Jakob Fischer (* 14. August 1955 in Tobolino(gegründet 1892 als wolgadeutsche Tochterkolonie Konstantinowka; heutige Bezeichnung: Derbisek, kas. Дербісек): Suchen, kämpfen und nicht aufgeben. In: Deutsche Allgemeine Zeitung, erschienen am 1. März 2022, abgerufen am 1. August 2025., Gebiet Tschimkent, Kasachische SSR, Sowjetunion) ist ein Kulturmanager im Bereich der Deutschen aus Russland.

Herkunft Die Ahnen von Jakob Fischer waren Deutsche, die im 18. Jahrhundert nach Russland ausgewandert waren. Ein Zweig seiner Vorfahren mütterlicherseits stammte aus Haßloch und gründete 1767 auf der Bergseite der Wolga die Mutterkolonie Kautz (russischer Name: Werschinka, russ. Вершинка), während die Vorfahren väterlicherseits von Hessen ins Wolgagebiet auswanderten, wo sie sich in der Mutterkolonie Messer (russischer Name: Ust-Zolicha, russ. Усть-Золиха) niederließen. Schon Ende des 19. Jahrhunderts verließen sie allerdings das Wolgagebiet und zogen nach Zentralasien weiter, wo sie im russischen Generalgouvernement Turkestan in der Nähe von Taschkent im Jahr 1892 die wolgadeutsche Tochterkolonie Konstantinowka gründeten. Zu Sowjetzeiten (um 1925) wurde Konstantinowka in Tobolino umbenannt. Im Gegensatz zu den wolga-, schwarzmeer- und kaukasiendeutschen Kolonien, die zum großen Teil aufgehört haben zu existieren, nachdem deren deutsche Bevölkerung bei Ausbruch des Krieges zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion 1941 nach Sibirien und Zentralasien (gemeint sind hier: Kasachstan, Kirgisistan, Usbekistan, Tadschikistan, Turkmenistan) deportiert wurde, blieb Tobolino auch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs eine deutsche Siedlung, die seit ihrer Gründung bis zur Massenausreise ihrer Einwohner nach Deutschland in den 1990er Jahren ihre sprachlich-kulturelle Eigenheit bewahren konnte. Dies kam vor allem dadurch zum Ausdruck, dass die Deutschen in Tobolino noch bis in die 1970er Jahre hinein oft nur rudimentäre Kenntnisse der russischen Sprache hatten. So lernte Jakob Fischer Russisch erst nach seiner Einschulung, da in seiner Familie ausschließlich der wolgadeutsche Dialekt gepflegt wurde. Veronika Fischer: Württembergische und kurpfälzische Wege nach Russland. Emigration, Zarismus und Kommunismus im Schicksal von vier Familien - Fischer, Neubauer, Krüger und Baierbach. In: Gerhard Fritz, Karlheinz Hegele, David Schnur (Hg.): Gmünder Studien 9. Beiträge zur Stadtgeschichte, Schwäbisch Gmünd 2018, ISBN 978-3-95747-082-9, S. 60–61, 68, 70, 96.

Werdegang Fischer studierte Geschichte und Pädagogik in Tschimkent und Germanistik in Alma-Ata. Von 1977 bis 1982 war Fischer Lehrer für Geschichte, Deutsch, Chorgesang und stellvertretender Schulleiter in Leninskoje (heute: Kosestek, kas. Қосестек), Gebiet Aktjubinsk, Westkasachstan. Von 1982 bis zur Ausreise nach Deutschland 1991 arbeitete er als stellvertretender Theaterdirektor des Deutschen Schauspieltheaters in Temirtau, später in Alma-Ata.wiedergeburt.kz: Фишер Якоб, abgerufen am 7. April 2020 (russisch).

Mit Unterstützung des Deutschen Theaters Kasachstan war er der Veranstalter des ersten Festivals der deutschen Kultur im Jahr 1988 im Gebiet Karaganda. Im Oktober 1990 fand unter seiner Leitung – und ebenfalls durch das Deutsche Theater unterstützt – das zweite Festival in der damaligen kasachischen Hauptstadt Alma-Ata statt. Das Festival mit 120 Gruppen und über 2000 Teilnehmern aus verschiedenen Gebieten der UdSSR wurde zum größten kulturellen Ereignis in der Geschichte der Deutschen in Russland.wolgadeutsche.net: , S. 11, 16, 27, 28, abgerufen am 7. April 2020.

Fischer war außerdem Gründungsmitglied der am 31. März 1989 in Moskau gegründeten Gesellschaft "Wiedergeburt", die sich für die Wiederherstellung der Wolgadeutschen Republik einsetzte.

Von 1995 bis 2023 leitete Fischer das Bundesprojekt der Wanderausstellung „Deutsche aus Russland. Geschichte und Gegenwart“. Diese bundesweit gezeigte Ausstellung wird von der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland getragen und vom Bundesministerium des Innern gefördert. Deutschlandweit bekannt wurde Fischer durch seine Veranstaltungen zur Geschichte und Kultur der Deutschen aus Russland.

Fischer ist Experte auf dem Gebiet der Kultur und Volkslieder der Deutschen in der ehemaligen Sowjetunion. Er ist Herausgeber eines Liederbuches mit deutschen Volksliedern aus Russland. Gemeinsam mit den Musikern Wladimir Dederer, Eduard Frickel und den Sängerinnen Katharina Rissling, Maria Penner-Weimer, Lina Neuwirt, Ida Haag-Depperschmidt produzierte er drei Musikalben mit russlanddeutschen Volksliedern. Diese Lieder trugen dazu bei, die Liedtradition der Deutschen aus Russland auch in der Bundesrepublik zu bewahren.daz.asia: Das Liedgut der Russlanddeutschen hat eine Zukunft

2005/06 und 2007/08 organisierte Fischer Konzertreisen der russlanddeutschen Musik-, Gesang- und Tanzgruppen aus Deutschland zu den Nachfahren der Wolgadeutschen in Argentinien. Seit 2013 ist er Vorsitzender der Juri des Nachwuchswettbewerbs „Neue Namen“ im Rahmen des Festivals der deutschen Kultur in Kasachstan unter dem Titel „Wir sind zusammen“.daz.asia: Культура немцев на сцене Казахстана, (russisch); ebd. Wunderbare Zusammenarbeit; neue-semljaki.de: Kulturvermittler über die Grenzen der Volksgruppe hinaus, S. 55, abgerufen am 7. April 2020.

Im Dezember 2018 erhielt er das Bundesverdienstkreuz am Bande. Die Verleihung fand am 15. März 2019 in München statt.

Seit 1991 lebt Fischer in Nördlingen.

Weblinks

Ausstellung beleuchtet Leben deutsche Aussiedler in Russland, Baden online, 7. Februar 2020 Ausstellung in Drolshagen zeigt "Deutsche aus Russland. Geschichte und Gegenwart", LokalPlus, 29. Oktober 2019 Ausstellung über das Schicksal der Russlanddeutschen, Wolfsburger Allgemeine, 23. Oktober 2019 Wanderausstellung „Deutsche aus Russland. Geschichte und Gegenwart“, Die Beauftragte der Bayerischen Staatsregierung für Aussiedler und Vertriebene, 12. September 2019 Bei uns, Ihr Leit, ist Hochzeit heit - Rußlanddeutsche Volkslieder aus Kasachstan und Sibirien, 10. Mai 2019 Deutsche aus Russland im Interview: Jakob Fischer, LmDR e.V. auf YouTube.

Einzelnachweise

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