, Oxford 1984, S. 432. Die brennende (Öl-)Lampe, traditionell ein Symbol für Hoffnung, wird hier neben eine überdimensionale, sprudelnde (Erd-)Ölquelle gestellt. Die Verse 181 mit 185 machen deutlich, dass sich dem Suchenden nur zwei Wege zum Ziel öffnen. In den abschließenden Versen 186 mit 194 werden zwei gleichwertige Quellen von Hoffnung genannt: Sie liege in Gott, der in jeder Kirche zu finden sei, und in Woody Guthrie im Brooklyn State Hospital. Dabei ist die zweite Möglichkeit ganz konkret auf eine namentlich genannte Person beschränkt, die erste ist in ihrer Ausgestaltung vom Suchenden abhängig, da weder eine Religion noch ein genauer Ort genannt wird. Beide Hoffnungsspender seien nach Meinung des lyrischen Ich bei Sonnenuntergang im Grand Canyon präsent. Da sich dort die geologische Geschichte über Millionen von Jahren zurückverfolgen lässt, liegt der Gedanke an Gott nahe; doch auch dieses Klischee wird von Dylan gebrochen, indem er Woody Guthrie Gott gleichstellt.

Form Der Text lässt sich zwar als Langgedicht definieren, Bob Dylan lehnte den Begriff poem (Übersetzung: „Gedicht“) für Last Thoughts on Woody Guthrie jedoch explizit ab. In der ungekürzten Einleitung zu seinem Vortrag von 1963 heißt es „I have a po-- I have -- it’s not a poem here, but uh… it’s something, uh…“ (Übersetzung: Ich habe ein Ge… - - ich habe -- das ist kein Gedicht hier, aber ah… es ist etwas, ah…) Dylan sah den Text also ausdrücklich nicht als Gedicht, ordnete ihn aber auch nicht in eine andere literarische Form ein. Auf der Rückseite des Covers von Another Side of Bob Dylan vom August 1964 bezeichnete Dylan seine nicht zur Vertonung gedachten Texte als Some other kinds of songs und führt Last Thoughts on Woody Guthrie auf seiner Website auch bei den Songs auf.Jim Beviglia: Counting Down Bob Dylan. His 100 Finest Songs. The Scarecrow Press, Lanham / Toronto / Plymouth 2012, ISBN 978-0-8108-8823-4, S. 133. Der bekannte US-amerikanische Rockjournalist Paul Williams vertritt die Ansicht, man solle Dylan nicht als Dichter, sondern als „Musiker und Sänger betrachten, der gelegentlich auch ohne Melodie singt.“Paul Williams: Like a Rolling Stone. Die Musik von Bob Dylan 1960–1973. Nachdruck der deutschsprachigen Originalausgabe aus dem Palmyra Verlag von 1994. Palmyra Verlag, Heidelberg 2005, S. 122; englischsprachige Originalausgabe: Paul Williams: Bob Dylan. Performing Artist. The Early Years, 1960–1973. Underwood-Miller, Novato / Lancaster 1990.

Paul Williams bemerkt, das Gedicht bestehe größtenteils aus Reimpaaren, wobei gelegentliche Variationen des Reimschemas und nicht reimende Verse bewusst eingebaut wurden, um eine möglichst gute Wirkung zu erzielen.Paul Williams: Like a Rolling Stone. Die Musik von Bob Dylan 1960–1973. Nachdruck der deutschsprachigen Originalausgabe aus dem Palmyra Verlag von 1994. Palmyra Verlag, Heidelberg 2005, S. 119; englischsprachige Originalausgabe: Paul Williams: Bob Dylan. Performing Artist. The Early Years, 1960–1973. Underwood-Miller, Novato / Lancaster 1990. Bis etwa Vers 55 verwendet Dylan überwiegend Paarreime, einmal auch einen umarmenden Reim (Verse 23 mit 26). Einige davon sind unreine Reime (z. B. RAssonanz in Vers 23/26 storm / born). Der offene Zeilenfall, bei dem jeder Vers in einer Zeile erscheint, zieht sich durch den gesamten Text. Im Vortrag ist nicht zu erkennen, wo Verse beginnen und enden. Auffällig sind die zahlreichen Anaphern (z. B. beginnen die Verse 47 mit 56 jeweils mit And), häufig gekoppelt mit Parallelismen, die das Zuhören erleichtern.

Paul Williams zeigt, wie durch Syntax und Formen der Repetitio eine Art „monotonen Sprechgesangs“ entsteht: Die Struktur des unvollendeten when-Satzes in Vers 1 wird in den folgenden beiden Versen wiederholt, darauf folgen drei Verse, die mit if beginnen, und eine ganze Seite von and-Sätzen schließt sich an. Erst etwa in der Mitte des Gedichts wird der when-Satz aus Vers 1 weitergeführt, aber nicht beendet (When yer head gets twisted and yes mind grows numb…you need something, Übersetzung: „Wenn dein Kopf durcheinander ist und dein Verstand taub“ … „brauchst du etwas“). Unvermittelt schließt sich der nächste lange Satz an, der die Suche nach dem etwas zum Gegenstand hat. Er nennt zahlreiche Orte, an denen man nicht fündig werden kann, und mündet in einen Vorschlag, wo man Hoffnung finden könne.Paul Williams: Like a Rolling Stone. Die Musik von Bob Dylan 1960–1973. Nachdruck der deutschsprachigen Originalausgabe aus dem Palmyra Verlag von 1994. Palmyra Verlag, Heidelberg 2005, S. 120; englischsprachige Originalausgabe: Paul Williams: Bob Dylan. Performing Artist. The Early Years, 1960–1973. Underwood-Miller, Novato / Lancaster 1990. Williams bezeichnet diesen Sprechgesang als musikalischen Rhythmus, in der Sprache selbst sei Musik.Paul Williams: Like a Rolling Stone. Die Musik von Bob Dylan 1960–1973. Nachdruck der deutschsprachigen Originalausgabe aus dem Palmyra Verlag von 1994. Palmyra Verlag, Heidelberg 2005, S. 121; englischsprachige Originalausgabe: Paul Williams: Bob Dylan. Performing Artist. The Early Years, 1960–1973. Underwood-Miller, Novato / Lancaster 1990.

In den meisten Versen spricht Dylan den Hörer/Leser an (zum Beispiel Vers 2: „When you think…“, in Vers 154 nennt er ihn „my friend“), in wörtlicher Rede wird statt you das Pronomen I verwendet (z. B. Vers 166/167: „And you yell to yourself and you throw down yer hat / Sayin’, ‚Christ do I gotta be like that‘“, Übersetzung: „Und du schreist dich an und wirfst deinen Hut weg / und sagst: ‚Jesus, muss ich so sein?‘“) Durch den ständigen Wechsel zwischen der zweiten und ersten Person Singular (you – I) wird das Publikum in die Ernüchterung und die Ängste des Dichters einbezogen (z. B. Vers 24/25 „And to yourself you sometimes say / I never knew it was gonna be this way“, Übersetzung: „Und zu dir selbst sagst du manchmal: / ‚Ich wusste nicht, dass es so werden würde.‘“).Michael J. Gilmour: The Gospel According to Bob Dylan: The Old, Old Story for Modern Times. John Knox Press, Westminster 2011, S. 51. Dylan bedient sich hier einer Bewusstseinsstromtechnik, die er auch in seiner Nobelpreisrede verwendete.Christopher Hooton: Bob Dylan was asked to give 25 words on Woody Guthrie, he wrote 1,705 beautiful ones – Listen. independent.com.uk, 13. Oktober 2016.

Es finden sich auch stilistische Bezüge zum Werk Woody Guthries: mini|Hörbeispiel: „This Land Is Your Land“, geschrieben von Woody Guthrie (Aufnahme von 2007)