Die COVID-19-Pandemie brachte vor allem ab dem Frühjahr 2020 weltweit die verschiedensten Arten von Auswirkungen hervor. Viele Menschen wurden krank und starben an COVID-19. Die Angst davor, dass sie selbst bzw. Menschen, für die sie sich verantwortlich fühlen, dieses Schicksal teilen würden, ergriff weltweit die Bevölkerung, Wissenschaftler und Politiker.
Handlungsbedarf ergab sich aus der Entwicklung der Zahl der Neuinfizierten und der Verstorbenen, aus der Wirtschaftskrise 2020–2021 (d. h. aus den ökonomischen Auswirkungen der Pandemie), aus einer problematischen Entwicklung gesellschaftlicher Strukturen (d. h. aus den sozialen Auswirkungen der Pandemie), aus psychischen Belastungen der Individuen und aus weiteren Auswirkungen. Neben die Sorge um das Leben und die Gesundheit der Menschen sowie die Belastbarkeit der Wirtschaft trat die Sorge, dass den Bevölkerungen Grundrechte länger als durch die Pandemie gerechtfertigt vorenthalten werden könnten.
Das Team der Forschungsgruppe „Zeitgenössische Solidaritätsstudien (CeSCoS)“ der Universität Wien führte ab April 2020 eine qualitative Interviewstudie (Titel der Studie: „Solidarität in Zeiten einer Pandemie – Was machen Menschen und warum? Kurz: SolPan“) zu der Frage durch, wie sie mit den Einschränkungen und Herausforderungen während der Pandemie umgingen. Viele Interviewte wünschten sich nicht nur Maßnahmen zum Schutz der Gesundheit und zur Unterstützung der Wirtschaft, sondern auch Maßnahmen gegen die vielfältigen negativen sozialen Folgen der Pandemie.
Medizinisch-gesundheitspolitischer Hintergrund
Die COVID-19-Pandemie – auch Coronavirus-Pandemie oder Corona-Pandemie, anfangs auch Coronavirus-Epidemie genannt – ist ein Ausbruch der neu aufgetretenen Atemwegserkrankung COVID-19 (oder „Covid-19“, für englisch ). Diese Erkrankung war erstmals im Dezember 2019 in der Millionenstadt Wuhan der chinesischen Provinz Hubei auffällig geworden, entwickelte sich im Januar 2020 in der Volksrepublik China zur Epidemie und breitete sich schließlich im März 2020 weltweit aus. Um einer Ausbreitung in Staaten ohne leistungsfähige Gesundheitssysteme entgegenzuwirken, rief die Weltgesundheitsorganisation (WHO) am 30. Januar 2020 die internationale Gesundheitsnotlage aus. Am 11. März 2020 erklärte die WHO die bisherige Epidemie offiziell zu einer Pandemie, der ersten seit der Pandemie H1N1 2009/10.
Wirtschaft
mini|450x450px|Übersicht des im April 2020 für das Jahr 2020 erwarteten prozentualen Rückgangs der Wirtschaftskraft je Staat. Für die braun markierten Staaten wurde ein Rückgang der Wirtschaftskraft erwartet, für die grün markierten Staaten ein Zuwachs der Wirtschaftskraft. Zu grau markierten Staaten gab es im April 2020 keine Daten. Quelle: Economic Outlook Report des Internationalen Währungsfonds.
Wie bei der SARS-Pandemie 2002/2003 zeigten sich bereits kurz nach Bekanntwerden der ersten Erkrankungsfälle wirtschaftliche Auswirkungen. Erste Schätzungen wurden unter Heranziehung der Bilanz der SARS-Pandemie vorgenommen. Diese habe die Weltwirtschaft mit etwa 40 Milliarden Dollar Kosten belastet (was etwa 0,5 Promille des weltweiten BIP entspricht).
Durch die COVID-19-Pandemie wurden weltweit viele Volkswirtschaften zum Teil dramatisch in Mitleidenschaft gezogen, erkennbar vor allem an Millionen von Arbeitslosen. Der Einzelhandel, Restaurantunternehmen und Konferenzveranstalter, Sportveranstaltungen, der Tourismus allgemein und die kommerzielle Luftfahrt wurden schnell von den Auswirkungen unmittelbar betroffen.Huileng Tan: China’s travel restrictions amid coronavirus outbreak will hit other Asian economies. Meldung von CNBC vom 28. Januar 2020 auf www.cnbc.com (englisch).
Die Europäische Zentralbank (EZB) legte zur Abfederung der wirtschaftlichen Folgen der COVID-19-Pandemie ein 750 Milliarden Euro umfassendes Notkaufprogramm auf; sie erklärte, auf dessen Grundlage bis Ende 2020 Staatsanleihen verschuldeter Mitgliedsstaaten der EU aufkaufen zu wollen. Um Finanzierungsengpässe von Firmen zu verhindern, wurde angekündigt, erstmals auch kurzfristige Unternehmensanleihen (Commercial Papers) aufzukaufen. Das Volumen aller Anleihenkäufe der EZB sollte 2020 auf 1,1 Billionen Euro steigen.
Die International Air Transport Association (IATA; Dachorganisation der internationalen Luftfahrt) schätzte am 21. Februar 2020 die zu erwartenden wirtschaftlichen Verluste für den internationalen Luftverkehr auf ein Volumen von etwa 30 Milliarden US$, wovon 27,8 Mrd. US-Dollar auf den asiatisch-pazifischen Raum und 1,5 Mrd. US-Dollar auf die übrige Welt entfielen.
Auch der Immobilienhandel in China erlebte 2020 einen Einbruch. Südkorea vermeldete in diesem Jahr einen Rückgang der Einfuhren aus China von 50 Prozent.
Arbeitsmarkt und Arbeitsorganisation Die chinesischen Behörden verlängerten nach dem chinesischen Neujahrsfest am 25. Januar 2020 die Ferien. In Russland wurde am 25. März 2020 die Folgewoche als landesweite bezahlte Ferienwoche deklariert; für die Lohnfortzahlung mussten die Betriebe aufkommen. Der Zeitraum wurde um einen Monat, bis zum 30. April, verlängert.
In japanischen Unternehmen wurde im Frühjahr 2020 zunehmend zu Hause gearbeitet, Besprechungen wurden zunehmend als Videokonferenzen gehalten. Arbeitnehmern wurden flexible Arbeitszeiten angeraten, um Stoßzeiten in den öffentlichen Verkehrsmitteln zu vermeiden. Auch in Deutschland wurde ab März 2020 zunehmend im per Teleheimarbeit – umgangssprachlich Homeoffice genannt – gearbeitet. Auch Konferenzen wurden in der Form von Web-Seminaren durchgeführt. Auch die EU-Kommission ordnete für Tausende Mitarbeiter in nicht-kritischen Funktionen ab 16. März 2020 Telearbeit an.
Etwa ein Drittel der weltweit Erwerbstätigen durfte April 2020 als Folge der Pandemie nicht ihrer Erwerbstätigkeit nachgehen. In Deutschland wurde weitgehend erfolgreich versucht, durch Kurzarbeitergeld und Hilfen für Arbeitgeber einen starken Anstieg der Arbeitslosenzahlen zu vermeiden. Anfang April 2020 wurde von der EU-Kommissionspräsidentin zur finanziellen Unterstützung von Arbeitnehmern und Selbstständigen das Solidaritätsinstrument Sure vorgeschlagen, das mit dem Marshallplan verglichen wurde. Die finanziellen Hilfen sollten bis zu 100 Milliarden Euro umfassen und durch Kredite und Umlenkungen im EU-Haushalt finanziert werden. Damit sollten in der EU Kurzarbeit und andere Maßnahmen unterstützt werden, die Beschäftigte und Selbstständige vor Entlassungen bzw. Einkommensverlusten schützen. Schweizer Unternehmen, welche den Betrieb behördlich verordnet einstellen mussten, erhielten von den Banken innert Stunden Sofort-Kredite von bis zu 500'000 Franken, für welche der Bund bürgte. Um Entlassungen zu vermeiden, wurden die Kriterien für Kurzarbeit erleichtert.Eigenverantwortung – ein letztes bisschen Freiheit, SRF, 27. März 2020 In den USA stiegen die Arbeitslosenzahlen ab Mitte März 2020 innerhalb von vier Wochen um mehr als 22 Millionen Menschen an. Unternehmen aus dem Dienstleistungssektor, die aufgrund von Maßnahmen gegen die Pandemie große Umsatzverluste erlitten, entließen dort ihre Beschäftigten. Da in den USA im Vergleich zu Europa weniger sozialstaatliche Hilfen vorhanden sind, wurden durch die US-Regierung als Reaktion auf die Pandemie Stützungsmaßnahmen von etwa 100 Milliarden US-Dollar für Arbeitslosengeld und Lebensmittelhilfen beschlossen. Global betrachtet könnte die Pandemie der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) zufolge Jobverluste von 305 Millionen äquivalenten Vollzeitstellen im zweiten Quartal 2020 verursacht haben.
Dramatischer war die Lage in zahlreichen Entwicklungs- und Schwellenländern ohne soziale Absicherung. Beispielsweise sind nach Angaben der ILO in Indien traditionell rund 81 % der Arbeiter im informellen Sektor beschäftigt, beispielsweise als Tagelöhner – ohne Verträge, Lohnfortzahlung oder Versicherung. Jeder Tag ohne Arbeit war Anfang der 2020er Jahre für sie ein Tag ohne Einkommen; viele hatten kaum Rücklagen.FAZ.net / Christoph Hein 25. März 2020: Südasien wappnet sich für die Corona-Welle In Indonesien, Thailand oder Südafrika führte der Einbruch des Tourismus bei Hunderttausenden zu Einkommensverlusten, auch hier fehlte am Beginn der 2020er Jahre die soziale Absicherung. Nach Schätzungen der ILO haben bis Ende September 2020 allein in Lateinamerika rund 34 Millionen Menschen ihren Arbeitsplatz pandemiebedingt verloren.Corona vernichtet 34 Millionen Jobs. In ver.di Publik 7/2020, S. 8
Es wurde von vielen im April 2020 vorhergesagt, dass die COVID-19-Pandemie eine Beschleunigung der Digitalisierung von Prozessen im Unternehmen (Digital Business Transformation) bewirken werde. Zu einem Digitalisierungsschub kam es nachweislich im Gesundheitswesen, in der Verwaltung und im Bildungswesen, also auch in der Schule. Es wurde angemahnt, nach dem anfänglichen, krisenbedingten Umstieg im Weiteren auf datensichere Anwendungen umzustellen.
Kritisch wurde angemerkt, dass eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf im Home Office bei gleichzeitiger Betreuung kleiner Kinder in der Praxis kaum gegeben sei und dass die Bürde der Kinderbetreuung faktisch vor allem den Frauen zufalle. Daher sei eine geschlechtergerechte Verteilung der Sorgearbeit erforderlich, sowie eine Debatte darüber, dass eine geringere Leistung von Frauen während der Pandemie keinen Einfluss auf eine darauf folgende Beförderung haben dürfe. Während der Pandemie seien Eltern in ihrer akademischen Karriere gegenüber Kinderlosen besonders benachteiligt, da wissenschaftliche Karrieren auf der Anzahl der Veröffentlichungen aufbauen; die Zeit der Kinderbetreuung während der Pandemie sei als eine Art Elternzeit anzusehen und aus dieser Evaluation herauszunehmen. Das Virus bedrohe „Jahrzehnte gleichstellungspolitischen Fortschritts“.
Nach einer Häufung von Infektionsfällen in der Fleischindustrie in Deutschland (siehe: Corona-Infektionen bei Tönnies) forderten einige Politiker Änderungen der Regeln zu Arbeitsverträgen ebenso wie zur Tierhaltung.
Laut einem Beschluss des Bundestags wurde Arbeitgebern vom 1. März bis 31. Oktober 2021 erlaubt, Saisonarbeiter, an 102 statt wie zuvor an 70 Tagen ohne Sozialversicherung zu beschäftigen. Dadurch sollte das Ausmaß der Fluktuation beim Personal reduziert werden. Kritisch wurde angemerkt, dass generell nicht alle Arbeitgeber die Saisonarbeiter privat krankenversicherten und dass viele deshalb unversichert seien, auch im Fall einer COVID-19-Erkrankung. Erst ab Januar 2022 mussten Arbeitgeber gegenüber der Minijobzentrale angeben, wie die Beschäftigten krankenversichert waren. Im Bundestag war die Beschlussvorlage angesichts von Diskussionen um die fehlende Krankenversicherung zunächst wieder von der Tagesordnung genommen worden. Die Regelung trat am 1. Juni 2021 in Kraft, galt aber rückwirkend auch für kurzfristige Beschäftigungen, die frühestens nach dem 28. Februar 2021 begonnen hatten.
Institutionen wie die ILO und die Kampagne für Saubere Kleidung wiesen im Jahr 2021 auf Einkommensausfälle von ca. 10 Milliarden Euro für Beschäftigte der Textilindustrie, insbesondere in Bangladesch und Kambodscha, hin. Sie forderten die entsprechenden Konzerne auf, Zulieferbetrieben über die rechtlichen Mindestvorschriften hinaus einen Ausgleichsbeitrag zu leisten und sich an die Konventionen der ILO sowie weitere Übereinkommen zu halten. Die ILO und auch einzelne Firmen haben Notfallfonds eingerichtet, deren finanzielle Ausstattung angesichts der Lohnausfälle aber unzureichend ist.Petra Welzel: Katastrophe ist programmiert. In ver.di Publik 5/2021, S. 8