mini|Pierre Cot (1928) Pierre Jules Cot (* 20. November 1895 in Grenoble; † 21. August 1977 in Coise-Saint-Jean-Pied-Gauthier, Département Savoie) war ein französischer Politiker der Parti républicain, radical et radical-socialiste und später der Union progressiste.

Er erlangte vor allem während der letzten Jahre der Dritten Republik Bedeutung, zwischen 1933 und 1938 war er Minister in mehreren Kabinetten, darunter zweimal Luftfahrtminister. Wegen seines entschiedenen Antifaschismus in den 1930er Jahren, seiner politischen Nähe zur Sowjetunion und seiner exponierten Stellung beim Aufbau der im Krieg 1940 erfolglosen französischen Luftstreitkräfte war er das Ziel erbitterter Anfeindungen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte Cot seine politische Tätigkeit in der Vierten und Fünften Republik fort. Von 1945 bis 1958 und von 1967 bis 1968 war er Abgeordneter in der Nationalversammlung. Zuletzt stand er der Parti communiste français (PCF) nahe, ohne ihr aber direkt anzugehören. Neben seinen Funktionen auf nationaler Ebene war Cot vier Jahrzehnte Bürgermeister der kleinen Gemeinde Coise-Saint-Jean-Pied-Gauthier am Fuß der französischen Alpen.

Leben

Frühe Jahre

Pierre Cot wurde in 1895 in eine Savoyer Familie geboren, deren Mitglieder bereits seit drei Generationen verschiedene gewählte Mandate wahrgenommen hatten; sein Großvater und sein Vater waren als gemäßigte Republikaner beide Bürgermeister ihres Heimatorts Coise-Saint-Jean-Pied-Gauthier gewesen. Pierre Cot wurde katholisch erzogen; in Grenoble, wo sein Vater Handelsvertreter gewesen war, besuchte er die kirchliche Schule Notre-Dame. Ebenfalls in Grenoble begann er anschließend ein Jurastudium.

Cot interessierte sich seit seiner frühesten Jugend für Politik. Er war als Mitglied der konservativen katholischen Jugendvereinigung aktiv, wurde 1913 stellvertretender Vorsitzender der katholischen Studentenvereinigung und gründete mehrere katholische Arbeitskreise. Bereits zu dieser Zeit interessierte er sich auch stark für soziale Fragen.

Im Ersten Weltkrieg meldete er sich als Freiwilliger und nahm an den Schlachten von Verdun und dem Chemin des Dames teil. Er wurde mit dem ausgezeichnet und für seine militärischen Verdienste zum Offizier der Ehrenlegion ernannt.

Nach dem Krieg schloss er sein Studium der Rechts- und Politikwissenschaften in Paris mit einem Doktorgrad ab. 1921 wurde er Rechtsanwalt und Erster Sekretär der Anwaltskonferenz am Berufungsgericht Paris. 1922 erwarb er die Agrégation (Staatsprüfung für beamtete Hochschullehrer) und wurde Universitätsprofessor an der rechtswissenschaftlichen Fakultät in Rennes.

Raymond Poincaré ernannte ihn zum Rechtsberater im Außenministerium; Cot war der Jüngste in dieser Stellung. Poincaré bewog ihn 1924 auch dazu, auf einer Liste der gemäßigten Rechten zum ersten Mal für einen Sitz im Parlament zu kandidieren. Die Kandidatur war nicht erfolgreich.

Politische Ämter in der Dritten Republik

mini|Cot als Luftfahrtminister (1933) mini|Kabinett Blum II, Pierre Cot 3. v. r. (14. März 1938) Nach der gescheiterten Parlamentskandidatur 1924 wendete sich Pierre Cot allmählich der linken Seite des politischen Spektrums zu. 1926 schloss er sich der (kurz Parti radical oder PRRRS; einer bürgerlichen Partei der linken Mitte) an. Für diese trat er bei den Parlamentswahlen im April 1928 im Wahlkreis Chambéry 2 an. Er setzte sich im zweiten Wahlgang durch und zog in die Abgeordnetenkammer ein, der er bis zum Krieg ununterbrochen für das Département Savoie angehören sollte. Zuvor hatte der 33-jährige Cot noch kein gewähltes Mandat innegehabt, auch nicht auf lokaler Ebene.

Als Anhänger des Völkerbunds hielt er sich oft an dessen Sitz in Genf auf und wurde mit der Unterstützung von Aristide Briand und Joseph Paul-Boncour Vertreter Frankreichs in der Organisation.

Nachdem er bei den Parlamentswahlen im Mai 1932 erfolgreich sein Mandat verteidigt hatte, wurde er am 18. Dezember 1932 Staatssekretär im Außenministerium im Mitte-links-Kabinett von Joseph Paul-Boncour. Nach dessen Rücktritt am 28. Januar 1933 führte er die Geschäfte weiter, bis er am 31. Januar 1933 im Kabinett Daladier I Luftfahrtminister wurde. Das Amt, das er von Paul Painlevé übernommen hatte, behielt er in vier rasch wechselnden, aufeinanderfolgenden Kabinetten; außer der ersten Regierung Daladier waren dies die Kabinette von Albert Sarraut (I), Camille Chautemps (II) und das zweite Kabinett Daladier. Als sein Parteikollege Édouard Daladier nach wenigen Tagen wegen der Unruhen vom 6. Februar 1934 zurücktrat, verlor Cot sein Ministerium – sein Nachfolger wurde der bisherige Stabschef der Luftstreitkräfte, General Victor Denain – und kehrte als Abgeordneter in die Abgeordnetenkammer zurück.

Seit Mitte der dreißiger Jahre wurde Pierre Cot prominentes Mitglied in mehreren Organisationen, hinter denen die Kommunistische Internationale (Komintern) stand, so im „Verteidigungskomitee des äthiopischen Volks“ (, gegründet im September 1935) sowie, ein Jahr später, im („Weltvereinigung für den Frieden“), dem er als Vorsitzender diente. Seit 1935 war er Mitglied des „Vereins der Freunde der UdSSR“. Im Frühjahr desselben Jahres überlebte er einen Säureanschlag durch Mitglieder der rechtsradikalen Action française.Chris Milington: A History of Fascism in France, Bloomsbury 2020, S. 65.

Bei der Parlamentswahl 1936, zu der die linken Parteien (einschließlich der PRRRS) gemeinsam als Front populaire (Volksfront) antraten, wurde Cot im ersten Wahlgang wiedergewählt. Nach dem Wahlsieg der Linken berief ihn Léon Blum am 4. Juni 1936 in seinem ersten Kabinett erneut zum Luftfahrtminister. Sein Kabinettschef war der spätere Leiter der , Jean Moulin. Cot und Moulin hatten sich bereits 1928 während Cots Parlamentswahlkampf in Savoyen kennengelernt, wo Moulin Unterpräfekt von Albertville war. Nachdem Blum Ende Juni 1937 zurückgetreten war, blieb Cot in der anschließenden Regierung Chautemps III Luftfahrtminister bis zu Chautemps’ Rücktritt am 14. Januar 1938. Anschließend wurde Cot Handelsminister, zunächst im Kabinett Chautemps IV (18. Januar bis 10. März 1938), dann im Kabinett Blum II (bis 8. April 1938). Mit dem Zerbrechen der Volksfront und der Rückkehr seiner Parti radical ins bürgerliche Lager schied Cot aus der Regierung aus und wurde wieder Abgeordneter.

Zweiter Weltkrieg, Nachkriegszeit und Vierte Republik

Seit Juni 1940 befand sich Pierre Cot zunächst in London. Daher konnte er nicht an der Sitzung der Nationalversammlung teilnehmen, die am 10. Juli 1940 die erweiterten Vollmachten für Marschall Pétain beschloss und damit die 3. Republik beendete. Das Vichy-Regime erkannte ihm seine politischen Mandate ab, entzog ihm die französische Staatsbürgerschaft und zog sein Vermögen ein. Der von Philippe Pétain geschaffene „Rat für politische Justiz“ urteilte, dass der ehemalige Luftfahrtminister Cot habe. Noch in demselben Jahr ließ er sich in den Vereinigten Staaten, dem Ursprungsland seiner Ehefrau, nieder. Dort lehrte er an der und der und war Mitglied der gaullistischen Organisation .

Im November 1943 verließ er die USA, um in Algier Mitglied der vom Komitee für die Nationale Befreiung einberufenen Assemblée consultative provisoire zu werden. Dieser sowie der in Paris einberufenen Folgeversammlung gehörte er von 1943 bis 1945 an. Ab Oktober 1945 war er Abgeordneter für das Département Savoie in der ersten verfassunggebenden Nationalversammlung. Cots Zustimmung für den ersten Verfassungsentwurf von April 1945, den die Mehrheit aus Sozialisten und Kommunisten beschloss, führte zu seinem Bruch mit der Parti radical, welche diesen Entwurf ablehnte. In der zweiten Konstituante, die im Juni 1946 (nach dem Scheitern des Verfassungsentwurfs im Referendum) gewählt wurde, saß Cot daraufhin in der kleinen Fraktion Union républicaine et résistante. Anschließend war er in der Vierten Republik Abgeordneter der Nationalversammlung, zunächst von 1946 bis 1951 wiederum für das Département Savoien.

Im Dezember 1950 gründete Cot mit Emmanuel d’Astier de la Vigerie die , eine der Kommunistischen Partei Frankreichs (PCF) nahestehende Partei. Mit der Hilfe der Kommunisten wurde er erneut in die Nationalversammlung gewählt und vertrat dort von 1951 bis 1958 das Département Rhône.

1953 erhielt Pierre Cot den Stalin-Friedenspreis.

Fünfte Republik

Als entschiedenem Gegner de Gaulles gelang es Pierre Cot nach de Gaulles Regierungsübernahme und der Verfassungsänderung 1958 neun Jahre lang nicht, auf nationaler Ebene ein politisches Mandat zu erringen. Er scheiterte sowohl bei den Parlamentswahlen im November 1958, zu denen er im Savoyer Wahlbezirk Chambéry-Süd/Saint-Jean-de-Maurienne antrat, als auch vier Jahre später als Kandidat der (mit Unterstützung der PCF) im Wahlbezirk (13. Arrondissement von Paris) des Départements Seine, wo er in der Stichwahl dem gaullistischen Amtsinhaber unterlag.

Während dieser Zwangspause als Abgeordneter der Nationalversammlung blieb er Bürgermeister von Coise-Saint-Jean-Pied-Gauthier (im Amt von 1929 bis 1971) und Abgeordneter im Generalrat des Départements Savoien für den Kanton Chamoux-sur-Gelon (1954–1973). Ebenso lehrte er an der 6. Sektion der , der Vorläufereinrichtung der , wo er einen 1960 geschaffenen Lehrstuhl für Soziologie des Rechts und der internationalen Beziehungen innehatte, der zur Wiege einer maoistischen Gruppe an der Hochschule wurde.

Er war weiterhin aktiv in verschiedenen, großenteils moskaunahen, Organisationen wie der Internationalen Vereinigung demokratischer Juristen , deren Vorsitzender er von 1960 bis 1975 war, dem Zentralkomitee der Liga für Menschenrechte und im . Er war Direktor der vom Weltfriedensrat monatlich herausgegebenen Zeitschrift und Mitglied der Redaktion der . Die Sowjetunion bezeichnete ihn als „großen Freund der UdSSR“. 1961 und 1963 verbrachte er Kuraufenthalte in einem Sanatorium der KPdSU. Ebenfalls 1961 sowie 1962 reiste er auf Einladung des „sowjetischen Friedensverteidigungskomitees“ nach Moskau. Im August 1970 wurde ihm als Vorsitzender der „Internationalen Vereinigung demokratischer Juristen“ eine Jubiläumsmedaille zum 100. Geburtstag Lenins verliehen.

Im März 1967 errang er erneut einen Sitz in der Nationalversammlung, und zwar in demselben Wahlbezirk im Département Seine, in dem er in der vorangehenden Legislaturperiode gescheitert war, und mit derselben politischen Zugehörigkeit und abermaliger Unterstützung durch die KP. Gemäß einer Absprache der beiden großen linken Parteien verzichtete die sozialdemokratische SFIO in diesem Wahlkreis auf einen eigenen Kandidaten, was zu Cots Erfolg beitrug. Seinen Wahlkampf hatte er ins Zeichen des Kampfes gegen die persönliche Macht de Gaulles sowie für Abrüstung gestellt. In der Nationalversammlung war er der kommunistischen Fraktion als Gast (Apparenté) angeschlossen. Bei der Auflösung des Parlaments durch de Gaulle am 30. Mai 1968 (nach den Pariser Maiunruhen) verlor Cot endgültig seinen Sitz im Parlament. Bei den vorgezogenen Wahlen im Juni 1968 gelang es ihm nicht, seinen Wahlbezirk zu verteidigen: in der Stichwahl unterlag er mit 49,8 Prozent der Stimmen dem gaullistischen Kandidaten.

Politische Positionen, Leistungen, Rezeption

Cot, der in seiner Schul- und Studienzeit in rechtskonservativen katholischen Kreisen aktiv gewesen war und zu Beginn seiner beruflichen Laufbahn der gemäßigten Rechten angehört hatte, nahm seit den 1920er Jahren fortschreitend immer weiter linksstehende Positionen an und beendete seine politische Laufbahn als Angehöriger der extremen Linken mit starken Bindungen an den Kommunismus und die Sowjetunion.