Beit Zera (, auch Beth Sera) ist ein im September 1927 mehrheitlich von deutschen Einwanderern gegründeter Kibbuz im Jordantal etwa vier Kilometer südlich des Sees Genezareth. 2018 lebten in dem Kibbuz 590 Menschen.Bevölkerung in den israelischen Ortschaften 2018

Vorgeschichte mini|links|Markenhof-Gründer Konrad Goldmann (sitzend in der Bildmitte) im Kreis einer Hachschara-Gruppe (vermutlich 1921) mini|links|Nachricht vom 9. März 1922 des Markenhof-Ausbildungsleiters Siegmund Seligmann an Zem Silberstein Die Geschichte von Beit Zera beginnt im Jahre 1919 mit der Einrichtung einer Hachschara-Ausbildungsstätte auf dem von dem jüdischen Fabrikanten Konrad Goldmann erworbenen Markenhof in der Nähe von Kirchzarten im Südschwarzwald, auf dem junge Zionisten, darunter auch Mitglieder des jüdischen Wanderbundes Blau-Weiß, ihre Vorbereitungen für eine Auswanderung nach Palästina absolvierten.

mini|Die Nordregion Israels mini|Die Lage von Beth Sera (Beit Zera) südlich des Sees Genezareth (Kinneret) mini|Die sieben Markenhof-Elevinnen und Eleven, die im Dezember 1921 gemeinsam nach Palästina gingen. Drei von ihnen gehören zur Gründergeneration von Beit Zera: Scheindel Porat (oberste Reihe rechts), Zem Ziv (Silberstein) (untere Reihe Mitte), Zippora (Zephora) Karmel (untere Reihe rechts)

Ein Ganim

Im Dezember 1921 wanderte eine erste Pioniergruppe aus vier Frauen und drei Männern nach Palästina ein.Ruben Frankenstein: Hachschara im Markenhof bei Freiburg (siehe Quellen) Ihre erste Station in Palästina war das in der Scharonebene liegende Ein Ganim (), eine 1908 als erster Moschav gegründete Siedlung, die 1937 nach Petach Tikwa eingemeindet wurde.Zu Ein Ganim existiert nur ein wenig aussagekräftiger Artikel in der englischen (:en:Ein Ganim) sowie ein längerer Artikel in der hebräischen Wikipedia (). In der Nähe befand sich auch die Siedlung Wilhelma (Bnei Atarot) der aus dem Königreich Württemberg nach Palästina gekommenen Siedler der christlich-pietistischen Templergesellschaft. Zwischen ihnen und den Markenhofern ergaben sich Kontakte auf dem Markt von Petach Tikwa, wo sie allerdings auch als Konkurrenten beim Absatz ihrer landwirtschaftlichen Produkte aufeinander trafen. Die Gruppe selber war, wie die nebenstehende Nachricht ihres ehemaligen Ausbilders zeigt, noch auf Unterstützung aus Deutschland angewiesen, die vom Markenhof besorgt wurde.

Einen ersten Eindruck in das neue Siedlungsprojekt vermittelten die Journalisten Richard Arnold Bermann und Arthur Rundt in ihrem 1923 veröffentlichten Buch Palästina. Ein Reisebuch. In dem von Bermann stammenden Kapitel Milch und Honig beschreibt er zunächst die Unterschiede zwischen den Siedlern der ersten Generation und den Neuen aus Deutschland, die die alten Kolonisten nicht verstehen würden und nur ein Ziel vor Augen hätten: eigenes Land in Galiläa. Bis dahin würden sie auf gepachtetem Land wirtschaften und ihre Zeit zur praktischen Einübung landwirtschaftlicher Arbeitstechniken nutzen, zur Gewöhnung an das Klima und zum Erlernen der hebräischen Sprache.Artur Rundt, Richard A. Bermann: Palästina. S. 56–57. Seinen ersten Eindruck von der Kwuza beschrieb er so:

Wie das Mädchen seien auch dessen Gefährten überwiegend Markenhofer, die einige Monate zuvor zum Zweck „gemeinsamer Arbeit und zu gemeinsamer Freiheit“ ihre Kwuzah gegründet hätten. Bermann verwies auch auf die finanziellen Nöte der Gemeinschaft und auf das manchmal knappe Essen. Selber angetan von der Fruchtbarkeit der Scharonebene, bewundert er den Mut der Gruppe, diese verlassen und in Galiläa (Galill) siedeln zu wollen, wo ihnen der Jüdische Nationalfonds eigenes Land versprochen habe.

Ruba al-Nasra Die Gruppe musste 1923 Ein Ganim verlassen, weil der Verpächter das Land für sich benötigteJulia Franziska Maria Böcker: HACHSCHARA AUF DEM MARKENHOF und weitere Absolventen des Markenhofs hinzukamen. Sie ließen sich im Dezember 1923 gemeinsam in Ruba al-Nasra, dem heutigen MizraFür einen kurzen Abriss der Geschichte des Kibbuz siehe den Artikel in der englischen Wikipedia: :en:Mizra () in der Jesreelebene nieder, etwa auf halbem Wege zwischen Afula und Nazareth. Nach Frankenstein wurde dort noch eine zweite Gruppe angesiedelt,Grete Brauer spricht in einem undatierten Brief aus dem Oktober 1924 von der benachbarten „Kwuza, den Zerefin“, deren Land unmittelbar an das der Markenhof-Gruppe angestoßen sei. Bei diesen Zerefin (auch Zrifin; englisch: Tzrifin) handelt es sich um eine Gruppe galizischer Juden, die nach dem Wegzug der Markenhof-Gruppe den Kibbuz Mizra gründeten. was bald zu beengten Platzverhältnissen und letztlich zu einem abermaligen Standortwechsel geführt habe.

Um den 20. Oktober 1924 herum traf die aus Berlin stammende und damals zweiunddreißigjährige Margarete (Grete) Brauer, die Schwester des Ethnologen Erich Brauer in Ruba al-Nasra ein, um sich dort der Markenhof-Gruppe anzuschließen.Grete Brauer: Letters from Palestine Als ehemalige Freundin von Gershom Scholem traf sie dort auf viele Bekannte aus der Berliner Jung-Juda-Gruppe, darunter einige, die, wie sie selber, Gründerinnen und Gründer von Beit Zera wurden. Grete Brauer, früher Blau-Weiß-Mitglied, gehörte im Dezember 1922 zu den Mitunterzeichnern einer von Gerschom Scholem initiierten Erklärung, mit der sich Jung Juda schärfstens von den Prunner Beschlüssen des Blau-Weiß abgrenzte. Von den 17 Unterzeichnerinnen und Unterzeichnern dieser ErklärungGershom Scholem Tagebücher, 2. Halbband 1917–1923 traf Grete Brauer sechs Personen wieder in Ruba al-Nasra: Meʾir Flanter, Benjamin Freund, Meta Jahr (später verheiratet mit Meʾir Flanter)Gershom Scholem Tagebücher, 1. Halbband 1913–1917, Gershom (Gotthold) Kalischer, Schlomoh KrolikKrolik wurde später vor allem als Mitherausgeber der Briefe, Tagebuecher, Erinnerungen [von] Arthur Ruppin bekannt. Dort wird er in einem Eintrag vom 5. Dezember 1934 von Ruppin als „Dr. Krolik (Leiter der landwirtschaftlichen Abteilung des Zentralbüros im Rahmen der ‚Hitʾachdut Olej Germania‘)“ erwähnt (Schlomo Krolik (Hrsg.): Arthur Ruppin. Briefe, Tagebücher. S. 452) und Alex Prag. Mit zwei weiteren, ihrem Bruder Erich und ihrem späteren Ehemann Harry (Aharon) Heller, führte sie von Palästina aus einen regen Schriftwechsel.Jüdisches Museum Berlin: Findebuch zur Sammlung der Familien Brauer Harry Heller besuchte sie 1926 in Palästina, und Erich Brauer dokumentierte später in seinen Fotografien und Zeichnungen die Anfänge von Beit Zera nach dem Wegzug aus Umm Dschuni, Gershom Scholem gilt als der Namensgeber des Kibbuz, und Grete Brauers Brief vom 28. Oktober 1924 belegt zudem, dass Beit Zera als Name damals bereits in der Diskussion war, aber noch nicht von allen Gruppenmitgliedern akzeptiert wurde. Diese Ablehnung beruhte auch darauf, dass damals eine Übersetzung im Umlauf war, der zur Folge Beit Zera nicht Samenhaus bedeute, sondern Muttermund. Unabhängig von dieser Übersetzungsproblematik sprach auch Arthur Ruppin in einem Tagebucheintrag vom 4. Oktober 1924 bereits von einem Besuch im „Markenhof (Beth Sera)“Schlomo Krolik (Hrsg.): Arthur Ruppin. Briefe, Tagebücher, und am 2. Juli 1927, nur kurz vor der Zerstörung von Umm Dschuni, erwähnte er erneut einen Besuch in Beth Sera. Während der Zerstörung von Umm Dschuni hielt sich Ruppin in Europa auf, weshalb dieses Ereignis vermutlich in seinen Erinnerungen keine Erwähnung fand, doch bei drei weiteren Besuchen im Jordantal (31. Dezember 1927, 4. Mai 1929, 14. Juni 1930) gehörte immer auch Beth Sera zu den erwähnten Orten und niemals ein anderer Name für diese Siedlung.

Viele von Grete Brauers Briefen bestätigen die oben erwähnten Vorahnungen von Richard A. Bermann über das Leben in Galiläa: überlange Arbeitszeiten, unzureichende Ernährung, unhygienische Lebensverhältnisse, Magen- und Darmerkrankungen, nicht beherrschbare Flohplage, mangelnde ärztliche Betreuung. Die Kwuza selber bestand nach ihren Worten aus Holzbaracken, drei Wohn- und einer Stallbaracke, die einen Hof umschlossen. Wasser musste mit Tonnen auf einem Wagen herangefahren werden und stand dann als Trink- und Waschwasser offen herum. 35 bis 40 Menschen hätten dort gelebt.Grete Brauer nennt zweimal diese Größenordnung von bis zu 40 Personen was, im Widerspruch steht zu der von Arthur Ruppin genannten Zahl 26 (Zitiert von Julia Franziska Maria Böcker: HACHSCHARA AUF DEM MARKENHOF) und den 23 Personen (siehe unten), die ins Jordantal übersiedelten. Möglicherweise beziehen sich Brauers Zahlen auf die beiden Kwuzot zusammen.

Einen breiten Raum in Grete Brauers Briefen nehmen die Prozesse innerhalb der Gruppe ein. Zum einen beklagt sie ihre Schwierigkeiten, von der Gruppe akzeptiert zu werden, zum anderen beschreibt sie die teils ruppigen Umgangsformen innerhalb der Gruppe. Nach einer Kibbuz-Versammlung (), bei der es um das Verhältnis der Chaverim untereinander ging, schrieb sie: „Ich, die ich neu und solcher Szenen ungewohnt bin, nehme anscheinend alles zu ernst, die Menschen, ihre Reden, ihre gegenseitigen Anrempelungen. Jeder ist ausserordentlich empfindlich, aber immer bereit, dem anderen eines auszuwischen.“ Im Zentrum ihrer Kritik stehen dabei immer wieder Benjamin Freund, Alex Prag und Hans Altberg,Der 1902 in Berlin geborene Hans Altberg hatte eine Ausbildung auf dem Markenhof absolviert und war 1924 nach Palästina ausgewandert. Altberg verließ die Markenhof-Gruppe, der er sich angeschlossen hatte, nach einigen Jahren und wurde Mitarbeiter der Nationalbibliothek Israels (NLI) in Jerusalem. Er heiratete 1929 Rebecca-Bella Kahnheimer und zog mit ihr nach Pardes Channa, wo die beiden zur Gründergeneration der im gleichen Jahr gegründeten Siedlung gehörten. (Archiv im Haus der Ghettokämpfer: Briefe von Jakob Wachenheimer) denen sie vorwirft, Forderungen an andere Gruppenmitglieder zu formulieren, denen sie selber nicht gerecht werden. Gershom Scholem wiederum scheint in der Gruppe kein großes Ansehen mehr genossen zu haben, da er als Bibliothekar an der NLI über ein für die Gruppenmitglieder unvorstellbar hohes Einkommen verfüge, sich aber in Notlagen wenig hilfsbereit gezeigt habe.

Nach Frankenstein war Artur RundtFrankenstein spricht von Bermans Faszination, aber das Kapitel, auf das er sich bezieht, wurde von Rundt verfasst: Chaluz und Chaluzah. In: Artur Rundt, Richard A. Bermann: Palästina. S. 106–109. fasziniert „von den scheinbar unkomplizierten, lockeren Beziehungen zwischen Männern und Frauen in der Gruppe“, was „ein eher oberflächlicher, wenn nicht ganz trügerischer Eindruck“ gewesen sei. Die Realität hinter diesem „trügerischen Eindruck“ hatte sich auch nach dem Umzug nach Ruba al-Nasra nicht verändert, wie die Briefe von Grete Brauer zeigen. Sie, die meist von den Mädchen sprach, wenn sie über die Chaverot schrieb, ihre Mit-Genossinnen, hielt diese für überarbeitet und überfordert, berichtete von einem missglückten Selbstmordversuch eines Mädchens, das offenbar ein verstecktes Zusammenleben mit einem Jungen nicht mehr ertrug und von Mädchen, die sehr unglücklich seien und sich ernsthaft mit dem Gedanken trügen, „aus der Kwuzah, in der man ihnen ja wirklich keine Entfaltung zulaesst, hinauszugehen“. Vordergründig gegen Hans Altenberg gerichtet, der abfällige Bemerkungen über einige Mädchen gemacht zu haben scheint, sieht sie ein tieferes Problem darin, dass die Mädchen, die bis zum Eintreffen der Jungen die Trägerinnen der Kwuza gewesen seien, nun von diesen bewusst an den Rand gedrängt würden. Sie kommt so zu einer wenig optimistischen Einschätzung über die Stellung der Mädchen innerhalb der Kwuza: