Das Cartel de los Soles (Originalschreibweise: Cártel de los Soles; spanisch für Kartell der Sonnen) beschreibt Gruppen innerhalb der venezolanischen Sicherheitskräfte, die angeblich mit Kokain handeln. In den Hauptzweigen der Streitkräfte – Armee, Marine, Luftwaffe und Nationalgarde, von der niedrigsten bis zur höchsten Ebene – gebe es Berichten zufolge Zellen, die im Wesentlichen als Organisationen des Drogenhandels fungieren. Im Gegensatz zu den „klassischen“ Kartellen, wie z. B. dem Medellín-Kartell, Sinaloa-Kartell und dem Cali-Kartell, die alle klar definierte hierarchische Pyramidenstrukturen aufweisen, handele es sich beim „Kartell der Sonnen“ primär um ein informelles Netzwerk.Cómo funciona el mal llamado Cártel de los Soles infobae.com, vom 2. Oktober 2019 (es)Tjerk Brühwiller: MADURO UND DER DROGENHANDEL: Wer Dollars hat, ist König faz.net, vom 27. März 2020

Die US-Regierung, die die venezolanische Regierung um Nicolás Maduro beschuldigt, in ein Drogenkartell mit dem Namen Cartel de los Soles verwickelt zu sein, konnte Stand August 2025 kaum stichhaltige Indizien für die Existenz einer solchen Gruppe vorlegen. Einige Experten sagen, es gebe kaum aussagekräftige Fakten. Maduro bzw. die von den USA seit langem mit Sanktionen belegte und seit 2019 international teilweise isolierte, da nicht als rechtsmäßig eingestufte Staatsführung Venezuelas behauptet, das Cartel de los Soles sei eine Erfindung der US-Regierung.

Dem ehemaligen Leiter des UN-Büros für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) Pino Arlacchihttps://www.tni.org/files/download/brief1.pdf zufolge sei das Cartel de los Soles ein „geopolitisches Konstrukt“, das den USA „dazu diene, Sanktionen, Embargos und Drohungen mit militärischen Interventionen gegen ein Land zu rechtfertigen, das zufällig über einige der größten Ölreserven der Welt verfügt“.

Geschichte Herkunft der Benennung mini|190px|rechts|Abbild einer „Sonnen“-Insigne venezolanischer Generäle von der Schulterklappe und Name für das Kartell

Der Begriff Cartel de los Soles wurde erstmals 1993 verwendet, als zwei Generäle der Nationalgarde, der Anti-Drogen-Chef Ramón Guillén DávilaRamón Guillén Dávila poderopediave.org, abgerufen am 27. März 2020 (spanisch) und sein Nachfolger Orlando Hernández VillegasDETENIDO JEFE DE LA POLICÍA VENEZOLANA eltiempo.com, vom 26. August 1993 (es), u. a. auf Drogenhandel untersucht wurden. Als Brigadekommandanten trug jeder eine einzige Sonne als Abzeichen auf den Schultern, woraus der Name Cartel del Sol entstand. Später wurde der Begriff zum Cartel de los Soles. Seither benutzt die mysteriöse, öffentlich nahezu unbekannte kriminelle Organisation ihren Namen wegen der Schulterklappen der Generäle in ihren Reihen.Thomas Wagner: "König der Paten" kehrt nach Venezuela zurück zeit.de, vom 9. Mai 2011

1990er Jahre In den 1990er Jahren tauchten Vorwürfe von mit Drogenhändlern verbündeten Truppen der Nationalgarde auf, doch im Allgemeinen bestand dies hauptsächlich darin, Bestechungsgelder anzunehmen und wegzuschauen, während Drogendealer ihre Waren bewegten. Das Kokain lieferten jedoch Kontaktleute der FARC, während das „Kartell der Sonnen“ für den ungehinderten Transport der heißen Ware sorgte. Das Militär hatte keine direkte Verbindung zu Lieferanten und bewegte oder lagerte Kokain größtenteils nicht selbst.

2000er Jahre Mitte der 2000er Jahre wurden Elemente der Nationalgarde und anderer Zweige des Militärs im Drogenhandel viel aktiver. Zellen innerhalb der Sicherheitskräfte begannen, Kokain zu kaufen, lagern, transportieren und verkaufen, während ihre Hauptaufgabe zuvor darin bestand, Geld von Drogenhändlern zu erpressen, die Kokainlieferungen transportierten.

Drei bedeutende Ereignisse trugen zum Anstieg der organisierten Kriminalität in Venezuela bei. Zunächst unterzeichnete Kolumbien mit den Vereinigten Staaten den Sicherheitsplan Kolumbien im Krieg gegen Drogen, der es den kolumbianischen Sicherheitskräften ermöglichte, Guerillagruppen der Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (FARC-EP) und der Nationalen Befreiungsarmee (ELN) unter Druck zu setzen. Dieser militärische Druck zwang die kolumbianischen Guerillas, ihre Operationen in die schlecht bewachten östlichen Grenzregionen zu Venezuela zu verlegen.Florian Quitzsch: quetzal-leipzig.de, vom März 2008Plan Colombia - Información y Documentos derechos.org, abgerufen am 27. März 2020 (es)

Dann ereigneten sich im Jahr 2002 zwei Schlüsselereignisse nacheinander. Das erste war das Ende des Friedensprozesses zwischen der FARC und der Regierung von Kolumbiens Präsident Andrés Pastrana, mit dem die Guerillas ihr riesiges „Heiligtum“ im südlichen Kolumbien überwiegend verloren und gezwungen waren, andere Schutzräume zu suchen. Der zweite war der Putschversuch, der Venezuelas Präsident Hugo Chávez vorübergehend von der Macht entfernte. Dies veranlasste Chávez, einen Großteil seiner Energie darauf zu konzentrieren, die Putschisten zu identifizieren und zu sanktionieren, während er andere intensive politische Kämpfe wie den Ölstreik 2002 bis 2003 anführte.

Die Folgen des Putsches führten dazu, dass die Regierung von Chávez ihren Vertrauenskreis stärkte, was auch dazu führte, dass loyalen Militärs viele einflussreiche Regierungspositionen oder lukrative Vertragschancen verliehen wurden. Chávez richtete auch Gebiete mit militärischen Operationen entlang der Grenze zu Kolumbien ein und schürte die Angst vor einer US-Invasion. Es wird angenommen, dass zu dieser Zeit Mitglieder der Armee und der Nationalgarde durch Drogenhandel korrumpiert wurden.Cártel de los Soles: Chávez ordenó llenar EEUU con cocaína de las FARC panamapost.com, vom 13. September 2019 (es)

Der Begriff Cartel de los Soles trat erst 2004, dank des Journalisten und Stadtrats Mauro Marcano, wieder in den Vordergrund. Bevor er auf dem Parkplatz an seinem Wohnort in Maturín erschossen wurde, beschuldigte er den Brigadekommandeur der Nationalgarde und Geheimdienstdirektor Alexis Maneiro und andere Mitglieder der Nationalgarde mit Verbindungen zum Drogenhandel.https://cpj.org/data/people/mauro-marcano/El Caso Marcano panasvenezolanos.com, vom 23. Mai 2019 (es) Der Fall Marcano deutete auf systematische Korruption in der Nationalgarde hin. Die Regierung unternahm jedoch nur halbherzige Anstrengungen, um seinen Mord zu untersuchen. Gegen Maneiro wurde keine Untersuchung eingeleitet und er wurde in eine weniger exponierte Position versetzt.Jorge Castro: A tres meses del asesinato del concejal y periodista Mauro Marcano aporrea.org, vom 5. Januar 2005 (es)

Während dieser Zeit gab es jedoch andere Anzeichen dafür, dass der Drogenhandel in Venezuela zunahm. Eine Rekordzahl von Drogenbeschlagnahmungen wurden im Jahr 2004 im Land durchgeführt: 32 Tonnen Kokain und 12 Tonnen Heroin und Marihuana. Die Beteiligung des Militärs an der Erleichterung des Kokainverkehrs wurde ebenfalls im August 2004 untersucht, als mehrere Beamte drei Passagieren (einschließlich eines US-Bürgers) bei einem Drogenkurierflug eine Falle auf dem internationalen Flughafen Caracas stellten. Andere Funktionäre der Nationalgarde wurden in einem separaten Fall festgenommen als sie auf dem internationalen Flughafen Caracas Kokain in einem Privatflugzeug verstauen wollten. Diese Art von Ereignissen hob die Rolle des Militärs beim Drogenhandel und ihre Tendenz hervor, Drogenlieferungen nur dann zu beschlagnahmen, wenn sie die entsprechenden Bestechungsgelder nicht erhalten hatten.

Ein weiteres Ereignis ereignete sich 2005, das weiter zur Stärkung der Netzwerke der organisierten Kriminalität im Land beitrug, als Chávez die US-Drogenvollzugsbehörde (DEA) der Spionage beschuldigte. Damit waren die von den USA finanzierten Antinarcotics-Projekte beendet.

2010er Jahre Andere Vorfälle wie dem eines Drogenflugzeugs im Jahr 2011 erweckten ebenfalls den Eindruck, dass das organisierte Verbrechen auf höchster Ebene der Regierung und der Armee mitschuldig war. Es wurde festgestellt, dass ein kleines Flugzeug, welches im Bundesstaat Falcón abgefangen wurde, etwa 1400 Kilogramm Kokain transportiert und im August 2011 von der Militärbasis La Carlota in Caracas abgehoben hatte. Sprecher der Armee, der Luftwaffe und der Regierung gaben verschiedene Erklärungen zum Vorfall ab.Narcoavioneta: Detienen a oficial de la GNB en Punto Fijo reportero24.com, vom 27. September 2011 (es)

Ein weiterer Fall, der im September 2013 begann und diesmal eine kommerzielle Fluggesellschaft betraf, führte zur Festnahme von 28 Personen, darunter ein Oberstleutnant und andere Mitglieder der Nationalgarde. Am 10. September 2013 landete ein Flugzeug der Air France in Paris mit 1,3 Tonnen Kokain an Bord, verpackt in 31 Koffern. Das Flugzeug war vom Flughafen Caracas gestartet, der von der Nationalgarde kontrolliert wird.Rekordfund in Air-France-Maschine - 1,3 Tonnen Kokain entdeckt n-tv.de, vom 23. September 2013

Im Jahr 2014 erwähnte die US-Behörde OFAC den ehemaligen Geheimdienstchef Hugo Carvajal, der später auf Ersuchen der US-Behörden von Sicherheitskräften in Aruba festgenommen wurde. Nach der Intervention der niederländischen Regierung wurde er jedoch schnell freigelassen.

Diesem Vorfall folgten 2015 weitere Skandale, als Leamsy Salazar, ehemaliger Chef der Sicherheit von Präsident Chávez, den damaligen Präsidenten der Nationalversammlung Diosdado Cabello beschuldigte, einer der Führer des „Kartells der Sonnen“ zu sein.El jefe de seguridad del número dos chavista deserta a EE.UU. y le acusa de narcotráfico abc.es, vom 18. August 2015 (es) Im August 2016 haben die Vereinigten Staaten Anklage gegen den ehemaligen Generaldirektor der venezolanischen Anti-Drogen-Agentur, Néstor Reverol, und den ehemaligen stellvertretenden Direktor dieser Agentur, Edylberto José Molina,Edylberto José Molina Molina poderopediave.org, abgerufen am 27. März 2020 (es) erhoben. Am Tag nach der Veröffentlichung der Vorwürfe ernannte der venezolanische Präsident Nicolás Maduro Reverol zum neuen Innenminister.

Anzumerken ist, dass die Sicherheitskräfte Venezuelas keine vollständig transparenten Untersuchungen zum mutmaßlichen Fehlverhalten von Maneiro, Alcalá und anderen durchgeführt haben, als sie die Gelegenheit dazu hatten. Es sollte auch beachtet werden, dass Venezuela zwar einige niedrigrangige Angehörige der Streitkräfte wegen Drogenverbrechen beschuldigt hat, hochrangige Mitglieder, denen die Beteiligung am Drogenhandel vorgeworfen wird, offenbar offiziellen Schutz erhalten.Cartel de los Soles insightcrime.org, vom 1. November 2016 (es)

2020er Jahre Im Jahr 2025 erhöhten die USA das Kopfgeld auf Maduro von 15 Millionen auf 50 Millionen US-Dollar. Begründet hatte das US-Justizministerium diesen Schritt damit, dass Maduro das Cartel de los Soles anführen soll. Noch im selben Monat ließ US-Präsident Donald Trump Kriegsschiffe vor die Küste Venezuelas verlegen bzw. eine Seeblockade einrichten. Die Verlegung wurde vonseiten der US-Regierung sowohl mit der nicht enden wollenden Opioid-Epidemie in den USA als auch mit dem Kampf gegen lateinamerikanische Drogenkartelle begründet. Trumps Regierungssprecherin Karoline Leavitt bezichtigte Maduro, die Vereinigten Staaten mit Drogen zu fluten. Die Blockade wird von Beobachtern als Versuch gewertet, Machthaber Maduro indirekt zu stürzen.

Am 3. Januar 2026 wurden Präsident Maduro und seine Ehefrau während einer Militärintervention von US-Spezialeinheiten in Venezuela verhaftet und in die USA ausgeflogen. Mit Prozessbeginn vor einem New Yorker Gericht zog das Justizministerium den ursprünglich zentralen Vorwurf jedoch zurück, Maduro sei Chef des Cártel de los Soles und zweifelte sogar dessen Existenz an.

Siehe auch: Beziehungen zwischen Venezuela und den Vereinigten Staaten

Sanktionen der USA Im Jahr 2008 kündigte das US-OFAC Sanktionen gegen folgende Personen an: Hugo Carvajal, damals Direktor des militärischen Geheimdienstes.