mini|Vater im Krieg, Mutter im Krankenbett, Schwestern begraben die Schwester. Illustration der Illustrierten Kronen Zeitung zur Spanischen Grippe vom 2. Dezember 1918

Die Spanische Grippe war eine weltweite Influenza-Pandemie, die 1918 und 1919 auch in Kärnten mindestens 1.200 Todesopfer forderte. Die meisten Toten gab es während der Herbstwelle im Oktober und November 1918. Aufgrund des Ersten Weltkriegs und des Zerfalls von Österreich-Ungarn hatte die Bevölkerung bei der Bewältigung der Pandemie nahezu keine staatliche Unterstützung. Das Ausmaß der Krankheit in Kärnten lässt sich anhand von Einzelmeldungen nachzeichnen. Neben den existentiellen Erfahrungen als Frontland ist die Spanische Grippe als „Schwester des Krieges“ in der kollektiven Kärntner Erinnerung kaum mehr präsent.

Keine validen Daten mini|Gefährlich für Junge. Sterblichkeit nach Alter in den USA für 1911–1917 (gestrichelt) und das Jahr der Pandemie 1918 (durchgezogen)

Valide Zahlen für Infizierte und Todesopfer für Österreich-Ungarn liegen aus unterschiedlichen Gründen nicht vor. Durch den Weltkrieg waren die gesamten versorgungstechnischen und medizinischen Ressourcen der Monarchie gebunden. Eine statistische Erfassung der Opferzahlen war aufgrund fehlender Diagnosemethoden nicht möglich. Das Virus selbst war unbekannt und nicht nachweisbar. Offensichtlich waren vor allem die Symptom von Sekundärinfektionen mit Bakterien (Staphylokokken), die Lungen- oder Rippenfellentzündungen verursachen oder Superinfektionen. Eine Meldepflicht gab es nur in Ausnahmefällen zeitlich und örtlich begrenzt. Genaues Wissen über die Verbreitung fehlte. Man geht davon aus, dass der ungewöhnlich virulente Abkömmling des Influenzavirus weltweit für mindestens 25 Millionen, wahrscheinlich aber für knapp 50 Millionen Tote (bei einer Weltbevölkerung von etwa 1,65 Milliarden) verantwortlich war. Global betrachtet gab es rund doppelt so viele Tote wie durch den Ersten Weltkrieg.Das wurde schon in den 1920er Jahren so gesehen. Bei direkt in den Krieg involvierten Staaten wie Österreich-Ungarn waren die Kriegsverluste weitaus höher.

In der Schweiz starben laut offizieller Statistik 24.449 Menschen an der Spanischen Grippe (0,62 Prozent der Bevölkerung), wobei man auch dort mangels ärztlicher Meldepflicht von einer großen Dunkelziffer ausgeht. Kriegsbedingt gab es nahezu keinen individuellen Reiseverkehr. Man ging davon aus, dass sich Soldaten im Kontakt mit feindlichen Soldaten an der italienischen Front angesteckt haben und vermutete anfangs eine Folge des Giftgaseinsatzes. Schätzungen der Opferzahlen für Deutschland belaufen sich auf etwa 426.600.

Aufgrund der Auflösung der bürokratischen Strukturen der Monarchie ist die Schätzung der Opferzahlen für die Nachfolgestaaten von Österreich-Ungarn noch schwieriger. Aktuell geht man davon aus, dass auf dem Gebiet der Republik Österreich bis 1919 fast 21.000 Menschen an der Spanischen Grippe starben. Rund 18.500 sind im Jahr 1918 verstorben und weitere 2.400 im Jahr 1919. Legt man diese Zahl proportional auf Kärnten um, gab es dort rund 1.200 Tote. Für Wien geht man für die Zeit vom 1. September bis 19. Oktober 1918 von mindestens 180.000 Erkrankten (bei 2,2 Millionen Einwohnern) und 3.125 Toten aus.

Die Erkrankung und hohe Sterblichkeit jüngerer Erwachsener wurde auch in Österreich beobachtet. Damals brachte man das mit einer möglichen Immunität der Älteren durch die sogenannte Russische Grippe (1889–1895) in Verbindung, von der man annahm, dass es sich um eine Influenza-Pandemie gehandelt habe.Wolff: Spanische Krankheit. In: Wiener Klinische Rundschau, Heft 1918, Nr. 41 (Oktober), S. 232, (Online bei ANNO) Nach heutigem Wissensstand könnte die Ursache auch eine stärkere Immunreaktion bei Jüngern gewesen sein. Erkannt wurde auch, dass ganz kleine Kinder ebenfalls wenig betroffen waren.

Berichterstattung unter Militär-Zensur mini|rechts| (Karikatur von 1893)

Die österreichisch-ungarische Kriegs-Zensur verhinderte eine zu detaillierte Berichterstattung über die Seuche. Der Name Spanische Influenza geht auf liberalere Zensur im neutralen Spanien zurück, bzw. auf den Umstand, dass der Monarch Alfons XIII. und ein Teil seines Kabinetts vom Fieber geschüttelt wurden.

Auf Basis von Erbgutanalysen geht man heute davon aus, dass das Virus im US-Bundesstaat Kansas seinen Ausgang nahm, wo ein Vogelgrippe-Virus über Schweine zum Menschen übergesprungen war. Mit den amerikanischen Truppentransporten im Weltkrieg gelangte das Virus nach Europa. In der amerikanischen Kriegspropaganda machte man damals das Deutsche Kaiserreich dafür verantwortlich, das beschuldigt wurde, vergiftete Lebensmittel-Konserven oder kontaminierte Aspirin-Tabletten geliefert zu haben.

Durch die Zensur des k.u.k. Kriegsministeriums sind die Zeitungsartikel in der Frühphase allgemein gehalten und kurz. Der Fokus der Berichte lag auf jenen, die zwar einen heftigen und kurzen Krankheitsverlauf hatten, aber bald wieder gesund wurden. Wenn von Toten die Rede ist, dann nur im Ausland. Im Oktober und November 1918 endet die Geheimhaltung und die Berichterstattung der Zeitungen über die Spanischen Grippe. In der Phase des Zerfalls des Staates und der damit verbundenen Einstellung der Zensur wurden die Zeitungsartikel deutlich umfangreicher und beschrieben Schicksale.Ein Beispiel aus Auch private Todesanzeigen wurden möglich. Bis 1927 waren Printmedien die einzige Möglichkeit, die Kärntner breit zu informieren. Erst dann kam das Radio.Der Sender Klagenfurt wurde am 12. Februar 1927 eröffnet.

Historische Epidemien, die Influenza wurde auch als ‚Blitzkatarrh‘ bezeichnet, wurden selten angesprochen. Im Zuge von Gerüchten über Engpässe bei der Bestattung am Wiener Zentralfriedhof, erschien in mehrere Zeitung ein Bericht über die Grippe im Jahr 1838, die in Aufzeichnungen der Pfarrchronik des Stiftes Tepl in Westböhmen dokumentiert ist. Damals starben bis zu 15 Menschen am Tag. „In London und Paris war die Sterblichkeit so groß, dass die Zahl der Totengräber und der Raum der Friedhöfe nicht mehr hinreichte.“ Historische Zusammenstellungen über die Geschichte der Grippe wie jene, die 1857 in mehreren Zeitungen erschien, waren augenscheinlich unerwünscht.

Sterbebücher als Quelle Zentrale Sterberegister gab es auch vor dem Krieg nicht, daher muss auf die lokalen Sterbebücher der Pfarren zurückgegriffen werden. Krankheiten sind (meist) in der Spalte „Krankheit und Todesart“ angeführt, allerdings nicht standardisiert. Die Qualität der Einträge hängt von der Diagnose des zuständigen Gemeindearztes bzw. des buchführenden Pfarrers ab. Die „Todesarten“ für Opfer der Spanischen Grippe sind beispielsweise „Grippe“, „Spanische Grippe“, „Spanische Krankheit“, „Lungenentzündung“, „Grippe, Lungenentzündung“ oder „Spanische Grippe und Lungenentzündung“, „Lungentuberkulose“ oder „Pneumonia (span. Grippe)“. In den slowenischen Sterbebüchern heißt die Krankheit „Španska bolezen“, „Vnjetje pljuč“, „Hripa in pljučnica“, „Influenca pljucnica“ oder einfach „Hripa“.

Über die Toten der meisten Kärntner Ortschaften gab es keine Zeitungsberichte. Hier sind die Sterbebücher die einzige Quelle. Exemplarisch einige eher abgelegene Dörfer: St. Lorenzen in der Reichenau (ca. 8 Tote), Kaning (2 Tote), Maria Luggau (1 Tote), St. Margareten im Rosental (ca. 8 Tote) oder Zell (ca. 15 Tote).

Unbekannte Verbreitungswege mini|rechts|Aspirin galt als „Wundermittel“, war aber wegen des Exportverbots des Deutschen Reichs kaum erhältlich

Kriegsbedingt waren Geschäftsreisen oder Tourismus keine relevanten Verbreitungswege. Hauptüberträger (Superspreader) waren Soldaten auf Heimaturlaub bzw. später Kriegsheimkehrer oder durchziehende Soldaten nach Kriegsende und vor allem auch heimkehrende Kinder aus weiterführenden Schulen. „Zahlreich sind auch die Fälle unter den Militärpersonen und noch zahlreicher in der Schule.“ Beispielsweise das Stiftsgymnasium St. Paul im Lavanttal mit großem überregionalen Einzugsgebiet wurde trotz 128 erkrankter Schülern weitergeführt. Selbst wenn die Schulen gesperrt wurden, war es viel zu spät. Aus Völkermarkt wurde berichtet: „Die meisten Studenten, die von Klagenfurt infolge Sperrung aller Schulen nach Hause gekommen sind, liegen nun selbst erkrankt darnieder.“ Unter den Kranken und Toten waren auch Kriegsgefangene, die in der Landwirtschaft Zwangsarbeit leisten mussten. Einige nahmen nach Kriegsende die Krankheit aus Kärnten in ihre Heimatländer mit.

Man wusste über die hohe Ansteckung der Krankheit, sah aber keine Möglichkeit, Versammlungsverbote, Isolierung oder Meldepflichten durchzusetzen. Ein Lockdown galt als unmöglich. Die Schließung von Versammlungsorten oder Schulsperren erfolgten dezentral, zögerlich oder gar nicht, je nach Ermessen der örtlich Zuständigen. Die ohnehin leidgeprüfte Wirtschaft war strikt dagegen wie z. B. die Kinobesitzer. Auch von Privaten wurden offene Kaffee- und Gasthäuser gefordert, da dort geheizt war. Zeitungen forderten, wie in St. Veit, Schulsperren.In den USA war man mit Schulschließung durchaus erfolgreich. In Klagenfurt waren um Allerheiligen 1918 zwar die Schulen gesperrt, nicht aber Theater oder Kinos. Das Stadttheater Klagenfurt wurde schließlich doch für 12 Tage gesperrt.

Behördliche Verhaltensanleitungen via Kundmachungen oder Anzeigen in Tageszeitungen erfolgten nicht. Verweise auf die Wichtigkeit hygienischer Maßnahmen wie Händewaschen gab es nur sehr selten, Erläuterungen zum Selbstschutz fast nie.

Durch den Zerfall der österreichisch-ungarischen Monarchie gibt es keine offiziellen Stellungnahmen der Behörden zur Pandemie. Mitten in der Herbstwelle 1918 erfolgte am 12. November die Ausrufung der Republik Deutschösterreich. Die verbleibende Infrastruktur, wie die Eisenbahn (für Krankentransporte) litt stark unter den Personalausfällen durch die Grippe. Die Lokalbahnen waren auch notwendig, damit sich die hungernden Städter mit Lebensmitteln bei den Bauern eindecken konnten, was nicht immer legal erfolgte. Aus dem Gailtal wird berichtet, dass an der Grippe niederliegende Bauernfamilien ihre Felder des nachts nicht bewachen konnten, weshalb sie stark geplündert wurden. Plündern war ein lebensgefährliches Unterfangen, da durch den Krieg jeder, der wollte, Zugang zu Waffen hatte und die Polizei nur bedingt einsatzbereit war.

Aus der großen Anzahl der Zeitungsartikel scheint Unterkärnten anfangs stärker betroffen gewesen zu sein, was aber auch von der räumliche Nähe zu den Zeitungsredaktionen in Klagenfurt abhängen könnte. Später im Herbst 1918 werden Krankheitsfälle aus Oberkärnten berichtet. Über abgelegene Gegenden in Kärnten bzw. im heutigen Südtirol wurde erst spät berichtet. Der zeitliche Ablauf der Pandemie in der Steiermark war jenem in Kärnten sehr ähnlich.

Keine Heilmittel