Die COVID-19-Pandemie in Schweden trat ab Januar 2020 als regionales Teilgeschehen des weltweiten Ausbruchs der Atemwegserkrankung COVID-19 auf und beruhte auf Infektionen mit dem Ende 2019 neu aufgetretenen Virus SARS-CoV-2 aus der Familie der Coronaviren. Die COVID-19-Pandemie breitete sich ab Dezember 2019 von der chinesischen Metropole Wuhan, Provinz Hubei ausgehend aus.Lungenärzte im Netz: . Online unter www.lungenaerzte-im-netz.de. Abgerufen am 14. April 2020. Ab dem 11. März 2020 stufte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) das Ausbruchsgeschehen des neuartigen Coronavirus als Pandemie ein.„Tief besorgt“. WHO spricht von Corona-Pandemie. In: Tagesschau.de, 11. März 2020, abgerufen am 14. April 2020.

Bis Juli 2020 wurde die Strategie der schwedischen Regierung beschrieben als Strategie zur Verlangsamung des Infektionsgeschehens durch Maßnahmen mit vorwiegendem Empfehlungscharakter, die auf lange Zeit durchgehalten werden können. Dabei hatten die Behörden die Hoffnung, dass ein gewisses Maß an Herdenimmunität als Nebeneffekt entstehen würde, verfolgten dies jedoch nicht als Ziel der Strategie. Diese 2020 angewandte Strategie wurde als moralisch, ethisch und wissenschaftlich fragwürdiges Laissez-faire scharf kritisiert.

Die meisten Maßnahmen zur Eindämmung der Epidemie in Schweden waren freiwillig. Ende November 2020 griff die Regierung erstmals stärker in das öffentliche Leben ein und erließ Kontaktbeschränkungen. Ab März 2021 durften zudem Bars und Restaurants nur noch bis 20:30 Uhr öffnen. Die Beschränkung der Öffnungszeiten von Restaurants und Bars durch die Behörde für Öffentliche Gesundheit in Schweden endete am 1. Juli 2021.Justierung der Maßnahmen gegen die Verbreitung von Covid-19, Behörde für Öffentliche Gesundheit in Schweden (in schwedischer Sprache). Anfang September 2021 wurden zunächst alle übrigen Beschränkungen und Empfehlungen aufgehoben. Im Dezember 2021 wurde für größere Veranstaltungen ein verpflichtender Impfnachweis eingeführt.

Verlauf im Jahr 2020 mini|Informationen zum neuen Coronavirus und der Krankheit Covid-19 der zuständigen schwedischen Behörde für öffentliche Gesundheit ()

Januar und Februar Der erste bestätigte COVID-19-Fall in Schweden wurde am 31. Januar gemeldet; eine aus Wuhan zurückkehrende Frau wurde positiv getestet. Am 26. Februar, nach dem COVID-19-Ausbruch in Italien und im Iran, traten in Schweden mehrere Cluster auf.

März Am 9. März folgte der erste Bericht über die Übertragung innerhalb des Landes bei zwei Patienten, die sich am 6. März im St.-Göran-Krankenhaus in Stockholm meldeten. In allen zuvor festgestellten Fällen war die Kontaktverfolgung erfolgreich gewesen und es wurden Verbindungen zu Reisenden oder anderen bestätigten Fällen hergestellt. Das schwedische Gesundheitsamt reagierte am 10. März mit einer Erhöhung der Risikobewertung der Ausbreitung in der Gemeinde von mäßig auf sehr hoch.

Der erste Todesfall wurde am 11. März gemeldet, als ein über siebzig Jahre alter Risikopatient aus der Region Stockholm auf der Intensivstation des Karolinska-Universitätskrankenhauses starb. Er war nicht im Ausland gewesen.

Ebenfalls am 11. März verabschiedete die schwedische Regierung eine Verordnung, die bis auf weiteres alle Versammlungen mit mehr als 500 Personen unter Strafandrohung verbot. Die zulässige Anzahl wurde am 29. März auf 50 Personen reduziert.

Ab dem 12. März wurde die nationale Teststrategie nur auf Ältere, Schwerkranke und medizinisches Personal angewendet. Die offizielle Empfehlung lautete ab dem 13. März, wegen nicht schwerwiegender Symptome zu Hause zu bleiben und keine Bezirksgesundheitszentren oder Krankenhäuser zu besuchen. Dies macht Statistiken aus Schweden mit anderen Ländern weniger vergleichbar. |zitat=När och var ska jag söka vård? De allra flesta som blir sjuka behöver inte söka vård eftersom besvären brukar gå över av sig själv. (187 neuen Fällen am 12. März und 127 am Tag danach)

Der zweite Todesfall in Schweden wurde am 14. März gemeldet, eine 85-jährige Frau mit Risikofaktoren in der Region Västra Götaland. Der dritte Todesfall am selben Tag war ein älterer Mensch in der Region Stockholm.

Bis zum 15. März gab es in Schweden 1190 bestätigte Fälle, wobei der Landkreis Stockholm am stärksten betroffen war. Am 26. März hatte sich die Zahl auf 2840 bei 71 Toten und sechzehn als geheilt geltenden Personen erhöht.

Die erste als infiziert gemeldete Person, eine Frau aus Jönköping, war einer der 16 offiziell als geheilt geltenden Fälle, die anderen waren zwei Menschen in einem Altersheim in Flen und dreizehn Menschen aus Värmland.

Regierungschef Stefan Löfven (SAP) erklärte Ende März: „Es geht um gesunden Menschenverstand“ und: „Wir vertrauen einander. Wir brauchen keine Verbote.“ Anders Tegnell, Chef-Epidemiologe der zuständigen Behörde für öffentliche Gesundheit in Schweden (, FHM), führte aus: „Wir, die mit Infektionskrankheiten arbeiten, wissen ja, dass sich dieser Typ von Krankheit weiter ausbreiten wird, bis wir eine Immunität in der Bevölkerung erreicht haben“ und: „Einen anderen Weg, um es zu stoppen, gibt es nicht.“

April Bis Mitte April war das Virus, trotz Besuchsverboten, in einem Drittel der Altenheime in Stockholm aufgetreten; es verursachte einen sprunghaften Anstieg der Todesfälle. Tegnell äußerte die These, das neuartige Coronavirus sei „nicht aufzuhalten“. Die Kurve müsse flach gehalten werden, um Krankenhäuser nicht zu überlasten. Tegnell hatte aber von Anfang an auch die sozialen Folgen im Blick: Die Einschränkungen sollten nicht zu streng sein, damit Menschen auch bereit sind, diese monatelang zu akzeptieren. Zudem hoffte er darauf, dass auf diese Weise genug widerstandsfähige Menschen an Covid-19 erkranken, um eine Immunität gegen den Erreger zu entwickeln.

Zu Ende April glaubte die Gesundheitsbehörde, der Höhepunkt der Epidemie in der Region Stockholm sei bereits überschritten. Ein Viertel der Bevölkerung der Hauptstadtregion soll sich bis Anfang Mai mit dem Virus infiziert haben. Aufgrund der geringeren Restriktionen verbreitete sich das Virus in Schweden schneller als in Ländern mit einem Lockdown. In zwei Altenheimen der Hauptstadt wurden sämtliche Bewohner getestet, das Ergebnis: Von den 54 Personen, die keinerlei Symptome hatten, waren 20 positiv. „Schweden könnte also tatsächlich auf einem guten Weg in Richtung Herdenimmunität sein.“

Johan Carlson, Generaldirektor der schwedischen Behörde für öffentliche Gesundheit, sagte Ende April: „Das Wichtigste ist, dass Sie sicherstellen, dass Sie die Krankheit unter Kontrolle halten, damit das Gesundheitssystem nicht überlastet wird, und das haben wir bisher geschafft.“

Am 29. April veröffentlichte die schwedische Gesundheitsbehörde die Entwicklung der Reproduktionszahl Re, die im Verlauf des April auf unter 1 gesunken war., schwedisch, abgerufen am 11. Mai 2020. Tegnell äußerte in einem Interview die Vermutung, die Pandemie werde langsam abebben. Tegnell erklärte wiederholt, mathematischen Modellen zufolge sei es möglich, dass in Stockholm bereits Mitte Mai Anzeichen für eine Herdenimmunität zu sehen sein könnten.

Mai WHO-Exekutivdirektor Ryan nahm Anfang Mai zum schwedischen Sonderweg dezidiert Stellung: „Anders als andere stützte sich Schweden sehr stark auf seine Beziehung mit seinen Bürgern.“ In diesem Sinn habe Schweden die öffentliche Politik durch eine Partnerschaft mit der Bevölkerung umgesetzt. „Ich denke, wenn wir eine neue Normalität erreichen wollen, ist Schweden ein Vorbild, wie man zu einer Gesellschaft ohne Lockdown zurückkehrt.“ Weiter sagte Ryan, man müsse sich bewusst sein, dass das Virus vorhanden ist. Einzelpersonen, Familien und Gemeinschaften müssten tagtäglich alles tun, um die Übertragung dieses Virus einzudämmen. „Das kann bedeuten, dass wir unsere Lebensweise anpassen müssen.“ In Schweden werde untersucht, wie das in Echtzeit geschehen kann. „Ich denke also, dass wir vielleicht von unseren Kollegen in Schweden etwas lernen können“, sagte Ryan.

Der Tagesspiegel stellte im Mai fest: „Schweden hat die Test-Kapazitäten zwar (bis Anfang Mai) … deutlich ausgeweitet, aber insgesamt wird hier noch vergleichsweise wenig getestet.“ Rund 90 % aller Patienten, die bis 7. Mai in Verbindung mit Covid-19 verstorben waren, waren älter als 70 Jahre, und mehr als die Hälfte lebte zuvor in einem Heim.

Nach Veröffentlichung des Zwischenergebnisses einer noch laufenden Studie der staatlichen Gesundheitsbehörde vom 20. Mai ging diese aufgrund von Hochrechnungen davon aus, dass bereits über 20 % der Bevölkerung in Stockholm über Antikörper gegen den Covid-19-Erreger verfügten. Spätere Untersuchungen von Blutproben aus diesem Zeitraum zeigten allerdings nur einen Anteil von 10 %. Als positives Zeichen sah Tegnell, dass seit Mitte April die Reproduktionszahl kontinuierlich unter 1,0 lag.

Juni Die Behörde für öffentliche Gesundheit präsentierte am 2. Juni Zwischenergebnisse einer Antikörperstudie. In Blutproben aus der 20. Kalenderwoche (11. Mai bis 17. Mai) waren bei knapp 8 % der unter 20-Jährigen, knapp 7 % der 20- bis 64-Jährigen und etwa 3 % der über 65-Jährigen Antikörper nachweisbar, mit starken regionalen Unterschieden.

Die im Vergleich zu den Nachbarländern hohen Zahlen an COVID-19-Toten führten zu einem Rückgang des Vertrauens in die schwedische COVID-19-Strategie in der Bevölkerung. Dabei brach das Vertrauen in die Regierung von 63 auf 45 Prozent ein. Die Behörde für öffentliche Gesundheit verlor zwar ebenfalls an Vertrauen, lag aber nach zuvor 73 Prozent immer noch bei einem Wert von 65 Prozent. Die Maßnahmen, etwa die geöffneten Schulen, werden in der Bevölkerung auch begrüßt.Christian Stichler: Ein Eingeständnis mit Folgen. In: Zeit Online, 6. Juni 2020, abgerufen am 7. Juni 2020 Nachbarländer mit einem abgemilderteren Infektionsgeschehen sparten Schweden bei den Grenzöffnungen aus Sorge vor importierten Fällen zunächst aus, die Oppositionsparteien kündigten eine Untersuchungskommission noch vor dem Sommer an. Staatsepidemiologe Tegnell räumte währenddessen selbst Fehler ein: Es gäbe „Verbesserungspotenzial bei dem, was wir in Schweden gemacht haben“. Zugleich sagte er jedoch, die Gesamtstrategie habe gut funktioniert, und er resümierte: „Würden wir auf die gleiche Krankheit treffen, mit dem, was wir heute über sie wissen, denke ich, wir würden irgendwo in der Mitte landen zwischen dem, was Schweden getan hat und was der Rest der Welt gemacht hat.“

Am 4. Juni kündigte die Regierung an, künftig alle Personen mit Symptomen zu testen und dafür 5,9 Milliarden Schwedische Kronen zur Verfügung zu stellen.

Unter dem Druck der Opposition leitete Ministerpräsident Löfven am 30. Juni eine Untersuchung zum Umgang mit der Pandemie in Schweden ein. Eine Kommission sollte untersuchen, welche Änderungen vorgenommen werden sollten angesichts hoher Infektionszahlen und einer hohen Todesrate. Die Kommission wurde geleitet vom ehemaligen Vorsitzenden des Obersten Verwaltungsgerichtshofes Mats Melin und sollte einen ersten Bericht bis 30. November 2020, einen zweiten bis zum 31. Oktober 2021 und einen Abschlussbericht bis 28. Februar 2022 vorlegen.regieringen.se 30. Juni 2020 (schwedisch)

Juli Anfang Juli beauftragte die Regierung das Schwedische Forschungsinstitut der Verteidigung (Totalförsvarets forskningsinstitut, kurz: FOI), das derzeitige System der Krisenvorsorge zu untersuchen und bis November Reformvorschläge zu machen. Das FOI sollte sich speziell mit dem finnischen Modell für die Krisenvorsorge befassen.schwedische Ärztezeitung: Regeringen vill utreda nationellt beredskapslager