Erica Pedretti, geborene Erika Schefter (* 25. Februar 1930 in Mährisch-Sternberg, Tschechoslowakei; † 14. Juli 2022 in Tenna GR, SchweizErica Pedretti est décédée à l’âge de 92 ans à Tenna (GR). In: RTS.ch, 17. Juli 2022, abgerufen am 18. Juli 2022.), war eine Schweizer Schriftstellerin, Objektkünstlerin und Malerin. Ihre Kindheitserfahrungen der Vertreibung und des Verlusts von Heimat und Identität bildeten den Hintergrund ihrer autobiografisch geprägten Arbeiten.Andreas Platthaus: Zum Tode von Erica Pedretti. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19. Juli 2022, S. 12. In einem weiteren zumeist collagenartig gearbeiteten Prosatext zur Thematik «Maler und Modell» dehnte sie das Motiv der Entfremdung auf die Beziehung zwischen den Geschlechtern aus. Pedrettis bildnerisches Schaffen ist gekennzeichnet durch eine konsequente Weiterentwicklung von Ausdrucksformen. Bizarre Flügelwesen werden abgelöst durch gerüstartige Objekte und Installationen, die Themen wie Heimat und Asyl aufgreifen. Ihre Serien von Bild- und Wortkompositionen der jüngsten Zeit schaffen eine Verbindung zu den Textcollagen ihrer Prosawerke.
Leben und Wirken Erica Pedretti wurde 1930 im nordmährischen Sternberg (Šternberk) geboren. Sie verbrachte die ersten fünfzehn Jahre ihres Lebens hauptsächlich in Zábřeh, Šternberk, Berlin und Freudenthal. Ihr Vater war der deutschböhmische Bühnenautor, Journalist und Besitzer einer Seidenfabrik Hermann Heinrich Schefter (1895–1979).Informationen zu: Seidenfabrik Hermann Schefter Dieser war als Antifaschist während des Zweiten Weltkrieges interniert. Dieser Umstand bewahrte die Familie nicht vor der Vertreibung.
Im Dezember 1945 fuhren die fünfzehnjährige Erica und ihre jüngeren Geschwister in einem Rotkreuztransportzug mit Auslandschweizern und KZ-Überlebenden von Warschau über Auschwitz, Prag und München nach St. Margrethen. In die Schweiz konnten sie zu ihren Verwandten ausreisen, weil die Grossmutter väterlicherseits von dort stammte und die Einladung der Zürcher Tante vorlag. Ihre Eltern folgten später.
In Zürich besuchte sie von 1946 bis 1950 die Kunstgewerbeschule. Dort lernte sie ihren späteren Mann Gian Pedretti (1926–2025), aus der Engadiner Künstlerfamilie Pedretti, kennen; der Bildhauer Giuliano Pedretti war ihr Schwager. 1950 musste die Familie Schefter die Schweiz verlassen, da sie nur eine Aufenthaltsbewilligung zwecks Weiterreise erhielten. Es folgte die Emigration in die USA. Zwei Jahre verbrachte Erica Schefter in New York und arbeitete als Gold- und Silberschmiedin, ehe sie 1952 endgültig in die Schweiz zurückkehrte und Gian Pedretti heiratete.
Das Künstlerpaar lebte 22 Jahre in Celerina im Engadin, wo es lange ein zweites Atelier unterhielt. 1974 siedelte die mittlerweile siebenköpfige Familie nach La Neuveville um, ab 1985 lebte sie dort im selbsterbauten, über dem Bielersee gelegenen Atelierhaus. Ab 2015 lebte das Ehepaar Pedretti wieder in Celerina. 2022 erfolgte der Umzug in die Wohngemeinschaft «Alte Sennerei» im Tenna Hospiz.
Erica Pedretti veröffentlichte ihre Texte seit 1970. Sie war ab 1971 Mitglied der Gruppe Olten. Ihr Roman Engste Heimat wurde unter dem Titel Nechte být, paní Smrti (wörtlich: «Lasst fahren, Frau Tod»)Der tschechische Titel greift ein Zitat aus Der Ackermann aus Böhmen von Johannes von Tepl auf; in den slawischen Sprachen ist der Tod weiblich. von Lucy Topoľská ins Tschechische übersetzt, ebenso ihre biografischen Erinnerungen fremd genug (Cizí domov).
Seit ihrer ersten grösseren Ausstellung als bildende Künstlerin 1976 im Kunstmuseum Solothurn präsentierte sie ihre Werke regelmässig als Einzel- und Gruppenausstellungen, gelegentlich auch als Gemeinschaftsausstellung mit ihrem Mann Gian.glüsch e sumbriva – Schatten und Licht im Sommer 2017 in der Chesa Planta in Samedan. Nach der Samtenen Revolution fanden auch Ausstellungen in Tschechien statt. Zu den Installationen der Künstlerin im öffentlichen Raum gehört die grosse Flügelskulptur am Flughafen Zürich.
Auslandaufenthalte führten sie unter anderem 1971 nach London; 1988 als Gast an das Istituto Svizzero in Rom; 1989 war sie Writer in Residence an der Washington University in St. Louis; 1994 hatte sie den Swiss Chair an der City University of New York inne. Die Wiener Vorlesungen zur Literatur über Poetik und kreatives Schreiben (1996) galten dem Thema Schauen und Schreiben.
Im Mittelpunkt der poetologischen Überlegungen Erica Pedrettis stehen die Begriffe Wahrnehmen, Schauen und Anschauen. Sie berief sich dabei auf Gertrude Stein. Seit 1988 war sie korrespondierendes Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt. Das Schweizerische Literaturarchiv in Bern erwarb ihr literarisches Archiv und exemplarische künstlerische Arbeiten.Archiv Erica Pedretti
Auszeichnungen
Werk Literarisches Werk Hörspiele In ihrer Darstellung der deutschsprachigen Literatur der Schweiz hebt Elsbeth Pulver es als aussergewöhnlich hervor, dass Erica Pedretti literarisch zunächst mit einem Hörspiel aufgefallen sei, ehe sie ein gedrucktes Werk vorlegte.Elsbeth Pulver: Die deutschsprachige Literatur der Schweiz. In: Manfred Gsteiger (Hrsg.): Die zeitgenössischen Literaturen der Schweiz. Kindler, Zürich / München 1974, S. 143–405, S. 355. Ihr mit dem Prix Suisse ausgezeichnetes Hörspiel Badekur (1970) ist das erste Hörspiel von Schweizer Radio DRS, das bereits im Manuskript als Stereoproduktion entworfen wurde. Von 1970 bis 1980 entstanden insgesamt acht Werke für das Radio, die zumeist in enger Zusammenarbeit mit dem Studio Basel und dem Studio Bern realisiert wurden.
Paul Weber sieht die sprachspielerischen Arbeiten als eigenständige Ausprägung an, die deshalb «auch als originaler Beitrag zum Neuen Hörspiel in der Bundesrepublik» aufgefasst werden können.Paul Weber: Das Deutschschweizer Hörspiel. Geschichte – Dramaturgie – Typologie. Peter Lang, Bern u. a. 1995, S. 25. In einer Umfrage zu den Produktionsbedingungen betonte Erica Pedretti, dass sie aufgrund der technischen Möglichkeiten der Stereophonie das zeitliche Nacheinander von Handlungen aufheben konnte, wenn sie zum Beispiel «ein sich überstürzendes Geschehen, das linear kaum reproduziert werden kann, mittels play-back, überlagerten Sätzen, Wörtern und Silben, durch sich quasi überstürzende Formen» darstellte. Die zahlreichen Dialoge und Monologe in ihrem Roman Heiliger Sebastian seien von diesen Erfahrungen bei der Hörspielproduktion beeinflusst worden.Peter Ándre Bloch (Hrsg.) in Zusammenarbeit mit Otto F. Walter: Gegenwartsliteratur. Mittel und Bedingungen ihrer Produktion. Francke, Bern 1975, S. 174.
Mit den wie eine Partitur geschriebenen Textvorlagen nähert sich die Autorin wie in Badekur an einzelnen Stellen «von der Sprache her der Grenze zur Musik, indem sie lauter einsilbige Wörter zu einem Klangteppich montiert und auch einzelne bedeutungslose Silben und Laute daruntermischt».Paul Weber: Das Deutschschweizer Hörspiel. S. 420. Ähnlich wie Weber klassifiziert auch Norbert Langer Erica Pedrettis Hörspiele als «mehrstimmige Klang- und phonetische Wortspiele», als «Funkmontagen, denen eine Art quasi-musikalische Text-Laut-Partitur zugrunde liegt».Norbert Langer: Phantomschmerzen. Zum literarischen Werk von Erica Pedretti. In: Sudetenland. Vierteljahresschrift für Kunst, Literatur, Wissenschaft und Volkstum. 1985, Heft 1, S. 13–20, S. 20, Anmerkung 6.
Erinnerungstexte Thematik In ihren autobiographisch geprägten ErinnerungstextenMeike Penkwitt benutzt den Begriff «Erinnerungstexte» in ihren Publikationen. Zu diesen Werken gehören Harmloses bitte (1970), Heiliger Sebastian (1973), Veränderung oder Die Zertrümmerung von dem Kind Karl und anderen Personen (1977), Engste Heimat (1995) und Kuckuckskind oder Was ich ihr unbedingt noch sagen wollte (1998) sowie die kurze autobiografische Skizze fremd genug(2010). thematisiert Erica Pedretti die durch Nationalitätenhass, Krieg und Heimatverlust entstandenen Verletzungen. Mit ihrem erzählenden Erinnern stellt sie die grundsätzliche Frage: «Wie lebt ein Mensch an einem fremden Ort (und wärs das Paradies), und hat noch alle Schrecken im Kopf?»Erica Pedretti in einem Dossier von Schweiz global, 2001/4, zu Flüchtlingskonvention und Aussenpolitik. Für Beatrice von Matt ist Pedrettis Schreiben der Versuch, den Zwiespalt zwischen dem «Hier» der Schweizer Gegenwart mit dem «Dort» der «verschütteten Erinnerung» zu überwinden.Beatrice von Matt: Das zerrissene Bewusstsein. Erica Pedretti zwischen wahren und falschen Sprachen. In: Meike Penkwitt (Hrsg.): Die Erinnerungstexte der Autorin Erica Pedretti. S. 77–85, S. 81.
Erzählweise Die Schriftstellerin wendet sich in einem Gespräch mit Patricia ZurcherGespräch mit Erica Pedretti gegen ein anekdotisches, glattes Erzählen, das angesichts traumatischer Erfahrungen etwas Verlogenes an sich habe und der Atmosphäre von Angst nicht gerecht werden könne. Deshalb wird ihr Schreibstil gelegentlich auch als Komposition aus Splittern und Fragmenten beschrieben. Die rhythmisch variierten Leerstellen zwischen den Worten und Satzbruchstücken ordnen manche Passagen zu einer «bewegten Textgrafik».Norbert Langer: Phantomschmerzen. In Sudetenland, 1985, Heft 1, S. 15. Die Figur der Erzählerin mit ihrer Skepsis gegenüber authentischen Erinnerungen und ihrem Bekenntnis zum fragmentarischen Erzählen ist charakteristisch für diesen hoch reflektierten Erzählstil. In der Sekundärliteratur wird in diesem Zusammenhang häufig das Ende des ersten Kapitels aus Pedrettis Erstling Harmloses, bitte zitiert: «Erinnertes, Gelesenes, Erzähltes, Geträumtes: übereinander projiziert, Bilder, die sich überschneiden, überdecken, nicht mehr auseinanderzulösen».Erica Pedretti: Harmloses bitte. Suhrkamp taschenbuch 558, S. 9. Sie versuche, so Erica Pedretti, «das, was während des Schreibens passiert, in die Geschichte einzubringen», die Erzählerin in Engste Heimat etwa zeige, «dass es sich nicht um eine Biographie handelt, dass es sich wirklich um Fiktion handelt, dass also jemand dasitzt und an etwas arbeitet, das dann diese Geschichte wird, und dass man das nicht rein biographisch liest, obwohl sehr viel biographisches Material verarbeitet ist».Gespräch mit Erica Pedretti, von Patricia Zurcher, 1999, bei culturactif.ch Dadurch wird das Erinnern selbst zum Gegenstand des Erzählens. Die hervorgehobene Position der Erzählerin, die von ihrem friedlichen Schweizer Domizil aus ihre Figur ins «Land der alten Ängste und Schmerzen»Pedretti, Engste Heimat. S. 153. auf Spurensuche schickt und reflektierend begleitet, beklagt das Geschehen als geschichtliche Gesetzmässigkeit. Elsbeth Pulver kann daher in ihrer Rezension des Romans Engste Heimat betonen, die letzten Kapitel hätten «den Tonfall und den grossen Atem einer Elegie». Deren Klage gelte nicht nur dem einzelnen Menschen; sie gelte vor allem der Tatsache, «dass der Mensch, der doch nach Johannes von Tepl […] das ‹allervornehmste, allergeschickteste, allerfreieste Werkstück Gottes› ist, immer wieder in den Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt gerät, diesen antreibt, von ihm zermalmt wird». Auf dem dunklen Grund dieses Geschichtspessimismus wachse jedoch die humane und überlegene Betrachtung der geschichtlichen Ereignisse, die das Buch in den Rang eines Meisterwerks erheben würden.Elsbeth Pulver. In Schweizer Monatshefte. 75. Jahr, Heft 6, S. 36.
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