Unter dem Titel De origine, situ et magistratibus urbis Venetae ovvero La Città di Venezia verfasste Marin Sanudo, ein venezianischer Patrizier, der von 1466 bis 1536 lebte, ein Überblickswerk über Venedigs Ursprung, seine Lage und seine Magistraturen. Den Text verfasste der Autor im venezianischen Idiom, doch ging dieser, wie alle seine Werke, nie in Druck. Erst 1980 erfolgte eine kritische Edition durch Angela Caracciolo Aricò, 2011 eine Neuedition. Überliefert ist er in drei Codices, von denen einer an die stark veränderten Verhältnisse angepasst wurde, also an die Umwälzungen, die durch den zeitweiligen Verlust Oberitaliens und eine schwere militärische Niederlage im Jahr 1509 erzwungen worden waren. Dies schlug sich vor allem in den Strukturen und Zuständigkeiten der zentralen Gremien, der Verwaltung und der konkreten Herrschaftsausübung nieder.

Der Autor Marin Sanudo und sein Werk Marin Sanudo war berühmt für seine umfangreichen Diarien (in der Edition umfassen sie 58 Bände), die er kontinuierlich zwischen 1496 und 1533 täglich über öffentliche und private, politische und gesellschaftliche Ereignisse führte.Rinaldo Fulin et al. (Hrsg.): I Diarii (1496-1533), 58 Bände, Venedig 1897–1903. Neben den daran hängenden Aufgaben beherrschte er aber auch das Handwerk eines Historikers (Le Vite dei DogiAngela Caracciolo Aricò, Chiara Frison (Hrsg.): Marin Sanudo il Giovane: Le vite dei Dogi 1423–1474, 2 Bde., La Malcontenta, Venedig 1999–2004 (kritische Edition). (Digitalisat, Bd. 1, Google Books, Bd. 2).), er widmete sich zudem der Sammelleidenschaft und der Dichtkunst. Auch besaß er eine für seine Zeit gewaltige Bibliothek von gut 6500 Bänden (ed. Caracciolo Aricò, S. XIII), darunter zahlreiche Codices, und noch mehr Druckwerke. Gegen Ende seines Lebens sah er sich allerdings aus wirtschaftlichen Gründen gezwungen, diese Sammlung zu verkaufen, die damit weit verstreut wurde.

Alle seine Werke blieben bis ins späte 19. Jahrhundert unveröffentlicht. Die Anerkennung, außer durch persönliche Mitteilungen, Danksagungen und Erkundigungen, wurde ihm zu Lebzeiten versagt, was ihn verbittern und verarmen ließ. So gelang es ihm nicht, Anerkennung als offizieller Geschichtsschreiber der Republik Venedig zu finden. Stattdessen wurden ihm sowohl Marcantonio Sabellico, als auch der untätige Andrea Navagero sowie Pietro Bembo vorgezogen. Letzterer nutzte sowohl Sanudos Diarien, als auch seine Geschichte der Republik. Auf Anweisung des allmächtigen Rates der Zehn musste er Bembo sogar seine Aufzeichnungen zur Verfügung stellen. Immerhin erhielt er so ein jährliches Honorar von 150 Golddukaten. Am Ende beklagte er sich bitter in einem langen Brief an den Rat der Zehn.

Sanudo entstammte einer sehr alten, angesehenen Familie, den Candiani-Sanudo. Seine Mutter war Letizia di Pellegrino Venier, sein Vater Leonardo di Marin(o) Sanudo. Doch bereits am 11. Oktober 1474 starb sein Vater Leonardo (* 1426) in Rom,Staatsarchiv Venedig, Senato Terra, reg. 7, f. 48r; Le vite dei dogi (1423–1474), ed. Caracciolo Aricò, 2002–2004, S. 217. was seine Familie an den Rand des etablierten Adels drängte. Dieser Teil des Adels hatte keinerlei Zugang zu den höheren Posten und Ämtern, die die Regierungstätigkeit dem Adel normalerweise bot. Auch fehlten ihm damit die nötigen Kontakte, für deren Pflege ihm angesichts seiner gewaltigen Aufgabe, die er sich gestellt hatte, viel zu wenig Zeit blieb. Zudem war seine Mutter zu diesem Zeitpunkt mit seinem jüngeren Bruder Leonardo schwanger, auch hatte er die wenig ältere Schwester Sanuta. Aus der vorhergehenden Ehe Leonardos stammten zudem die Kinder Alvise, Antonio, Elena und Maria. Alvise, der älteste Sohn, lenkte nunmehr die Finanzen der Familie. Als Alvise jedoch überstürzt 1480 nach Syrien aufbrach, übernahm Marin diese Aufgabe. Er wandte sich um Hilfe an Francesco Sanudo, da er fürchtete, den Familienpalast verkaufen zu müssen. Als Francesco in Padua zum Podestà erhoben wurde, ging Marin 1479/80 gleichfalls dorthin. Sein erstes literarisches Werk, die Memorabilia deorum dearumque, widmete er 1481 dem Onkel.

Viele Autoren, wie etwa Marco Guazzo, nutzten Sanudos historisches Werk, ohne den Verfasser zu nennen, wie Rinaldo Fulin nachweisen konnte. Auch das hier dargestellte Werk wurde von anderen Autoren häufig genutzt, wie etwa durch Francesco Sansovino für seine Venetia città nobilissima et singolare oder sein Werk Delle cose notabili che sono in Venetia.

Die Wahl des Venezianischen statt der gängigen lateinischen Sprache geschah möglicherweise in direkter polemischer Form gegen Sabellicos De situ urbis. Damit richtete er sich an ein Publikum, dem die formalisierte Gestaltung und Ausdrucksweise wenig zugänglich oder unproduktiv war, und die ihm zu unkonkret blieb. So sollten ihn gebildete und ungebildete Leser gleichermaßen verstehen können.

Sein nie veröffentlichtes Werk wurde, ähnlich wie seine Diarien, immer wieder ergänzt und mit Marginalien versehen. Eine erste Nachricht zum Werk stammt aus dem Jahr 1484, als er in seine Excusatio am Ende des dritten Buches der Commentari della guerra di Ferrara einen Hinweis gibt, und erwähnt, er wolle das Werk „Jeronemo Giorgio cavalier aurato“ widmen. Dieser Gerolamo Zorzi war mit Leonardo, dem Vater Sanudos ebenso verwandt, wie mit dessen Onkel Francesco Sanudo di Marino. Letzterer war unter anderem als Gesandter bei Papst Paul II., Gerolamo als Gesandter in Rom, dann in Konstantinopel und Frankreich. Er war der Sohn Francescos. Er war insofern mit Marin Sanudo verwandt, als er eine Cousine Sanudos geheiratet hatte. Diese war wiederum eine Tochter des Benedetto Giorgi und einer Schwester des Francesco und des Leonardo Sanudo. Ein Jahrzehnt später gedachte er, sein Werk noch einem Höheren zu widmen, nämlich dem Dogen Agostino Barbarigo, dem er auch sein Opus Le vite dei Dogi gewidmet hatte, in der Hoffnung vom Dogen Unterstützung zu erhalten. Sanudo selbst nahm mit Genugtuung wahr, dass sein Werk von den Gebildeten wegen seiner großen Sachkenntnis geschätzt wurde („extimata“, wie er selbst in einem Brief schreibt). Doch blieb es bei einer handschriftlichen Rezeption, deren Ausdruck auch noch nach einem Jahrhundert die Abschrift durch den Patriarchen Giovanni Tiepolo ist. Dieser wiederum schreibt (Correr, n. 969, f. 68v), er habe seine Abschrift anhand der Vorlage des „Pietro Contarini quondam Cattarin“ angefertigt.

Am häufigsten wurde Teil III des Werkes zitiert, der sich mit den Gremien und Magistraten befasst. Sanudo wollte die Sonderrolle Venedigs, seine edle Herkunft (nicht wie das von Bauern gegründete Rom), seine rationale Organisation, seine Gerechtigkeit und Freiheit loben, aber auch seine Frömmigkeit. Die Bindung an die religiöse Sphäre betont er durch eine schier endlose Liste von Reliquien, die in den Kirchen und Klöstern der Stadt aufbewahrt wurden (S. 46–49 in der Edition). Dabei will er allerdings die Schattenseiten keineswegs verhehlen.

Handschriften und Editionen Das Werk ist in drei Handschriften überliefert, von denen sich zwei in der Bibliothek des Museo Correr befinden. Diese befanden sich zuvor in der Sammlung des Emmanuele Antonio Cicogna (n. 920 und 921). Cicogna hatte sie wiederum 1863 von den Cocco erworben. Sie stammten mithin aus dem Besitz des Patriarchen Giovanni Tiepolo (er selbst schreibt „Zuanne Thieppolo“, f. 8r, S. 19 der Edition). Die beiden Apographe (heute Marciana n. 969 und 970Die beiden Codices beschreibt Caracciolo Aricò auf S. 3 f. und 155 f.) entstanden 1587, als Tiepolo mit eigener Hand die Vorlage Sanudos transkribierte. Darin findet sich nicht nur Sanudos De origine, situ et magistratibus urbis Venetae ovvero La Città di Venezia, sondern auch weitere Materialien zum religiösen, künstlerischen und politischen Leben Venedigs, darüber hinaus Notizen zu Aquileia, Grado, Monselice, Padua, Brescia, Rom und zahlreichen weiteren Orten (n. 970).

Rinaldo Fulin legte seiner Edition von 1880 die Handschrift Correr n. 969 zu Grunde, wobei er unerklärlicherweise die f. 19v–41v ausließ. Ebenso zog er nicht den Codex n. 970 heran. Hingegen bildete dieser eine wesentliche Grundlage für die Edition, die Angela Caracciolo Aricò 1980 bewerkstelligte.

Der dritte Codex, der in der Biblioteca Marciana liegt, stammt aus dem Jahr 1515. Er wurde zwar vielfach in Untersuchungen zur venezianischen Geschichte zitiert, doch wurde er erst sehr spät ediert. Es handelt sich um eine Überarbeitung, in der die massiven Veränderungen nach der Schlacht von Agnadello (1509) deutlich werden. Caracciolo Aricò edierte auf Hinweis von Marino Berengo die f. 42r–68v und die der Marciana-Handschrift gemeinsam.

Aufbau der Edition Die Herausgeberin widmet sich der Biographie Sanudos und stellt diese in Zusammenhang mit seinem Bemühen um Anerkennung sowie seinem Gesamtwerk als Autor und bettet dies in den historischen Kontext ein. Zudem zeichnet sie die Geschichte ihrer textlichen Grundlagen für die Edition nach, ebenso wie Teile der Rezeptionsgeschichte (S. VIII–XXIX). Jeweils zu Beginn der drei Abschnitte über die zugrundeliegenden Codices beschreibt sie die Handschriften (S. 3f., S. 155 f. und S. 239).

Biblioteca Museo Correr, Codex 969 Angela Caracciolo Aricò beschreibt zunächst den papierenen Codex, der aus dem 16. Jahrhundert stammt. Dieser gehörte zur Sammlung Cocco, wurde 1863 zusammen mit Codex 970 von Emmanuele Antonio Cicogna erworben. Heute liegt er in der Biblioteca Museo Correr, der Bibliothek des Museo Correr, bei den Cicogna-Manuskripten (n. 969). Demnach ist der Codex in gutem Erhaltungszustand. Er misst 212 mal 155 mm, eingebunden in Pergament. Der zuvor restaurierte Rücken trägt die Signatur „Biblioteca Museo Correr – Cicogna 969“. Mit einer Feder ist auf der Vorderseite, vermutlich von Cicogna vermerkt „920“, in anderer Handschrift wurde „969“ eingetragen. Auf der Innenseite wird die Provenienz vermerkt: „Cicogna, n. 920“ zusammen mit der aktuellen Signatur: „969“. Von Cicogna wiederum stammt der handschriftliche Vermerk auf dem Schmutzblatt „920. Codicetto die Emmanuele Antonio Cicogna. Ven. 1863 Ottobre. Segnato col nu. 920“, wobei der fortsetzt: „Autore Marino Sanuto = Prezioso libretto che dal Foscarini p. 326 si crede perduta = Vedi anche il chiarissimo e amantissimo delle venete cose l'inglese sir Rawdon Browon abitante in Venezia da vri anni che è autore dei Ragguagli sulla vita e opere di Marino Sanuto 1837–1838 a p. 190 e 1..“. Zwischen der Vorderseite und dem Schmutzblatt befindet sich ein Brief Cicognas mit Datum 30. November 1863, in dem er verzeichnet, der Historiker Armando Baschet habe 1864 (!) eine Kopie des Manuskripts anfertigen lassen, um diese in Frankreich zu veröffentlichen. Auf der Rückseite finden sich weitere Notizen Cicognas. Darin hält er als Notiz bibliographische Angaben fest. Auf einem kleinen angehängten Blatt zitiert er das Autograph Marin Sanudos, das De Magistratibus enthalte und sich in der Marciana befinde. Das Manuskript selbst besteht aus 68 Blättern, die beidseitig beschrieben sind. Die Nummerierung ist von anderer Hand als der des Verfassers erfolgt, wahrscheinlich von Cicogna. Er vermerkt auf f. 68v: „La Tavola non c'è“, weil das Inhaltsverzeichnis fehlt. Auf f. 8r und 19r erscheint der Name des Kopisten Giovanni Tiepolo, auf f. 68v erscheint der Name des Verfassers Marin Sanudo. Auf f. 1v befindet sich eine rudimentäre Skizze, die die Sternenkonstellation zum Zeitpunkt seiner Geburt verdeutlicht. Mit dem Codex verbunden ist eine kleinere, unpaginierte Handschrift. Sie stammt von gänzlich anderer Hand, misst 180 mal 126 mm und ist beidseitig beschrieben. Sie besteht aus nur acht Blättern. Ihre Thematik sind die „Nozze illustri de' nobili Venetiani con Regi, Duchi, Principi, et altri personaggi d'importanza“, also die Ehen venezianischer Adliger mit Königen, Herzögen, Fürsten und anderen bedeutenden Personen (ed. Caracciolo Aricò, S. 3 f.).