mini|Der nachträglich unterzeichnete, formelle Abdankungsbrief Wilhelms II. vom 28. November 1918
Die Abdankung Wilhelms II., die am 9. November 1918 ohne seine Zustimmung verkündet wurde und die er selbst erst am 28. November vom niederländische Exil aus erklärte, markiert das Ende seiner Herrschaft als Deutscher Kaiser und König von Preußen sowie den Übergang vom deutschen Kaiserreich zur Weimarer Republik.
Am Ende des Ersten Weltkriegs hatte Woodrow Wilson, der Präsident der Vereinigten Staaten, implizit den Thronverzicht des Kaisers als Bedingung für die Gewährung eines ein Waffenstillstands seitens der Ententemächte genannt. Dieser Forderung schlossen sich neben der Arbeiterschaft bald auch Teile des deutschen Bürgertums und der Reichsleitung an, um günstigere Friedensbestimmungen zu erhalten und der drohenden Revolution den Wind aus den Segeln zu nehmen. Diesem Druck entzog sich Wilhelm II., indem er am 29. Oktober ins Große Hauptquartier des Heeres im belgischen Spa abreiste. Als die Novemberrevolution am 9. November 1918 Berlin erreichte, verkündete Reichskanzler Prinz Max von Baden die Abdikation des Kaisers, ohne von diesem dazu autorisiert worden zu sein. Daraufhin floh Wilhelm II. in die Niederlande und bat um politisches Asyl. Im Deutschen Reich wurde dies selbst von vielen Konservativen als Bruch des Treueids und als Fahnenflucht betrachtet und trug dazu bei, dass die Monarchisten in Deutschland weder zur Zeit der Weimarer Republik noch danach je wieder eine signifikante politische Rolle spielten.
Geschichte mini|Kaiser Wilhelm II., 1918
Die Parlamentarisierung des Deutschen Reiches Zu Beginn des Ersten Weltkriegs hatte Wilhelm II. im Zuge des so genannten Augusterlebnisses zunächst neue Popularität erlangt.Martin Kohlrausch: Der Monarch im Skandal. Die Logik der Massenmedien und die Transformation der wilhelminischen Monarchie. Akademie-Verlag, Berlin 2005, ISBN 3-05-004020-3, S. 306. Dass er am 4. August 1914 im Rahmen der Burgfriedenspolitik den lange verfemten Sozialdemokraten die Hand reichte („Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche!“) und eine einige Volksgemeinschaft beschwor, gilt als seine größte rhetorische Leistung.Lothar Machtan: Die Abdankung. Wie Deutschlands gekrönte Häupter aus der Geschichte fielen. Propyläen, Berlin 2008, ISBN 978-3-549-07308-7, S. 100 f. Während des Krieges trat er dann immer mehr in den Hintergrund. Zwar hatte er als Deutscher Kaiser gemäß den Artikeln 63 und 64 der Reichsverfassung von 1871 als Bundesfeldherr den Oberbefehl über die Streitkräfte inne.Verfassung des Deutschen Reichs (1871); Michael Epkenhans, Gerhard P. Groß et al.: Walter Nicolai – Annäherung an einen Unbekannten. Eine Einführung. In: dieselben (Hrsg.): Geheimdienst und Propaganda im Ersten Weltkrieg. Die Aufzeichnungen von Oberst Walter Nicolai 1914 bis 1918. Walter de Gruyter, Berlin/Boston 2019, S. 19. Seiner Aufgabe als „Oberster Kriegsherr“ wurde er aber nicht gerecht, eine Koordinierung der strategischen und operativen Planung der Teilstreitkräfte leistete er nicht. Stattdessen agierte Wilhelm II. als „Schattenkaiser“, beschränkte sich fallweise auf impulsive Anregungen und überließ die ihm eigentlich zustehende Gesamtverantwortung für die Kriegführung der Obersten Heeresleitung (OHL).Wilhelm Deist: Kaiser Wilhelm II. als Oberster Kriegsherr. In: derselbe: Militär, Staat und Gesellschaft. Studien zur preußisch-deutschen Militärgeschichte. Oldenbourg, München 1991, ISBN 3-486-55920-6, S. 1–18; Hans-Ulrich Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Band 4: Vom Beginn des Ersten Weltkrieges bis zur Gründung der beiden deutschen Staaten 1914–1949. C.H. Beck, München 2003, ISBN 3-406-32264-6, S. 5 (hier das Zitat). Der Historiker Lothar Machtan nennt Wilhelm in den Jahren des Weltkriegs einen „Marionetten-Kaiser“, dessen Fäden von der OHL und vom Reichskanzler gezogen worden seien.Lothar Machtan: Die Abdankung. Wie Deutschlands gekrönte Häupter aus der Geschichte fielen. Propyläen, Berlin 2008, S. 135. Nicht einmal über die personelle Zusammensetzung der OHL konnte er noch bestimmen: Im August 1916 musste er gegen seinen Willen General Erich von Falkenhayn, den Chef der zweiten OHL, durch den machtbewussten Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg ersetzen, der sich geschickt als Retter aus militärischer Not in Szene zu setzen verstand.Herfried Münkler: Der Große Krieg. Die Welt 1914 bis 1918. Rowohlt, Berlin 2013, ISBN 978-3-87134-720-7, S. 425 f. und 447 f. Hindenburg und nicht mehr dem Kaiser fiel von nun an die Rolle des charismatischen Führers zu.Wolfram Pyta: Paul von Hindenburg als charismatischer Führer der deutschen Nation. In: Frank Möller (Hrsg.): Charismatische Führer der deutschen Nation. Oldenbourg, München 2004, S. 109–148. Der Historiker Bernd Sösemann konstatiert einen regelrechten „Verfall des Kaisergedankens im Ersten Weltkrieg“.Zitiert nach Holger Afflerbach: Der Untergang des Kaisertums im November 1918 – das Ende des Bismarckreichs? In: derselbe, Ulrich Lappenküper (Hrsg.): 1918 - Das Ende des Bismarck-Reichs? Brill/Ferdinand Schöningh, Paderborn 2021, ISBN 978-3-657-76011-4, S. 101–115, hier S. 102. Für den Politikwissenschaftler Herfried Münkler stellt der Aufstieg Hindenburgs und seines Ersten Generalquartiermeisters Erich Ludendorff an die Spitze der Heeresleitung den „Anfang vom Ende der Hohenzollernmonarchie in Deutschland“ dar.Herfried Münkler: Der Große Krieg. Die Welt 1914 bis 1918. Rowohlt, Berlin 2013, S. 447.
Dass das Deutsche Reich den Ersten Weltkrieg militärisch nicht gewinnen konnte, erfuhr Wilhelm erstmals am 10. August 1918, zwei Tage nachdem den Alliierten in der Schlacht von Amiens ein Einbruch in die deutschen Linien gelungen war („Schwarzer Tag des deutschen Heeres“). Laut seinem Biographen John C. G. Röhl nahm er die Nachricht gefasst auf, zumal Ludendorff vier Tage später behauptete, durch entschlossene Defensive den Kriegswillen der Feinde brechen zu können. Im Kronrat, zu dem an diesem Tag die politische und die Heeresleitung im Großen Hauptquartier in Spa zusammengekommen waren, wurde beschlossen, mit Friedenssondierungen abzuwarten, bis sich die militärische Lage stabilisiert hätte. Die nächsten Wochen verbrachte der Kaiser in Schloss Wilhelmshöhe bei Kassel, wo sich seine Frau, Kaiserin Auguste Viktoria von einem leichten Schlaganfall erholte.John C. G. Röhl: Wilhelm II. Band 3: Der Weg in den Abgrund, 1900–1941. C.H. Beck, München 2008, ISBN 978-3-406-57779-6, S. 1234; vgl. Lothar Machtan: Kaisersturz. Vom Scheitern im Herzen der Macht. wbg Theiss, Darmstadt 2018, ISBN 978-3-8062-3760-3, S. 82 f., wonach sich Wilhelm nach der Nachricht der Niederlage für mehrere Tage unansprechbar in sein Schlafzimmer zurückgezogen hatte.
Die Kaiserin hatte auf ihren Mann, der zu depressiver Verstimmtheit neigte, meist einen wohltuenden Einfluss, machtpolitisch lenkte sie ihn aber mit ihrem Fanatismus gegen alle vermeintlichen Feinde des Hauses der Hohenzollern oft in wenig kluge Richtungen.Lothar Machtan: Die Abdankung. Wie Deutschlands gekrönte Häupter aus der Geschichte fielen. Propyläen, Berlin 2008, S. 135 f. und S. 146 f. Gemeinsam mit Wilhelms Entourage bestärkte sie ihn nun in seinem zunehmend unangemessenen Zweckoptimismus: Der Hamburger Reeder Albert Ballin war von Ludendorff nach Kassel gesandt worden, um ihm den Gedanken nahezulegen, noch vor den Friedensverhandlungen eine „rasche und kluge innere Modernisierung des Reiches“ durchzuführen, „sonst erscheint sie von den Gegnern erzwungen und gefährdet die Dynastie“. Stattdessen entschloss sich Wilhelm, am 10. September vor den Arbeitern der Friedrich Krupp AG in Essen eine Durchhalterede zu halten: Wilhelm wiederholte seine Zusicherung vom 4. August 1914, er kenne keine Parteien mehr, und rief zu nationaler Geschlossenheit auf: „Werdet stark wie Stahl, und der deutsche Volksblock, zu Stahl zusammengeschweißt, der soll dem Feind seine Kraft zeigen“.Volker Wittenauer: Im Dienste der Macht. Kultur und Sprache am Hof der Hohenzollern. Vom Großen Kurfürst bis zu Wilhelm II. Schöningh, Paderborn 2007, ISBN 978-3-506-71398-8, S. 270. Anschließend sollten die Arbeiter vor ihm ihre Opferbereitschaft und Siegeszuversicht geloben. Das Vorhaben misslang. Die von Wilhelms Chef des Geheimen Zivilkabinetts, dem konservativen Friedrich von Berg, formulierte Rede ging an den Befindlichkeiten und Bedürfnissen seiner Zuhörer vorbei. Als der Kaiser zunehmend vom Redemanuskript abwich und frei sprach, verstärkte sich dies noch. Dass die Arbeiter alle freudig „Ja!“ gerufen hätten, wie die unter den Bedingungen der Zensur schreibende Presse berichtete, war nach Aussagen von Zeitzeugen falsch: Vielmehr hatten die Kruppianer, wie Lothar Machtan schreibt, auf die Rede mit „robuster Gleichgültigkeit“ reagiert. Es sollte Wilhelms letzter Auftritt in der Öffentlichkeit bleiben.Lothar Machtan: Kaisersturz. Vom Scheitern im Herzen der Macht. wbg Theiss, Darmstadt 2018, S. 14–27 und 81–87, die Zitate S. 20 und 84.
Im Anschluss reiste der Kaiser zurück ins Hauptquartier nach Spa, wo man ihm über die sich immer weiter verschlechternde militärische und innenpolitische Lage nicht die Wahrheit sagte. Admiral Georg Alexander von Müller notierte:
Der Kaiser und seine Entourage lebten zwei weitere Wochen in der illusionären Hoffnung auf einen deutschen Sieg, bis die OHL am 26. September reinen Tisch machte: Sie ließ die Reichsregierung ins Große Hauptquartier anreisen und teilte Reichskanzler Georg von Hertling und seinen Staatssekretären mit, dass der Krieg verloren war. Daraufhin trat das Kabinett Hertling geschlossen zurück. Friedrich von Berg arbeitete nun an der Bildung einer Reichsregierung, die auch gegen den Reichstag regieren sollte, und sondierte zunächst bei Bernhard von Bülow, der von 1900 bis 1909 Reichskanzler gewesen war. Dem war aber klar, dass ein Regieren gegen die Mehrheitsparteien des Reichstags nicht mehr möglich war. Berg dachte nun an eine Diktatur eines Generals, etwa Ludwig von Falkenhausens oder Max von Gallwitz’, wurde aber zurückgepfiffen.Lothar Machtan: Die Abdankung. Wie Deutschlands gekrönte Häupter aus der Geschichte fielen. Propyläen, Berlin 2008, S. 135 f. und S. 146 f. und 161. Stattdessen schlug Paul von Hintze, der amtierende Staatssekretär des Auswärtigen, unterstützt von Hindenburg und Ludendorff, am 29. September eine „Revolution von oben“ vor: Das Herrschaftssystem des Kaiserreichs sollte zumindest zum Schein demokratisiert, die MSPD in die neue Regierung einbezogen und eine Bitte um Frieden an den US-Präsidenten Woodrow Wilson gesandt werden.Lothar Machtan: Die Abdankung. Wie Deutschlands gekrönte Häupter aus der Geschichte fielen. Propyläen, Berlin 2008, S. 158–166; derselbe: Kaisersturz. Vom Scheitern im Herzen der Macht. wbg Theiss, Darmstadt 2018, S. 88–91. Wilson hatte Anfang des Jahres sein 14-Punkte-Programm veröffentlicht, das unter anderem ein Selbstbestimmungsrecht der Völker enthielt. Auf dieser Grundlage hoffte man, milde Friedensbedingungen erhalten zu können.Henning Köhler: Deutschland auf dem Weg zu sich selbst. Eine Jahrhundertgeschichte. Hohenheim Verlag, Stuttgart 2002, ISBN 3-89850-057-8, S. 127.
Eine Parlamentarisierung der Reichsregierung und eine Reform des preußischen Dreiklassenwahlrechts hatte der Kaiser bereits in seiner Osterbotschaft 1917 in Aussicht gestellt, um die unter Krieg und Mangelwirtschaft leidenden breiten Volksschichten zu beruhigen.Heinrich August Winkler: Der lange Weg nach Westen, Band 1: Deutsche Geschichte vom Ende des Alten Reiches bis zum Untergang der Weimarer Republik. C.H. Beck, München 2000, S. 347. Nun sollte sie dazu dienen, den Schock der Niederlage abzumildern. Insbesondere Ludendorff machte sich für eine Regierungsbeteiligung der MSPD stark: