mini|x300px|Selbstbildnis von Nānhā. Detail.

Nānhā () war ein indischer Maler im Dienst der Mogulherrscher Akbar und Jahāngīr. Er gehörte bereits zu Beginn der 1580er Jahre zum höfischen Atelier, wo er zwar nicht zu den Spitzenkünstlern zählte, aber durchaus hochwertige Beiträge sowohl im Bereich der Bildkomposition als auch in der farblichen Ausgestaltung eigener und fremder Entwürfe leistete. Seine letzten bekannten Bilder sind etwa 1620 entstanden. Nānhās Bruder war der Vater von Bishandās, der ebenfalls als Maler bekannt ist.Vgl. die Inschrift einer Randillustration zu Jahāngīrs Gulschan-Album, Verma: Mughal Painters and their Works. A biographical Survey and comprehensive Catalogue. 1994, S. 128.

Werke am Hof Akbars Nānhā hat an vielen der bebilderten Handschriften mitgewirkt, die unter Akbar entstanden sind. Dabei hat er Beiträge zu allen großen thematischen Strömungen der mogulindischen Malerei geleistet: Illustrationen zu Abenteuergeschichten, persischer Dichtung, Werken der Dynastiegeschichte und hinduistischen Epen. Er hat in dieser Zeit in den unterschiedlichsten Stilen gearbeitet. Während seine frühen Beiträge die Schulung durch persische Meister erkennen lassen, machte er doch auch von Anfang an Gebrauch von den neuen Techniken, die ihm durch die Drucke, Kupferstiche und zuweilen auch Ölgemälde aus Europa bekannt waren. Im Folgenden eine Liste von Nānhās Werken aus der Zeit Akbars in chronologischer Reihenfolge:

Dārāb-nāma, ca. 1580. Foll. 15r, 24r, 30r, 35r, 35v, 50v. Bei allen Illustrationen war Nānhā sowohl für den Entwurf (pers. ṭarḥ) als auch für die Ausführung des Bildes in Farbe (pers. ʿamal) zuständig. Tarīkh-i Khāndan-i Tīmūriyya, häufig kurz Tīmūr-nāma, ca. 1584. Khuda Bakhsh Oriental Public Library Patna, Ms. 551, Foll. 30r (ʿamal), 55v und 56r (ṭarḥ und ʿamal), 165v (nur Gesichter).Beach: The Imperial Image. 1981, S. 218–220. Nānhā spezialisierte sich schon früh auf Porträts, insbesondere auf die von Akbar, Jahāngīr und ihrer Vorfahren. Er hat deshalb an verschiedenen Werken zur Mogulgeschichte mitgewirkt.

mini|Die Truppen von 'Alī Qulī Khān vor Kannauj. 1567. Entwurf Kānhā, Farbgebung Nānhā. 1. Akbar-nāma, ca. 1590. Rāmāyana, ca. 1584–89. Maharaja Sawai Man Singh II Museum, Jaipur, MS, AG 1950. Bei dieser Handschrift war Nānhā laut Verma nur an einer Illustration beteiligt, bei der er für die Farbgebung zuständig war. Der zugehörige Entwurf stammt von Kānhā.Verma: Mughal Painters and their Works. A biographical Survey and comprehensive Catalogue. 1994, S. 314, Nr. 2. Hierzu ist keine Illustration veröffentlicht. Razm-nāma, 1582–86. Jaipur, Foll. 115-116, 119 (alle nur Farbgebung)Maharaja Sawai Man Singh II City Palace Museum, Jaipur. Vgl. Beach: The Imperial Image. 1981, S. 215–217. Keine dieser Miniaturen ist bisher veröffentlicht worden. Dīvān-i Anvarī, 1588. Harvard Art Museums, Arthur M. Sackler Museum, Object Number 1960.117.247. Unter der Miniatur ist eine kaum entzifferbare Zuschreibung sichtbar, in der mehrere Kunsthistoriker den Namen Nānhā zu erkennen meinen.Stuart Cary Welch und Annemarie Schimmel: Anvari's Divan: A Pocket Book for Akbar. The Metropolitan Museum of Art, New York 1983, S. 105. ISBN 0-87099-331-3.John Seyller: „Nanha“, in: Jonathan M. Bloom und Sheila S. Blair (Hrsg.): The Grove Encyclopedia of Islamic Art and Architecture. Oxford University Press, New York 2009. ISBN 978-0-19-530991-1. Band III, S. 45–46. Khamsa von Nezami, 1585–90. Dallas Museum of Art, K.1.2014.18; Foll. 15r (ṭarḥ und ʿamal), 186v (Gesichter), 227r (Gesichter), 230r (ṭarḥ und ʿamal)Digitalisat Zur Gestaltung des Hintergrundes in Fol. 15r wendet der Maler die Luftperspektive an. Die kleine Häusergruppe oberhalb der Textspalten und die Landschaft rechts oben in der Miniatur verblauen in der Ferne. Diese Technik ist mit europäischen Bildern an den Mogulhof gelangt und wurde ansatzweise bereits von Basāwan im Dārāb-nāma (Fol 34r) eingesetzt. Ganz anders erfolgt die Hintergrundgestaltung bei Nānhās Illustration zum Chingīz-nāma (s. u.). Bābur-nāma, ca. 1590. Victoria and Albert Museum London, IM 276-1913 und 276A-1913: Bābur überwacht die Anlage des Bāgh-i Wafā' bei Kabul. Bei dieser Doppelseite war Bishndās für den Entwurf, Nānhā für die Gesichter der wichtigen Persönlichkeiten verantwortlich.Digitalisat Victoria-and-Albert-Akbar-nāma, ca. 1590, Nr. 104 (Gesichter, v. a. von Akbar), Nr. 128 (ʿamal) und Nr. 142 (ʿamal)Victoria and Albert Museum, IS.2:23-1896 (Nr. 104), IS.2:51-1896 (Nr. 128) und IS.2:57-1896 (Nr. 142). Eine von J. Losty behauptete Identität von Nānhā und KānhāJeremiah P. Losty: The Art of the Book in India. London, The British Library 1982. Nr. 59. ist durch die Existenz zweier Bilder, die von beiden gemeinsam angefertigt wurden, nämlich in dem hier erwähnten Akbar-nāma von 1590 und im oben genannten Rāmāyana, widerlegt. In beiden Fällen stammt der Entwurf von Kānhā, die Farbgebung von Nānhā.Akbar-nāma Victoria and Albert Museum, IS 2:57-1896. Anwār-i Suhaylī, ca. 1595. Dublin, Chester Beatty Library, In. 4: König Hilar erwacht von einem Albtraum. Losgelöstes Blatt.Linda York Leach: Mughal and other Indian paintings from the Chester Beatty Library. Scorpion Cavendish, London 1995. ISBN 1-900269-02-3. Band I, S. 104, Illustration S. 102, Katalog-Nr. 1.188. Khamsa von Nizāmī, 1595. British Museum Or. 12208, Foll. 63v, 159r, 305r. Walters Art Gallery, Baltimore, W613, Fol. 16b. Bei allen vier Illustrationen war Nānhā sowohl für den Entwurf als auch für die Farbgebung verantwortlich. Diese Handschrift zählt zu den prachtvollsten Werken der Mogulmalerei. Dass Nānhā hier mit vier Miniaturen von insgesamt 42 vertreten ist, spricht für die besondere Wertschätzung seiner künstlerischen Fähigkeiten.Vgl. Barbara Brend: The Emperor Akbar's Khamsa of Niẓāmī. The British Library, London 1995, ISBN 0-7123-0392-8. Chingīz-nāma, 1596, Teheran, Golestan Palace Library, Nr. 2254. Foll. 54v (Gesichter) und 70r (Entwurf)Beach: The Imperial Image. 1981, S. 223-226. Farbige Abbildung in André Godard und Basil Gray: Iran. Persische Miniaturen. Kaiserliche Bibliothek. Graphic Society, New York 1956. Tafel XXX. Anders als in der Khamsa im Dallas Museum of Art (Fol. 15r) folgt die Bildgestaltung auf Fol. 70r der persischen Tradition: Die räumliche Tiefe hat Nānhā durch hintereinander gestellte Hügelreihen angedeutet. Chester-Beatty Akbar-nāma, ca. 1600. British Museum, London Or. 12988, Bild 3 (ṭarḥ). Nach islamischer Auffassung war Adam besonders groß. Abū'l Fazl übernimmt diese Vorstellung und beschreibt ihn im Akbar-nāma als 60 Gaz groß. Deshalb ist Adam größer als der Baum neben ihm, und der Kranich vor ihm erscheint klein wie eine Ente.Abu'l Fazl, History of Akbar, Bd. 1, S. 178–179.

Werke für Prinz Salīm/Jahāngīr Es wurde verschiedentlich die Vermutung geäußert, dass Nānhā das kaiserliche Atelier verlassen haben könnte, um Prinz Salīm im Jahre 1600 nach Allahabad zu folgen. Als Gründe werden angeführt, dass er in den vier Jahren bis 1604 bei auffällig wenigen Handschriften für Akbar beteiligt war, dafür aber ein Porträt zum Salīm-Album beigesteuert hat, das in dieser Zeit zusammengestellt wurde, und ferner eine Illustration für Salīms Anwār-i Suhaylī gemalt hat. Sein Beitrag zum Salīm Album könnte allerdings auch schon vor 1600 entstanden sein, so wie viele andere Bilder dieses Albums auch.Wright, Elaine: Muraqqaʿ. Imperial Mughal Albums from the Chester Beatty Library.Art Services International, Alexandria (Virginia) 2008, S. 61. ISBN 0-88397-154-2. Das Anwār-i Suhaylī wurde erst nach der Thronbesteigung des Prinzen vollendet. Nānhās Miniatur muss daher nicht zwingend vor 1605 hinzugefügt worden sein. Es gibt somit keinen Beweis für eine Zugehörigkeit Nānhās zu Salīms Atelier in Allahabad. Ausgeschlossen ist es freilich auch nicht. Seine späteren Werke sind fast ausschließlich Porträts. Sie alle wurden nachträglich von anderen Künstlern mit einer Rahmung versehen und in verschiedene Alben integriert.

Porträt eines alten Mannes, ca. 1595–1600. Salīm-Album. Metropolitan Museum of Art 2019.159 Bildgröße 12,7 × 6,8 cm. Auch wenn der Name Nānhās in der Bildunterschrift ohne langes ā am Ende erscheint, ist doch anzunehmen, dass genau dieser Maler gemeint ist. Zāhid Khān. Ca. 1606. Ehemals Sammlung Axel Röhm; Verbleib unbekannt. Bildgröße 7,4 × 15 cm. Inschrift: Werk von Nānhā. Porträt von Zāhid Khān. Wahrscheinlich handelt es sich hier um den Sohn von Sādiq Khān aus Herat. Nach dem Tode seines Vaters kam er an den Mogulhof und wurde dort kurz vor Akbars Tod von diesem mit dem Titel Khān ausgezeichnet. Die letzten Nachrichten von ihm stammen aus einem Eintrag im Jahāngīr-nāma im Februar 1607.Beach: The Grand Mogul. Imperial Painting in India 1600–1660. 1978, S. 149, hier eine s/w-Abbildung.The Jahangirnama. Memoirs of Jahangir, Emperor of India. Translated by W. M. Thackston. 1999, S. 65.Samsam-ud-daula Shāh Nawāz Khān und Abdul Hay: The Maāthir-ul-umara. Translated by H. Beveridge. 1999, Band II, S. 1020.

Löwenangriffe Jagdbegegnungen mit Löwen und Angriffe von Löwen waren offenbar ein bevorzugtes Sujet des Malers. Wir haben allerdings nur zwei Bilder, die nachprüfbar mit Nānhās Namen versehen sind. Anwār-i Suhaylī, ca. 1604–10. British Library Add. 18579, Fol 280v. Ein Löwe tötet die Frau eines Farmers, die mit einem Prinzen davongelaufen ist. Ein Löwe greift einen Jäger an, ca. 1605.Beach: The Grand Mogul. Imperial Painting in India 1600–1660. 1978, S. 149, Nr. 50 datiert auf ca. 1615. Free Library of Philadelphia, Lewis M 36. Bildgröße 19 × 29 cm. Auf Seide gemalt.Digitalisat

Laut S.P. Verma existieren im Baroda State Museum and Picture Gallery noch zwei weitere Werke von Nānhā, auf denen Jahāngīr bzw. Prinz Khurram einen Löwen töten und die beide mit der Aufschrift „ʿamal-i Nānhā“ versehen sind. Keines von beiden ist publiziert.Verma: Mughal Painters and their Works. A biographical Survey and comprehensive Catalogue. 1994, S. 318–319, Nr. 45 und 46. Milo C. Beach und S.P. Verma schreiben Nānhā außerdem ein nicht mit seinem Namen gekennzeichnetes Bild von etwa 1615 im Indian Museum Kolkata zu, auf dem Jahāngīrs Schuss in das Auge einer Löwin festgehalten ist.Verma: Mughal Painters and their Works. A biographical Survey and comprehensive Catalogue. 1994, S. 319, Nr. 49; Beach: The Grand Mogul. Imperial Painting in India 1600–1660. 1978, S. 150.

Kopie eines Kupferstichs aus Flandern Das Jüngste Gericht, ca. 1605, in einer Khamsa von Mir ʿAli Schir Nawāʾi. Nachträglich hinzugefügte Auferstehungsszene auf Fol. 5b. Royal Library Windsor Castle Library, RCIN 1005032.d. Werk von Nānhā und Manōhar. Bildgröße 22,4 × 14,8 cm.Digitalisat Der Text in tschagataiischer Sprache wurde bereits 1492 in Herat kopiert, die Freiflächen für die Illustrationen blieben aber fast alle leer. Nach einer wechselvollen Geschichte gelangte die Handschrift an den Mogulhof, wo Nānhā gemeinsam mit seinem Kollegen Manōhar diese Szene des Jüngsten Gerichts hinzufügte. Die Vorlage entnahmen die Künstler einem Kupferstich von Adriaen CollaertDas Jüngste Gericht. Stich von Adriaen Collaert nach Jan van der Straet, 1570 – 1618. Rijks Museum Amsterdam RP-P-1982-305., der im späten 16. Jahrhundert in Flandern entstanden ist und sehr wahrscheinlich mit jesuitischen Gesandtschaften den Weg an Akbars Hof gefunden hat.