Feministische Literaturwissenschaft ist eine sich im Sinne feministischer Ziele parteilich zeigende Richtung innerhalb der Literaturwissenschaft. Ihre zentralen Gegenstände waren in Abhängigkeit von der gewählten Blickrichtung einerseits schreibende und publizierende Frauen in ihren literarischen, sozialen und ökonomischen Zusammenhängen, andererseits Frauenliteratur. Neben epochenübergreifenden Frauenliteraturgeschichten und literarischen Anthologien begünstigten namentlich die Themenbereiche „Schriftstellerinnen und Emanzipation“ und „feministische Literaturtheorien“ bis in die 1990er-Jahre hinein die temporäre weltweite Anerkennung und Institutionalisierung von Feministischer Literaturwissenschaft.
Entstehung und Entwicklung Die Herausbildung dieser politisch motivierten Richtung stand in einem kausalen Zusammenhang zum Feminismus und zur Frauenforschung vor und nach 1945 und darüber hinaus auch zum Wiederaufleben des Marxismus in den 1960er-Jahren und zur 68er-Bewegung. Von Beginn an beherrschten französische und US-amerikanische Vordenkerinnen die Feuilletons und das wissenschaftliche Feld.
Die deutsche Wortverbindung „feministische Literaturwissenschaft“ lässt sich derzeit zuerst bei der seit 1972 an der Universität Marburg lehrenden Professorin Marie Luise Gansberg („Seit dem Winter 1976 bin ich mit der Einarbeitung in einen neuen Wissenschaftsbereich beschäftigt: Women’s Studies, hier: feministische Literaturwissenschaft“) nachweisen und auf einer Anzeigenseite von Nummer 48 der Zeitschrift Kursbuch 1977, wo der Courage-Verlag den Sammelband Frauen und Wissenschaft. Beiträge zur Berliner Sommeruniversität für Frauen, Juli 1976 bewarb.Vgl. auch Gisela von Wysocki: Frauen-Bilder im Aufbruch. In: Kursbuch 47, 1977, S. 91–113. Die an der Universität Hamburg eingerichtete „Arbeitsstelle feministische Literaturwissenschaft“ nahm ihre Arbeit 1985 auf.Ulla Bock: Pionierarbeit. Die ersten Professorinnen für Frauen- und Geschlechterforschung an deutschsprachigen Hochschulen 1984–2014. Frankfurt am Main und New York: Campus 2015, S. 205. Weitere Informationen zur „Arbeitsstelle feministische Literaturwissenschaft“ enthält die Nachweisdankenbank META des i.d.a.-Dachverbandes. Der Verein „FrideL – Frauen in der Literaturwissenschaft“ wurde ein Jahr nach der Einstellung des Rundbriefs Frauen in der Literaturwissenschaft (1–50, 1983–1997) in Bremen gegründet . Das zuletzt genannte Datum sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass viele wichtige, die Durchsetzung Feministischer Literaturwissenschaft befördernde Grundlagen bereits in den 1970er-Jahren gelegt worden sind, weshalb dieses Jahrzehnt mehr zu betonen ist als die zwei nachfolgenden.
Feministische Literaturwissenschaftlerinnen setzten sich zwar ideologie- und herrschaftskritisch mit der älteren Forschung, vor allem mit frauendiskriminierenden Äußerungen namhafter männlicher Literaturwissenschaftler, mit dem männerdominierten Literaturkanon und ganz vereinzelt mit wissenschaftspolitischen Fragen auseinander.Jutta Osinski: Männer dozieren, Frauen studieren. In: Der Deutschunterricht 42, 1990, ISBN 3-617-20034-6, S. 90–98. Sie gingen aber nicht so weit, autoritären Hierarchien an den Universitäten und der Qualifikationshürde der Habilitation, die von jeher „die versteckte Möglichkeit bietet, Frauen von hochqualifizierten Berufen fernzuhalten“Sabine Koloch: Diskussionsplattform der undogmatischen Linken. Die Zeitschrift „Alternative“ und ihre Herausgeberin Hildegard Brenner. In: 1968 in der deutschen Literaturwissenschaft (literaturkritik.de Archiv/Sonderausgaben) (2020) online., den Kampf anzusagen. Bezeichnenderweise waren es nicht die mit ergebnisoffener Forschung konfligierende parteiliche Haltung der Feministischen Literaturwissenschaft und ihre Zersplitterung, die das Interesse an einer dezidiert „feministischen“ Literaturwissenschaft dahinschwinden ließen, sondern der von feministischen Professorinnen mitgetragene Wettlauf der Moden, fachinterne Ausdifferenzierungs- und Verwissenschaftlichungsprozesse und der machtvolle Einfluss von männlichen Seilschaften bei Stellenbesetzungen. Ergänzend hierzu Barbara Hahn:
Die Vorstellung, Feministische Literaturwissenschaft habe sich in Abhängigkeit zur rückläufigen Anziehungskraft der zweiten Frauenbewegung selbst abgeschafft, geht von der Fehlannahme aus, Feministische Literaturwissenschaft habe ihre eigenen politischen Ziele stets klar formuliert und mit großem Engagement verfolgt.
Leistungen Sofern nicht kenntnisreiche und gründliche Chroniken zur Feministischen Literaturwissenschaft diesem Trend ein Ende setzenIn dieser Hinsicht grundlegend: Katrin Gut: Feministische Literaturwissenschaft in: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft, Bd. 1: A–G. Berlin und New York: De Gruyter 1997, S. 575–577., wird die vergleichsweise kurze Geschichte dieser einem Strohfeuer gleichenden A-Room-of-One's-Own-„Befreiungsbewegung“, deren wissenschaftliche Erträge in der Summe allerdings beachtlich sind, mehr und mehr dem Vergessen anheimgegeben.
Im Zentrum der Feministischen Literaturwissenschaft standen unter anderem folgende Untersuchungsgegenstände: Einzelne Schriftstellerinnen mit den Schwerpunkten Leben und Werk (z. B. Hrotsvit von Gandersheim, Sidonia Hedwig Zäunemann, Louise Otto-Peters, Irmtraud Morgner) oder Einzelaspekte (z. B. die Rezeptionsgeschichte der Werke von Ingeborg Bachmann) Nach Kriterien wie Aufenthaltsort, Land, Genre, Epoche zusammengefasste schreibende und publizierende Frauen (z. B. Exil-Schriftstellerinnen, österreichische Schriftstellerinnen, Tagebuchschreiberinnen, deutschsprachige Dramatikerinnen im 18. und 19. Jahrhundert) Literarische Motive mit explizitem oder implizitem Frauenbezug (z. B. Frauenliebe, weibliche Sexualität, Tod) Fiktionale Frauenfiguren (z. B. Mutter, Tochter, Femme fatale, die alte Frau, die lesbische Frau, Prostituierte). Literarische Verarbeitungen von Heldinnen und Negativgestalten aus Geschichte und Mythologie (z. B. Jeanne d’Arc, Amazonen, Kassandra) Frauenbilder und Frauenrollen in unterschiedlichen Genres und literarischen Epochen (z. B. Frauenbild und Weiblichkeitsbegriff im 19. Jahrhundert) Hinzu traten die Themenkomplexe Unterdrückungs- und Gewaltmechanismen der patriarchalischen Gesellschaft und weibliche Autorschaft, Sprache und weibliches Schreiben, feministische Literaturtheorien, Literatur und Emanzipation, Frauenbewegung und Literatur, feministische Utopien in der Literatur, weibliche Lesesozialisation und Buchbesitz.
Die 1999 erschienene, von Hiltrud Gnüg und Renate Möhrmann herausgegebene überarbeitete Auflage der Frauen Literatur Geschichte (Originalausgabe Metzler Verlag 1985, Lizenzausgabe Suhrkamp Verlag 1989 und der zweiten Auflage 2003) spannt den Bogen vom Mittelalter bis zur Gegenwart, von Europa und den USA bis nach Schwarzafrika und ist in neun Kapitel untergliedert: I. Klöster, Höfe und Salons – Räume literarischer Selbstentfaltung, II. Weibliche Bildungs- und Erziehungskonzepte, III. Neue Genres als Medium für weibliches Schreiben (Brief, Reisebericht, Memoiren, Autobiographie), IV. Phantastische Literatur, V. Theater als eroberter Raum, VI. Lyrische Stimmen, VII. Frauenrechte – Menschenrechte, VIII. Erotische Literatur, XI. Neue literarische Strömungen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
In der Endphase ab den 1990er-Jahren waren die soziale Herstellung von Geschlechterdifferenzen, Geschlechterrollen und die kultursemantischen Codierungen des Begriffspaares „Weiblichkeit“ / „Männlichkeit“ verbreitete Ansatzpunkte Feministischer Literaturwissenschaft.Sabine Koloch: Wissenschaft, Geschlecht, Gender, Terminologiearbeit ‒ Die deutsche Literaturwissenschaft. München: epodium Verlag 2017, S. 11f. (). Hierdurch bahnten ihre Vertreterinnen der literaturwissenschaftlichen Geschlechter-Sabine Koloch: Wissenschaft, Geschlecht, Gender, Terminologiearbeit ‒ Die deutsche Literaturwissenschaft. München: epodium Verlag 2017, S. 36 folgende Definition: „Literaturwissenschaftliche Geschlechterforschung — Richtung innerhalb der Literaturwissenschaft, die die Geschlechter und ihre Beziehungen in Fiktion und Realität vergleichend untersucht“. und der literaturwissenschaftlichen GenderforschungSabine Koloch: Wissenschaft, Geschlecht, Gender, Terminologiearbeit ‒ Die deutsche Literaturwissenschaft. München: epodium Verlag 2017, S. 35: „Literaturwissenschaftliche Genderforschung — Forschungsrichtung innerhalb der Literaturwissenschaft, die geschlechts- und geschlechterbezogene Selbst- und Fremdzuschreibungen dokumentiert und analysiert“. den Weg.
Durch wissenschaftliche und journalistische Veröffentlichungen, Lehrveranstaltungen, das Datenbankprojekt „Schriftstellerinnen in Deutschland, Österreich, Schweiz 1945–2008“ (DaSinD)Stiftung Frauen-Literatur-Forschung e.V., Bremen ., Tagungen, Vorträge, Vortragsreihen, Lesungen und Ausstellungen wirkten feministische Literaturwissenschaftlerinnen und feministischen Bibliothekarinnen im Verein mit feministischen Schriftstellerinnen, feministischen Literaturkritikerinnen, feministischen Verlegerinnen und feministischen Buchhändlerinnen daran mit, die Sichtbarkeit von schreibenden und publizierenden Frauen in Geschichte und Gegenwart zu erhöhen und sich zu einer feministischen literarischen Öffentlichkeit zu formieren.
Kritik Feministische Literaturwissenschaftlerinnen unterzogen die von der vorausgehenden Forschung bereits weitreichend bibliographisch erfassten Primärquellen (selten Archivalien) eingehenden Analysen, oft verbunden mit der Intention, kursierende neue Fragestellungen und literatursoziologische, ideologiekritische, strukturalistische, poststrukturalistische, psychoanalytische oder dekonstruktivistische Ansätze auf Einzelwerke oder Textzusammenstellungen anzuwenden, ohne den Vorgang der Applikation je in Frage zu stellen und das Problem der Epigonenhaftigkeit zu thematisieren. Damit einher ging ein genereller Mangel an Selbstkritik. Dieser Problemzusammenhang und die unten aufgezeigten Defizite lagen unterhalb der Wahrnehmungsschwelle.
Deskriptive Termini erschienen feministischen Literaturwissenschaftlerinnen als unkreative, einengende, den Fortschritt behindernde Fesseln. Die Folge waren unscharfe BegriffeVgl. Katrin Gut zu Begriff und Bezeichnung ‚Feministische Literaturwissenschaft‘: „Zum einen wurde die Kategorie zunehmend semantisch unscharf verwendet (…). Zum anderen blieb der Begriff nach außen wie nach innen umstritten und wurde nicht nur von der eigenen, sondern auch von der männlichen Gegenseite als Kampfbegriff eingesetzt“. Katrin Gut: Feministische Literaturwissenschaft in: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft, Bd. 1: A–G. Berlin und New York: De Gruyter 1997, S. 575f. und pseudowissenschaftliche Definitionen.