Senizid, zu Deutsch Altentötung, ist ein Begriff für die kulturell hergeleitete Tötung alter Menschen. Der Senizid kann sowohl im Opfertod als auch über Euthanasie erfolgen. Als Oberbegriff sowohl für die traditionelle Altentötung als auch den moderneren Senizid kann „Senizid“ gelten. In Abgrenzung dazu kann der direkte Altenmord als Gerontozid bezeichnet werden. Im Englischen werden die Begriffe senicide, geronticide oder gerontocide gebraucht.
Geschichte und Ethnologie
Der Senizid ist das altruistisch fundierte aktive und passive Sterben im Opfertod oder die aktive und passive kulturell-rituelle bzw. heimliche Senio-Euthanasie von meist als nutzlos oder im Jenseits als nützlich empfundenen Mitgliedern der alten Generation einer Gesellschaft.
Bei den antiken Geschichtsschreibern wie Hesiod, Herodot, Plinius dem Älteren oder Strabon finden sich mehrere Berichte über Senizid. Anthropologen und Historiker liefern Berichte von Altentötung in vielen Kulturen in aller Welt, etwa bei Eskimos,Rolf Kjellström (1974): Senilicide and Invalidicide Among the Eskimos. In: Folk - Dansk etnografisk tidsskrift. volume 16/17, 117–124 (1974/75) indianischen Kulturen Nordamerikas oder indigenen Kulturen Nordasiens.Paul B. Baltes, Jürgen Mittelstraß, Ursula M. Staudinger: Alter und Altern: Ein interdisziplinärer Studientext zur Gerontologie. Walter de Gruyter GmbH & Co. KG, 2018, ISBN 978-3-11-014408-6
In der Ethnographie wird über verschiedene Formen der aktiven Senio-Euthanasie berichtet, die oft erst nach Beratung innerhalb der Familie oder des Clans ausgeführt wurde. Bei den sibirischen Tschuktschen wurde der Alte mit einem großen Fest gefeiert, dem „Kamitok“. Gegen Ende traten zwei von hinten an das Opfer heran und erdrosselten es mit Hilfe eines Seehundknochens. Zur rituellen Tötung konnten bei anderen Ethnien auch alle anderen geeigneten Waffen eingesetzt werden. Weit verbreitet war auch die Aussetzung von alten Menschen in der Wildnis, einer Hütte, dem Urwald, einer Höhle, auf einem Floß oder einer Insel.
In Schweden findet sich an verschiedenen Orten, etwa im Keillers Park in Göteborg, eine „Ättestupa“, d. h. Geschlechtsklippe, Clanklippe oder Familienklippe. Darüber wird in der Gautreks-Saga ausführlich berichtet, wie sich von solchen Klippen Alte im Senizid gestürzt hätten, aber auch Junge in suizidaler Absicht.Robert Nedoma (1991): Gautreks Saga Konungs / Die Sage von König Gautrek. Göppingen: Kümmerle.
Der englische Lordkanzler Thomas Morus berichtet 1516 in seinem Werk Utopia, wie sich die Menschen bei schwerer Krankheit mit Sterbefasten selbst töten oder durch Einschläfern Sterbehilfe erhalten.
Der deutsche Ethnologe Fritz Paudler schreibt in seinem 1936 erschienenen Werk Die Alten- und Krankentötung als Sitte bei indogermanischen Völkern: „Der litauisch gewordene Teil des Preußenlandes ist, soviel ich weiß, geradezu der Locus classicus schlechter Behandlung alter Leute bis ins 20. Jh. herein.“Fritz Paudler (1936): Die Alten- und Krankentötung als Sitte bei indogermanischen Völkern. Wörter und Sachen, Band 17, S. 1–57. Heidelberg: Winter, S. 38. Paudler zitiert den zum Katholizismus übergetretenen Priester Matthäus Prätorius (1635–1704): „Alte, schwache Eltern erschlug der Sohn …“ Christoph Hartknoch (1644–1687) bemerkt in einer Schrift von 1684: „… sie haben auch ihre eigene Eltern (…), wenn sie alt worden oder sonst in harte Krankheit gefallen waren, ersticket, damit sie keine unnötigen Unkosten auf sie wenden dörften.“ Auch sollen sich die Jungen mit dem Altsitzerkraut, das in den Gärten der Litauer gepflegt wurde, gegen die Altsitzer, die Alten, „gewehrt“ und sich ihrer durch Giftmord entledigt haben. Vermutlich war das Altsitzerkraut das Krainer Tollkraut (Scopolia carniolica), ein giftiges Nachtschattengewächs.Wolf-Dieter Stori (2010): Götterpflanze Bilsenkraut. Solothurn: Nachtschatten-Verlag, 32010.
Mythen und fiktionale Rezeption
Volkserzählungen und Literatur Zahlreiche Volkserzählungen aus nahezu allen Kulturen der Welt berichten vom Senizid und auch von seiner Abschaffung.Herwig, Henriette (2023). Senizid und Alterssuizid als soziales Phänomen und Gegenstand der Literatur. In: Herwig, H. & Pousset, R. Senizid. Interdisziplinäre Perspektiven, S. 215. Wiesbaden: Springer VS. Das Christentum lehnte Senizid strikt ab. Bei Juden, Ungarn und Finnen sowie einigen anderen kleineren Völkern wie den Balinesen sind keine solchen Erzählungen bekannt.Klaus E. Müller (1968): Zur Frage der Altentötung im westeurasischen Raum. Paideuma. Mitteilungen zur Kulturkunde. Bd. 14, S. 17–44. Heidelberg: Winter. Sonst aber ist in den Erzählungen der Völker, in ihren Mythen, Märchen, Legenden, Sagen und Schwänken die Altentötung bzw. der Senizid ebenso präsent wie die Abschaffung des uralten Brauchs. Volkserzählungen (ohne Sagen und Legenden) nach dem Aarne-Thompson-Uther-Index (ATU) berichten vom Senizid bzw. der Altentötung (Typ 981) und deren Abschaffung (Typ 982). Autoren wie Paul Sartori (1895),Paul Sartori (1895): Die Sitte der Alten- und Krankentötung. In: Globus. Zeitschrift für Länder- und Völkerkunde. Band 67, Nr. 7 und 8, S. 107 – 111. Braunschweig: F. Vieweg & Sohn Fritz Paudler (1936)Fritz Paudler (1937): Die Volkserzählungen von der Abschaffung der Altentötung. Helsinki: Suomalainen Tiedeakatemia. oder John Koty (1934)John Koty (1934): Die Behandlung der Alten und Kranken bei den Naturvölkern. Stuttgart: Hirschfeld. haben im deutschen Sprachraum umfangreiches Material zum Senizid zusammengetragen.
Im alten Japan scheint nach mehreren literarischen Quellen ein Brauch des Senizids existiert zu haben, das Obasute (姥捨て), in Deutsch gesprochen “Obas’te”. Übersetzt bedeutet der Begriff etwa: „Die Tante/alte Frau/Oma aussetzen, wegwerfen“. Der Kern der verschiedenen Obasute-Erzählungen bleibt immer gleich: Ein alter Mensch wird von einem jüngeren Verwandten auf einen Berg zum Sterben getragen. Wie weit dieser Brauch verbreitet war, ist umstritten: „So könnte man vielleicht (…) Altenaussetzungen zwar als historische Tatsache betrachten, von der wohl vorrangig die besonders Bresthaften (Gebrechlichen) und jene Alten, die keine direkten Nachkommen hatten, betroffen waren, nicht aber als allgemein verbreiteter Brauch, dem die meisten Alten zum Opfer gefallen wären.“Susanne Formanek (1994): Denn dem Alter kann keiner entfliehen. Altern und Alter im Japan der Nara- und Heian-Zeit. Wien: Verl. d. Österr. Akad. d. Wiss., S. 228 Auch ein manchmal in Volkserzählungen berichtetes stilles Weggehen oder Ausziehen von Alten aus dem Haus, um zu sterben, stellt „durchaus eine mögliche Tradition“ dar.Susanne Formanek (1994): Denn dem Alter kann keiner entfliehen. Altern und Alter im Japan der Nara- und Heian-Zeit. Wien: Verl. d. Österr. Akad. d. Wiss., S. 225.
In dem Roman Zwei alte Frauen von Velma Wallis Velma Wallis (1994): Zwei alte Frauen. Eine Legende von Verrat und Tapferkeit. München: Heyne. wird der Widerstand gegen den alten Brauch des Senizids geschildert. Die Autorin stammt selbst aus dem Volk der indianischen Athabasken bei Fort Yukon in Alaska. Ihre Großeltern waren bei einer großen Hungersnot gestorben. Wallis überlebte auch 12 Jahre mit ihrer Tochter in einer traditionellen Trapperhütte.Thomas Küpper (2023). In: Herwig, Henriette und Raimund Pousset. Senizid. Interdisziplinäre Perspektiven. Wiesbaden: Springer VS, S. 315–324
Popkultur Im Film Little Big Man begleitet Jack (Dustin Hoffman) seinen Ziehvater, den Häuptling der Cheyenne, zum Sterben auf den Berg, wo der alte Mann sich niederlegt. Als auch nach Stunden der Tod nicht kommen will, meint der Häuptling schließlich: „Manchmal funktioniert die Magie, manchmal aber auch nicht!“ So kehren sie ins Tal zurück. Im Film Midsommar (Regisseur Ari Aster), einem „idyllischen Horrorfilm“ (Oscarpreisträger Jordan Peele) in der „Folklore-Hölle“ (Jan Künemund im Spiegel) einer religiösen Kommune der Jetztzeit, wird dem Brauch des Klippensturzes ein hoher Stellenwert eingeräumt. Im Science-Fiction-Film Flucht ins 23. Jahrhundert leitet ein Supercomputer ein Ritual an, das alle Menschen der autarken Gemeinschaft im Alter von 30 Jahren tötet.
Kosten-Nutzen-Rechnung Senizid ist eine seit langer Zeit weitverbreitete kulturelle Maßnahme der Bevölkerungsregulation, um bei zugrundeliegender utilitaristischer Rechnung finanzielle Ressourcen zu sparen oder das Überleben des Volkes zu sichern. Wo traditionelle Ethnien in der Altentötung eine Nutzen-Rechnung aufmachten, kann man von Senizid sprechen, wenn etwa die Kosten für neue Hüftgelenke für Senioren als zu hoch und sinnlos eingeschätzt werden, wie vom damaligen Vorsitzenden der Jungen Union, Philipp Mißfelder.„Keine Hüftgelenke für die ganz Alten“ – Politik – Tagesspiegel, abgerufen am 21. März 2021Raimund Pousset (2018): Senizid und Altentötung – Ein überfälliger Diskurs. Springer Fachmedien. Während der COVID-19-Pandemie 2019–2022 wurde die Frage aufgeworfen, ob es sich bei bestimmten Reaktionen der Öffentlichkeit oder des Staates um eine moderne Form des Senizids handeltPousset, R. (2023). Senizid in der Corona-Pandemie. In: Herwig, H., Pousset, R. (Hg.) Senizid. Interdisziplinäre Perspektiven, S. 23. Springer VS, Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-658-42150-2_2. „»Senizid« heisst das Wort der Stunde. Das Coronavirus wirkt im höchsten Masse altersdiskriminierend“, so die Überschrift eines Artikels des britischen Historikers Niall Ferguson in der NZZ.Niall Ferguson: «Senizid» heisst das Wort der Stunde: Das Coronavirus wirkt im höchsten Masse altersdiskriminierend NZZ, abgerufen am 21. März 2021 Und Reimer Gronemeyer spricht von der aktuellen „Modernisierung des Senizids“. „Der sanfte, aber deutlich zunehmende Druck auf Selbstbeseitigung dürfte mit den kommenden ökonomischen und sozialen Krisen steigen“.Gronemeyer, R. (2023). Die Modernisierung des Senizids. In: Herwig, H., Pousset, R. (Hg.) Senizid. Interdisziplinäre Perspektiven, S. 18. Springer VS, Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-658-42150-2_2
Opfertod und Euthanasie