Die Schlacht von Soissons (französisch: Bataille du Soissonnais et de L’Ourcq) vom 18. bis 22. Juli 1918 war Teil der zweiten Schlacht an der Marne und eine entscheidende Kampfhandlung an der Westfront des Ersten Weltkrieges. Dabei konnte ein alliierter Flankenstoß aus dem Wald von Villers-Cotterêts, der in Richtung Soissons von etwa 400 Tanks unterstützt wurde, den Rückzug der deutschen Truppen aus dem Marne-Frontbogen erzwingen. Die Schlacht wurde zum größten Teil von den Truppen der American Expeditionary Forces unter französischem Oberkommando getragen, welche unter eigenen schweren Verlusten, die letzte große Offensive der Deutschen zum Scheitern brachten. Die militärische Initiative ging nach dieser erfolgreichen Offensive bis Kriegsende vollständig auf die Seite der Entente über. Bei den Amerikanern wurde der Sieg bei Soissons zusammen mit den Kämpfen bei Château-Thierry sofort als Wendepunkt des Krieges hoch stilisiert.
Vorgeschichte Ende Mai 1918 begann das deutsche Oberkommando den sogenannten Blücher-Yorck-Angriff über den Chemin des Dames in Richtung zur Marne, welche Paris als auch die Eisenbahnverbindung der französischen Hauptstadt nach Verdun bedrohte. Das Ergebnis dieser dritten Schlacht an der Aisne war ein halbkreisförmiger Frontbogen an der Westfront, die an der Basis 48 Kilometer breit war und sich in einer Tiefe von etwa 40 Kilometern südlich bis nach Chateau-Thierry an die Marne erstreckte. Die Stadt Soissons war dabei am 29. Mai in deutsche Hände gefallen.
mini|hochkant|Die alliierten Befehlshaber Foch und Pershing
Am Abend des 30. Mai wenige Tage nach Beginn der deutschen Offensive, traf der Oberbefehlshaber der AEF, General John Pershing in Sarcus ein, um sich mit General Ferdinand Foch, dem Befehlshaber der Groupe d’Armées du Nord, Gegenmaßnahmen zu beraten. Am 1. Juni nahm Pershing an einer Sitzung des Obersten Kriegsrats in Versailles teil. Zwei Wochen später, am 14. Juni schrieb Foch an den Oberbefehlshaber General Philippe Pétain: „Ich habe die Ehre, ihre Aufmerksamkeit auf die Bedeutung des Kommunikationsnetzes bei Soissons zu richten, das für die Versorgung von vier deutschen Divisionen an der Marne-Front verwendet wird und gleichzeitig den einzigen Knotenpunkt aller dem Feind an der Aisne und im Süden davon zur Verfügung stehenden Eisenbahnen darstellt.“ Fochs Brief an Pétain erreichte auch General Charles Emmanuel Mangin. Der Kommandeur der französischen 10. Armee antwortete am 20. Juni mit einem Plan für eine offensive Operation, um das Plateau südwestlich von Soissons zurückzuerobern und erklärte: „Von hier aus könnten die Langstreckengeschütze das Brücken- und Eisenbahnnetz an der Aisne einem intensiven Bombardement aussetzen. Auf den Höhen von Villers-Hélon und nicht in der Tiefebene von Longpont sollte die Zugänge zum Wald von Villers-Cotterêts gesichert werden“.
Deutsche Streitkräfte mini|General der Infanterie Johannes von Eben, Oberbefehlshaber der 9. Armee Am 19. Juni, noch vor Beginn der deutschen Offensive über die Aisne, wurde das deutsche Armeeoberkommando 9 (General der Infanterie Johannes von Eben) von der Ostfront an die Westfront versetzt. Am 23. Juni wurde der 9. Armee der Sektor links von der 18. Armee und rechts von der 7. Armee von Noyon südwärts nach Noroy-sur-Ourcq zugewiesen, der aus deutscher Sicht den rechten Abschnitt des eroberten Frontbogens darstellte. Der 9. Armee waren Anfang Juli in drei Korpsgruppen mit jeweils drei Divisionen zugeteilt:
Gruppe Woyna (Generalkommando VII. Armee-Korps) mit der 202., 211. und 223. Infanterie-Division Gruppe Staabs (Generalkommando XXXIX. Reserve-Korps) mit der 53. Reserve-, bayerischen 11. und 241. Infanterie-Division Gruppe Watter (Generalkommando XIII. Armee-Korps) mit der 14. Reserve-Division, 42. und 115. Infanterie-Division
Darüber hinaus wurden vier Divisionen (47. Reserve-, 14., 23. und 34. Infanterie-Division) in Armee-Reserve gehalten, während eine fünfte Division (28.) als Reserve der Heeresgruppe Deutscher Kronprinz im Abschnitt der 9. Armee stand. Die „Gruppe Staabs“, das XXXIX. Reserve-Korps hatte die bayerische 11. Infanterie-Division am Südufer und die 241. Infanterie-Division am Nordufer der Aisne stehen, die „Gruppe Watter“, das XIII. Korps befand sich südlich davon bis zum Ourcq.
Nach Süden bis zum Ourcq deckte als rechter Flügel der 7. Armee die Gruppe Winckler (Gen. Kdo. XXV. Reserve-Korps) mit der 40. Infanterie-Division, 78. Reserve- und bayerische 10. Infanterie-Division.
Die deutsche Luftaufklärung wies General von Eben darauf hin, dass alliierte Infanterie-Kolonnen ausgemacht wurden, die sich von Taillefontaine nach Osten bewegten. Am Abend des 11. Juli befahl er für die 9. Armee die wichtigen Punkte der Stellungen bei Pernant, auf der Beaurepaire Farm westlich von Villers-Hélon und auf den Hügeln von Chouy zu verstärken. Eine zweite Widerstandslinie mit Konzentration bei Saconin-et-Breuil, Chaudun, Vierzy und am Westrand des Bois de Mauloy im Raum St. Rémy-Blanzy-lès-Fismes sollte vorbereitet werden. Ab dem 12. Juli begann die Artillerie der 9. Armee auf Versammlungspunkte und Annäherungswege zu schießen, um diese alliierten Vorbereitungen möglichst zu verzögern. Trotz Fochs Bemühungen, den Angriff geheim zu halten, hatte die deutsche Führung durch Deserteure bereits am 11. Juli Anhaltspunkte erhalten, die über große Truppenkonzentrationen im Forêt de Retz und über einen bevorstehenden Großangriff informierten. Um ihre Verteidigung südlich der Aisne zu verstärken, platzierten die Deutschen weitere Artillerie-Batterien im Sektor der 241. Division. Die 46. Reserve-Division wurde zur Verstärkung von der Gruppe Woyna (VII. Armeekorps) herangezogen. Die 14. Division wurde zur Unterstützung des XXXIX. Reservekorps nördlich der Aisne herangezogen und die 34. Division wurde zur Unterstützung der Gruppe Staabs südlich der Aisne in Reserve gebracht. Die 6. Division wurde zusätzlich an der Naht zwischen dem XXXIX. Reserve-Korps und dem XIII. Korps platziert. Als Reserve wurde die 47. Reserve- und die 28. Division hinter dem Abschnitt des XIII. Korps zusammengezogen. Schließlich wurde die Artillerie der 211. Division (vom VII. Korps) zur 28. Division übertragen.
Die Konzentration der OHL lag aber nach dem Willen des Generalstabschefs Ludendorff darin, den für 15. Juli entscheidenden Marneschutz-Reims Angriff planmäßig durchzuführen.
Am frühen Morgen des 15. Juli griffen drei deutsche Armeen an. 23 Divisionen der deutsche 1. und 3. Armee unter den Generalen Mudra und Einem griffen die französische 4. und 5. Armee beidseitig von Reims an, während weitere 17 Divisionen der 7. Armee gegen die französische 6. Armee (Degoutte) im Süden an der Marne angriff. Ludendorff wollte durch den beidseitigen Angriff bei Reims die französischen Streitkräfte spalten.
Folgen der Marneschutz-Offensive
mini|hochkant|Generaloberst Max von Boehn Der deutsche Angriff im östlichen Frontbogen nach Süden scheiterte am Widerstand der französischen 5. Armee (General Berthelot) und war bereits am ersten Tag um 11 Uhr festgelaufen. Die Offensive westlich von Reims war dagegen erfolgreicher: Es gelang Generaloberst Max von Boehn, dem Kommandeur der deutschen 7. Armee sieben Divisionen über die Marne zu bringen. Sie durchbrach den rechten Flügel der französischen 6. Armee und konnte die Marne bei Dormans überbrücken, wobei auf 8 Kilometer Breite jenseits des Flusses ein Brückenkopf gebildet werden konnte. Entlang der Marne bei Chateau-Thierry gegenüber der 3. US-Division (General Joseph T. Dickman) waren die Deutschen nicht so erfolgreich. Obwohl dort einige alliierte Stellungen überwältigt wurden, wobei die Infanterie- und Maschinengewehr-Abteilungen zum Teil Verluste von 50 Prozent erlitten, konnte kein deutscher Soldat die Straße von Fossoy nach Crézancy überschreiten. Am 16. Juli konnte die deutsche 7. Armee ihren Angriff an der Marne nur noch auf der Strecke zwischen la Chapelle südlich und Marfaux nördlich des Flusses fortzuführen; dem XXIII. Reserve-Korps fiel dabei der Schutz der rechten Flanke zu.
Der Verlauf der Marneschlacht bot dann die Gelegenheit zur alliierten Gegenoffensive, welche die Bedrohung von Paris und der Eisenbahnlinie Paris–Nancy aufheben sollte. Die 1. US-Division wurde am 16. Juli im Forêt de Compiegne biwakiert und verbrachte den ganzen Tag im Wald, um den deutschen Flugzeugen verborgen zu bleiben. Die 2. Artillerie-Brigade der amerikanischen 2. Division war bereits in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli nach Betz vorgezogen worden. Brigadegeneral Albert J. Bowley ging seiner Brigade nach Chantilly voraus, um sich mit General Mangin wegen des Einsatzes der amerikanischen Artillerie zu besprechen. Den Divisionszügen wurde befohlen, sich in der Nähe von Lizy-sur-Ourcq zu konzentrieren. Die amerikanische 2. Division war in Marcilly ankommen, ihre Truppen trafen am 17. Juli vormittags, 24 km von ihrer Angriffsposition entfernt, westlich des Forêt de Retz ein. Im Rahmen des XX. Korps war die dort stehende marokkanische 1. Division mit dem Gelände vertraut, ihre Aufgabe bestand darin, ihre Flanken zurückzunehmen, um rechts und links Platz für das Einrücken die beiden amerikanischen Divisionen zu schaffen.
Angriffspläne der Alliierten mini|links|Ursprüngliche Angriffspläne der Alliierten mini|hochkant|General Emile Fayolle
Mitte Juli 1918 gab es in Nordfrankreich 26 amerikanische Divisionen in verschiedener Bereitschaft, davon standen 7 ausgebildete Divisionen im Raum Villers-Cotterêts und an der Marne. 5 weitere Divisionen standen in französischen Sektoren südlich von Verdun und weitere 5 zwischen Ypern und Arras in britischen Sektoren. Der Rest befand sich noch in Ausbildung und Training. Die 1. und 2. Division waren nach ihren Einsätzen in Cantigny und der Schlacht um Belleau Wood verlegt werden. Beide Divisionen wurden Anfang Juli mit Truppen von der 41. US-Division auf volle Stärke gebracht. Am 12. Juli wurden die 1. und 2. US-Division dem neu gebildeten amerikanischen III. Corps (General Robert L. Bullard) zugeteilt, das der französischen 6. Armee unterstellt wurde.
Der französische Generalstabschef Pétain erteilte der Führung der Groupe d’Armées de Réserve (General Fayolle) und der Heeresgruppe des Zentrums die Anweisung, sich unverzüglich auf eine Offensive vorzubereiten und erklärte: „Der minimale Erfolg des Angriffs sollte darin bestehen, dem Feind die Nutzung des Nachschub- und Verkehrsknotens Soissons zu entziehen.“ Dies bedeutete den Einsatz der französischen 10. und 6. Armee gegen die Westflanke des Marne-Frontbogen. Die französische 10. Armee sollte den Hauptangriff gegen die Verbindungswege zwischen Soissons und der Marne führen. Zur Unterstützung des Hauptangriffs hatte auch die französische 6. Armee südlich des Flusses Ourcq anzugreifen, während an der Ostflanke die französische 5. Armee entlang beider Ufer der Marne und mit ihrer rechten Flanke auf den Höhen südlich des Flusses Vesle angreifen würde. Zumindest würden die Angriffe der 5. und 6. französischen Armee dazu führen, dass deutsche Reserven nicht gegen den Hauptangriff der 10. Armee (General Charles Mangin) geführt werden können. Am folgenden Tag erklärte Pétain, der Angriff sollte am Morgen des 18. Juli gestartet werden, während er die Notwendigkeit der Geheimhaltung betonte.