mini|Erinnerung an den Völkermord an den Armeniern mit der „Ewigen Flamme“ am Erinnerungsort Zizernakaberd in Jerewan (2014)
Erinnerungskultur, auch Geschichtspflege, bezeichnet den Umgang des Einzelnen und der Gesellschaft mit ihrer Vergangenheit und ihrer Geschichte. Erinnerungskulturen sind die historisch und kulturell variablen Ausprägungen von kollektivem Gedächtnis.Astrid Erll: Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskultur. Eine Einführung. 3. Auflage. Stuttgart 2017, ISBN 978-3-476-02645-3.
Dieser Artikel befasst sich hauptsächlich mit der Erinnerungskultur in Deutschland.
Begriff Die Erinnerungskultur zählt zu den Leitbegriffen der Kulturwissenschaft. Hans Günter Hockerts sieht Erinnerungskultur als lockeren Sammelbegriff „für die Gesamtheit des nicht spezifisch wissenschaftlichen Gebrauchs der Geschichte in der Öffentlichkeit“.Christoph Cornelißen: Was heißt Erinnerungskultur? Begriff – Methoden – Perspektiven. In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht. 54, 2003, S. 548–563, hier S. 550.
Christoph Cornelißen bezieht den wissenschaftlichen Bereich mit ein und versteht Erinnerungskultur „als einen formalen Oberbegriff für alle denkbaren Formen der bewussten Erinnerung an historische Ereignisse, Persönlichkeiten und Prozesse, seien sie ästhetischer, politischer oder kognitiver Natur“. Sie vollziehe sich in allen Formen des kollektiven Gedächtnisses, im geschichtswissenschaftlichen Diskurs, aber auch in privaten Erinnerungen. Träger der Erinnerungskultur können Individuen, soziale Gruppen sowie Staat und Nation sein. Alle Formen der Aneignung der erinnerten Vergangenheit (Texte, Bilder, Denkmäler, Bauten, Feste, Rituale etc.) seien gleichberechtigte Bestandteile der Erinnerungskultur. Der Begriff sei „synonym mit dem Konzept der Geschichtskultur, aber er hebt stärker als dieses auf das Moment des funktionalen Gebrauchs der Vergangenheit für gegenwärtige Zwecke, für die Formierung einer historisch begründeten Identität ab“.Christoph Cornelißen: Was heißt Erinnerungskultur? Begriff – Methoden – Perspektiven. In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht. 54, 2003, S. 548–563, hier S. 555.
Nach Jan Assmann wird mit der Erinnerungskultur an die eigene soziale Gruppe die Frage: „Was dürfen wir nicht vergessen?“ gestellt und beantwortet; insofern wirke Erinnerungskultur gemeinschaftsstiftend.Jan Assmann: Das kulturelle Gedächtnis. 2. Auflage. C. H. Beck, München 1997, S. 30. Erinnerungskultur ist nur möglich, wo die Vergangenheit durch Zeugnisse irgendwelcher Art präsent sei und wo diese eine charakteristische Differenz zur Gegenwart aufweise. „Erinnerungskultur“ ist nicht gleichbedeutend mit dem ähnlichen Begriff der „Tradition“, da dieser den Bruch zwischen Vergangenheit und Gegenwart verschleiere und die Kontinuität in den Vordergrund rücke.Jan Assmann: Das kulturelle Gedächtnis. 2. Auflage. C. H. Beck, München 1997, S. 34.
Aleida Assmann sieht den Begriff Erinnerungskultur „inflationär ausgebreitet“ mit sehr verschiedenen Bedeutungen. Sie sieht drei Bedeutungen des Begriffs „Erinnerungskultur“, die erste als Sammelbegriff für die „Pluralisierung und Intensivierung der Zugänge zur Vergangenheit“ auf dem Hintergrund, dass die Erinnerungsarbeit zunehmend den Bereich des akademischen Spezialistentums überschritten hat. Die zweite Bedeutung sei „die Aneignung der Vergangenheit durch eine Gruppe“ mit identitätsstiftender Wirkung, die damit ihre Werte bestätigen kann. Zum dritten sieht sie „die ethische Erinnerungskultur“ als kritische Auseinandersetzung mit Staats- und Gesellschaftsverbrechen, wobei besonders die Opferperspektive zum Tragen kommt.Aleida Assmann: Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur. Eine Intervention. C.H.Beck, München 2013, 2. Aufl. 2016 ISBN 978-3-406-69243-7, S. 32–33.
Durch eine ausgeprägte Erinnerungskultur werden die nicht so herausgestellten Elemente jedoch dem Vergessen preisgegeben.Arnd Krüger: Die sieben Arten in Vergessenheit zu geraten. In: Arnd Krüger, Bernd Wedemeyer-Kolwe (Hrsg.): Vergessen, Verdrängt, Abgelehnt. Zur Geschichte der Ausgrenzung im Sport. (= Schriftenreihe des Niedersächsischen Instituts für Sportgeschichte Hoya. Band 21). LIT-Verlag, Münster 2009, ISBN 978-3-643-10338-3, S. 4–16; die ursprüngliche Theorie (ohne Sport) beruht auf Paul Connerton: Seven Types of Forgetting. Memory Studies. 1, 2008, S. 59–71.
Ausdruck und Formen mini|Friedhof in Tokio mini|hochkant|Hermannsdenkmal (1875): Traditionelle Erinnerungskultur mit verklärendem und teilweise verfälschendem Duktus
Die älteste und verbreitetste Form der Erinnerungskultur besteht in der Anlage von Grabmälern und Friedhöfen mit der Weiterentwicklung zu Mausoleen. Extreme Ausprägungen sind monumentale Grabstätten wie die Pyramiden von Gizeh oder die auf manche Menschen bizarr wirkende öffentliche Leichenpräsentation wie zum Beispiel im Lenin-Mausoleum in Moskau.
Beispiele für private oder subjektive Ausformungen der Erinnerungskultur sind Familienalben, Ahnenforschung oder verschiedene Jubiläen mit persönlichem oder familiärem Bezug. Bei bestehendem öffentlichem Interesse können Werke der Erinnerungskultur amtlich zu Kulturgut oder zum Kulturdenkmal (beispielsweise Gumbinnen-Elch) ernannt werden.
Zur Erinnerungskultur bestimmt sind Archive, deren Material durch die Geschichtswissenschaft erschlossen werden kann. Die Ergebnisse der wissenschaftlichen Aufarbeitung schlägt sich in Schriften diverser Art wie wissenschaftlichen Monografien, Beiträgen in Fachzeitschriften oder Festschriften nieder.
Eine große Rolle spielen auch die öffentliche Dokumentation und die mediale Darstellung. Dieser Zweckbestimmung dienen insbesondere die Museen in öffentlicher, kirchlicher und privater Trägerschaft. Neben den dauerhaften Präsentationen kann eine große Öffentlichkeit mit Sonderausstellungen erreicht werden, die nicht nur in Museen präsentiert werden; großes Medienecho fand beispielsweise die Preußenausstellung im Jahre 1981. Die Wehrmachtsausstellung aus den 1990er Jahren zeigte exemplarisch, dass Ausstellungen nicht nur der Erinnerungskultur dienen, sondern auch bei kontroversen Themen die Meinungsbildung initiieren können.
Demonstrative öffentliche Erinnerungskultur dokumentiert sich in Denkmälern für Personen und historische Ereignisse (beispielsweise Abstimmungsdenkmal (Allenstein)). Einen in Europa verbreiteten Typ stellt das Kriegerdenkmal dar. Bei der Erinnerung an negativ konnotierte Ereignisse spricht man von Mahnmal. Einen eigenen Typ bilden die Nationaldenkmäler, die vorwiegend im 19. Jahrhundert entstanden. Nach 1945 entstanden in dieser Tradition auch moderne Denkmale der Aktion "Deutschland ist unteilbar".
Denkmäler für Personen werden fast ausschließlich erst nach dem Tod der jeweiligen Person errichtet. Ausnahmen von dieser Regel dienen vor allem der politischen Instrumentalisierung der Objekte. So wurden fast alle Denkmäler für Kaiser Wilhelm I. nach dessen Tod errichtet, während von den zahlreichen Bismarckdenkmälern viele schon zu Lebzeiten des Reichskanzlers entstanden. Die personenbezogenen Denkmäler stellen oft die Person selbst dar, es können aber auch andere Objekte mit dem Namen der Person erinnernd verknüpft werden, wie zum Beispiel ein Bismarckturm oder ein Goethestein.
Erinnerungskultur vollzieht sich mit identitätsstiftendem oder -erhaltendem Charakter auch in öffentlichen Veranstaltungen, so bei der Gestaltung nationaler Gedenktage mit oft ritualisierten Formen wie Militärparaden oder Kranzniederlegungen. Durch die Vergabe von Preisen nicht nur historischen Charakters kann ebenfalls ein Beitrag zur Erinnerungskultur erbracht werden, wie zum Beispiel die Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche oder des Internationalen Karlspreises im historischen Aachener Rathaus. Im Bereich der wissenschaftlichen Erinnerungskultur angesiedelt sind Lehrstuhlwidmungen wie der Romano-Guardini-Lehrstuhl oder Vorlesungen, die an berühmte Personen erinnern wie etwa die Gauß-Vorlesung der Deutschen Mathematiker-Vereinigung.
mini|Wikinger-Reenactment mini|Dampfzug der Landeseisenbahn Lippe bei musealen Fahrten Bis ins Alltagsleben hinein wirken Namensgebungen öffentlicher Verkehrsflächen (etwa die „Straße des 17. Juni“) und Gebäude. Beliebte Medien der Erinnerungskultur sind auch Sondermarken und Gedenkmünzen. Die personenbezogenen Abbildungen auf diesen werden meist, ausgenommen bei regierenden Herrscherpersönlichkeiten, erst nach dem Tode der jeweiligen Person realisiert; der gleiche Grundsatz wird auch bei Straßenbenennungen meist eingehalten.
Erinnerungsaktivitäten sind nicht an den Ort des historischen Ereignisses gebunden (Gedenkveranstaltungen im Bundestag oder Kopien von Bauwerken wie den Altvaterturm (Wetzstein)). Dennoch kommt dem Ort, wenn er bekannt und zugänglich ist, in der Regel eine besondere Bedeutung für die Errichtung von Gedenkstätten oder die praktizierte Erinnerungskultur zu (Völkerschlachtdenkmal in Leipzig, Holocaust-Gedenkstätten). Die Unklarheit über den Ort eines Ereignisses kann nicht nur die Forschung darüber anregen (zum Beispiel Theorien über den Ort der Varusschlacht), sondern auch die Berechtigung örtlicher Erinnerungsstätten in Frage stellen (zum Beispiel Museum Kalkriese).
Erinnerungskultur kann auch durch szenisches oder funktionales Handeln hergestellt werden; Beispiele für ersteres sind Reenactment-Events, für letzteres der museale Betrieb historischer Verkehrsmittel (so Traditionsschiffe und Museumsbahnen).
Daneben spielen auch Gedenkstätten, Gedenktage, Verdienst-, Ehren- und Versehrtenorden sowie Mahn- und Denkmale eine größere Rolle. Ihnen kommt als Ausdruck „gedenkstaatlicher“ Regulation kollektiver Erinnerung nicht nur kultureller, sondern auch vergangenheitspolitischer und folglich ideologischer Wert zu. Als Ausdruck offiziellen Bemühens um wenn nicht verbindliche, so doch staatsgesellschaftlich normativierte (also politisch-repräsentativ gewünschte) Herkunfts-, Ereignis- und Folgendeutung kommunizieren die Formen der „Gedenkstaatlichkeit“ kollektiv opportune Interpretationsmuster. So bedienen praktizierte politisch-moralische Bekenntnisse, öffentliche Inszenierungen und politische Monumente häufig zeit-, kultur- und regimegebundene Werte und sind folglich Bestandteile repräsentativer Symbolpolitik konkreter Gesellschaftsordnungen.
Die Rolle des Staates mini|Denkmalplakette mini|Überreste des Stalin-Denkmals in Budapest 1956
Die Funktion des Staates im Rahmen der Erinnerungskultur besteht in ihrer ideellen und finanziellen Förderung. Weiterhin treten öffentliche Körperschaften als Träger von Institutionen wie Archiven, Museen oder historischen Gebäuden in Erscheinung. Beispiele dafür sind das Bundesarchiv, das Preußenmuseum des Landes Nordrhein-Westfalen, Staatliche Schlösser, Burgen und Gärten Sachsen oder die Verwaltung der staatlichen Schlösser des Landes Bayern. Nicht selten wird das Kulturgut zur Bewahrung und Erschließung in Stiftungen eingebracht wie zum Beispiel der Stiftung Preußischer Kulturbesitz.
Staatsaufgabe ist auch die Schaffung des rechtlichen Gestaltungsrahmens, zum Beispiel durch Gesetze zum Denkmalschutz. Einen Extremfall in demokratisch verfassten Staaten stellt die rechtliche Grenzsetzung für inhaltliche Aussagen im Fall der Holocaustleugnung dar, wenn sie wie in Deutschland als Strafdelikt definiert ist. Ein aktiver staatlicher Eingriff in die Erinnerungskultur liegt auch vor, wenn Gebäude beseitigt werden, die als mögliche Erinnerungsorte geeignet wären, wie zum Beispiel der Garnisonskirche in Potsdam oder der Reichskanzlei in Berlin in der Nachkriegszeit.