Stefan Beck (* 13. August 1960; † 26. März 2015 in Sydney) war ein deutscher Sozialanthropologe und Volkskundler. Er war Professor für Europäische Ethnologie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Sein wissenschaftliches Schaffen gilt als wegbereitend für die sozialanthropologische Wissenschafts- und Technikforschung im deutschsprachigen Raum. Durch langjährige Feldforschung lieferte er zudem wichtige Beiträge zur Medizinanthropologie Zyperns.
Leben Im Jahr 1984 schloss Stefan Beck eine Fachhochschulausbildung zum Diplom-Verwaltungswirt in Stuttgart ab.Stefan Beck, Umgang mit Technik, S. 2 Danach absolvierte er ein Studium der Empirischen Kulturwissenschaft und Neueren Geschichte an der Universität Tübingen, das er 1992 mit einem Magister abschloss. Er promovierte 1996 in Sozialwissenschaften, ebenfalls an der Universität Tübingen. Von 1998 bis 2003 war Beck wissenschaftlicher Mitarbeiter an den Universitäten Tübingen und Darmstadt sowie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Zwischen 1999 und 2000 war er Gastdozent an der University of California, Berkeley. Nachdem Beck im Jahr 2003 auf eine Juniorprofessur am Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität zu Berlin berufen worden war, wurde er dort vier Jahre später ordentlicher Professor. In den Jahren 2009 und 2010 war er Gastprofessor an der Universität Manchester.
Am 26. März 2015 verstarb Stefan Beck unerwartet auf einer Urlaubsreise in Sydney. Er ist in Marbach am Neckar beigesetzt.
Stefan Beck war mit der Kulturanthropologin Gisela Welz verheiratet.
Werk Nachdem sich Stefan Beck im Studium anfänglich mit Arbeiterkultur, Arbeiterbewegungen und Kriegerdenkmälern beschäftigte, setzte er sich in seiner Magisterarbeit mit Zeiterfahrungen und Zeitumgang bei flexibilisierter Schichtarbeit auseinander, wozu er eine ethnographische Forschung bei IBM durchführte.Stefan Beck, Nachmoderne Zeiten
In seinem Promotionsstudium widmete er sich der Technisierung des Alltags, die er historisch und aus der Perspektive der Praxistheorie untersuchte.Stefan Beck, Umgang mit Technik In seiner resultierenden Dissertationsschrift Umgang mit Technik übte Beck zudem Kritik an einer nostalgischen Perspektive der damaligen Volkskunde auf Materialität und Alltag vor dem Hintergrund der zunehmenden technologischen Entwicklungen. Der seiner Ansicht nach unzeitgemäßen fachlichen Herangehensweise bei Technik und Technologie stellte er einen Forschungsansatz entgegen, der sich durch ethnographische Alltagsforschung sowie Konzepte aus Wissenschafts- und Technikforschung (Science and Technology Studies) als auch praxistheoretischer Sozial- und Kulturtheorie auszeichnete.
In seiner Zeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Professor am Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität zu Berlin richtete sich sein Forschungsfokus zunehmend auf medizinische Praktiken. Er arbeitete unter anderem zu Transplantations- und Reproduktionsmedizin, Somatografie, Neurowissenschaften und Gerontologie sowie allgemein zur Biomedizin. Zusammen mit Jörg Niewöhner etablierte er 2004 an der Humboldt-Universität eine kollaborativ ausgerichtete Forschungsgruppe für sozialanthropologische Forschung in und mit den Lebenswissenschaften, in der zahlreiche Forschungen, später insbesondere mit der Psychiatrie und in psychiatrischen Einrichtungen, durchgeführt wurden. Dieses von Beck und seinen Kollegen als Forschungslabor bezeichnete Forschungskollaborativ besteht unter mittlerweile veränderter Bezeichnung und mit erweiterter Forschungsausrichtung bis heute. Stefan Beck arbeitete neben anderen besonders intensiv mit Michi Knecht, Jörg Niewöhner und Estrid Sørensen zusammen. Mit Jörg Niewöhner und Estrid Sørensen brachte er 2012 die erste deutschsprachige sozialanthropologische Einführung in die Wissenschafts- und Technikforschung (Science and Technology Studies) heraus.
Seit dem Ende der 1990er Jahre und bis zu seinem Tod im Jahr 2015 führte Stefan Beck intensive ethnographische Feldforschung zu Biomedizin und Humangenetik auf Zypern durch.Gisela Welz, Stefan Beck’s Contribution to the Medical Anthropology of Cyprus Er forschte vor Ort unter anderem zu Genanalysen bei zystischer Fibrose, zu Biobanken, zu Programmen zur Krankheitsprävention sowie zu Organtransplantationen, und arbeitete dazu mit verschiedenen lokalen Wissenschaftlern, Patienten und anderen Akteuren zusammen.Violetta Christophidou-Anastasiadou, Eulogy for Stefan Beck, 1960–2015 In Zusammenarbeit mit Fachkollegen aus seinem Forschungsumfeld sowohl in Zypern als auch in Deutschland stellte Beck die lokalen Gegebenheiten und gewonnenen Erkenntnisse immer wieder in einen Vergleich mit anderen Ländern in Europa. Er ist Autor und Koautor von mehr als zwanzig aus der Feldforschung auf Zypern resultierenden Aufsätzen.
International stand Stefan Beck unter anderen mit den Anthropologen Paul Rabinow, Margaret Lock, Dominic Boyer und Sharon Macdonald in Kontakt.
Wirkung Das wissenschaftliche Schaffen von Stefan Beck gilt als wegbereitend für die Etablierung und Entwicklung sozialanthropologischer Wissenschafts- und Technikforschung (Science and Technology Studies) im deutschsprachigen Raum. Er trug außerdem zur Entwicklung des Faches Volkskunde hin zu einer verstärkten Ausrichtung als Empirische Kulturwissenschaft bei.
Seine langjährige Feldforschung und wissenschaftliche Arbeit auf Zypern gelten als wegbereitend für die Etablierung der Medizinanthropologie auf der Insel.
Stefan Becks methodologische Herangehensweise und Art der Analyse wird von den Forschern, mit denen er viele Jahre zusammenarbeitete, als Phänomenographie bezeichnet. Von Mitgliedern des ursprünglich von Beck mitetablierten Forschungskollaborativs wurde 2019 ein Sammelwerk in Gedenken an Beck herausgebracht, in dem Aufsätze von ihm abgedruckt sind und zahlreiche Ethnologen sowie Sozial- und Kulturanthropologen aus dem deutschsprachigen und amerikanischen Raum seine Arbeit kommentieren.Laboratory Anthropology of Environment | Human Relations, After Practice
Schriften (Auswahl)
Monographien
Aufsätze
Herausgeberschaften
Literatur
Laboratory Anthropology of Environment | Human Relations (Hrsg.): After Practice: Thinking through Matter(s) and Meaning Relationally. 2 Bände. Panama Verlag, Berlin 2019, ISBN 978-3-938714-64-5 und ISBN 978-3-938714-65-2
Weblinks Stefan Beck auf der Website des Instituts für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität zu Berlin Stefan Beck auf der Webseite des Laboratory: Anthropology of Environment | Human Relations
Einzelnachweise
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