Karl Julius Max Diestel (* 7. November 1872 in Tübingen; † 2. November 1949 in Stuttgart-Degerloch) war ein deutscher evangelischer Pfarrer, der zeitweilig als Auslandspfarrer in England sowie als Superintendent und Generalsuperintendent in Berlin tätig war. Er war stellvertretender Vorsitzender des deutschen Weltbundzweiges und Mitglied der Bekennenden Kirche. Er war Freund Friedrich Siegmund-Schultzes und Förderer Dietrich Bonhoeffers.Vita nach: Holger Roggelin: Franz Hildebrandt. Ein lutherischer Dissenter im Kirchenkampf und Exil. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1999, S. 329.Eberhard Bethge: Dietrich Bonhoeffer. Theologe – Christ – Zeitgenosse. Eine Biographie. Gütersloh 9. Aufl. 2005 (online auf dietrich-bonhoeffer.net).

Leben und Wirken

Kindheit und Jugend Über Diestels Aufwachsen und seine Schulzeit in Tübingen ist wenig bekannt. Sein Vater war der in Königsberg geborene Alttestamentler Ludwig Diestel, seine Mutter Emilie Diestel (geb. Delius) stammte aus Versmold. Seine fünf Jahre jüngere Schwester Meta Diestel wurde später königliche Kammersängerin.

Studium, Militärdienst und Ausbildung Die ersten Semester seines Theologiestudiums verbrachte Diestel in Tübingen, wo er Mitglied der Studentenverbindung Saxonia Tübingen wurde. Dann studierte er Theologie an den Universitäten in Berlin und Bonn und bestand sein Examen in Koblenz.

Den einjährigen aktiven Militärdienst im Frieden leistete Diestel vom 1. Oktober 1894 bis 30. September 1895.

Von Ostern 1896 bis August 1897 besuchte er das Predigerseminar Soest.

Erste Pfarrämter und Superintendentur Nach seiner Ordination war Diestel vom August 1897 bis Oktober 1903 Seemannspastor im Tees-District und Pfarrer der Deutschen evangelischen Gemeinde im nordenglischen Middlesbrough. Zuständig war für ihn in dieser Zeit das Königliche Consistorium in Coblenz.Elke Heinsen: Bekenntnisgebundenes Wort, Amt und Funktionen. Berlin 2005, S. 13.

Vom 13. Dezember 1903 bis 1909 war er Pfarrer in Dettingen in den Hohenzollernschen Landen und vom 9. März 1909 bis 1914 vierter Pfarrer in Wilmersdorf (Berlin).

Vom 9. Dezember 1914 bis 31. Juli 1925 bekleidete er das Amt des Superintendenten von Hohenzollern und war zugleich Stadtpfarrer in Sigmaringen.Elke Heinsen: Bekenntnisgebundenes Wort, Amt und Funktionen. Berlin 2005, S. 13; alle Zeitangaben für Max Diestel nach der Personalakte. In dieser Zeit verfasste Diestel zwei volksmissionarische Schriften: 1920 Das moderne Ehe-Ideal und das Christentum und 1925 Evangelisch und katholisch in dem Sammelband Du und deine Kirche.

Pfarrer und Superintendent in Berlin mini| Pfarrhaus Tietzenweg 130 Vom 2. August 1925 bis 1948 war Diestel Superintendent des Kirchenkreises Kölln-Land I und Pfarrer der Paulusgemeinde in Berlin-Lichterfelde. Er bewohnte mit seiner Familie das Pfarrhaus Dahlemer Str. 87 (ab 1937: Tietzenweg 130)Elke Heinsen: Bekenntnisgebundenes Wort, Amt und Funktionen. Berlin 2005, S. 9.. Zu seiner Familie gehörten seine zwölf Jahre jüngere Ehefrau Elisabeth (Else), geb. Fues (1884–1945), mit der er seit dem 18. April 1906 verheiratet war, und fünf Kinder: Eberhard (geb. 1914), Else (geb. 1915), Hilde (geb. 1916), Renate (geb. 1921) und Gudrun (1929–2024).Familienkonstellation teilweise online auf d-nb.info; die anderen Angaben nach der Personalakte.

Diestel wurde 1927 vom kurmärkischen Generalsuperintendenten Otto Dibelius mit dem Aufbau einer ökumenischen Jugendarbeit beauftragt.Dietrich Bonhoeffer Werkausgabe (DBW) 9, S. 177. Er wurde 1931 stellvertretenderArbeitsausschuss des dt. WFK vom 6. März 1931, EZA 51/DVb und 1935 geschäftsführender VorsitzenderArbeitsausschuss des dt. WFK vom 25. Januar 1935, EZA 51/DVc der deutschen Vereinigung des Weltbundes für Freundschaftsarbeit der Kirchen (WFK).

Auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen mit dem deutsch-christlichen Kirchenregiment in Berlin 1933/1934 sah sich Diestel mehrfach der Zumutung bzw. Gefahr der Suspendierung ausgesetzt: Im Juli 1933 wurde er vorübergehend rechtswidrig suspendiert; im Januar 1934 wurde eine Suspendierung ausgesprochen, aber nicht vollzogen; im Mai 1934 angedroht, aber nicht vollzogen.Elke Heinsen: Bekenntnisgebundenes Wort, Amt und Funktionen. Berlin 2005, S. 26 ff., 55 ff. und 68 ff.

Förderung Dietrich Bonhoeffers Diestel lernte den 19-jährigen Dietrich Bonhoeffer 1925 anlässlich einer Predigtvertretung kennen. Er schätzte ihn sehr und förderte sein weiteres Fortkommen nach Kräften. Der Bonhoeffer-Biograph Ferdinand Schlingensiepen nannte ihn gar den „Entdecker Bonhoeffers“ und beschrieb seine Impulse mehrfach.Ferdinand Schlingensiepen: Dietrich Bonhoeffer 1906–1945. Eine Biographie. C. H. Beck, München 4. Aufl. 2006, S. 52 f. (auf S. 53 findet sich auch ein Foto, das „Superintendent Max Diestel im Kreise seiner Familie, Anfang der dreißiger Jahre“ zeigt); Register zu den Diestel-Erwähnungen: S. 425. Zu Diestels 70. Geburtstag 1942 schrieb Bonhoeffer an ihn: „Es ist mir bewusst, dass ich Ihnen die entscheidenden Anstöße in meinem äußeren beruflichen und persönlichen Leben verdanke.“DBW 16, S. 366.

Anfängliche Verteidigung des Nationalsozialismus nach außen In einem Brief vom 25. Januar 1934 versuchte Diestel, dem Amerikaner Frederick W. Roman, der ihm auf seine Schrift zum deutschen Arbeitsdienst„Der Arbeitsdienst in Deutschland“ – der Beitrag von Max Diestel. In: Elke Heinsen: Bekenntnisgebundenes Wort, Amt und Funktionen. Berlin 2005, S. 100 ff. geantwortet hatte, den Nationalsozialismus als „Bewegung gänzlich neuer Art“ zu erklären. Er tat dies in einer Diktion, die die von Roman in einem vorangegangenen Brief benannten Tatbestände innenpolitischer Verfolgung und Gleichschaltung bagatellisierte.Diestel-Zitate bei Elke Heinsen: Bekenntnisgebundenes Wort …, 2005, S. 105 ff. Eine jede Bewegung gänzlich neuer Art – schrieb Diestel – müsste im ersten Jahr ihrer Wirksamkeit „manche erratischen juvenilen Züge“ aufweisen. Von „Mißgriffen“ ist die Rede; und Diestel legte seinem Korrespondenzpartner nahe, den Nationalsozialismus nicht nach den „Revolutionserscheinungen“ zu bewerten, die zweifellos „Härten“ mit sich brächten, aber eben nicht für das Ganze genommen werden dürften.

In den Erklärungen, die Diestel zum Nationalsozialismus machte, erschien dieser reduziert auf den „Gedanken“, dass nach Jahren bzw. Jahrhunderten der Fremdbestimmung, Überfremdung und fehlender eigener Identität das „Volk“ endlich „die Wendung vom Äußeren nach innen, von der Betonung der Äußerlichkeiten, des Geldes, der Geltung vor den Menschen, mit der Hinkehr nach innen“ habe vollziehen müssen. Das „Volk“ habe lernen müssen, „aus der Gemeinschaft heraus zu leben, aus der schicksalhaften Verbundenheit mit den Menschen gleicher Abstammung, gleicher Arbeit, gleichen Bodens, gleichen Volkstums“. Insofern sei das, was sich vollzogen habe, nicht der willkürliche Akt einiger extremer Parteigänger gewesen, „sondern es war eine geschichtliche Notwendigkeit, deren Wirkung man eigentlich erst in einigen Jahren richtig wird abschätzen können“.

Die im Brief Diestels zum Ausdruck kommende Ablehnung der Weimarer Republik galt nicht nur dem politischen System, sondern trug auch antimoderne Züge.Umso erstaunlicher ist es, dass Diestel schon früh der 1925 in Berlin von Pfarrer Lic. Ernst Jahn (1893–1969) und anderen gegründeten Arbeitsgemeinschaft „Arzt und Seelsorger“ angehörte, die modernen psychoanalytischen Forschungen gegenüber aufgeschlossen war. Siehe: Generalkonvent für Krankenseelsorge (Hrsg.): 40 Jahre Berliner Arbeitsgemeinschaft Arzt und Seelsorger, Berlin: Evang. Konsistorium Berlin-Brandenburg 1965, S. 21; Hans-Rainer Sandvoß: „Es wird gebeten, die Gottesdienste zu überwachen …“ Berlin 2014, S. 281. So wird auf die „Fülle von Schmutz“ verwiesen, die das öffentliche Leben, und die „Fülle von Parteilichkeit“, die die öffentliche Verwaltung bestimmt hätten. Auch für andere gesellschaftliche Bereiche meinte Diestel, Einbrüche in der bislang geltenden „Geschäfts-, Steuer- und Rechtsmoral“ konstatieren zu müssen. Zudem sah er einen extremen Individualismus und Subjektivismus „auf allen Gebieten“ sich „breitmachen“, und er illustrierte in einer längeren Passage beide Entwicklungen an Beispielen aus Kunst und Wissenschaft.Vgl. dazu: Martin Fischer-Hübner: Gibt es noch eine Rettung für unser Volk?, Ratzeburg: Lauenburgischer Heimatverlag 1926 (Onlinefassung).

Elke Heinsen charakterisierte Diestels Haltung folgendermaßen:

Kritische Stellungnahme im Kirchenstreit Diestel wandte sich in einer Broschüre mit dem Titel „Um was es uns im Kirchenstreit geht“ im Frühsommer 1934 an die Mitglieder der Lichterfelder Gemeinden, um die verschiedenen Positionen in den Auseinandersetzungen zwischen den beiden Gruppen „Deutsche Christen“ und „Evangelium und Kirche“ in den Gemeindekörperschaften deutlich zu machen und um grundsätzlich die Folgen einer Neugestaltung der Kirche nach Strukturprinzipien des NS-Staats aufzuzeigen.

Diestel veröffentlichte diese als „Handreichung für Gemeindeglieder“ deklarierte Broschüre auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen: intern zwischen den beiden Fraktionen im Gemeindekirchenrat Lichterfelde, extern zwischen der Fraktion „Evangelium und Kirche“ und den oberen Kirchenbehörden. Entscheidender Anlass und Gegenstand war die direkte Intervention des inzwischen zum stellvertretenden Bischof von Berlin aufgerückten Propstes Otto Eckert, der an Diestel vorbei den Vorsitz im Gemeindekirchenrat mit dem DC- und NSDAP-Mitglied Pfarrer Heinrich Koch besetzt hatte.

Diestel erläuterte anhand des „Führerprinzips“ als eines für die deutsch-christliche Neugestaltung wesentlichen Strukturprinzips, dass es keineswegs beliebig oder eine reine „Zweckmäßigkeitsfrage“ sei, woran man sich bei der organisatorischen Gliederung der evangelischen Kirche halte. Handlungsleitend müsse „ausschließlich“ die nur der Kirche obliegende Aufgabe sein, das Evangelium zu verkündigen.

Da aber die evangelische Kirche nach ihren Bekenntnissen eine Glaubensgemeinschaft sei, in der als Grundsatz das allgemeine Priestertum gelte, seien „Recht und äußere Ordnung“ der Kirche darauf bezogen zu gestalten. Eine nach staatlichem Vorbild gegliederte Kirchenbehörde mit einem maßgebenden Führer an der Spitze und strikt weisungsgebundenen Organen in den Ländern, Provinzen und Gemeinden sei aber mit der Botschaft des Evangeliums und den Grundsätzen der Bekenntnisse nicht in Einklang zu bringen. Denn:

Vermittlung zwischen den Freikirchen und der Bekennenden Kirche Nach Einladung von Vizepräsident ChristiansenBiogramm Nikolaus Christiansen vom DEK-Sekretariat des Reichsbischofs an die Vereinigung Evangelischer Freikirchen (VEF) zur Mitarbeit im DEK-Verfassungsausschuss vom 11. Mai 1934 wandte sich der methodistische Pastor Bernhard Keip am 5. Juni 1934 an Diestel, den er aus der Zusammenarbeit im Arbeitsausschuss der deutschen Vereinigung des Weltbundes für Freundschaftsarbeit der Kirchen (VFK) kannte, mit der Frage, „ob die innere Lage der DEK jetzt so ist, daß ein Eingehen auf diese Bestrebungen wirklich dem Werk Gottes zur Zeit förderlich ist“.Dieses und die weiteren Zitate in dieser Sache bei Karl Zehrer: Evangelische Freikirchen und das „Dritte Reich“, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1986, S. 118 ff.

Diestel, der die Meinung vertrat, dass die Leitung der Bekenntnissynode in der Frage der Stellung zu den Freikirchen „keinesfalls einen weniger weitherzigen Standpunkt einnehme als die Reichskirchenregierung“, gab das Keip-Schreiben am 8. Juni 1934 an Präses Karl Koch in Bad Oeynhausen weiter mit der Bitte, sich namens der Bekenntnissynode der DEK dazu zu äußern.