Lady Norah Docker (* 23. Juni 1906 als Norah Royce Turner in Derby, Derbyshire, Großbritannien; † 11. Dezember 1983 in London) war eine britische Persönlichkeit des öffentlichen Lebens, die, aus einfachen Verhältnissen stammend, durch drei Ehen zu einer der wohlhabendsten Frauen der frühen britischen Nachkriegszeit wurde. Vor allem während ihrer Ehe mit dem reichen Industriellen Bernard Docker in den 1950er-Jahren machte sie durch Vulgarität, „Exzesse und kalkulierte Unverschämtheiten“ auf sich aufmerksam. Exemplarisch für den verschwenderischen Stil Norah Dockers waren die extravaganten und außerordentlich teuren Show Cars Docker Daimlers, die sie initiiert hatte und die auch im 21. Jahrhundert noch mit ihr in Verbindung gebracht werden. Nach Veruntreuungsvorwürfen zogen sich die Dockers Ende der 1950er-Jahre aus dem öffentlichen Leben weitgehend zurück. Norah Docker starb 1983 nahezu mittellos.
Biografie Elternhaus und Kindheit Norah Dockers Eltern waren Sydney und Amy Turner. Sie war das zweite von insgesamt vier Kindern des Paares.Tim Hogarth: The Dazzling Lady Docker: Britain’s Forgotten Reality Superstar, Scratching Shed Publishing Ltd., 2018, ISBN 978-0-9955861-4-7, S. 21. Bei Norahs Geburt lebte die Familie in Derby, einer Stadt in den East Midlands, zur Miete in einer Wohnung über einer Schlachterei. Der Vater war zu dieser Zeit als Ladenbauer unter anderem für die Drogeriekette Boots tätig. Amy Turner wird in einer Biografie als statusbewusst und aufstrebend beschrieben.Tim Hogarth: The Dazzling Lady Docker: Britain’s Forgotten Reality Superstar, Scratching Shed Publishing Ltd., 2018, ISBN 978-0-9955861-4-7, S. 24. 1908 zogen die Turners in die mittelenglische Stadt Birmingham, wo der Vater im teuren Vorort Edgbaston ein Anwesen kaufte. Er übernahm einen Autohandel, der einige Jahre lang gut lief und der Familie ein Leben mit mehreren Bediensteten ermöglichte. Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs verschlechterten sich die Geschäfte allerdings. Nachdem seine freiwillige Meldung zum Militärdienst aus medizinischen Gründen abgelehnt worden war, entwickelte der finanziell in Bedrängnis geratene Sydney Turner eine Depression, in deren Folge er sich 1922 auf einer Fähre zwischen Holyhead und Dublin das Leben nahm.Anton Rippon: Derbyshire’s Own, The History Press, 2006, ISBN 978-0-7509-5324-5. Amy Turner versuchte zunächst, den Autohandel allein weiterzuführen, scheiterte aber nach wenigen Monaten. Am Ende musste sie den Autohandel und das familiäre Anwesen verkaufen. Von dem Erlös übernahm Amy Turner den Three Tuns Pub in Sutton Coldfield,Internetauftritt des Three Tuns Pub in Sutton Coldfield (abgerufen am 28. März 2020). den sie selbst betrieb. Sie unterhielt sexuelle Beziehungen zu ihren Gästen, weil das nach ihrer Ansicht „gut fürs Geschäft“ war.Tim Hogarth: The Dazzling Lady Docker: Britain’s Forgotten Reality Superstar, Scratching Shed Publishing Ltd., 2018, ISBN 978-0-9955861-4-7, S. 35. Später tauschte sie den Three Tuns Pub gegen ein heruntergekommenes Hotel in Tenbury Wells ein und scheiterte mit dem Versuch, den Betrieb wieder profitabel zu machen. Letztlich kehrte sie mit den Kindern nach Birmingham zurück, wo sie den Unterhalt für die Familie als Näherin und Wäscherin und durch gelegentliche Männerbekanntschaften deckte.Tim Hogarth: The Dazzling Lady Docker: Britain’s Forgotten Reality Superstar, Scratching Shed Publishing Ltd., 2018, ISBN 978-0-9955861-4-7, S. 35.
Für Norah waren diese Erlebnisse prägend. Sie nahm sie als Verlust des gewohnten Wohlstands wahr und zugleich als Gefährdung ihrer persönlichen Entwicklung. Einerseits musste sie ihre – gemäß einer Quelle nur sehr oberflächlich verfolgteTim Hogarth: The Dazzling Lady Docker: Britain’s Forgotten Reality Superstar, Scratching Shed Publishing Ltd., 2018, ISBN 978-0-9955861-4-7, S. 26. – Schulausbildung an einem Internat in Wales beenden,Norah Docker: Norah: the autobiography of Lady Docker, W. H. Allen, 1969, S. 20. andererseits ließ sich ihre Absicht, in die Oberschicht Birminghams hineinzuheiraten, nach der gesellschaftlichen Stigmatisierung infolge des väterlichen Suizids und des weithin bekannten ausschweifenden Verhaltens ihrer Mutter nicht mehr verwirklichen.
Hostess im Café de Paris mini|Café de Paris im Londoner West End Im Herbst 1924 verließ Norah Turner ihre Familie und ließ sich in London nieder.Tim Hogarth: The Dazzling Lady Docker: Britain’s Forgotten Reality Superstar, Scratching Shed Publishing Ltd., 2018, ISBN 978-0-9955861-4-7, S. 13. Ihr erklärtes Ziel war die Ehe mit einem Angehörigen der britischen Oberschicht. Ihr Vorbild war insoweit die US-Amerikanerin Peggy Hopkins Joyce,Tim Hogarth: The Dazzling Lady Docker: Britain’s Forgotten Reality Superstar, Scratching Shed Publishing Ltd., 2018, ISBN 978-0-9955861-4-7, S. 41. die durch sechs Ehen mit wohlhabenden Geschäftsleuten und anschließenden Scheidungen selbst zur Millionärin geworden war.Constance Rosenblum: Gold Digger: The Outrageous Life and Times of Peggy Hopkins Joyce. Henry Holt & Company, 2000, ISBN 0-8050-5089-2.
Kontakte über die Standesgrenzen hinweg ermöglichten in jener Zeit unter anderem die Londoner Nachtclubs, die für ihre männlichen Gäste eine Reihe von Tänzerinnen fest angestellt hatten. Von 1926 bis 1932 war Norah Turner Tänzerin und Hostess im Café de Paris im West End, der zu den exklusivsten Clubs der Stadt gehörte. Um diese Anstellung zu erhalten, ließ sie sich von dem renommierten Tänzer Santos Casani ausbilden.Zu Santos Casani s. James Nott: Going to the Palais: A Social And Cultural History of Dancing and Dance Halls in Britain, 1918-1960, OUP Oxford, 2015, ISBN 978-0-19-166272-0, S. 101. Casani hielt sie für außerordentlich talentiert und verglich sie mit der Profitänzerin Irene Castle.Tim Hogarth: The Dazzling Lady Docker: Britain’s Forgotten Reality Superstar, Scratching Shed Publishing Ltd., 2018, ISBN 978-0-9955861-4-7, S. 16. Im Café de Paris war sie unter anderem Kollegin der späteren Schauspielerin Merle Oberon.Cathy Hartley: A Historical Dictionary of British Women, Routledge, 2013, ISBN 978-1-135-35534-0.Charlotte Breese: Hutch, A&C Black, 2012, ISBN 978-1-4088-3113-7. Nach kurzer Zeit konnte Norah Turner 1 £ für jeden Tanz verlangen, mehr als jede andere Tänzerin des Café de Paris. Ihre wöchentlichen Einnahmen lagen in Spitzenzeiten bei 100 £, was 2018 einem Wert von 8.000 £ (fast 9.000 €) entsprach.Tim Hogarth: The Dazzling Lady Docker: Britain’s Forgotten Reality Superstar, Scratching Shed Publishing Ltd., 2018, ISBN 978-0-9955861-4-7, S. 44. Ihre Tanzpartner waren in erster Linie ältere Herren; Kontakte zu jungen Angehörigen der Aristokratie waren selten. Sie selbst führte das darauf zurück, dass ihre Schönheit „nicht makellos“ gewesen sei.Tim Hogarth: The Dazzling Lady Docker: Britain’s Forgotten Reality Superstar, Scratching Shed Publishing Ltd., 2018, ISBN 978-0-9955861-4-7, S. 44. Ob die gesellschaftlichen Kontakte im Club anschließend auch zu bezahlten sexuellen Beziehungen zu den Gästen führten, ist unklar. Sie bestritt das in ihrer 1969 erschienenen Autobiografie; spätere Biografen hielten das Gegenteil allerdings für „lebensnah“.Tim Hogarth: The Dazzling Lady Docker: Britain’s Forgotten Reality Superstar, Scratching Shed Publishing Ltd., 2018, ISBN 978-0-9955861-4-7, S. 43.
Norah Turner unterbrach ihre Tätigkeit im Café de Paris von 1932 bis 1934. Diese Jahre verbrachte sie zusammen mit ihrer Mutter in Armut in den nordenglischen Provinzstädten Southport und Birmingham.Norah Docker: Norah: the autobiography of Lady Docker, W. H. Allen, 1969, S. 10. Die Gründe für die Unterbrechung, die teilweise als Flucht aus London gedeutet werden, und für den Umstand, dass sie keine finanziellen Rücklagen aus der Londoner Zeit zur Verfügung hatte, sind ungeklärt. Norah Turner behauptete in ihrer Autobiografie, der Inhaber des Café de Paris hätte den Betrieb eingestellt; das ist jedoch nachweislich unrichtig. Es gibt Spekulationen über eine ungewollte, abgebrochene Schwangerschaft oder einen gesellschaftlichen Skandal.Tim Hogarth: The Dazzling Lady Docker: Britain’s Forgotten Reality Superstar, Scratching Shed Publishing Ltd., 2018, ISBN 978-0-9955861-4-7, S. 47–50. In die Zeit in Birmingham fällt auch die Verlobung mit einem unvermögenden Franzosen, den sie als die Liebe ihres Lebens bezeichnete; die Verbindung scheiterte allerdings am Widerstand seiner Mutter.
1934 kehrte sie nach London zurück, wo sie zunächst übergangsweise im Savoy Hotel Arbeit fand und nach kurzer Zeit ihre Stellung als Hostess im Café de Paris wieder einnahm. Zu ihren bevorzugten Gästen gehörten weiterhin Männer, die weit älter waren als sie, unter ihnen der Oberste Richter Cecil Whiteley, der ihr ein Hotel im südenglischen Kurort Royal Tunbridge Wells zum Geschenk machte,Tim Hogarth: The Dazzling Lady Docker: Britain’s Forgotten Reality Superstar, Scratching Shed Publishing Ltd., 2018, ISBN 978-0-9955861-4-7, S. 65.Das Royal Mount Ephraim Hotel (heute: Royal Wells Hotel) in Royal Tunbridge Wells wurde 1766 errichtet. Norah Turner übernahm das Haus in der zweiten Hälfte der 1930er-Jahre und versuchte zusammen mit ihrer Mutter, daraus ein Hotel der Spitzenklasse zu machen. Dazu gehörten auch Bemühungen, Gesellschaften im Stil der Londoner Society zu organisieren, die allerdings in der südenglischen Provinz keinen Anklang fanden. In kurzer Zeit erwirtschaftete das Hotel hohe Verluste, und mehrfach mussten Turners Bekanntschaften aus dem Londoner Café de Paris finanziell aushelfen. Nach weniger als zwei Jahren war der Betrieb zahlungsunfähig; das Haus musste versteigert werden. S. Tim Hogarth: The Dazzling Lady Docker: Britain’s Forgotten Reality Superstar, Scratching Shed Publishing Ltd., 2018, ISBN 978-0-9955861-4-7 sowie der 9. Duke of Marlborough.
Norah Callingham 1937 ging Norah Turner eine Beziehung mit dem 15 Jahre älteren, streng gläubigen Clement Callingham ein, dem wohlhabenden Inhaber des jahrhundertealten Weinhandelshauses Henekeys. Das Paar lebte in der Nähe von Maidenhead im weiteren Umfeld Londons, wo Callingham ein Landhaus für sie gekauft hatte. Zu Beginn der Beziehung war Callingham noch verheiratet. In dieser Zeit wurde Norah Turner zweimal von ihm schwanger; beide Schwangerschaften brach sie auf seine Veranlassung hin ab, weil für ihn ein außerehelich geborenes Kind nicht vorstellbar war. Nach der Scheidung 1938 heirateten sie und Callingham. 1938 kam ihr gemeinsamer Sohn Lance zur Welt, den Norah Callingham nach Lance Reventlow benannte, dem Sohn der von ihr bewunderten, wenn auch persönlich unbekannten Millionenerbin Barbara Hutton. Einige Quellen berichten außerdem über die Geburt einer Tochter mit dem Namen Felicity, die 1944 im Alter von neun Monaten gestorben sei.Richard Townsend: Docker’s Daimlers. Daimler and Lanchester Cars 1945 to 19606, Amberley Publishing, Stroud, 2017, ISBN 978 1 4456 6316 6, S. 13.Keine Hinweise dazu allerdings in der detaillierten, 2018 erschienenen Norah-Docker-Biografie von Tim Hogarth (The Dazzling Lady Docker: Britain’s Forgotten Reality Superstar, Scratching Shed Publishing Ltd., 2018, ISBN 978-0-9955861-4-7). Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs diente Norah Callingham in einer Freiwilligeneinheit der Britischen Armee, im weiteren Kriegsverlauf zog sie aber mit ihrer Familie nach Wales. Clement Callingham entwickelte im letzten Kriegsjahr eine Depression und starb im Juli 1945 an den Folgen einer Thrombose. Callingham hinterließ ihr ein Vermögen in Höhe von 175.000 £, was 2018 etwa einem Wert von 5 Mio £ entsprach.
Lady Norah Collins mini|Fortnum & Mason: Luxuskaufhaus in Picadilly