mini|hochkant|Peter Weibel (2013) Peter Weibel (* 5. März 1944 in Odessa; † 1. März 2023 in KarlsruheNachruf auf Peter Weibel: Zwischen Idee und Vorstellung, von Carmela Thiele, taz 3. März 2023) war ein österreichischer Künstler, Ausstellungskurator, Kunst- und Medientheoretiker. Er leitete ab Januar 1999 das Zentrum für Kunst und Medien in Karlsruhe.

Leben Peter Weibel war das Kind einer Russlanddeutschen und eines Wehrmachtsoffiziers. Er verbrachte seine Kindheit und Schulzeit im oberösterreichischen Ried im Innkreis. Nach der Schule studierte er zunächst für ein Jahr in Paris Französisch, Film und Komparatistik, begann 1964 in Wien ein Studium der Medizin und wechselte dann zur Mathematik mit dem Schwerpunkt Logik. Weibel gab nicht an, ein Universitätsstudium abgeschlossen zu haben.

Weibels Werk lässt sich den Genres Konzeptkunst, Performance, Experimentalfilm, Videokunst, Computerkunst und allgemein Medienkunst zuordnen.

Ausgehend von semiotischen und linguistischen Überlegungen (John Langshaw Austin, Roman Ossipowitsch Jakobson, Charles S. Peirce, Ludwig Wittgenstein u. a.) entwickelte Weibel eine künstlerische Sprache, die ihn ab 1965 von der experimentellen Literatur zur Performance führte. In seinen performativen Aktionen untersuchte er nicht nur die „Medien“ Sprache und Körper, sondern auch Film, Video, Tonband und interaktive elektronische Umgebungen. Kritisch analysierte er ihre Funktion für die Konstruktion von Wirklichkeit. Neben Aktionen mit Vertretern des Wiener Aktionismus arbeitete er ab 1967 (zusammen mit Valie Export, Ernst Schmidt jr. und Hans Scheugl) an einem „erweiterten Kino“. Es wurde durch das amerikanische Expanded Cinema inspiriert und reflektierte die ideologischen und technischen Bedingungen der filmischen Darstellung. Peter Weibel entwickelte diese Überlegungen ab 1969 konsequent in seinen Videobändern sowie -installationen weiter. Mit seinen Fernsehaktionen, den teleaktionen, die das Österreichische Fernsehen (ORF) 1972 im Rahmen der Sendung Impulse ausstrahlte, überschritt er die Grenzen des Galerieraumes und untersuchte die Videotechnik in ihrer Anwendung im Massenmedium Fernsehen.

Am 7. Juni 1968 nahm Weibel an der Aktion „Kunst und Revolution“ in einem Hörsaal der Universität Wien teil, wo er mit einem brennenden Handschuh einen Vortrag (Schimpftirade) gegen die damalige Regierung hielt. Der Vortrag trug den Titel Was tun?, in Anlehnung an die berühmte Lenin-Schrift Was tun?. Die Aktion war einer der Höhepunkte der Studentenbewegung 1968 in Österreich. mini|„Die Weltkugel als Koffer“ (2004), Installation im Österreichischen Skulpturenpark bei Graz

Peter Weibel setzte seine künstlerischen Themen in unterschiedlichsten Materialien, Formen und Techniken um: in Texten, Skulpturen, Installationen, Filmen und Videos. 1978 wandte er sich auch der Musik zu. Er gründete zusammen mit Loys Egg die Band „Hotel Morphila Orchester“. Mitte der 1980er Jahre erforschte er die Möglichkeiten der computergestützten Bearbeitung von Video. Anfang der 1990er Jahre realisierte er erste interaktive computerbasierte Installationen, mit denen er das Verhältnis von Medien und Wirklichkeitskonstruktion thematisierte.

In seinen zahlreichen Vorträgen und Artikeln publizierte Weibel über zeitgenössische Kunst, Mediengeschichte, Medientheorie, Film, Videokunst und Philosophie. Als Theoretiker und Kurator setzte er sich für eine Kunst und eine Kunstgeschichtsschreibung ein, die Technikgeschichte und Wissenschaftsgeschichte berücksichtigt. In seiner Funktion als Lehrer an Universitäten und langjähriger Leiter von Institutionen wie der Ars Electronica, Linz, dem Institut für Neue Medien in Frankfurt am Main, und dem Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) Karlsruhe beeinflusste er besonders die europäische Szene der sogenannten Computerkunst durch Konferenzen, Ausstellungen und Publikationen.

Susanne Widl, Erbin und Inhaberin des Café Korb in Wien war seit 1972 mit Unterbrechungen die Lebenspartnerin von Peter Weibel.

Peter Weibel starb vier Tage vor seinem 79. Geburtstag.Alexander Gutzmer: Er machte das Zentrum für Kunst und Medien in Karlsruhe zum Gegenzentrum des moralistischen Kultur-Berlin. Zum Tod des subversiven Medienkünstlers Peter Weibel. In: Neue Zürcher Zeitung vom 6. März 2023. Abgerufen am 6. März 2023. Er wurde auf dem Wiener Zentralfriedhof bestattet (Gruppe 33G, Nummer 21).

Forschung und Lehre mini|Peter Weibel

Peter Weibel lehrte ab 1976 an mehreren Hochschulen, unter anderem an der Universität für angewandte Kunst Wien, dem College of Art and Design in Halifax, Kanada und der Gesamthochschule Kassel. 1984 wurde er für fünf Jahre als Associate Professor for Video and Digital Arts an das Center for Media Study der State University of New York in Buffalo, N. Y. berufen. 1984 erhielt er die Professur für visuelle Mediengestaltung (Vismed) an der Universität für Angewandte Kunst in Wien. 1989 wurde er mit dem Aufbau des Instituts für Neue Medien an der Städelschule in Frankfurt am Main beauftragt, das er bis 1994 als Direktor leitete. Seit 2009 war er Gastprofessor an der University of New South Wales, Sydney, Australien. Seit 2017 war er Direktor des Peter Weibel – Forschungsinstituts für digitale Kulturen an der Universität für angewandte Kunst Wien.

Kuratorische Tätigkeit Seit 1986 war Peter Weibel künstlerischer Berater der Ars Electronica, von 1992 bis 1995 auch ihr künstlerischer Leiter. Von 1993 bis 1999 kuratierte er den Pavillon des Staates Österreich auf der Biennale von Venedig. Zwischen 1992 und 2011 war er Chefkurator der Neuen Galerie Graz.Joanneum entlässt Medienkünstler Peter Weibel. In: diepresse.com, 30. März 2011.Zu den Hintergründen, die der Beendigung der Tätigkeit Weibels dort zu Grunde lagen siehe archivierte Korrespondenz und Berichterstattung auf joanneum-weibel-steinle.mur.at 2008 kuratierte er die Internationale Biennale von Sevilla. 2011 war er Kurator für die 4. Moskauer Biennale. Von 2015 bis 2017 war er Kurator von lichtsicht, der Projektions-Biennale in Bad Rothenfelde.

Kontroverse um angebliche Dissertation Für mediales Aufsehen sorgten Plagiatsgerüchte um Weibels angebliches Doktorat. In seinem Lebenslauf gab Weibel über Jahre hinweg an, eine Dissertation verfasst zu haben, allerdings ohne klarzustellen, dass es nie zu einem Rigorosum kam, er also den Doktorgrad nicht erlangt hatte. Weibel spielte in seinen Angaben somit mit der Unterscheidung Dissertation/Doktorat, was der Medienwissenschaftler Stefan Weber ironisch als Weibelsches Dissertations-Doktorats-Paradoxon bezeichnete.Das Weibelsche Dissertations-Doktorats-Paradoxon (WDD-Paradoxon). In: plagiatsgutachten.com 2010. Mit der Unterscheidung zwischen der angeblich verfassten Dissertation und dem – von ihm niemals behaupteten – Doktorat umging Weibel den Vorwurf der Erschleichung eines akademischen Grades.

Politisches Engagement Weibel war Initiator und Erstunterzeichner des in der Zeitschrift Emma veröffentlichten Offenen Briefs an Bundeskanzler Scholz vom 29. April 2022, der sich gegen Waffenlieferungen an die Ukraine nach dem russischen Überfall auf die Ukraine ausspricht.Krieg in der Ukraine: Peter Weibel ist Initiator des pazifistischen Briefs, Wiener Zeitung, 4./5. Mai 2022.Offener Brief an Kanzler Olaf Scholz, Online auf www.emma.de, zuletzt abgerufen am 30. April 2022.

Im Februar 2023 war Weibel Erstunterzeichner einer von Sahra Wagenknecht und Alice Schwarzer initiierten Petition an Olaf Scholz. Das „Manifest für Frieden“ ruft zu Diplomatie und Verhandlungen und gegen weitere „eskalierende Waffenlieferungen“ an die Ukraine im Zuge des russischen Überfalls auf.Change.org: Manifest für Frieden

Projekte und Ausstellungen Kuratorische Projekte 1976: Österreichs Avantgarde 1908–38. Mit Oswald Oberhuber. Galerie nächst St. Stephan, Wien 1987: Logokultur. Universität für angewandte Kunst, Wien 1990: Vom Verschwinden der Ferne. Mit Edith Decker. Postmuseum, Frankfurt am Main 1991: Das Bild nach dem letzten Bild. Mit Kasper König. Galerie Metropol, Wien 1993: Kontext Kunst. Neue Galerie Graz 1996: Inklusion: Exklusion. Steirischer Herbst 96, Graz 1998: Jenseits von Kunst. Museum van Hedendaagse Kunst (MuHKA), Antwerpen; Neue Galerie Graz; Ludwig-Museum, Budapest 1999: Offene Handlungsfelder. 48. Biennale von Venedig, Venedig 1999/2000: Der anagrammatische Körper. Kunsthaus Muerz, Mürzzuschlag; Neue Galerie Graz; Zentrum für Kunst und Medientechnologie, Karlsruhe 2000: Net_condition. Zentrum für Kunst und Medientechnologie, Karlsruhe 2000/2001: Olafur Eliasson: Surroundings surrounded. Neue Galerie Graz und Zentrum für Kunst und Medientechnologie, Karlsruhe 2002: Iconoclash. Mit Bruno Latour. Zentrum für Kunst und Medientechnologie, Karlsruhe 2002: Future Cinema. Mit Jeffrey Shaw. Zentrum für Kunst und Medientechnologie, Karlsruhe 2003: M_ARS: Kunst und Krieg. Mit Günther Holler-Schuster. Neue Galerie Graz 2005: Making Things Public. Mit Bruno Latour. Zentrum für Kunst und Medientechnologie, Karlsruhe 2005: Lichtkunst aus Kunstlicht. Mit Gregor Jansen. Zentrum für Kunst und Medientechnologie, Karlsruhe 2007: YOU-ser: Das Jahrhundert des Konsumenten. Zentrum für Kunst und Medientechnologie, Karlsruhe 2008: Rom – Offene Malerei. Das Materialbild im Italien der 1950er und 1960er Jahre. Zentrum für Kunst und Medientechnologie, Karlsruhe 2008: Medium Religion. Zentrum für Kunst und Medientechnologie, Karlsruhe 2008: youniverse. Internationale Biennale für zeitgenössische Kunst, Sevilla 2009: IMAGINING MEDIA@ZKM. Mit Bernhard Serexhe. Zentrum für Kunst und Medientechnologie, Karlsruhe 2011: Francesco Lo Savio – Tano Festa. The Lack of the Other. Mit Freddy Paul Grunert. Zentrum für Kunst und Medientechnologie, Karlsruhe 2011: Moderne: Selbstmord der Kunst? Im Spiegel der Sammlung der Neuen Galerie Graz. Mit Christa Steinle und Gudrun Danzer. Neue Galerie Graz 2011: Bruseum. Ein Museum für Günter Brus. Mit Anke Orgel. Neue Galerie Graz 2011: Hans Hollein. Mit Günther Holler-Schuster. Neue Galerie Graz 2011: The Global Contemporary Kunstwelten nach 1989. Mit Andrea Buddensieg. Zentrum für Kunst und Medientechnologie, Karlsruhe 2014: Lynn Hershman Leeson. Civic Radar. Mit Andreas Beitin. Zentrum für Kunst und Medientechnologie, Karlsruhe 2015: Lichtsicht, Projektions-Biennale, Bad Rothenfelde, abgerufen am 2. März 2023. 2015: Lynn Hershman Leeson. Civic Radar. Mit Andreas Beitin. Deichtorhallen Hamburg in der Sammlung Falckenberg, Hamburg 2015: Die Stadt ist der Star – Kunst an der Baustelle. Vom K-Punkt am Staatstheater bis zum Marktplatz. Mit Andreas Beitin. Zentrum für Kunst und Medientechnologie, Karlsruhe 2015: Schlosslichtspiele. Zentrum für Kunst und Medientechnologie, Karlsruhe 2015: Ryoji Ikeda. micro | macro. Zentrum für Kunst und Medientechnologie, Karlsruhe 2015: HA Schult: Action Blue. Mit Bernhard Serexhe. Zentrum für Kunst und Medientechnologie, Karlsruhe 2015: Transsolar + Tetsuo Kondo. Cloudscapes. Zentrum für Kunst und Medientechnologie, Karlsruhe 2015: Bodenlos – Vilém Flusser und die Künste. Mit Baruch Gottlieb, Siegfried Zielinski. Zentrum für Kunst und Medientechnologie, Karlsruhe 2015: Infosphäre. Mit Daria Mille, Giulia Bini. Zentrum für Kunst und Medientechnologie, Karlsruhe 2015: Exo-Evolution. Mit Sabiha Keyif, Philipp Ziegler, Giulia Bini. Zentrum für Kunst und Medientechnologie, Karlsruhe 2016: Bodenlos – Vilém Flusser und die Künste. Mit Baruch Gottlieb, Siegfried Zielinski, Akademie der Künste, Berlin 2016: Liquid Identities – Lynn Hershman Leeson. Identitäten im 21. Jahrhundert. Mit Andreas Beitin. Lehmbruck Museum, Duisburg 2016: Bodenlos – Vilém Flusser und die Künste. Mit Baruch Gottlieb, Siegfried Zielinski. West, Den Haag 2016: Digitale Wasserspiele. Zentrum für Kunst und Medientechnologie, Karlsruhe 2016: Schlosslichtspiele. Zentrum für Kunst und Medientechnologie, Karlsruhe