Operation Tungsten war ein Luftschlag der britischen Royal Navy gegen das deutsche Schlachtschiff Tirpitz im Zweiten Weltkrieg. Am 3. April 1944 attackierten 120 Flugzeuge von sechs Flugzeugträgern im Nordmeer das Schiff in seiner Operationsbasis im Kåfjord in Norwegen. Parallel dazu stand eine Gruppe von Kampfschiffen bereit, um einen etwaigen Ausbruch der Tirpitz zu unterbinden. Im Ergebnis gelang es nicht, trotz mehrerer Bombentreffer, das Schiff zu versenken. Jedoch wurde es schwer beschädigt und war für Monate nicht einsatzbereit.
Hintergrund Allein die Existenz der Tirpitz, einem von zwei Schlachtschiffen der Bismarck-Klasse, stellte für die Alliierten im Zweiten Weltkrieg eine nennenswerte Bedrohung dar. Zwar waren die Alliierten im Seekrieg von 1944 in einer deutlich besseren Gesamtsituation und eine grundsätzliche Gefahr ging eher von den deutschen U-Booten aus, allerdings bildeten auch die deutschen Schlachtschiffe mit ihrer massiven Panzerung und der immensen Kampfkraft ein erhebliches Störpotenzial. Im Verlauf der letzten Kriegsjahre hatten die Alliierten zunehmenden die Seehoheit errungen und zwangen die Einheiten der deutschen Kriegsmarine in Meeresteile, die von Land geschützt werden konnten. Für viele große Einheiten wie Kreuzer und Schlachtschiffe waren dies norwegische Fjorde, die, neben dem Faktor der Sicherheit, zusätzlich noch die Möglichkeit boten, Störaktionen gegen alliierte Nordmeergeleitzüge durchzuführen und auf der Gegenseite entsprechend starke Einheiten zum Schutz dieser banden. Diese Geleitzüge versorgten, aus den USA und Großbritannien kommend, die Sowjetunion mit kriegswichtigem Material.
Dieser Bedrohungslage entsprechend versuchten britische Flugzeuge bereits während der Bauzeit in Wilhelmshaven, das deutsche Schlachtschiff auszuschalten. Bis 1942/43 kam es jedoch zu keinen nennenswerten Erfolgen. Gründe dafür waren die ausgezeichnete Panzerung der Tirpitz sowie die bis in diese Zeit noch starke deutsche Luftabwehr.
In der Folge erklärte 1942 der britische Premierminister Winston Churchill es zur wichtigsten Aufgabe der Royal Navy, die Tirpitz zu versenken. Da Luftangriffe bis dato noch nicht den gewünschten Erfolg gebracht hatten, griffen die Briten auf unkonventionelle Methoden zurück. So wurde Ende 1942 ein scheinbar harmloser, gesunkener Fischkutter im Eingang des Trondheimfjords, dem damaligen Zugang zum Liegeplatz der Tirpitz im Fættenfjord, geborgen. Bei dessen genauerer Untersuchung sich heraus stellte, dass er ursprünglich zwei Torpedos an Außenleinen mitgeschleppt hatte. Nachdem diese aufgrund Unwetters verloren gegangen waren, hatte die Besatzung, ein britisch-norwegisches Kommando, den Kutter versenkt (Operation Title).
Im September 1943 gelang es mit der Operation Source erneut nicht, das Schiff zu versenken. Ziel dieser Operation war es, diesmal mit Kleinst-U-Booten jeweils knapp zwei Tonnen schwere, zeitgezündete Minen unter der Tirpitz zu platzieren. Im Ergebnis wurden die U-Boote zwar entdeckt, aber die Minen waren bereits platziert und die Zeit reichte nicht mehr, um die Tirpitz aus dem Gefahrenbereich zu bringen. Die folgende Detonation beschädigte neben dem Rumpf und den inneren Strukturen auch die Maschinen. Hauptsächlich, weil die Bewegungsenergie der Explosion diese auf ihren Fundamenten verschoben, so dass die Tirpitz bis März 1944 nicht mehr fahrbereit war. Zur Wiederherstellung der vollen Kampfkraft des Schlachtschiffes wurden in der Folge mehr als 400 Werftarbeiter von deutschen Werften (vor allem aus Kiel) und mehrere Arbeitsschiffe nach Norwegen beordert, wo sie unter Hochdruck die Instandsetzungsarbeiten durchführten.Koop/Schmolke: Die Schlachtschiffe der Bismarck-Klasse. 1990, S. 16
Als 1944 die Landung in der Normandie bevorstand und Agenten den bevorstehenden Abschluss der Reparaturarbeiten an der Tirpitz meldeten, forderte Churchill erneut die Vernichtung des Schlachtschiffs. Es sollte keine Chance erhalten, die Invasionsflotte anzugreifen oder Kriegsschiffe zum Schutz der Geleitzüge zu binden, die anderswo gebraucht würden.
Vorbereitung mini|Luftbild der Aufklärung mit der Tirpitz umgeben von künstlichem Nebel im Kåfjord
Die Optionen für einen erneuten Angriff auf die Tirpitz waren limitiert. Wie abgefangene Nachrichten und Agenten vor Ort deutlich machten, wurden die Schutzmaßnahmen gegen einen Unterwasserangriff nach dem ersten Versuch aus dem September 1943 deutlich verbessert. Ebenso lehnte das Oberkommando der Bomberflotte der Royal Air Force unter Air Chief Marshal Sir Arthur Harris einen Einsatz schwerer Langstreckenbomber ab, vor dem Hintergrund, dass Kåfjord außerhalb der effektiven Reichweite seiner Maschinen lag und die Luftabwehrbewaffnung des Gebietes unverhältnismäßig viele Opfer kosten würde. Nachdem diese beiden Optionen ausgeschlossen waren, wurde die Aufgabe den Flugzeugträgern der Royal Navy zugewiesen.
Die Planungen für den Angriff begannen im Dezember 1943. Vizeadmiral Bruce Fraser, der Kommandant der für die Aktion zuständigen Home Fleet, war nicht sonderlich optimistisch bezüglich der Ergebnisse des Vorhabens und musste vehement überzeugt werden, unter anderem vom Chef des Admiralstabs und First Sea Lord Sir Andrew Cunningham. Fraser übertrug danach die Planung und Leitung der Operation seinem ersten Stellvertreter, Vizeadmiral Sir Henry Ruthven Moore.
Der originärer Name der Operation war „Thrustful“ (z. Dt. in etwa „Stoßmächtig“) und die Ausführung wurde für Mitte März 1944 avisiert, kurz bevor die Reparaturen an der Tirpitz hätten abgeschlossen sein sollen. Da aber einer der beteiligten Träger, die Victorious, noch zur Ausstattung mit neuen Radaren in der Werft lag, wurde die Operation um zwei Wochen verschoben und in „Operation Tungsten“ (z. Dt. Wolfram) umbenannt.
Im Zentrum der Aktion waren zwei Angriffswellen mit je 21 Fairey-Barracuda-Sturzkampfbombern vorgesehen. Begleitet von 40 Kampfflugzeugen, bestehend aus Jägern vom Typ Vought F4U Corsair sowie Maschinen der Typen Grumman F4F Wildcat und F6F Hellcat, um gegen etwaige deutsche Flugzeuge und die Flakstellungen am Boden im Tiefflug vor zu gehen. Neun der Barracudas wurden mit neu entwickelten, panzerbrechenden 1600 Pfund (730 kg) Bomben ausgerüstet. In der Hoffnung, diese würden aus – 1100 m Höhe oder mehr abgeworfen – die Deckpanzerung des Schiffes durchschlagen. Darüber hinaus wurde von deutscher Seite berichtet, dass die Flugzeuge der ersten Welle entgegen den Regeln der Haager Landkriegsordnung mit deutschen Hoheitszeichen in Form von Balkenkreuzen und gelben Flügelspitzen versehen wurden, mutmaßlich um die Reaktion der Luftabwehr zu reduzieren und wahrscheinlich auch, um eine vorzeitige Entdeckung durch Beobachter am Boden während des Anfluges zu unterbinden.
Für das Training der Mission entschied man sich für die Gegend um Loch Eriboll aufgrund der vergleichbaren Landschaft und operierte vom Luftwaffenstützpunkt Hatston aus. Ab Februar 1944 eigneten sich hier die zum Teil noch unerfahrenen Flugzeugbesatzungen Taktiken im Umgang mit Gelände und Luftabwehrstellungen an.
Die finale Entscheidung zur Ausführung der Mission fiel Mitte März 1944. Am 21. März warnte der britische Geheimdienst die Admiralität, dass aufgrund der zunehmenden Erfolge der Roten Armee von deutscher Seite der Druck auf die Nordmeergeleitzüge erhöht werden sollte, um so den Nachschub zu reduzieren. Im Ergebnis wurde Bruce Fraser (der zwischenzeitlich zum Admiral befördert wurden war) angewiesen, den nächsten Geleitzug – JW 58 – mit Schlachtschiffen zu schützen. Ebenso implizierten entschlüsselte Funksprüche der Deutschen, dass die Tirpitz am 1. April mit Abschluss der Reparaturen erste Testfahrten unternehmen sollte. Damit fiel die Ausführung der Operation Tungsten mit der Passage von JW 58 zusammen, und die britische Admiralität konnte hoffen, dass etwaige von den Deutschen entdeckte Schiffe lediglich dessen Eskorte zugerechnet werden würden. Als endgültiger Ausführungstag für die Operation wurde der 4. April festgelegt.
Beteiligte Kräfte mini|Hellcats auf der Emperor mit weiteren Kriegsschiffen im Hintergrund, u. a. der Jamaica Die Kräfte der Royal Navy wurden in zwei Gruppen aufgeteilt. Force 1, kommandiert von Fraser, hatte die Aufgabe den Konvoi JW 58 zu schützen und im Falle eines unerwarteten, vorzeitigen Auslaufens der Tirpitz dieser entgegenzugehen. Die Gruppe bestand aus den Schlachtschiffen Duke of York und Anson, dem Träger Victorious, dem Kreuzer Belfast und sechs Zerstörern (Marne, Matchless, Meteor, Milne, Ursa und Undaunted).
Force 2 unter dem Befehl von Vizeadmiral Arthur La Touche Bisset bestand aus dem Träger Furious, den vier Begleitträgern Emperor, Fencer, Pursuer und Searcher. Begleitet von den drei Kreuzern Royalist, Jamaica und Sheffield, sowie zehn Zerstörern (Onslaught, Wakeful, Vigilant, Verulam, Virago, Swift, Javelin, Algonquin, Sioux und Piorun) und zwei Tankern (Blue- und Brown Ranger).
An Luftstreitkräften standen auf den sechs Trägern bereit: 48 F4F Wildcat, 20 F6F Hellcat, 42 Barracuda, 28 F4U Corsair, 18 Seafire und 12 Swordfish.
Der Ankerplatz der Tirpitz war von den Deutschen mit Flakbatterien und Jägern gesichert, wenngleich letztgenannte zum Kriegsende hin auch sehr unter Treibstoffmangel litten. Unter den Flakstellungen befanden sich vier Batterien schwerer Flak und sieben Batterien kleinkalibriger Geschütze. Zudem umgaben das Schiff in der Regel kleinere Luftabwehrboote sowie fünf Zerstörer. Das Schlachtschiff selber war mit 68 Flakgeschützen ausgestattet und konnte von umliegenden Installationen mit künstlichem Nebel getarnt werden.
Verlauf Der zeitgleich mit Operation Tungsten ablaufende Geleitzug JW 58 startete am 27. März 1944 von Loch Ewe. Force 1 als dessen Deckung folgte am 30. März von Scapa Flow bei den Orkney-Inseln aus. Force 2 startete am Abend des gleichen Tages. Ebenfalls am 30. März entdeckte die deutsche Luftaufklärung den langsameren, aber noch vorausfahrenden Konvoi und die in der Norwegischen See operierenden U-Boote wurden umgehend auf Abfangkurs dirigiert. Da die Aufklärungsflugzeuge nach der Entdeckung der Frachtschiffe keine weiträumigere Erkundung mehr durchführten, blieben den Deutschen die umfangreichen weiteren Verbände der Royal Navy verborgen. Insgesamt attackierten in den folgenden Tagen 17 deutsche U-Boote JW 58, wovon vier den Angriff nicht überstanden. Dabei wurden jedoch keine nennenswerten Erfolge erzielt und der Geleitzug erreichte am 6. April sein Ziel, die Kola-Bucht bei Murmansk.
Admiral Fraser entschied sich am 1. April dazu, den Angriff auf die Tirpitz um 24 Stunden vorzuziehen. Entschlüsselte deutsche Funksprüche hatten nahegelegt, dass sich die Testfahrten des Schlachtschiffs bis zum 3. April verzögerten und Fraser hoffte, die Tirpitz außerhalb ihres geschützten Ankerplatzes anzutreffen. Zudem war das Wetter für die Jahreszeit ungewöhnlich gut und Force 1 wurde nach der Abwehr der U-Boote als Schutz des Geleitzugs nicht mehr zwingend benötigt.
Die beiden Tanker und zwei begleitende Zerstörer wurden umgehend als Versorgungsposten 480 km nordwestlich von Kåfjord positioniert. Der Rest von Force 2 änderte den Kurs, um sich mit Force 1 zu verschmelzen. Nachdem dies gegen 16:20 Uhr am 2. April geschehen war, setzten sich die HMS Duke of York mit Fraser an Bord, begleitet von zwei Zerstörern, nach Nordwesten ab, um gegebenenfalls die auslaufende Tirpitz abfangen zu können. Der Rest der Flotte bezog den Startpunkt der Luftoperation.